Festival als Fetisch – Versuch über das Scheitern regionaler Literaturpolitik am Beispiel der Kölner lit.RUHR

Von 2017 bis 2019 leisten sich fünf Ruhr-Stiftungen für eine halbe Million Euro jährlich den Aufbau einer Außenstelle der lit.COLOGNE. Mit dieser Filialisierung verpasst die selbsternannte Metropole Ruhr erneut die Chance zu zeigen, was sie aus eigenen Kräften zu leisten imstande wäre. Statt eigensinnige Ansätze der Literaturförderung zu wagen und aus dem sich totlaufenden Event- und Kampagnenkarussell auszusteigen, wird Kölner Literatrubel dreist kopiert. Darin könnte auch eine Chance für selbstbewusste Literaturprojekte abseits des Rummels liegen.

Programmveröffentlichung bei der lit.RUHR.
(v. r. n. l.): Rainer Osnowski (Festivalleiter lit.RUHR), Jolanta Nölle (Vorstandsmitglied Stiftung Zollverein), Traudl Bünger (Künstlerische Leiterin lit.RUHR), Daniela Berglehn (Pressesprecherin der innogy Stiftung), Eva Schuderer (Programm lit.RUHR), Bettina Böttinger (Moderatorin), Thomas Kempf (Vorstandsmitglied der Krupp-Stiftung), Tobias Bock (Programm lit.RUHR)
Foto: © Heike Kandalowski, lit.RUHR

Viel zu lange haben es sowohl Kulturpolitik als auch Unternehmen und Stiftungen längs der Ruhr versäumt, Literaturförderung beherzt so zu unterstützen, dass sich mehr gute Ideen bis zur Projekt- oder Bühnenreife hätten entwickeln lassen.

An Konzepten wie dem zum Europäischen Literaturhaus Ruhr, zum Literaturnetz Ruhr, zur Stadtschreiber-Residenz oder zur Fortführung des Schulschreiber-Modellversuches herrschte kein Mangel. Viele klopften damit als bittstellende Buch- und Bettelmönche an die Türen der Internationalen Bauausstellung Emscherpark, der Kulturhauptstadt-Macher, der RAG-Stiftung oder des Regionalverbandes Ruhr.

Konzepte leichthin abkupfern

Doch hiesige Geldgeber scheinen guten Ideen, die aus der Region kommen, abgrundtief zu misstrauen. Sie fürchten schlicht jenes dräuende Mittelmaß, das ihnen aus der eigenen Arbeit so wohl vertraut ist. Niemand wollte Interesse daran bekunden, behutsam Qualität aufzubauen, konnte man doch leichthin Kulturtourismus-Konzepte anderswo abkupfern – zuletzt ging es so zum Shoppen auf nach Köln.

Mit dem Ankauf des hochglänzenden lit.COLOGNE-Ablegers lit.RUHR – so hoffte wohl eine dezent agierende „Elite“ – bekäme man über den Hintereingang doch noch Zutritt ins austauschbare Event- und Marketingbusiness großer Vorbild-Metropolen wie Berlin, London, New York. Dass angesichts solch öden Kopisten-Coups wirklich schöpferischer und inspirierender Austausch im öffentlichen Leben des Ruhrgebiets nicht vermisst wird, zeigt bereits, wie ruiniert jede Debattenkultur hierzulande ist.

(Ach, Ruhrgebiet, du sick apple. Gestern Abend ging ich durch Essens Kettwiger Straße und dachte: Wer es hier nicht schafft, schafft es nirgendwo. Bin ich wirklich der Einzige ohne Bierflasche in der Hand?)

Simulation statt Stimulation

Um Missverständnissen vorzubeugen: Über die lit.RUHR und deren Glamour-Mäntelchen ist zu sprechen. Infrage steht aber ebenso eine ideenlose Literaturpolitik, die lebendiges literarisches Leben weder gestalten kann noch fördern will. Statt genau dieses Leben zu stimulieren, wird es immer nur simuliert.

Infrage steht die Arroganz reicher Ruhr-Stiftungen, die besser zu wissen wähnen, was das literaturinteressierte Publikum wünscht. Infrage steht ihre als „gut gemeint“ deklarierte, aber schlecht gemachte Modernisierung von oben, vom grünen Sponsor-Tisch aus. Infrage steht mit diesen Stiftungen und deren Vorständen, Kuratorien, Juristen aus Wirtschaft und Politik eine eitle Literaturförderung nach Gutsherrenart, die sich qua Kultur vor allem dem Standortkonkurrenz-Denken und der Politikrepräsentation verpflichtet fühlt (zu dieser Mentalität s. auch FAZ).

Pressekonferenz lit.RUHR
Foto: © Heike Kandalowski, lit.RUHR

Mit beschränkter Haftung

Zurück zunächst aber zur geschäftstüchtigen lit.COLOGNE-GmbH (und dem ihr eng verbundenen gemeinnützigen lit e.V.). Hochprofessionell hat man in Köln Denkfaulheit und Geltungssucht an der Ruhr genutzt, um einen Marken-Klon namens lit.RUHR zu platzieren und sich dabei exorbitant subventionieren zu lassen. Allerdings darf man dies Verein und GmbH nicht ernsthaft vorwerfen.

Die lit.COLOGNE hat so eine zweite Abspielstätte gefunden, hat allen Fensterreden zum Trotz aber über die Eigenart des Ruhrgebiets bisher nicht wirklich nachgedacht. Schade, dass mit der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, der Brost-Stiftung, der RAG-Stiftung, der innogy Stiftung sowie der Stiftung Mercator gleich fünf Stiftungen der Versuchung nicht widerstanden, an der lit.COLOGNE anzudocken.

Sehr gekonnt gepanschter Wein in gebrauchtem Schlauch

Kaum etwas an der lit.RUHR überrascht, die meisten Schauspieler, Moderatoren, Musiker und – nicht zu vergessen – Autoren waren längst zu Gast an der Ruhr. Zugegeben, Literaturveranstalter kochen überall nur mit Wasser und selbstverständlich werden auch der lit.RUHR gute Abende gelingen.
Schließlich hat er Hochkonjunktur, dieser im deutschen Sprachraum sich überbietende Eventzirkus: vom ‚internationalen literaturfestival berlin‘ über ‚Harbour Front‘ in Hamburg und „Leipzig liest“/“Zürich liest“ bis hin zur Frankfurter Buchmesse, zum Erlanger Poetenfest oder all den Crime-Festivals landauf landab. Viele dieser Festivals sind zum Erfolg verdammt, auch ökonomisch. Und wo Erfolg sich nicht einstellen will, redet man ihn über PR-Arbeit herbei.

Heinz Strunk: Kommt zur lit.Ruhr und war letztes Jahr Gast der Reihe"ausgebootet" im Katakombentheater Essen; Copyright-Foto: Jörg Briese

Heinz Strunk: Kommt zur lit.Ruhr und war letztes Jahr Gast der Reihe“ausgebootet“ im Katakombentheater Essen; Copyright-Foto: Jörg Briese

Gut aufgestellt? Schlecht nachgestellt!

Angesichts dieser Festivalitis und Überfülle nähme die lit.RUHR den Mund allerdings sehr voll, wenn sie irgendein „Alleinstellungsmerkmal“ auch nur ansatzweise behaupten wollte. Beileibe nicht nur die IKIBU Duisburg, die Internationale Kinderbuchausstellung, stellt seit Jahrzehnten Kinder- wie Jugendbuchautoren aus aller Welt vor und kämpfte immer mal wieder ums Überleben. Auch Jugendstil, das Dortmunder Kinder-und Jugendliteraturzentrum NRW, unterstützt vehement das Engagement für „kreative Literaturvermittlung und Leseförderung“.

Nun also liest auch die lit.kid.RUHR den Jüngeren was vor, das ist sehr lieb, aber beileibe nichts Unerhörtes, zumal trotz Förderung durch die Brost-Stiftung nicht einmal dies kostenlos zu sein scheint. Und in Gelsenkirchen durfte eine Jungautoren-WG aus Studenten des Literaturinstituts Leipzig sogar fünf Wochen lang das Ruhrgebiet erkunden und beschreiben. Schön für die Transitreisenden, doch auch nur wunderbar kalter Kaffee. Die Katholische Akademie in Mülheim hat so etwas unter dem Projekttitel „Metropolenpilger“ bewerkstelligt – und auch sie war damit nicht die Erste oder Einzige.

"Morgenstund hat Gift im Mund" -Sophie Rois las auf Einladung des Literaturbüros im Ringlokschuppen gallige Texte Dorothy Parkers; Fotot: © Jörg Briese

„Morgenstund hat Gift im Mund“: Sophie Rois las auf Einladung des Literaturbüros im Ringlokschuppen gallige Texte Dorothy Parkers; Foto: © Jörg Briese

Permanente Revolution

Ende August 2017 gingen die lit.COLOGNE SPEZIAL und die lit.RUHR gleich mit zwei zum Verwechseln ähnlichen Pressemitteilungen/Programmvorstellungen in Köln und Essen ins Festival-Windhundrennen. Wer es vom 3. bis zum 15. Oktober 2017 nicht schaffen sollte, Zadie Smith, Donna Leon, Sven Regener, Ulla Hahn oder Uwe Timm in Köln zu erleben, kann sie vom 4. bis 8. Oktober im Ruhrgebiet sehen und hören. Nicht nur jene Fans wird das freuen, die an der Ruhr bereits bei einem der vielen Auftritte dieser Autoren dabei waren.

Allein Zadie Smith war im Revier nie zu Gast, jeder aber kennt Donna Leon, die einst sogar in der Stadtbücherei Gladbeck las, später trat sie mehrmals bei „Mord am Hellweg“ auf. Auch Robert Menasse kommt zur lit.RUHR. Bei seinen drei Auftritten für das Literaturbüro Ruhr war er immer ein sehr kluger, liebenswerter Gast; etwa als er seinen Essayband „Permanente Revolution der Begriffe“ im Essener Grillo-Theater vorstellte.

Anteasern und wiederkäuen

Apropos Revolution in Permanenz: In der Tat wenig Lust auf die lit.RUHR macht einer der Video-‚Teaser‘ auf Youtube. Mariele Millowitsch nuschelt da vor Kölner Lärmkulisse so über die lit.RUHR hinweg, als ob diese längst gelaufen wäre. Sprachlich ergiebiger dürfte dagegen die Eröffnungsgala der lit.RUHR werden. Neben Iris Berben, Christoph Maria Herbst, Bettina Böttinger, Max Mutzke sind sogar zwei Literaten zu hören, einer davon Wladimir Kaminer, auch ihn kennen viele von seinen Lesungen im Ruhrgebiet.

Die Eintrittspreise für einen Platz bei der Eröffnungsgala liegen zwischen 24 und 56 Euro. Nicht auszudenken, wie hoch sie lägen, wenn nicht fünf Ruhrstiftungen die lit.RUHR mit 500.000 Euro gesponsert hätten. Wofür gibt man diese Summe plus der Einnahmen durchs Ticketing wohl aus? Die Honorarkosten des diesjährigen Programms scheinen eine solch hohe Summe kaum herzugeben, zumal durch Mehrfachauftritte in Köln und an der Ruhr sowie die Sponsoren einiges an Fahrt-und Hotelkosten eingespart werden dürfte. Doch sicher werden viele Tausender auch in die Werbung und die Infrastruktur gehen müssen, um im Ruhrgebiet einen Hype um die lit.RUHR erstmals zu entfachen.

Ziemlich versteckt: Landschaftspark Duisburg-Nord, das 2010-Publikum der Grass-Lesung des Literaturbüros Ruhr. Foto: © Jörg Briese

Schelte und Ignoranz

Dabei sollte mit der lit.RUHR alles ganz anders werden. Wie meinte in der WAZ Essen die „Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Stiftung Zollverein und seit langem ein Fan der lit.Cologne“, wie also sprach Dr. Anne Rauhut, die die spannende Vielfalt der Lesungen und Literaturgespräche vor Ort nicht zu kennen scheint und also die lit.COLOGNE ins Revier lockte: Vieles sei „zu versteckt und relativ weit weg von den Menschen“, findet Rauhut.

Ein Lesefest wie die lit.RUHR, so Rauhut weiter, sei eine „gute Mischung aus Anspruch und Unterhaltung“, eine große Bühne, auf der Fußball und Musik genauso Platz haben wie Tolstoi und Tucholsky. ‚Man muss die Hemmschwellen niedriger legen‘, meint Rauhut.“ Gratulation, Letzteres scheint nun gelungen. Fehlen auf der Bühne eigentlich nur noch Carmen Nebel und ein Pony. Aber wer weiß?

Fehlgriff Stadtschreiber Ruhr, Glücksgriff Gila Lustiger

Nun aber wirklich Schluss mit der Kritik an der lit.RUHR, ihrem Marketing-Sprech, ihrem rasenden Event-Stillstand. All das hat die Ruhr-Stiftungen nicht davon abgehalten, die lit.COLOGNE auch noch zu Beratern des frisch installierten Stadtschreiber Ruhr-Projekts zu machen. Die gute Nachricht war: Gila Lustiger wird erste Stadtschreiberin Ruhr; die schlechte: Die Kölner „lit.Cologne berät“ – so die WAZ – beim Stadtschreiber-Projekt die Essener Brost-Stiftung.

Jens Dirksen, Kultur-Chef der WAZ, war in seinem Print-Artikel so freundlich zu erwähnen, dass das Literaturbüro und die Literarische Gesellschaft Ruhr seit Jahren eine Stadtschreiber-Residenz fordern. Niemand hat allerdings hingehört. Nun machen Brostens dabei erneut diskret-gemeinsame Sache mit der lit.COLOGNE.

Bodo Hombach formulierte erläuternd: „Im Ruhrgebiet ist eine reiche menschliche, kulturelle und historische Schatzsuche möglich.“ Was mag das sein, eine ‚menschliche Schatzsuche‘? Das Gegenteil einer ‚unmenschlichen Schatzsuche‘? Hombach möchte wahrscheinlich sagen, dass es auch an der Ruhr großartige Menschen zu entdecken gäbe, wenn man denn hinsähe. Da hat er allerdings recht.

„Wir müssen draußen bleiben“

Doch auch beim Stadtschreiber-Projekt hat man davon abgesehen, Autoren, Kritiker, Literaturwissenschaftler oder Literaturveranstalter aus der Region einzubeziehen. Wiederum borgt man sich das, was man für Kompetenz hält, aus der karnevalesk schillernden Ruhrmetropole Köln (die so gerne wie Berlin wäre).

Von Balance und dem rechten Maß kann nirgendwo mehr die Rede sein: hier der Tribut der Stiftungen für die lit.COLOGNE, dort die Missachtung der Literaturförderer vor Ort. Sprach nicht der Philosoph Odo Marquard einst von Inkompetenzkompensationskompetenz?

„Mehr Licht“ forderte völlig vergeblich Günter Grass bei seinen 2010er-Lesungen fürs Literaturbüro Ruhr in Bochum und Duisburg.

Kampagne – von „campagne“: „Feldzug“

Konfuse Kulturpolitik im Ruhrgebiet hat ohne Not kapituliert, sich selbst entmündigt und große Teile konzeptioneller Eigenständigkeit aus der Hand gegeben. Obszön ist das, im ursprünglichen Sinn des Wortes, beschämend für alle Beteiligten.

Woher kommt sie, diese Dominanz des Herumprotzens mit dem Fetisch ‚Festival‘, mit dem Irrglauben an dessen zwingenden Erfolg und überragende Außenwirkung? Als ob es im Ruhrgebiet nicht bereits ernüchternde Erfahrungen mit Kampagnenpolitik, deren bösen Folgen oder deren Verpuffen gegeben hätte. Überfällig, dies endlich zu evaluieren; nur bitte nicht weiter von jenen, die solche Kampagnen selbst inszeniert haben.

Statt Literatur zu lesen, darüber in Muße nachzudenken und sich in Gesprächen öffentlich auszutauschen, werden mit der Festivalisierung der Stadtpolitik Kunst und Kultur weiterhin vor den Karren von Marketing und Politik gespannt. Dabei vernachlässigt man gern auch die äußerst unterschiedlichen strukturellen Rahmenbedingungen Kölns und des Ruhrgebiets.

Das Ruhrgebiet ist Flächen- und Splitterstadt, es fehlt an großen Sendern, Verlagen, es fehlt trotz guter Journalisten an einem international ausstrahlenden Feuilleton und all jenen Medienmenschen, Kritikern, Autoren, die in Köln dafür sorgen, dass die lit.COLOGNE mediale Schaufenster ins Bundesweite hat. Immerhin: Für die lit.RUHR hat man wichtige  ‚Medienpartner‘ wie WDR und Funke-Medien gewonnen, dies dürfte zumindest garantieren, dass unabhängige Eventkritik nicht stattfindet.

2014: US-Autor Stewart O’Nan als Gast von lit….. äh… des Literaturbüros Ruhr; Foto: © Jörg Briese

Ruhrgebiets-Bashing

Wobei neben der Eventkritik auch Diskursanalyse bitter nötig wäre. Michel Foucault hatte einst über sie nachgedacht, jene unausgesprochenen Regeln, die beeinflussen, was wie wann von wem zur Sprache gebracht werden kann und was nicht. Vielleicht ließe sich so erklären, warum Rainer Osnowski von der lit.COLOGNE im Rahmen seiner Vorankündigungsrhetorik in der Kölnischen Rundschau verlauten ließ: „Im Ballungsraum Ruhrgebiet mit rund fünfeinhalb Millionen Einwohnern sollen „erstmals Autoren auftauchen, die daran bislang vorbeigegangen sind“. Das interessiere auch jene Verlage, „für die das Ruhrgebiet bislang noch Diaspora ist‘.“

Wer austeilt, sollte auch einstecken können: Alles, was man im Leben braucht, sind Ignoranz und Selbstvertrauen, heißt es bei Mark Twain – und davon hat Osnowski anscheinend reichlich. Bös missglückte ihm aus enger Kölner Perspektive die Werbung für die lit.RUHR gleich zu Beginn. Um die lit.RUHR aufzuwerten, griff er zur Entwertung des literarischen Lebens an der Ruhr.

Mit osnowskischer Geringschätzung und Erlöserpose treten Missionare auf, nicht aber Förderer der Literatur, die doch Kenner und Könner der Sprache sein sollten. Zwischen Duisburg und Dortmund würde man noch mehr Osmose durch internationalen Austausch der Künste und Künstler durchaus begrüßen, auf die lit.RUHR aber und Großformate ohne Format könnte man gut und gern verzichten.

Keine Fixierung auf die lit.RUHR, sondern Eigensinn ganzjährig stärken

In diesen Zeiten der postdemokratischen Kultur- als Symbolpolitik kann allen Literaturliebhabern an der Ruhr in heiterer Verlassenheit nur geraten werden, ihre eigenen und eigensinnigen Projekte weiter voranzutreiben (viele davon habe ich für die ‚Revierpassagen‘ recherchiert). Und: Warum sollte man sich beim Tanz ums goldene Festival-Kalb überhaupt abstrampeln? Kraft und Fantasie kostet das und mit jeder Überdosis Organisation verkümmert schnell die Lust am Lesen.

Nervtötend ist zurzeit deshalb auch die Dauerfrage, warum denn die ‚literarische Szene‘ an der Ruhr (was soll das sein?) nicht selbst ein ‚hochkarätiges‘ (drunter geht’s nicht) Festival auf die Beine gestellt habe. Ganz einfach: Viele investieren hierzulande all ihr beharrliches Engagement, manchmal auch einen Teil ihres Geldes in die eigenen Projekte der Literatur- und Leseförderung, des Zeitschriftenmachens oder internationalen Austauschs – damit haben sie mehr als genug zu tun. Niemand von ihnen könnte nebenbei auch noch die ‚Szene‘ dauerhaft vernetzen oder ein Festival organisieren. Und vor allem: Kaum jemand will das. Warum auch? Siehe oben.

Heinz Helle & Hubert Winkels zu Gast bei „Über Leben! Von der Hoffnung auf Zukunft“ – September 2017, Medienforum Bistum Essen

Kleine Volte: Hoch lebe die lit.RUHR!

Die lit.RUHR kommt so sicher wie das Amen im Essener Dom und für vier Tage im Jahr wird sie ihr ganz eigenes Publikum finden: Und? Mögen doch „Hannelore Hoger, Richie Müller und die Gummi-Ente“ (Programmbeilage der lit.RUHR) im schadstoffarmen Diesel des Sponsors Mercedes zu ihrem Auftritt „Fetisch“ (7.10., Zollverein) fahren, ihre „literarische Expedition in die Welt des Fetischismus“ starten und danach erschöpft ins Kissen der Hotel-Suite des Sponsors Sheraton sinken. Wieder ein – sagen wir mal – bunter Rezitationsabend, den man nicht selbst veranstalten musste (Verzeihung, verehrte Frau Hoger).

„Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt, daß der Unrast ein Herz schlägt. Es ist Zeit, daß es Zeit wird.“ So heißt es in Paul Celans Gedicht „Corona“. Man darf das UNIFORMAT „FESTIVAL“ getrost der lit.RUHR und ihren Gönnern überlassen und … abhaken.

An der Zeit wäre es allerdings, im Ruhrgebiet die Förder-Balance nicht noch weiter zu verlieren und ideell wie finanziell endlich Initiativen zu ermutigen, deren nachgewiesene Kompetenz es verdient hätte. Aber dafür werden Sachverstand, Mut und Geld bei den Stiftungen wohl nicht ausreichen – von Kommunen und RVR ganz zu schweigen.

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Gerd Herholz, der Autor des Beitrags, ist langjähriger Wissenschaftlicher Leiter des in Gladbeck angesiedelten Literaturbüros Ruhr. (Anm. d. Red.)

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6 Kommentare zu Festival als Fetisch – Versuch über das Scheitern regionaler Literaturpolitik am Beispiel der Kölner lit.RUHR

  1. Gerd Herholz sagt:

    Welt online: https://www.welt.de/regionales/nrw/article169258650/Das-Literaturfestival-das-niemand-wollte.html

    Der bestrecherchierte Beitrag zur Diskussion um die lit.RUHR erschien in der Welt am Sonntag und ist jetzt auch online, siehe oben.
    Christiane Hoffmans hat mit vielen gesprochen, alle Seiten angehört und ist so der Komplexität des Themas wirklich gerecht geworden. Wenn Sachverstand, Recherche und Haltung zusammenkommen, entsteht journalistische Qualität. Chapeau.
    Bodo Hombachs O-Töne allerdings sind mal wieder die eines Ignoranten aus der ‚Eliten‘-Perspektive. Obwohl er das literarische Feld des Ruhrgebiets nicht kennt (hat ihn jemand mal bei einer der großartigen literarischen Veranstaltungen hierzulande gesehen?), haut er Sätze raus wie: „Über den Weg der Szene hätte ein gutes Festival nicht funktioniert, weil die Akteure stark im Modus des Kirchtumdenkens verhaftet sind.“
    Armer Herr Nebelbombach (ich weiß, ich weiß: „no jokes with names …“), denn:
    1) Es gibt keine ‚Literaturszene‘ an der Ruhr, nur Literaturenthusiasten, die mit bescheidenen Mitteln durchaus Großes zustande bringen. Soll ich mal erzählen, unter welchen besch…eidenen Bedingungen das Literaturbüro Ruhr e.V. arbeiten muss? Lieber nicht.
    2) Mit mir haben auch andere versucht, ein Literaturnetz Ruhr aufzubauen. Ohne jede Ermutigung etwa durch den RVR und ein wenig finanzielle Unterstützung gelang es niemandem, zusätzlich zu seiner sonstigen Berufstätigkeit so ein Netz zu schaffen und zu erhalten.
    3) Hombachs Kleinmachen der ‚Szene‘ ist so wohlfeil und uralt. Vor der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 beriefen deren Organisatoren einmal gut 60 literarische Streiter zu einem ‚Hearing‘ nach Essen ein. Die Ruhr.2010er hatten sich vorher nicht beraten lassen, hatten zudem selbst rein gar nichts anzubieten, also durfte eine völlig heterogene ‚Szene‘ ihre Wünsche vortragen. Niemand moderierte oder bündelte. Schließlich schickte man die Leute nach Hause. Genau so sollte es wohl auch sein. Ein wenig Pseudobeteiligung, um danach vor allem abseits der Literatur machen zu können, was man wollte.
    Noch heute habe ich Pleitgens Satz im Ohr (und auf dem Notizblock): „Die sollen sich mal Anzug und Schlips anziehen und zur lit.COLOGNE fahren, da sehen sie, wie’s geht.“

    Wird Zeit, dass die alten ‚Herren‘ als Sprachrohre des Ruhrgebiets langsam das Feld räumen. Sie haben jeglichen Kontakt zur lebendigen Entwicklung an der Ruhr verloren und sind nur noch Innovationssimulanten, die zunehmend dem Ruhrgebiet schaden.

  2. Kees Jaratz sagt:

    Für mich steht hinter der Verkündung eines „Jahrhundertheimspiels“ (im Jahr 2018, um den Bergbau zu würdigen) dieselbe Haltung, die dazu führte, dass der lit.cologne-Ableger bezuschusst wird – die Sehnsucht nach wahrgenommener Größe gepaart mit einem Minderwertigkeitskomplex. Näher erklärt im Zebrastreifenblog:

    https://zebrastreifenblog.wordpress.com/2017/10/01/was-offenbart-die-rag-fantasie-eines-jahrhundertheimspiels-ueber-das-ruhrgebiet/

  3. Gerd Herholz sagt:

    Zur Diskussion um die lit.RUHR sind mittlerweile auch einige Radio und TV-Beiträge gesendet worden, für die man mich bat, O-Töne zu spenden. Auslöser dieser Diskussion war auch der Beitrag „Festival als Fetisch“ hier bei den Revierpassagen.
    Radio:
    https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-westblick/audio-wdr–westblick-ganze-sendung–640.html (ab Minute 9:56)
    TV: http://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/lit-ruhr-104.html (ab Minute 34)
    Radio:
    http://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-scala-aktuelle-kultur/audio-unmut-ueber-literatur-an-der-ruhr-100.html

    Auf meinem Facebook-Account habe ich heute zum Westblick-Radiobeitrag kommentiert (hier leicht überarbeitet):

    lit.RUHR und die Kritik daran im Westblick-Radio:
    Ganz schön respektlos, diese lit.COLOGNER, wie sie alle wesentlichen Kritikpunkte ignorieren, erneut großmäulige Arroganz an den Tag legen und die Literaturenthusiasten an der Ruhr wegen deren „Ängsten“ sogar therapieren möchten.
    Es bleibt aber festzuhalten, dass die Kölner lit.KARNEVAL-Kaiser ziemlich nackt sind. Die lit.RUHR ist nicht nur eine dreiste ‚Friss-Promis-du-Ruhri-oder-halt-die-Klappe‘-Kopie der lit.COLOGNE, sondern läuft just zur gleichen Zeit & länger mit ähnlichem Programm wie die Kölner lit.COLOGNE SPEZIAL vom 3.-15.Oktober. Die Kölner tragen also nicht nur Geldsäcke der Ruhr-Stiftungen nach Colonia, sie setzen zudem die lit.RUHR als Copy-and-paste-Festival zeitgleich und gewinnbringend in den Schatten der lit.COLOGNE-SPEZIAL, wo z.B. auch viele Sender & Journalisten heimisch sind, deren Aufmerksamkeit dem Ruhrgebiet so fehlt.

    Auch die Anmoderation dieses WDR-Westblick-Radiobeitrags ist peinlich, obwohl man sich im Verlauf der Sendung immerhin bemüht …
    Erst wird das „neue Literaturfestival“ vorgestellt, als ob irgendetwas daran „neu“ wäre. Dann weiter: Der lit.RUHR-Import reize hier an der Ruhr einige „bis aufs BLUT“ und die „FÜHLEN sich übergangen“.
    Ja, so hätten sie uns gern: wutschnaubend und dauerbeleidigt. Versendet sich gut. Tatsächlich aber läuft die lit.RUHR-Kritik ruhig, analytisch und polemisch in bester Streitkultur-Manier, also mit Argumenten, ohne jedes Klappern einer Marketingmaschine.

    Missionarisch ist dagegen wieder einmal die Sprache Osnowskis und Büngers. Osnoswki wird wegen möglicher Kritik an der lit.RUHR mit den Worten zitiert: „Wir kommen in Frieden“ und weiter „davon können die anderen nur profitieren“.
    Oje. Man möchte zurückstammeln: „Ja, großes weißes Kölle-Mann – eingeborenes Schwarzfußindianer freuen sich auf Promi-Perlenkette, viele Glitzglitz!“
    Selten ignorant sind auch
    1) das Traudl-Büngersche Statement, dass nach der „heftig“-Kritik an der lit.RUHR „ein richtig konstruktives Gespräch darüber schwierig wurde“ – als ob es seitens der lit.COLOGNE-RUHR je ein Gesprächsangebot gegeben hätte, und
    2) ihre jovialen Äußerungen, dass es neben der lit.RUHR noch sehr viel Platz gäbe, man an der Ruhr „Energie auslösen“ und „Ängste vielleicht nehmen“ könne.
    Ach, du liebe gute Psychoenergetikerin & Heilpraktikantin: „Energie auslösen“ und „Ängste“ nehmen“, wer braucht das hier? Schön in Köln bleiben und sich gezielt akupressieren lassen, das wär’s doch, oder?

  4. Gerd Herholz sagt:

    Liebe Inge,
    vielleicht muss man das Ganze schlicht als Farce nehmen, so saukomisch ist das letztlich alles…
    Der groteske Geld- und Werbeaufwand für die lit.RUHR, ihre Inhalte – alles kommt ungeheuer ‚innovativ‘ daher, ist im Verhältnis zu diesem Anspruch aber bloß lächerlich.
    Dieses Jahr zumindest bleibt die lit.RUHR weitgehende Kopie der lit.Cologne, und der zur lit.RUHR parallel laufen lit.COLOGNE SPEZIAL.
    Keinerlei Neuheit, keinerlei Ruhrgebietsspezifik, die sich sehen lassen könnte.
    Und dann lädt man die lit.COLOGNE auch noch als ‚Berater‘ des Stadtschreiber Ruhr-Projekts ein.
    Da wächst zusammen, was zusammengehört – die populär-populistische Eventmaschine lit.COLOGNE und die Regionalmarketing-Träume im Revier, das einmal groß rauskommen möchte und sich dann wie Kleinkleckersdorf über jeden Promi freut und sich mit Analogkäse abspeisen lässt.
    Wie sagt man hier: Watt willze machen?

  5. Lieber Gerd,

    danke! Du beschreibst die Situation so genau, so mutig, und bei allem Zorn, den ich völlig mit dir teile, resignierst du nicht. Ja, es macht oft bitter, wie hartnäckig vieles von dem immer wieder ignoriert wird, was sich im Ruhrgebiet seit langer Zeit literarisch entwickelt, was hier geboten und aufgeboten wird. Doppelt bitter, wenn sich jetzt auch noch fünf große Ruhrstiftungen mit solchen Summen am Zweitaufguss der lit.Cologne beteiligen, um uns literarisch Unterentwickelten endlich auch einmal Poesie im Großformat angedeihen zu lassen.
    Die Initiatoren der lit.Ruhr scheinen deine erfolgreiche Arbeit so wenig zu kennen wie die vielen unermüdlichen Initiativen unserer Ruhrgebietsverlage, unserer Bibliotheken, unserer Buchhändler, all der Institutionen, die du in deinem Beitrag erwähnst, sowie der Autoren, die nicht nach Berlin oder Köln gezogen sind.
    Es braucht viel Energie, Selbstbewusstsein und eine riesengroße Portion Trotz, damit wir hier vor Ort dennoch weitermachen ohne große Förderung und ohne entsprechende mediale Unterstützung.
    Aber gilt nicht als unsere herausragende Eigenschaft, dass wir uns niemals kleinkriegen lassen? Dass wir hartnäckig dranbleiben an unseren Ideen und Visionen? Vielleicht spricht sich das eines Tages herum bis nach Köln und in die Ohren der lit.Ruhr-Initiatoren? Ja vielleicht sogar, dass wir so klein gar nicht sind, dass sie uns auf die Dauer übersehen können?!

    Danke für deine fundierten Ausführungen, lieber Gerd,
    und herzliche Grüße
    Inge Meyer-Dietrich

  6. Gerd Herholz sagt:

    Apropos RVR!. Wie steinalt dessen vergebliche Versuche sind, Kultur an der Ruhr zu entwickeln … , wär’s nicht so traurig, man müsste sich ausschütten vor Lachen. Siehe zuletzt nur zum Beispiel:
    https://www.revierpassagen.de/6167/der-rvr-und-die-koordinierte-kultur/20111205_2245

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