Das nahe Ende der „Westfälischen Rundschau“: Kurzer Nachruf auf meine Jugendliebe

Ich hatte meine ersten Arbeitstage als Volontär gerade hinter mir. Jeden Tag fuhr ich mit Straßenbahn und Zug nach Herne, um dort an der Ruhr-Nachrichten-Ausgabe mitzuwirken. Auf dem Reiseweg ins spannende Ungewisse studierte ich gern ein Heft namens „Der Monat“, das unter anderen von Melvin Lasky herausgegeben wurde, einem amerikanischen Journalisten, der viel in der und für die noch relativ junge Republik tat. Besonders riss mich ein Text ins Blatt, der sich mit der Zeitungslandschaft im Ruhrgebiet beschäftigte, ich weiß nicht mehr, wer das schrieb. Aber ich fand eine Zeile darin, die mir es leichter machte, mein Volontariat bei den RN vor mir selbst und vielen meiner Freunde zu begründen. Sinngemäß lautete es: „Tapfer und erfolgreich wehrt sich Verleger Lensing-Wolff gegen die Expansion der WAZ.“

Meine Zuneigung blieb zwar bei der Westfälischen Rundschau, die jeden Tag bei meinen Eltern vor der Haustüre Seydlitzstraße 37 lag, aber immerhin, ich arbeitete bei einem Blatt, das sich tapfer und erfolgreich zur Wehr setzte. Dass es dies nach wie vor tut, finde ich gut. Wie erfolgreich es am Ende gegenüber der WAZ sein wird, hätte ich damals nicht geahnt. Dass der wesentliche Teil der „Gruppe“, der wenig später meine vieljährige berufliche Heimat, ja Familie werden würde und es stets bei aller Kritik blieb, dass also meine WR mal von den RN mit Inhalten gefüllt werden würde, wäre mir nie in den Sinn gekommen.

Ich fühlte mich wie zu Beginn meiner bescheidenen Karriere als Lohnschreiber, als ich gemeinsam mit Konrad Harmelink hinauf ins Kabuff von Bernd Dagge kraxelte und der mir wohlgelaunt die Konditionen erläuterte, die die „Gruppe“ mir bieten könne. Ich untersagte mir, ungläubig zu glotzen und begann mich sogleich zu beglückwünschen, dass ich nun doch nicht nach … wo auch immer gehen würde. Das war 1977 – und was ist heute?

Heute ist ein ganz trauriger Tag, meine Jugendliebe existiert nicht mehr, ist eine hohle Hülle, in die andere Inhalte schreiben. Meine WR wird von derselben „Gruppe“ abgestoßen, die einst ordentlich Geld mit ihr verdiente und Günter Hammer noch gestattete, nach seiner Amtszeit als Chefredakteur letzter Herausgeber zu werden, was ich ihr zum Vorteil anrechnete.

Die „Gruppe“ von heute erscheint mir als zuwider. Sie hat heute das Dasein einer Zeitung beendet, für die 1946 Heinrich Sträter, Ernst Sattler und Fritz Henßler die Lizenz von den Briten erhalten hatten. Ich sag’s mit Max Liebermann: Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.

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6 Kommentare zu Das nahe Ende der „Westfälischen Rundschau“: Kurzer Nachruf auf meine Jugendliebe

  1. Bernd Meier sagt:

    Schade, schade ! Die Zeit der WR ist nun vorbei.Gestorben ist sie aber schon viel früher. Die Journalisten tun heute so, als würde die Welt untergehen. Als in den letzten Jahren erst viele Angestellte in den Geschäftsstellen, dann Angestellte der Logistikabteilungen und dann die Zusteller gehen durften, hörte man von den Redaktionen eigentlich nicht viel. Jetzt ist das Geschrei groß.

  2. Dirk Vogel sagt:

    Ich ahne natürlich, lieber Bernd, das Menschen in deinem „Alter“ sich ein Leben ohne Tageszeitung in jetziger Form nicht vorstellen wollen, aber guter/relevanter Journalismus findet oft woanders statt. Z.B hier in den „Revierpassagen“.

  3. Bernd Berke sagt:

    Für dich. Das mag sein.

  4. Dirk Vogel sagt:

    Nein, Bernd. Es steht für mich wirklich nix drin.

  5. Bernd Berke sagt:

    Hallo Dirk, inhaltlich magst du ja teilweise recht haben – vor allem mit der unterirdisch-untertariflichen Bezahlung der Freien. Trotzdem finde ich einen solchen Kommentar gerade heute nicht angebracht. Es verlieren nämlich auch viele, viele freie Mitarbeiter der WR im Februar ihre – wenn auch geringen – Verdienstmöglichkeiten.
    Die schnoddrige Einlassung „steht eh nix drin“ ist (trotz aller redaktionellen Defizite) undifferenzierter Quark – und das weißt du auch. Es kann doch wohl nicht besser sein, wenn eine Stadt wie Dortmund nur noch aus einer Nachrichtenquelle versorgt wird.

  6. Dirk Vogel sagt:

    Ich weine ihr keine Träne hinterher!
    Als Freier wurde man immer weit unter Tarif bezahlt und jetzt noch schlechter als vor 20 Jahren. Festangestellte streikten immer für ihr paar Prozente mehr Gehalt, nie für verbesserte Bedingungen für freie Mitarbeiter oder Qualitätsjournalismus. Jetzt ist der Ast abgesägt und das Medium Tageszeitung geht dem Ende entgegen. Ich habe auch keine im Abo, steht eh nix drin.

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