Monatsarchive: August 1992

Boshaftes aus dem Sauerland – Bildsatiren von Jochen Geilen in Münster

Von Bernd Berke

Münster. Manchmal, so sagt er, schnüre sie ihm schon morgens beim Aufstehen den Hals zu – diese „Unser-Dorf-soll-schöner-werden“-Mentalität im Sauerland. Dabei ist der Künstler Jochen Geilen ein Kind dieses Landstrichs. Geboren in Olsberg, lebt er seit langem in Winterberg. Es scheint, als habe er auch aus Haßliebe zur Region einen Hang zu Spott und Satire entwickelt. Jetzt widmet ihm das Westfälische Landesmuseum in Münster eine Ausstellung mit rund 230 Arbeiten.

Größtenteils arbeitet Geilen in geradezu altmeisterlicher Manier als Kupferstecher. Er brauche diesen beinahe erotischen Widerstand der Kupferplatte, in die er „sich“ und seine Ideen kraftvoll eingraben könne. Doch dann liebe er auch wieder jene Ausbrüche, die er im Medium der Zeichnung ausleben könne.

Ein Mann mit gemischtem Temperament also. Mal diszipliniert und gediegen, mal spontan und beinahe wild. Und ein Mann mit Qualitätsschwankungen: Bewegt sich Geilen unmittelbar auf politischen Pfaden, so sind sie oft schon etwas ausgetreten. Seine Politikerportrats übertreffen wohl technisch, aber kaum inhaltlich die Standards der Tageskarikatur: Graf Lambsdorff erscheint da als Herrenreiter, Friedrich Zimmermann hebt die berüchtigte „Schwurhand“, Helmut Kohl wird gekrallt und fortgetragen von einem Adler namens Adenauer, Theo Waigel bleckt als Löwe mit buschigen Augenbrauen die Zähne. Nun ja. Man hat schon Boshafteres gesehen.

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Kunst gefällig? Museen verleihen Meisterwerke – Mit Leasing könnten Institute den Etat aufbessern

Von Bernd Berke

Im Westen. Das „Phantom der Oper“ treibt seit Jahren in den Musical-Palasten der Welt sein Unwesen. Jetzt scheint es auch ein „Phantom der Museen“ zu geben – und es betätigt sich vorzugsweise im Ruhrgebiet. Die Rede ist von einem eigentlich pfiffigen Kunst-Leasing-Projekt, dessen Früchte aber noch nicht so recht sprießen wollen.

Zwei Frankfurter hatten die Idee: Ulrich Schanda und Reinhold Brunner (beide 35) dachten sich, es sei doch schade, daß so viele Kunstschätze in Depots vor sich hin dämmern. Statt dessen könne man sie (gegen Gebühr) an zahlungskräftige Kundschaft ausleihen. Beispiel: Ein Bild hat einen Versicherungswert von 100 000 DM. Will z. B. ein Unternehmer es in seine Geschäftsräume hängen, sind davon jährlich 10 Prozent Leihgebühr fällig, macht also 10 000 DM – je 5000 DM würden an die Vermittler Schanda/Brunner und ihre „ulyssis art broking GmbH“ sowie an das Geber-Museum fließen. Die Transportkosten gehen zu Lasten der Frankfurter Broker.

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Zorn und Gelächter – Feuilletons von Eckhard Henscheid

„Die Wolken ziehn dahin, sie ziehn auch wieder her.“ Grandios einfach und irgendwie tröstlich, diese kleine Zeile. Sie war das Prägemuster für den Titel von Eckhard Henscheids neuem Buch. Es ist eine Sammlung seiner Zeitschriftenbeiträge aus den 70er, 80er und beginnenden 90er Jahren.

Die meisten Sachen sind im Satiremagazin „Titanic“ erschienen. Präzise Erscheinungsdaten muß man sich leider mühsam im Anhang zusammensuchen, warum stehen sie nicht direkt beim jeweiligen Artikel? Solche Details tun dem Inhalt keinen Abbruch, erschweren aber die Handhabung ganz unnötig.

Es ist ein Mißverständnis oder gröbliche Vereinfachung zu behaupten, daß Henscheid („Der Mann, der Böll beleidigte“) lediglich Deutschlands Chef-Zyniker sei, der politische und kulturelle Peinlichkeiten gnadenlos geißele, zuweilen auch persönlich beleidigend, unter der Gürtellinie.

Vom ästhetischen Fußball bis zur SPD-Humorkultur 

Das alles kann er auch – den laufenden Schwachsinn entlarven wie kaum ein Zweiter. Doch oft wird sein Zorn, wie diese Zusammenstellung zeigt, schlicht und einfach von Enthusiasmus und Zuneigung befeuert – etwa für den ästhetischen Fußball (das Höchste für ihn: Eintracht Frankfurt zu Grabowskis Zeiten), dessen Zusammenhänge mit literarischer Kultur er in einem herrlichen Aufsatz darlegt, oder für die Oper, die er flammend gegen Mätzchen des Regietheaters verteidigt.

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Es kommen weder bessere noch schlechtere Zeiten – Botho Strauß und seine „Beginnlosigkeit“

Von Bernd Berke

Es dürfte das Buch mit den erlesensten Fußnoten der Saison sein – derart entlegene Werke zitiert Botho Strauß. Und bei manchen seiner Fremdworte helfen nur Spezialhandbücher. Aber sind das schon Qualitäten, Zeichen eines „Sehertums“ gar?

Strauß hat neueste naturwissenschaftliche und kosmologische Forschungen zur Kenntnis genommen – und will, daß daraus Konsequenzen für Literatur und Leben gezogen werden. Sein Befund: Die Zeit der Dialektik (jenes diskussionsfördernden Dreischritts aus These, Gegenthese und vorläufiger „Versöhnung“) sei vorbei. Vorbei auch die Ära des Fortschritts, der Logik, der Ideologien und des „Prinzips Hoffnung“ eines Ernst Bloch (den Strauß ohne Namensnennung als „Roßtäuscher“ bezeichnet).

Immer schon da und ewig verweilend

Was haben wir statt dessen? Den „Steady state“ (letztlich gleichbleibender Zustand), den Strauß aus naturwissenschaftlichen Erkenntnissen herleitet und den er so skizziert: „Nichts beginnt, alles schwebt und weilt.“ Daraus folgt für ihn ungefâhr dies: Paradies wie Hölle sind immer schon dagewesen und bleiben ewig, es kommen weder bessere noch schlechtere Zeiten. Auch gibt es niemals eindeutige Gründe und Folgen, daher ist das Leben kein Fortschreiten, sondern ein stetes Auf und Ab, ein allseits zerstreutes Hin und Her, dessen Unübersichtlichkeit man gelten lassen und nicht durch „Begradigung“ aussichtslos bekämpfen muß. Also: formloser Fleck statt gerader Linie (daher der Untertitel des Buches).

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Ernst Jandl: Auch das Obszöne ist bodenlos traurig

Von Bernd Berke

Wenn Ernst Jandl zu öffentlichen Lesungen erscheint, kommen Zuhörerscharen wie sonst nur bei Popgruppen oder Opernstars. Es wird „Kult“ mit ihm getrieben.

Dem scheint er sich mit seinem neuen Gedichtband „Stanzen“ (Bezeichnung einer Strophenform) zu entziehen. Der Umschlag ist sinnigerweise in der Mitte gelocht, also ausgestanzt. Die Texte muß man sich, einem Wörterverzeichnis zum Trotz, erst einmal erarbeiten. Jandl hat seine Vierzeiler in einer – dem Niederösterreichischen entlehnten – Kunst-Sprache verfaßt, die abermals eher vorgesprochen als still gelesen sein will. Kostprobe samt Übertragungs-Versuch:

de schritt im fuazima / woan ned fun dia / glei bina aussä / s woitat kaana zu mia

(die schritte im Vorzimmer / waren nicht die deinen / gleich bin ich hinaus / doch es wollte keiner zu mir).

Dies Beispiel ist im Original noch relativ gut zu verstehen, bei anderen tut man sich schwerer. Dennoch ahnt man schon hier. welch einen Sprachverlust jeder „Übersetzung“-Versuch zwangsläufig bedeutet. Diese Differenz kennzeichnet Jandls Gedichte zugleich als wahrhaftige Sprach-Kunstwerke. Ohne Form ist hier der Inhalt nichts.

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In einem Lachen kann der Zeitgeist stecken – Rheinisches Landesmuseum in Bonn zeigt Fotografien von Will McBride

Von Bernd Berke

Bonn. Fröhliche Szene im Strandbad. Meint man im ersten Moment. Doch dann blickt man genauer hin, und da heißt das Bild: „Ertrunkenes Mädchen wird geborgen“. Nun sieht man plötzlich auch die fassungslosen Gesichter auf dem 1956 in Berlin aufgenommenen Foto. So ist das bei Will McBride. Seine Bilder bleiben oft im Bewußtsein stecken wie ein Pfeil.

McBride, dem Bonn jetzt eine Überblicks-Ausstellung widmet, war US-Soldat in Nachkriegsdeutschland. Er blieb hier, sah mit Sympathie und Distanz, wie das Land sich veränderte. Er wohnte vor allem in Berlin und Frankfurt. In beiden Städten wehte der Zeitgeist früher und heftiger als andernorts. Besonders zur Zeit der Studentenrevolte.

Vorformen des speziellen „68er-Gefühls“, jener kaum definierbaren Aufbruchstimmung, sind bereits in McBrides Bildern aus den späten 50er Jahren zu spüren – als hätte er Vorahnungen gehabt. Dabei war es „nur“ der präzise Blick, auch bei scheinbar ganz privaten Anlässen (Fluß-Fete „Riverboat Shuffle“, 1959). Das Lachen eines jungen Mädchens erzählt da mehr vom erhofften Durchbruch zur Freiheit as ganze Aufsätze. Dazu würde schon eher die Musik der „Doors“ als von Elvis passen.

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Alarm-Signale aus dem Museum Bochum: Das Geld reicht überhaupt nicht mehr

Von Bernd Berke

Bochum. Museumsleiter Dr. Peter Spielmann fühlt sich unter Druck gesetzt: „Andauernd verlangen die Politiker, wir sollten spektakuläre Ausstellungen zeigen. Die Besucherschlange soll möglichst bis zum Rathaus reichen. Ständig hält man uns als leuchtende Beispiele Van Gogh in Essen und die ,Terrakotta-Armee‘ in Dortmund vor.“ Und das alles, wo doch eben diese Politiker den jährlichen Ausstellungsetat bei 150 000 DM eingefroren hätten.

Mit diesem Betrag sei kein Auskommen. Bochums Museumschef, fast verzweifelt: „Immer mehr Leihgeber verlangen inzwischen Gebühren und Begleitschutz für den Kunsttransport.“ Den aber erledigt die Polizei seit einiger Zeit nicht mehr. Folge: Man müsse teure private Sicherheitsdienste anheuern. Und damit stecke man vollends im Teufelskreis: Kein Geld für spektakuläre Ausstellungen – das heiße, daß man bei Leihanfragen fast nur noch Absagen kassiere. Spielmann: Nur wer in der Museums-„Bundesliga“ sei, werde noch berücksichtigt.

Als hätte es eines Beleges für die Finanzknappheit noch bedürft, präsentierte Spielmann als neue Ausstellung seines Hauses erneut „nur“ eine quasi kostenfreie Zusammenstellung aus Eigenbesitz – ohne Katalog, nur mit Handzetteln zur Kurzinformation.

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