Kleine Nixe mit großer Sehnsucht – Dvořáks Märchenoper „Rusalka“ in Gelsenkirchen

Wasser ist ihr Element: Petra Schmidt als Nixe "Rusalka" in der gleichnamigen Märchenoper von Antonin Dvorak. (Copyright: Pedro Malinowski/MiR)

Wasser ist ihr Element: Petra Schmidt als Nixe "Rusalka" in der gleichnamigen Märchenoper von Antonin Dvorak. (Copyright: Pedro Malinowski/MiR)

Worte eines ewig Unbehausten komponierte Franz Schubert einst seinem „Wanderer“ in die Kehle. „Die Sonne dünkt mich hier so kalt / die Blüte welk, das Leben alt / Und was sie reden, leerer Schall / Ich bin ein Fremdling überall.“

Ähnlich sieht Elisabeth Stöppler die Titelheldin aus Antonín Dvořáks Märchenoper „Rusalka“. Die Regisseurin, viel gerühmt für ihre Britten-Deutungen am Gelsenkirchener Musiktheater, nimmt sich dort jetzt der kleinen Nixe mit der großen Sehnsucht nach der Menschenwelt an. Wie diese Welt aus der Perspektive eines Naturwesens aussieht, zeigt Stöppler in einem verstörenden, zunehmend düsteren und blutigen Bilderbogen. Rusalka sucht Glück und erfährt Leid, übt Treue und erntet Verrat, schenkt Liebe und leidet Gewalt.

Das reizende Wasserwesen hat in der Gelsenkirchener Neufassung von Beginn an keine Heimat. Rusalka begegnet uns nicht in einem See, sondern eingesperrt in einer klinisch weißen Zelle. Wasser kommt als Element nur am Rande vor. Nixenschwestern und Wassermann scheinen sich aus Tilman Knabes Essener „Rheingold“-Inszenierung verlaufen zu haben: ein aufreizendes Damentrio auf Stöckelschuhen, gejagt von einem lüsternen Wassermann (sonor: Dong-Won Seo) in blauer Arbeitsmontur. Keusch und rein wirkt in diesem triebgesteuerten Umfeld allein Rusalka. Barfuß und in ein weites weißes Hemd gekleidet, hockt sie unbeteiligt in der Ecke und sehnt sich fort.

Mit dem Auftritt der Hexe Jezibaba (nicht ohne Schärfe: Gudrun Pelker) und des Prinzen (angenehm wenig forciert: Lars-Oliver Rühl) rückt die problematische, teils plakative Ästhetik der Produktion ins Blickfeld. Während die Hexe mit übertrieben viel Pelz und Perücke durch die Szene wallt, fallen beim Prinzen rasch die Hüllen. Die Regie übersetzt Natur und Natürlichkeit mit Nacktheit; die Zivilisation kommt mit Lippenstift und hohen Hacken daher. Diese allzu naheliegende Lösung wird mit grobem Strich durchgeführt. Die harsche Zivilisationskritik bringt diverse Seltsamkeiten hervor, zum Beispiel eine Putzkolonne in Schutzanzügen, die aussieht, als säubere sie gerade einen havarierten Reaktorblock.

Konträr zu solchen Grellheiten steht die intensive, oft berührend einfühlsame Personenführung. Der dritte Akt endet in einer wahren Farbschlacht: Alles und alle sind befleckt und verschmiert, sei es mit schwarzem Matsch oder mit Blut. Die geschundene Kreatur wiegt sich in traumatisierten Schaukel-Bewegungen. Immerhin gibt es Szenenapplaus für das eindrucksvolle Schlussbild (Bühne: Annett Hunger).

Sanfte Naturklänge, aber auch Pracht und Pomp höfischer Tänze erfüllen die Musiker der Neuen Philharmonie Westfalen mit sinfonischem Glanz. Erneut läuft das Orchester unter der Leitung von Rasmus Baumann zu Hochform auf, zieht viele farbenreiche Klang-Register, ohne sich in den Vordergrund zu spielen. Die Musiker breiten ein feines Netz von Leitmotiven aus, das die Sänger trägt: Darunter Majken Bjerno als verführerische fremde Fürstin, sowie Petra Schmidt, die in der Titelpartie einen großen Erfolg feiert. Mit feinem Gefühl fächert die Sängerin die Seelenwelt der Nixe vor uns auf. Traumverloren besingt sie den Mond, keusch und kühl und innig zugleich. Ihr Sopran kann mädchenhaft hell klingen, entwickelt bei der Darstellung von Schmerz und Leidenschaft aber viel innere Glut. Trotz der physischen Vehemenz, mit der Petra Schmidt sich in das Spiel wirft, verliert ihre Stimme nie das Ebenmaß. Alles klingt wunderbar warm, kultiviert und geschmeidig. An dieser starken Leistung gibt es nichts zu rütteln.

(Der Bericht ist zuerst im Westfälischen Anzeiger erschienen. Weitere Informationen: www.musiktheater-im-revier.de)

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8 Kommentare zu Kleine Nixe mit großer Sehnsucht – Dvořáks Märchenoper „Rusalka“ in Gelsenkirchen

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  2. Jule sagt:

    Hallo Herr Berke,

    Sie wissen doch, dass Opernliebhaber derartige Geräusche (insbesondere wenn absichtlich verursacht wurden) so gar nicht schätzen ;-).

    Sollte der kritikfähige Kritiker denn ein unerfüllbarer Wunsch bleiben?

    Vorschlag zu einem nicht ganz ernst gemeintem Experiment: Ich extrahiere alle m.E un- bzw. missverständlichen Passagen aus bewusster Rezension und Sie schreiben mir intuitiv, wie sie zu verstehen glauben. Der Punkt ginge dann vermutlich an mich ;-).

    Mögen stets klare Gedanken Ihre professionell tippenden Hände führen und präzise Worte hervorzaubern.

    Der Leser / die Leserin dankt,

    Ihre Jule

  3. Bernd Berke sagt:

    Ich belasse es mal bei einem Hüsteln. Sonst drehen wir uns noch im Kreis.

  4. Jule sagt:

    @B. Berke: Danke für die aufschlussreiche Rückmeldung. Leider irrt er hier, ich bin nicht beteiligt oder persönlich verbandelt mit der Produktion.

    Das Schreiben eines Kommentars im Stile einer Kritik lag mir selbstverständlich fern (wir befinden uns in einem Blog!?!) und gewichten können Sie schließlich nicht, da Sie die Stöpplers Inszenierung (noch) nicht gesehen haben. Wohl habe ich von Anfang an alle verfügbaren Kritiken verfolgt und finde meinen persönlichen Eindruck in manchen Hinsicht wieder. Hier ist es leider nur teilweise de Fall, und ich stehe zu meiner Äußerung von vorhin – dies vor allem aufgrund der Wahrnehmung des Zuschauers des Nünberger Tells.
    Stärken und Schwächen der schreibenden Zunft sollten hier kein Diskussionspunkt sein und können gerne an anderer Stelle vertieft werden, meint: Ich möchte hier ausdrücklich keine Rezension rezensieren, wenn Sie möchten, vergleichen Sie einfach mit anderen Pressestimmen. Trotzdem ein kleines Beispiel (allein um Ihrem Vorwurf zu begegnen): „Alles und alle sind befleckt und verschmiert, sei es mit schwarzem Matsch oder mit Blut.“, ist eine unzutreffende Verallgemeinerung. Es stimmt nicht – „alles und alle“?!? Gewiss nicht! Und der „Matsch“ ist schwarze Farbe, mit der Rusalka die Wände und den Boden beschreibt, Gesicht und Haar beschmiert, Matsch ist hier gar nicht gemeint. Und sie ist nicht die einzige, die gar nicht mit Blut in Berührung kommt.

    Aber ich möchte das hier nicht weiter aufdröseln, sie scheinen ja der Kritikerin persönlich nahe zu stehen, und ich möchte niemandem zu Nahe treten ;-).

    Gruß,

    Jule

  5. Bernd Berke sagt:

    @Jule: Weder habe ich die Inszenierung gesehen, noch bin ich überhaupt Opernkenner. Allerdings habe ich zahlreiche Rezensionen der sehr geschätzten Kollegin Anke Demirsoy gelesen und teilweise bearbeitet – vor allem bei der Zeitung, aber auch hier. „Unpräzise Wortwahl“ ist ein haltloser Vorwurf, der gerade hier meilenweit ins Leere zielt. Es gibt wenige Kulturjournalist(inn)en, in deren Texte man so wenig, ja eigentlich gar nicht eingreifen muss.

    Ihre schier grenzenlose Begeisterung hingegen („großartig“, „macht süchtig“, „sensationellen Gesamteindrucks“), sehr verehrte Jule, hätte in solcher Form nicht nur in professionellen Kritiken nichts zu suchen, sondern lässt mich beinahe argwöhnen, dass Sie in irgend einer Form an der Produktion beteiligt sind oder daran Beteiligte gut kennen.

  6. Jule sagt:

    @werner häußner: Ich hoffe, Sie haben Gelegenheit, sich eine Aufführung dieser großartigen Inzenierung anzusehen. Diese Rusalka macht süchtig!!!

    Es mag sein, dass unter dem Einfluss – aufrund einer manchmal leider unpräzisen Wortwahl – der obrigen Rezension ein falscher Eindruck entsteht, lesen Sie daher unbedingt auch andere! das www bietet reichlich Beispiele gelungener Schilderung eines sensationellen Gesamteindrucks. Hier kann man wirklich überhaupt nicht von „überinszeniert“ sprechen, Stöppler hat eine wohltuend klare eindrucksvolle Bildsprache gefunden, die den Zuschauer auch emotional zu berühren vermag.

    Ich wünsche Ihnen, dass Sie es selbst erleben können.

    Einen lieben Gruß,

    Jule

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  8. Werner Häußner sagt:

    Die Kritik scheint mir, wenn ich sie richtige lese, darauf hinzuweisen, dass Elisabeth Stöppler „Rusalka“ ebenso plakativ und hoffnungslos überinszeniert in Szene gesetzt hat wie in Nürnberg „Guillaume Tell“. Schade, dass die begabte Regisseurin auf den szenischen Holzhammer setzt statt ihre Stärken auszuspielen. Was am Ende dabei herauskommt? Haben wir nach dieser „Rusalka“-Inszenierung eine Idee, wer dieses Mädchen sein könnte?

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