Print, du hast mich wieder! – Warum ich die Tageszeitung doch auf Papier lesen möchte

Jetzt ist es doch passiert. Ich habe das Online-Abo (m)einer überregionalen Tageszeitung wieder in ein Print-Abo umgewandelt. Dabei habe ich mich doch an dieser Stelle vor fast genau vier Monaten länglich darüber ausgelassen, welche Vorteile die elektronische Ausgabe habe.

Nun aber die Kehrtwende. Und warum?

Manchmal scheint einen die gedruckte Zeitung geradewegs anzuschauen. (Foto: Bernd Berke)

Manchmal scheint einen die gedruckte Zeitung geradewegs anzuschauen. (Foto: Bernd Berke)

Weil man eh schon viel zu viel im Netz herumhängt. Weil man, wie seinerzeit schon ahndungsvoll angedeutet, als nicht mehr ganz junger Mensch denn doch das quasi naturnahe Rascheln und den Geruch des Papiers vermisst. Weil das Blättern seit jeher ein sinnlicher Akt ist, weitaus körpergerechter als das Klicken. Weil Print die Augen und wohl auch die Nerven schont – von ärgerlichen Inhalten jetzt einmal abgesehen. Weil das Gedruckte nicht die bodenlose Ungeduld des Alles-sofort-haben-Wollens befördert, sondern ruhiges Abwarten lehrt.

Ja doch: Ich möchte wieder bis zum anderen Morgen warten können. Akute Neugier wird dann eben notfalls kurz im Netz gestillt, der Hauptanteil der Zeitungslektüre hingegen anderntags genüsslich absolviert, hin und wieder auch zelebriert. Geht mir weg mit euren atemlosen Live-Tickern. Immerhin macht die Zeitung, um die es hier geht, diesen Unsinn eh nicht mit.

Ich hätte es wissen können: Nach ein paar Wochen der verstärkten Nutzung hat sich der Reiz des Online-Abos recht schnell von selbst erledigt. Die Zahl der Zugriffe ist zusehends gesunken. Jetzt möchte ich wieder Inhalt statt Content. Jawohl, das ist ein Unterschied und hat auch mit der Art des Zugangs zu tun, nicht nur mit dem Wortlaut der Zeilen.

Freilich habe ich mich auch schon an die Nachteile der Papierlieferung erinnern müssen. Bei Regen ist die Zeitung nicht immer ansehnlich, manchmal auf Stunden hinaus unbenutzbar. Und die Zustellung klappt auch nicht immer. Gleich zum erneuten Beginn des Print-Abos fehlte das Blatt im Kasten, auch die zugesagte Nachlieferung am selben Tag klappte nicht. Dabei hat sich die Zeitung für die Änderung des Abonnements rund drei Wochen (!) Zeit gegönnt. Wofür ist eigentlich der Computer erfunden worden?

Dennoch bleibt es jetzt dabei. Vielleicht hängt die Rolle rückwärts indirekt damit zusammen, dass ich kürzlich auch die Musik auf Vinylplatten wiederentdeckt habe. Wenn das so weiter geht, werde ich am Ende wieder der analogen Fotografie frönen, in der Dunkelkammer herumtapern und Texte wieder mit mechanischer Schreibmaschine oder Füllfederhalter zu Papier bringen. Yesterday, all my troubles seemed so far away…

Gerade merke ich, dass ich den letzten Sätzen andauernd das Wort “wieder” aufgetaucht ist. Man geht ja längst hinterdrein. Phantasien der Wiederholung, ein allseitiges Festhaltenwollen. Ob das wohl mit der Angst vor tödlichem Schwund zu tun hat? Welch eine Frage.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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5 Kommentare zu Print, du hast mich wieder! – Warum ich die Tageszeitung doch auf Papier lesen möchte

  1. Paul Blösl sagt:

    Hallo Herr Baues,

    „Hier an diesem Punkt Überzeugungsarbeit in die eine oder andere Richtung zu leisten, ist meiner Überzeugung nach Zeit- und Kraftverschwendung.“
    Ist das Kommentieren von Blog-Beiträgen nicht auch irgendwie Zeit- und Kraftverschwendung?
    Oder anders gefragt: Was wäre keine Zeit- und Kraftverschwendung?
    Und, nein. Es ist nicht egal ob Paper oder Papier. Persönlich finde ich es gut, dass beides existiert. Das eine ist bestenfalls schnell und gut um sich einen Überblick zu verschaffen. Wenn’s um detaillierte Hintergrundgeschichten geht, ist auch mir das Gedruckte auf Papier lieber.

  2. Bernd Berke sagt:

    Hier handelt es sich nicht um Überzeugungsarbeit, sondern um einen persönlichen Erfahrungsbericht. Dass es jede(r) in dieser Frage nach Gusto halten kann, dürfte doch selbstverständlich sein.

    Außerdem wüsste ich nicht, was ich lieber täte, als Zeit und Kraft zu verschwenden.

  3. Heino Baues sagt:

    Irgendwie kann ich mich des Eindruckes nicht erwehren, dass der Autor Anfang des Jahres zum E-Paper gegriffen hatte, um nach vier Monaten wieder reumütig zum richtigen Papier zurückzukehren und diesen Schritt mit feingeschliffenen Worten zu begründen. Doch ist es nicht egal ob Paper oder Papier. Hauptsache ist doch, dass Zeitung überhaupt gelesen wird (Natürlich die richtige). Und womit gelesen wird, sollte doch egal sein. Hier an diesem Punkt Überzeugungsarbeit in die eine oder andere Richtung zu leisten, ist meiner Überzeugung nach Zeit- und Kraftverschwendung.

  4. christA sagt:

    Bravo!

  5. Paul Blösl sagt:

    Schöner Text und ich kann vieles nachvollziehen.
    Mit am besten gefällt mir die durchnässte Zeitung, aber die ist wenigstens da.
    Nicht erreichbarer Content im Internet, weil grad (….irgendwas einfügen) ist viel ärgerlicher.
    Ja, manche Sachen möchte ich gedruckt nicht missen.

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