Lesen als „Gehirn-Jogging“ gegen die Flut der Bilder – Frankfurter Buchmesse: Branche in der Defensive

Aus Frankfurt berichtet
Bernd Berke

Frankfurt. „Zum Wachstum verdammt“ – so sieht Messedirektor Peter Weidhaas die Frankfurter Buchmesse, die heute zum 37. Mal ihre Pforten öffnet und natürlich wieder mit neuen Rekordzahlen aufwartet. 6598 Verlage aus 77 Ländern präsentieren bis zum 14. Oktober 320000 Titel, davon über 90000 Neuerscheinungen.

Trotz der imponierenden Zahlen: Das Buch ist ganz offenkundig arg in die Defensive geraten. Daher wird unter anderem erstmals ein „Zentrum Leseförderung“ als „Antwort auf die neuen Medien“ eingerichtet, wie es Günther Christiansen, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, gestern bei der Eröffnungspressekonferenz formulierte. In der „Leseförderungs“-Zeltstadt sollen rund 40 einschlägige Initiativen (von „Das lesende Klassenzimmer“ bis zum Zeitungsverlegerverband) fürs Lesen aktiv werden. Eine „Zweiklassengesellschaft“ von Lesern und Nichtlesern, so befürchtet Ulrich Wechsler, Aufsichtsratsvorsitzender der Messegesellschaft, könnte heraufdämmern, wenn nicht aktiver für das Buch geworben werde. Wechsler empfahl das Lesen als „Gehirn-Jogging“, mit dem man Herrschaft über die allgegenwärtige Bilderflut erlangen könne.

Verlage wollen den Markt sichern

Eher vorsichtig gab sich Günther Christiansen. Zwar wolle man es nicht „bei apokalyptischen Tönen bewenden lassen“, doch, so gestand er zu,  es gehe nunmehr um die „existentielle Zukunft“ der Verlage und des Buchhandels sowie um „Marktsicherung“. Umsatzzuwächse von rund sechs Prozent in den ersten acht Monaten dieses Jähres geben allerdings Anlaß zu vorsichtigem Optimismus.

„Man stelle sich vor, über die Bildschirme würde nur die Realität flimmern!“ Mit diesen Worten unterstrich Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann gestern Abend die Bedeutung der Kultur in seiner Eröffnungsansprache zur Buchmesse. Kultur als Realitätsflucht? Das denn doch nicht. Das Buch, so Bangemann, helfe vor allem, den „technischen Fortschritt auch geistig“ zu bewältigen. Und: „Ein Wirtschaftsminister darf sich den kulturellen Werten und Strömungen nicht entziehen, Kunst und Kultur einerseits, Wirtschaft andererseits erhalten und beleben sich wechselseitig.“ Gleichzeitig sprach sich Bangemann allerdings für eine stärkere Förderung der europäischen audiovisuellen Programmindustrie aus. Ob die Buchmesse dafür der rechte Anlaß ist, sei dahingestellt.

Recht deutlich schälen sich schon bei einem flüchtigen ersten Messerundgang Trends heraus: Bücher zum 150. Eisenbahnjubiläum, zum Jahr der Musik und – wohl ein längerfristiger Trend – zu den Schönheiten deutscher Landschaften werdenbesonders auffällig postiert. Weiterhin bemerkenswert: Video wird nur noch sehr dezent als Präsentationshilfe eingesetzt, beziehungsweise fällt es kaum noch als Fremdkörper auf.

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Kommentar

Die Angst der Verlage vor den bunten Bildern

Lesen – egal, was?

Buchhandel und Verlage gehen in Abwehrstellung gegen die immer größere elektronische Bilderflut. Kassandra-Rufe über den Zerfall der Lesekultur gehören zwar seit jeher zum kulturkritischen Begleitprogramm der Buchmesse. Jetzt aber scheint es nicht mehr um feinsinnige Auseinandersetzungen zu gehen, sondern schlicht und einfach „ums Eingemachte“. Eine wirkliche Angst vor übermächtiger Konkurrenz durch Fernsehen und Video ist spürbar.

Auffallend ist, daß nun gar nicht mehr eine bestimmte Lesekultur gefordert wird, sondern Lesen überhaupt und in jeder Form. Das zeugt sicher von größerem Realismus und Pragmatismus. Man will eben niemandem vorschreiben, was Niveau zu sein hat. Es zeugt aber wohl auch von der Defensive, in die die Buchmacher und Verkäufer geraten sind.

Von „Marktsicherung“ ist die Rede, also von dem, was am Markt noch durchsetzbar ist. Eine durchweg solide, vielleicht konservative Position, die von Inhalten absehen zu können glaubt. Dabei kommt es, so könnte man entgegenhalten doch auch ein bißchen darauf an, welche Bücher gelesen werden. Wichtig ist nicht nur, d a ß, sondern auch w i e man mit ihnen umgeht.

Bernd Berke, z. Z. Frankfurt

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Prosaband „Seitenblicke" (edition offenes feld, 2021), vereinzelt weitere Buchbeiträge, Arbeit für Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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