Eine Welt ohne Internet als skurrile Zukunftsvision – Josefine Rieks‘ Roman „Serverland“

Es ist schon eine kuriose Szenerie, die Josefine Rieks in ihrem Roman „Serverland“ entwirft. Die Autorin nimmt den Leser mit in eine Zukunft ohne Internet, denn das weltweite Netz hat man abgeschaltet.

In einer solchen Zeit besinnt sich der Mensch auf Bewährtes, wie zum Beispiel das gute, alte Telefonbuch, wenn er Kontakt zu seinen Artgenossen sucht. Dieselautos sind wieder unterwegs, der ganze Schnickschnack um selbst fahrende Wagen hat ganz offensichtlich ein Ende gefunden. Dienstpläne und Arbeitsaufträge lädt sich der Beschäftigte auch nicht aus irgendwelchen Apps herunter, sondern schreibt sie mit Hilfe eines Stifts auf ein Blatt Papier.

Genauso handhabt Reiner seinen Berufsalltag. Er ist bei der Deutschen Post beschäftigt und hat ein für diese Welt ganz ungewöhnliches Hobby. Der Mittzwanziger sammelt alte Laptops und ist die Hauptfigur der Geschichte. Als Tüftler gelingt ihm dann das, was er wohl selbst kaum noch für möglich gehalten hätte, nämlich eine Verbindung zu alten Servern und riesigen Datenspeichern herzustellen. Eine Autobatterie (!) macht’s möglich.

Wenn niemand mehr Facebook und YouTube kennt

An seinem Wohnort in Berlin hat er schon Hallen mit reichlich technischem Equipment entdeckt, doch noch viel mehr bietet eine Industriebrache irgendwo an der holländischen Küste. Ein Kollege macht ihn auf das Gelände aufmerksam und der Computer-Freak trifft dort auf eine Gruppe von Jugendlichen, die sich hier ihr Leben eingerichtet haben. Vielleicht liegt es daran, dass gerade „68“ einen Lauf hat, weil die Ereignisse 50 Jahre zurückliegen, aber die Mädchen und Jungen ähneln ein wenig den alternativ Gesonnenen von damals. Für sie tut sich nun eine ganz andere Welt auf. Sie lernen dank Reiner Facebook, YouTube oder all die anderen Kanäle kennen. Kommt die Rede auf Steve Jobs und Bill Gates, dann haben die Jugendlichen die Namen schon irgendwann mal gehört, aber so recht einordnen können sie die Personen kaum.

Fasziniert von verstörenden Videos

Schaut sich die Gruppe alte Videos an, erlebt der Leser manche verstörende Reaktion. Denn Reiner zeigt neben bunten Unterhaltungsstreifen, auf die er bei seiner Internetrecherche stößt, auch Filme aus Konzentrationslagern und findet Aufnahmen von 11. September. Von Empörung oder Entsetzen unter den Zuschauern, die diese Bilder zu Gesicht bekommen, kann aber keine Rede sein. Eine eigenartige Faszination geht indes von einem Strip aus, bei dem sich der Mann schließlich sogar die Haut über den Kopf zieht. Das Video sei ein Beleg, wie stark der Feminismus das Internet geprägt habe, erhalten die Jugendlichen als Erläuterung.

Unterwegs zu einer neuen Vernetzung

Die Autorin belässt es in ihrer Fiktion aber nicht dabei, die Akteure ein paar YouTube-Filmchen betrachten zu lassen. Die Neu-Entdeckung des Internets bringt die jungen Leute nämlich auf den Gedanken, ob man nicht einen neuen oder ähnlichen Versuch von Vernetzung starten könnte. Reiner selbst steht dabei an der Spitze der Bewegung, verschickt Videos an irgendwelche Leute, um sie damit gleichzeitig zu einem Besuch der Serverhallen einzuladen. Eine interessante, analoge Version von YouTube. Mit dem Ausgang dieses Unterfangens scheint Josefine Rieks der virtuellen Welt von heute und vor allem auch ihren Protagonisten den Spiegel vorhalten zu wollen, wirft sie doch die Frage auf, ob man sich bei den Treffen in den Serverhallen eigentlich auch an vereinbarte Regeln hält.

Der gesamte Roman ist locker und an vielen Stellen ganz süffisant geschrieben. Die Vorstellung, dass man bei einem Trödelsammler für kleines Geld Notebooks von heute führenden Herstellern kaufen kann, ist schon aberwitzig. Trotzdem hat das Buch ein paar Schwachstellen. Manche Charaktere bleiben recht unkonkret, und man fragt sich zudem, weshalb es eigentlich kein Internet mehr gibt. Vielleicht bietet die Frage Stoff für einen weiteren Roman.

Josefine Rieks: „Serverland“. Roman. Hanser Verlag. 176 Seiten, 18 Euro.

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