Nur Sprache war ihre Heimat – Vor 125 Jahren wurde die Dichterin Else Lasker-Schüler in Elberfeld geboren

Von Bernd Berke

Die Dichterin Else Lasker-Schüler. heute vor 125 Jahren im späteren Wuppertaler Ortsteil Elberfeld geboren, gehört zu den großen Gestalten in der neueren deutschen Literatur. Sie schuf sich Heimat in der Sprache. Im Leben fand sie keine dauerhafte Bleibe.

Sie war eine leidenschaftliche Namens-Geberin. Ihren zweiten Ehemann Georg Lewin (vorher führte sie eine unglückliche Ehe mit dem Arzt Berthold Lasker) versah sie mit dem Künstlerpseudonym Herwarth Walden. Das behielt er bei, als er die berühmte Expressionisten-Zeitschrift „Der Sturm“ herausgab. Auch dieser Titel stammte von ihr. Ihren späteren Schwarm, den Lyriker Gottfried Benn, nannte sie in glühenden Gedichten „Giselher, den Tiger“ oder den Barbaren, sich selbst „Prinz von Theben“. Und so fort.

Wirkliche Heimat hatte sie nur in den Worten. Ansonsten blieb die Tochter aus einem wohlhabenden jüdischen Elternhaus, das fest im Rheinisch-Westfälischen verwurzelt war, unbehaust. Sie hatte nach ihren beiden Ehen nie wieder eine feste eigene Wohnung, darbte zeitweise in einem Berliner Kellerloch. Manche halten das für Bohème, doch es war Elend. In dem Gedicht „Frühling“ schrieb sie bittersüß: „Den Fluch, der mich durchs Leben trieb, / Begann ich, da er bei mir blieb, / Wie einen treuen Freund zu lieben…“

Als sie im Exil von Jerusalem am 22. Januar 1945 starb, war sie völlig verarmt. Deutsche Schmach: 1932 hatte der bessere Teil der Nation sie noch mit dem angesehenen Kleist-Preis dekoriert, 1933 mußte sie vor den Nazis in die Schweiz flüchten. Beim Grenzübertritt wurde sie, ganz verwahrlost, zunächst von der Sittenpolizei aufgegriffen…

Sternenweites Reich aus Träumen und Phantasien

Ihre Dichtungen sind nur zum Schein autobiographisch. Else Lasker-Schüler hat sich in ihnen ein zweites Leben zurechtgelegt und ihr irdisches Dasein verhüllt. Ihre Lyrik, beginnend mit dem Band „Styx“ (1902), ist ebenso feingliedrig wie schwärmerisch, ebenso visionär wie sendungsbewußt; sie entwirft ein kosmisch-sternenweites Traumreich aus (alt)orientalisch inspirierten Phantasien. eine märchenhafte Welt, gewoben aus christlichen und jüdischen Mythen. Ihre Liebesgedichte sprechen kostbar von grenzenloser, fließender Hingabe. Doch auch der Tod ist allgegenwärtig.

Sie ist keine unumstrittene Größe unter den modernen Klassikern. Manche trieben geradezu Kult mit ihrem Werk, andere taten sie leichtfertig als „Spinnerin“ ab. Auch die Germanisten haben sich an ihre höchst subjektiven Texte lange nicht so recht herangetraut. Vielleicht fehlten nur die gewissen „Schubladen“, in die man ihren Stil hätte einsortieren können. Mit dem Ansatz einer vermeintlich spezifisch „weiblichen Ästhetik“ kam man hier nicht allzu weit. Und dem Expressionismus, mit dessen wichtigsten Vertretern sie befreundet war, ist sie gleichfalls nur sehr bedingt zuzurechnen. Doch inzwischen gibt es, u.a. bei Artemis & Winkler und dtv, sehr brauchbare Sammelausgaben.

Auch die deutschen Theater haben sie schon beinahe schmählich vernachlässigt. Erst 1979 wurde ihr (schwer zu spielendes) Stück „Ichundich“ uraufgeführt. Mit dem „Arthur Aronymus“ dauerte es, nach der Zürcher Uraufführung von 1936, bis 1968. Erst da erlebte das Werk (in Wuppertal) seine zweite Inszenierung. Ihr heute bekanntestes Drama, „Die Wupper“ (geschrieben 1909), kam auch erst nach zehn Jahren, also 1919 auf die Bühne. Diese „böse Arbeitermär“ (Lasker-Schüler) sorgte 1958 im erzkatholischen Köln für eine beschämende Debatte über angebliche sexuelle Ausschweifung. 1991 gewann Frank-Patrick Steckel in Bochum das Stück entschieden fürs Gegenwartstheater zurück.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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