Mensch, werde nebensächlich!

Gerade an den Rändern des Alltags, im Unscheinbaren, kann sich unvermittelt das Wesentliche zeigen. Diese Erfahrung lässt sich, Zeile für Zeile, vielleicht bei keinem anderen Autor so verdichtet erleben wie bei Wilhelm Genazino. Hinter jeder Wegbiegung kann bei ihm schier alles geschehen. Doch weit ausgreifende Weltentwürfe sind hier nicht zu haben. Warum denn auch?

Genazinos neuer Roman „Wenn wir Tiere wären“ erkundet abermals rätselvolle Vorfälle im undeutlichen Weichbild der Stadt und in den Untiefen der Beziehungen mit gewohnter Diskretion, ja sogar Scheu, hinter der sich freilich scharfe Präzision verbirgt. Mit sanftmütiger, fast schon phlegmatisch erschlaffender Ruhe wird hier auch das Ungeheuerliche gesagt.

Wieder einmal hatte ich mir vorgenommen, mit möglichst wenigen Notizen und Anstreichungen auszukommen, doch bei Genazino drängt es einen immer wieder, dies und das und auch noch jenes für sich festzuhalten – und schon ist man erneut im Bleistiftgebiet angelangt.

Ich-Erzähler ist diesmal ein freischaffender Architekt, dem kein Name zugeschrieben wird. Die „Handlung“ setzt ein, als dessen Kollege Michael Autz mit 42 Jahren am Infarkt gestorben ist. Der Mann hatte ihm den einen oder anderen Auftrag vermittelt. Die aus dem etwaigen Ausbleiben solcher Vergünstigungen resultierende Unsicherheit bildet einen Grundakkord des Buches. Alles begibt sich auf schwankendem Boden. Der Erzähler stellt ernüchtert fest: „Noch dazu war ich in ein Alter vorgestoßen, in dem das Leben keine nennenswert neuen Fakten mehr hervorbrachte.“

Trug einst ein Genazino-Buch den Titel „Die Liebesblödigkeit“, so ist diesmal von „Liebesgenügsamkeit“ die Rede, die keine Pläne mehr, sondern nur noch kraftlose Befürchtungen hegt: „Eine meiner heftigsten Ängste bestand darin, dass die Liebe mehr und mehr in die Versorgung abwanderte.“

Am liebsten keine Arbeit u n d keinen Urlaub mehr. Am liebsten fast gar nichts mehr erleben – oder nur noch karg dosiert: „Gab es auch eine Zeitung für Erlebnisüberdrüssige? Die hätte ich mir sofort gekauft. Ich musste mich hüten vor zu viel überflüssigen Erlebnissen. Die Hälfte dessen, was ich erlebte, wäre für mich ausreichend gewesen (…) Mein Hauptanliegen war die allgemeine Lebensersparnis.“

Dreifach offenbart sich das Ungenügen in weiblicher Gestalt: Da ist die Ex-Ehefrau Thea, die den Architekten aufs Peinlichste anpumpt, um ihren Zahnersatz bezahlen zu können. Da ist die gegenwärtige Gefährtin Maria, eine heimliche Alkoholikerin, die auf spießigen Luxus aus ist und nach kläglichen Gelegenheiten schielt wie jener, preiswert Austern im Hertie-Tiefgeschoss zu schlürfen. Und da ist Autz‘ anlehnungsbedürftige Witwe Karin, die sich geneigt zeigt, dem Überlebenden anzugehören…

In größter Unentschiedenheit tapert, trudelt und taumelt der Erzähler durch die (Vor)-Stadt. Sein Blick gleitet über scheinbar nebensächliche Dinge. Ringsum zeigen sich Signale des Vergehens, des Verschleißes, der Verwahrlosung, der Verirrung, der Verlassenheit, des Verzagens. „Der Wunsch nach Flucht war vermutlich der beständigste Impuls meines Lebens. Es gab so gut wie nichts, wovor ich nicht hätte fliehen wollen…“

Inmitten der tagtäglichen Zumutungen, des Erduldens allgegenwärtiger Hässlichkeit, scheinen immer wieder für Momente Bilder der Tierwelt auf. Krähenkrallen werden unversehens zum „Sinnbild für das ewige Sich-herumschleppen aller Lebewesen“, ein andermal registriert der Erzähler dankbar die unverhoffte Erscheinung zweier Schwäne, die die Autobahn überfliegen. Oder er sinniert: „Mir gefiel der lauernd-vorsichtige Lebensstil der Parkplatztiere. Ein Eichhörnchen hielt nach drei, vier Sprüngen inne und lauschte in die Umgebung. Zwei Elstern setzten sich auf die Spitze einer Bogenlampe und sahen auf den Parkplatz herunter.“

Es sind dies vielleicht Momente einer möglichen Deutlichkeit, einer Verheißung von Schönheit gar, mit der man der allgemeinen „Lebensunklarheit“ und Überforderung begegnen könnte.

Als ritte ihn der Teufel, ahmt der Erzähler einen Coup des verstorbenen Kollegen Autz nach, um den Kreislauf zu durchbrechen: Mit den Daten eines gefundenen Ausweises Waren bestellen und postlagernd abholen. Doch im Gegensatz zu Autz wird er gestellt und kommt für kurze Zeit ins Gefängnis.

Die Schilderung dieses Freiheitsentzuges ist einerseits niederschmetternd: „Plötzlich hatte ich Kontakt mit meinem Tod. Er roch nach Gefängnis und ältlichem Sperma.“ Andererseits bedeutet das Gefangensein Entlastung: „E i n Vorteil des Alleinlebens im Gefängnis war: man wurde nicht gefragt, wo man tagsüber gewesen war.“

Wegen Geringfügigkeit wird das Verfahren eingestellt. Wegen Geringfügigkeit!

Doch halt! Enthält nicht gerade das Geringfügige Spuren von Hoffnung? Ein letztes Zitat: „…dass Menschen (wie ich) deswegen zufrieden (glücklich) sind, weil sie lächerliche Details im Kopf ausbauen und dadurch die Nebensachen zu inneren Hauptsachen machen konnten. Es war eine Haupttätigkeit des Glücks, die ihm gemäßen Nebensachen zu finden.“ Zum Beispiel: Schamhaarausfall. Man lese nach und finde nichts mehr lächerlich, sondern nahezu alles rührend komisch.

Nach Lektüre dieses sonder- und wunderbaren Buches möchte man fast glauben, dass dies ein Ausweg wäre.

Wilhelm Genazino: „Wenn wir Tiere wären“. Roman. Hanser Verlag. 159 Seiten. 17,90 Euro.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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