Die Phantome der Liebe – Richard Fords tragikomische Erzählung „Der Frauenheld“

Von Bernd Berke

Hier geht es offenbar ums Ganze. Zitat: „…er fragte sich, was möglich war zwischen den Menschen? Was war möglich, das wirklichen Wert hatte? Wie konnte man das Leben in den Griff bekommen, anderen geringen Schaden zufügen und doch mit ihnen verbunden sein?“ Zitat Ende.

Solche Worte kreisen wirklich um Grundfragen des Lebens. Doch keine Angst. Bei dem Amerikaner Richard Ford kommen die tiefsinnigen (und doch so einfach klingenden) Sätze erst ganz zum Schluß. Sie ergeben sich völlig ungezwungen aus einer Erzählung, die etliche Bedeutsamkeit mit wenig Erdenschwere verbindet.

Immerhin: Die Komplikation zwischen den Geschlechtern, die „Der Frauenheld“ Martin Austin erleidet, bilden sich zuweilen auch im verschachtelten Satzbau ab. Das liegt wohl nicht nur an der stellenweise etwas holprigen Übersetzung von Martin Hielscher.

Martin Austin jedenfalls ist ein Amerikaner in Paris. Zunächst kommt der Händler für Spezialpapiere dienstlich nach Europa, dann immer öfter und geradezu zwanghaft privat. Denn er lernt die französische Verlagslektorin Josephine kennen und – nein, nicht wirklich lieben, aber irgend etwas Verwandtes wohl doch. Er rätselt und rätselt an diesem „Etwas“ herum. Nun ja, man hat sich alsbald geküßt. Aber mehr geschieht – allen Treffs zum de Trotz – eigentlich nicht.

Austin bleibt in einem Stadium der Vorlust und Erwartung stecken. Immer wieder hämmert er sich ein, absolut „alles“ sei möglich, sein ganzes Leben könne sich mit Josephine über Nacht ändern, ohne daß er viel dazu beitragen müsse. Doch dieses „Alles“ gerinnt dann na wieder zu nichts. Josephine bleibt in ihrem ganzen Wesen für ihn undeutlich, denn sie ist gleichsam nur eine leere Fläche, auf die er seine flackernden Wünsche projiziert. Die ganze Sache mit der Liebe bleibt bis zum Schluß ein großes „Vielleicht“.

Ähnlich unentschieden, ohne rechte Zukunftsperspektive, ist Austins Ehe mit Barbara daheim in den Staaten. Bis Barbara schließlich die Trennung ausspricht. Als er erneut nach Paris flüchtet, ist auch Josephine seltsam reserviert. Und plötzlich ist dieser vermeintliche „Frauenheld“ mit den Phantomen seiner Einbildung furchtbar allein…

Richard Ford erzählt formal konventionell, aber was heißt das in diesem Falle schon. Die fortwährende Unentschiedenheit seines Anti-Helden hält das Geschehen in schöner Schwebe zwischen Tragödie und Komödie. Und alles klingt wahrhaftig, wie aus dem manchmal so undeutlichen Leben selbst geschöpft.

Richard Ford: „Der Frauenheld“. Aus dem Amerikanischen von Martin Hielscher. S. Fischer Vertag, Frankfurt am Main. 116 Seiten, 29,80 DM.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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