Die Generation Handy verschont mich nicht

Heute bleibt das Handy kalt... (Foto: Bernd Berke)

Heute bleibt das Handy kalt… (Foto: Bernd Berke)

Ja, ich weiß, das ist nicht richtig was Neues, das ist längst richtiger Alltag: Aber heute fiel es mir nicht nur besonders auf, sondern auch gehörig auf die Nerven. Das öffentliche Dauertelefonieren, die allerörtliche Erreichbarkeit und das hemmungslos vorgetragene Mitteilungbedürfnis via Handy. Ätzend!

Beginnen wir mit einer Klarstellung: Ich habe selbst ein Handy, ich weiß selbst, dass „Handy“ total falsch ist, weil Handy klein geschrieben wird, handlich bedeutet und damit eigentlich ein mobile phone oder auch cellular oder cell phone gemeint ist. Ich leiste mir auch gern ein High End-Gerät (Google Nexus 5, 32 Gigabyte). Und ich nutze mein Handy (bleiben wir beim falschen Ausdruck, weil den schließlich jeder versteht) exzessiv. Ich weiß eigentlich nicht mehr, warum ich noch einen Festnetzanschluss habe, dessen Nummer ich völlig vergessen habe.

Damit glaube ich hinreichend dargestellt zu haben, dass ich weder Fortschrittsungläubiger noch ein heimlicher Maschinenstürmer bin oder gar an fortgeschrittener Rückständigkeit leide. Nee!

Aber als ich heute hinaus in den heiteren Herbsttag schritt, meinen grünen Rucksack (Vaude – bin auch da markentreu) festzurrte und für einige Besorgungen Richtung Innenstadt eilte, da begann es schon nach 100 Metern. Eine junge Frau schob ihren Kinderwagen vor sich her und parlierte in einem sympathischen multikulturell-deutschem Wortgemisch mit wem auch immer. Ihre Kommunikation begleitete mich bis zu einer Ampelkreuzung, wo sie nach rechts abbog – und weiter plauderte. Ich hörte sie noch während meiner Wartezeit (bis es grün leuchtete) durch den Verkehrslärm.

Kaum in den Räumen des Discounters, der selbstgefällig behauptet, dass er sich lohne, höre ich das aufgeregte Plappern einer jungen Dame, die sich vermutlich mit einer anderen jungen Dame darüber austauscht, was am Abend zuvor geschehen sei, wie es wohl weiter gehen könnte und was sich am Arbeitsplatz so zugetragen habe. Meine Versuche scheiterten hilflos, den Durchzugsmodus in der Eustachi’schen Röhre (auch Ohrtrompete) anzuwerfen.

Unser Einkaufsweg war anscheinend identisch, in der Kassenschlange begeisterte sie die nähere Umgebung weiter mit ihrer ausgelassenen Unterhaltung, und erst als die Bezahlprozedur beidhändigen Einsatz beim Einpacken und Geldzählen erforderte, wurde das Gespräch unterbrochen. Als ich auch meine Einkäufe artig bezahlt hatte und nach draußen schritt, stand die junge Dame wieder da und unterhielt sich. Zu meinem Entzücken vis à vis, mit einer Bekannten.

Weiter rollte ich mit einer gleichnamigen Treppe aufs Parterre, um durch eine kleine Halle den Weg ins Stadtzentrum zu nehmen. Da wähnte ich mich von einen Unbekannten von hinten angesprochen… Nein, ich war nicht gemeint. Der Fremde sprach mit, ja, mit wem wohl? Er presste, während er mich hurtigen Hufes überholte, fast als fürchte er, dass mitgehört werden könnte, sein Handy ans Ohr und rief schallend seine Beiträge zur fernübermittelten Kommunikation ins Gerät, als müsse er die Kilometer Entfernung zum anderen Teilnehmer ohne elektronische Hilfe überbrücken.

Kaum hatte ich mich von diesem leisen Schrecken erholt, da keimte in mir das Mitleid – ich bin halt schnell mal gerührt. Ein junger Mensch schien mir doch arg einsam. Er trabte mir entgegen, den Kopf gesenkt, Hoody darüber gezogen. Und erzählte sich selbst irgendetwas in sich hinein. Ach, nee. Kaum war er mit mir auf selber Höhe, da erkannte ich, dass sein Handy nicht ans Ohr gehalten wurde, sondern er kabelverbunden war und ein wenig atemarm seine Silben in ein Mikro hustete, während der Ohrstöpsel die Laute des Gesprächspartners übermittelte.

Dann aber schon wieder das gewohnte Bild mit den gewohnten Geräuschen: Heerscharen von Menschen jeden Alters, jeder Herkunft, jeden betuchten Portemonnaies oder jeder betuchten Konfession marschierten entweder schneller als ich oder trollten sich mir entgegen und waren versunken im Palaver eines Daueraustauschs von Alltäglichkeiten.

„Du, und die Mutter kommt auch“, schnappe ich wehrlos auf. „Er kann sich ja benehmen wie er will, aber nicht mit mir!“ macht da jemand im Vorübergehen eine Kante klar. „Hast du gesehen, hast du die gesehen?“ oh Gott, schaue ich verwirrt umher, wo denn nur. „Das werde ich jetzt aber schnell verkaufen.“ Wurde ich etwa unfreiwilliger Ohrenzeuge einer wichtigen, einträglichen Transaktion?

Ich hockte mich verzagend in eine Außengastronomie, um kurz Ruhe zu finden, bei einem Eis. Sonne schien ja und trocken war’s. Ich hatte längst aufgehört wahrzunehmen, wie viele Menschen wie laut an mir vorüber zogen, um Büro, Haushalt, Freundeskreis und mehr plaudernd auf die Straße zu tragen. Auch die Wartezeit auf den überfüllten Bus verstrich nicht, ohne dass mir unfreiwillig alle möglichen Familiengeschichten oder was auch immer um die Ohre flogen. Ich verstand zwar kein Wort, weil die Muttersprache mir fremd war und ohne eingestreutes deutsches Vokabular auskam. Aber das war auch gut so.

Auf den letzten Metern bis daheim ereilte mich schon wieder ein angeregtes Gespräch in meinem Rücken. Kaum seufzte ich stumm meine Missachtung der ungezügelten Freiluft-Fernkommunikation in mich hinein, da marschierten zwei Schüler an mir vorbei. Ja, die unterhielten sich wirklich miteinander, von Angesicht zu Angesicht. Und sie beschwerten sich energisch über jemanden, der wohl ihr Lehrer war.

Sie sahen nicht mehr, wie ich vergnügt grinsend die Haustüre aufschloss. Es gibt sie also noch, die Kommunikation ohne Handy.

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3 Kommentare zu Die Generation Handy verschont mich nicht

  1. Rudi Bernhardt sagt:

    Thomas, war’s die Schwiegertochter gesucht-like Alliteration?

  2. Pingback: Was vom Monat übrig blieb: Das war der Oktober » Revierpassagen

  3. scherl sagt:

    das hat sich allein schon wegen dem satz »als ich heute hinaus in den heiteren Herbsttag schritt« gelohnt zu lesen.

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