Irrtum oder Plagiat? – Eine winterliche Spurensuche zwischen Goethe und Rosenkohl

Wir beginnen womöglich mit einem Goethe-Zitat, welches von winterlichen Verhältnissen kündet:

„Mir kommen diese Wintertage manchmal wie seltsam helle Nächte vor, in denen die Sonne zum Mond mutiert, in denen durcheinandergerät, was scheint und was beschienen wird. Vielleicht braucht es solche Tage, die wie Nächte sind, damit uns in einem erfrorenen Garten etwas wie Rosenkohl zum Lebenswert werden kann, der in der lottrigen Hütte unseres Weltvertrauens eine feste Schraube setzt.“

Kann auch keine Auskunft geben: die kleine Goethe-Büste im Regal. (Foto: Bernd Berke)

Kann auch keine Auskunft geben: die kleine Goethe-Büste im Regal. (Foto: Bernd Berke)

Wirklich sehr originell geschrieben, nicht wahr? Aber warum habe ich gesagt, es sei „womöglich“ ein Goethe-Zitat? Weil es zweifelhaft ist.

Die Fundstelle ist ein Buch, das ich gerade lese, genauer: Seite 38 in Bernd Brunners „Als die Winter noch Winter waren. Geschichte einer Jahreszeit“ (Galiani-Verlag; Rezension folgt demnächst). Dort wird obiges Zitat mit der lakonischen Feststellung eingeleitet: „Goethe schrieb:“

Das war mir zu lapidar. Ich wollte es gern etwas genauer wissen. Stammt der Abschnitt aus einem Brief oder aus einem fiktionalen Werk? Passt denn eine Formulierung wie „in der lottrigen Hütte unseres Weltvertrauens“ überhaupt in goethische Zusammenhänge? Ohnehin klingen besagte Zeilen staunenswert modern, als könnten sie vielleicht nicht aus der Goethe-Zeit herrühren (* siehe Schlussanmerkung).

Wegen solcher Fragen bin ich der Textstelle per Internet-Suchmaschine nachgegangen. Als offenbar einziger (!) Fundort tauchte ein Text aus der Wochenendausgabe der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 7. / 8. März 2015 auf. Er stammt vom Feuilleton-Redakteur Samuel Herzog und trägt die Überschrift: „Glücksmomente – In einem vereisten Garten“.

Herzogs Text endet just mit dem gesamten obigen Zitat, das doch angeblich von Goethe stammen soll. In der NZZ wird es nicht in Anführungszeichen gesetzt, müsste also demnach von Samuel Herzog stammen. Wäre dies nicht der Fall, müsste man von einem ziemlich dreisten Plagiat sprechen.

Für den langjährigen NZZ-Mann Herzog (zuständig für Bildende Kunst) kann man jedenfalls einiges ins Feld führen. Vor allem, dass der Absatz wohl nur ein einziges Mal in frei zugänglichen Netz-Quellen zu finden ist (auch das „Projekt Gutenberg“ und Google-Books habe ich durchsucht). Wären es wirklich Sätze von Goethe, so wäre das mehr als erstaunlich. Dessen Zitate werden doch sonst allseits um und um gewendet.

Außerdem hat sich Herzog schon vor der fraglichen Stelle eines ausgesprochen poetisierenden Stils befleißigt. Der Schluss wäre somit nicht unpassend. Und drittens hat er direkt vorher ganz korrekt aus einem Brief von Wilhelm Busch zitiert. Warum sollte er es mit Goethe anders gehalten haben?

Also hätte sich der Buchautor Bernd Brunner einigermaßen gründlich geirrt? Aber wie kann es sein, dass ihm ein Text aus der NZZ als Goethe-Zitat unterkommt? Sind ihm der Zettelkasten bzw. seine Dateien etwas wirr durcheinander geraten?

Fragen über Fragen. Welche Goethe-Kenner wissen Rat? Können eventuell Bernd Brunner oder Samuel Herzog nähere Auskunft erteilen?

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Nachtrag, ohne jeden Zusammenhang mit der Zitat-Frage: Offenbar hat die NZZ ihrem altgedienten Redakteur Samuel Herzog neuerdings gekündigt.

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* Die etwas Älteren wissen ja, welche Folgen ein Anachronismus in Bezug auf Goethe haben kann. Einst musste der frühere „Zeit“-Feuilletonchef Fritz J. Raddatz gehen, weil er in fahrlässiger Weise Goethe mit der Eisenbahn in Verbindung gebracht hatte. Besondere Ironie: Auch damals ging es um einen (parodistischen) Text der NZZ, den Raddatz für bare Münze genommen hatte.

Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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10 Kommentare zu Irrtum oder Plagiat? – Eine winterliche Spurensuche zwischen Goethe und Rosenkohl

  1. Pingback: Fast alles über die eiskalten Zeiten: Bernd Brunners Buch „Als die Winter noch Winter waren“ | Revierpassagen

  2. Bernd Berke sagt:

    @Matta: Das tut mir jetzt leid. Aber das Rad der Geschichte lässt sich nicht rückwärts drehen.

  3. Matta sagt:

    Jetzt isses raus, wie schade! Ich hätte so gerne noch die eine oder andere tiefsinnige und gewiss sehr hilfreiche Bemerkung beigetragen!

  4. Bernd Berke sagt:

    Danke für den Hinweis, lieber Josef. Ist aber gar nicht mehr nötig. Der Buchautor Bernd Brunner hat mir inzwischen sehr freundlich geschrieben und sein Versehen bedauert, das er sich auch (noch) nicht erklären kann. Das fragliche Zitat stammt also tatsächlich n i c h t von Goethe, sondern vom (ehemaligen) NZZ-Redakteur Samuel Herzog.

  5. Josef König sagt:

    Lieber Bernd,

    frag mal nach bei Benedikt Jessing, Prof der Germanistik und ausgesprochener Goethe-Kenner in Bochum. Kannst gern von mir einen Gruß bestellen, wenn Du es für nötig hältst.

    LG Josef

    PS: Das Zitat kommt mir gar nicht Götischer Stil vor!

  6. ©️scherl sagt:

    Naja, an solchen Leichensonnenwintertagen konnte vielleicht sogar Goethens Weltvertrauen lottrig werden.

  7. Bernd Berke sagt:

    Richtig. Auch hätte Goethe schwerlich von einer „lottrigen Hütte“ des Weltvertrauens gesprochen, stand er doch gerade f ü r das Weltvertrauen bzw. das Vertrauen in die Welt ein.

  8. ©️scherl sagt:

    Theoretisch könnts sein – 1760 sind sie in Massenproduktion gegangen. Aber wohl doch Unsinn, weil im Holzbau erst seit Spax geschraubt wird.

    (Der Rosenkohl entlarvt auch nicht eindeutig, der verbreitete sich zu Anfang des 19. Jhd)

    Vom Sound her ists mE aber kein Goethe, grad gegen Schluß hin.

  9. Bernd Berke sagt:

    Ja, auch das ist ein Aspekt…

  10. ©️scherl sagt:

    Wie verbreitet waren damals Schrauben?

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