Die vertraute Markenwelt

Es mag ja betrüblich zu sagen sein, doch ist es wahr: Unter allen Dingen und Verhältnissen, die uns Weltvertrauen einflößen, sind nicht zuletzt die seit Kindheit vertrauten Marken. Ziemlich klar, woran es liegt: Unser Weltausschnitt ist vorwiegend eine Markenwelt.

Einige Beispiele, ohne jeden Schleichwerbe-Effekt, abseits jeder Qualitätsvermutung, streng alphabetisch: Bosch, Hansaplast, Haribo, Langnese, Märklin, Miele, Nivea, Opel, Osram, Persil, Philips, Pril, Rama, Ritter Sport, Tempo, Tesafilm, Volkswagen. Und viele andere, je nach Generation wechselnd. Für manche beginnt die Erinnerung mit Nogger oder Nutella. Kaufartikel halten längst für die Benennung ganzer Altersgruppen her, siehe „Generation Golf“ etc. etc. Ich kaufe das, also bin ich. Ich stilisiere mein Leben mit Waren, also gelte ich.

Schon wenn man erfährt, dass sich hinter den gewohnten Namen neue (meist globale) Besitz- und Produktionsverhältnisse verbergen, fühlt man sich ein wenig verunsichert. Erst recht wird einem mulmig zumute, wenn solche Namen gänzlich getilgt werden. AEG, Borgward, Eduscho, Grundig, Nordmende, Simca, Telefunken, neuerdings Saab. Selbst um die dürftigen Ost-Labels von Trabant bis Rotkäppchen wird seit Jahren nostalgischer Kult getrieben. Oder mal aus Dortmunder Nahsicht betrachtet: Hoesch als „Name für Stahl“ (früherer Slogan) und etliche Biermarken gehören einer immer mehr entgleitenden Vergangenheit an.

Hin und wieder tauchen alte Namen wieder auf, doch meist handelt es sich um billigen Etikettenschwindel. Mit Markenrechten soll altbewährtes Vertrauenskapital umgemünzt werden. Pah! Auch ihr dreht die Zeit nicht um.

Und wie schnell der Schwund, dieser Wandelfraß sich ausbreitet! Man schaue sich nur Filme aus den 1970er oder 1980er Jahren an. Wie anders wirken da Kleidung und Straßen. Ja, die gesamte Farbpalette sieht fremdartig aus; ganz zu schweigen vom Takt der Wahrnehmung, der sich im Filmschnitt zeigt.

Zurück zu den Marken. Bereits im nahen Ausland verschieben sich Koordinaten des Konsums. Trotz regen internationalen Handels ist diese und jene Marke schon in geringer Entfernung nicht mehr vertreten, dafür tauchen andere auf, die einem zunächst oder auf Dauer nicht geheuer sind. Es sei denn, man wäre ein Anbeter des Immer-wieder-Neuen, des Täglich-Anderen. Allmählich scheint es ja zu gelingen, diesen kapitalistisch dringlichst erwünschten Menschentypus zu züchten. Dass dieser Typus wiederum weltweit das Vorhandensein gewisser Leitmarken verlangt, gehört zum Kraftfeld, das keineswegs widerspruchsfrei ist.

Die Beharrenden aber ahnen: Fortwährender Markenschwund ist ein Zeichen der Vergänglichkeit und ragt bis ins Existenzielle, kündigt also Stück für Stück das Sterben an.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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8 Kommentare zu Die vertraute Markenwelt

  1. Michaela sagt:

    Allein der Fakt, dass man den Papst laut Protokoll mit „Euer Heiligkeit“ anreden müsste, begegnete man ihm etwa im CentrO oder auf dem Wochenmarkt oder wo auch immer, lässt mich doch stark bezweifeln, dass er mit dem Konzept „Vergänglichkeit“ in irgendeiner Weise vertraut ist.

  2. Michaela sagt:

    Wissen tun wir ’s doch hinlänglich:
    Alles, alles ist vergänglich.
    Aber, Mensch, da machste nix!
    Und aus Raider wurde Twix.

  3. Bernd Berke sagt:

    Naja, zum Papstbesuch darf es doch mal ein wenig Vergänglichkeit sein.

  4. Michaela sagt:

    Vielleicht müsste ich noch erklären, was die laufende Laus mit dem Lebenssaft zu schaffen hat. Es ist nämlich so: Nähret die Laus im Bauch, um ihr schieres Dasein ringend, sich vom Lebenssafte eines Menschen, so ergrimmt dieser ungemein, oder aber er wird depressiv. In beiden Fällen neigt er zu trübsinnigen Äußerungen wie: „Fortwährender Markenschwund ist ein Zeichen der Vergänglichkeit und ragt bis ins Existenzielle, kündigt also Stück für Stück das Sterben an.“

    Woher nun dieser dein Grimm? Oder ist ’s Depression? Oder gar – Wehmut?

  5. Bernd Berke sagt:

    Keinesfalls trinke ich zuviel Wasser. Diese Vermutung muss ich aufs Schärfste zurückweisen. Ansonsten aber war ich versucht, Deinen Kommentar kurzerhand zum Beitrag umzuwandeln.

  6. Michaela sagt:

    Nun, die Leber ist doch der Sitz der Lebenssäfte usw., und ein Elephant könnte sich nur schwerlich in deinem Leibesinneren aufhalten, wohingegen, wie schon meine Mutter mich (und die deine dich sicher auch) lehrte, dass man vom Wassertrinken Läuse im Bauch kriegt, was außerdem den Schluss nahelegt, dass du zuviel Wasser trinkst. Und zu guter Letzt: weißt du denn nicht, dass Läuse nicht fliegen, höchstens (s. o.) schwimmen, im Allgemeinen aber laufen?

  7. Bernd Berke sagt:

    Wieso Laus? Wieso Leber? Wieso gelaufen?

  8. Michaela sagt:

    Herrje, Bernd, welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?

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