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Wenn Bin Laden noch leben würde – Leon de Winters Roman „Geronimo“

Dieser Roman könnte Stoff für Verschwörungstheorien liefern: Demnach ist Osama bin Laden nicht am 2. Mai 2011 von Eliteeinheiten der CIA in seinem Unterschlupf im pakistanischen Abbottabad umgebracht worden, sondern bei dieser Geheimdienstoperation ist ein Doppelgänger gestorben.

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In Leon de Winters Roman „Geronimo“ (Codename für die Ergreifung von Bin Laden) lebt der Chef der Terrororganisation Al Kaida weiter, allerdings an einem von Militärs streng abgeschirmten Ort. Die USA und ihre Verbündeten möchten doch noch mehr über den Mann selbst, islamistische Gruppierungen sowie ihre Hintermänner in Erfahrung bringen. Es geht auch um einen geheimnisvollen USB-Stick. Der wiederum soll Informationen enthalten, dass der (scheidende) Präsident Obama in Wirklichkeit Muslim ist und nicht dem Christentum angehört.

Mal abgesehen von der Frage, wie geschickt es sich anlässt, gerade die religiöse Identität Obamas, die Rechtspopulisten immer wieder gern als Zielscheibe nutzen, in den Handlungsverlauf einzubeziehen, wirkt diese Episode auch sehr aufgesetzt und fügt den ohnehin schon zahlreichen und teils auch verwirrenden Handlungssträngen noch einen weiteren hinzu. Zudem lässt Leon de Winter auch vollkommen offen (wenn er denn schon bin Laden überleben lässt), wie es denn dann mit dem einst meistgesuchten Mann der Welt weitergegangen ist.

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„Eine Jugend in Deutschland“ am Schauspiel Essen: Ein Projekt, das zu viel will

SCHAUSPIEL ESSEN: "Eine Jugend in Deutschland - Krieg und Heimke

Foto: Thilo Beu

Die Idee hat schon viel Wahnsinniges: den Ersten Weltkrieg auf die Bühne zu bringen und noch dazu die Bundeswehr-Einsätze in Afghanistan; die Autobiografie des jüdischen Autors und Verdun-Kämpfers Ernst Toller zu inszenieren, verknüpft mit den Schicksalen aus Afghanistan heimkehrender Soldaten. Regisseur Moritz Peters und Dramaturgin Carola Hannusch haben es am Essener Schauspiel gewagt. „Eine Jugend in Deutschland – Krieg und Heimkehr 1914/2014“ erlebte am Samstag die Uraufführung.

Das Stück hat Projekt-Charakter, ist eher Collage denn Drama: als Text-Vorlagen dienen neben der Autobiografie Tollers auch Briefe, Reden, Erlebnisberichte oder Interviews.

Die Drehbühne rotiert wie das Rad der Geschichte, immer wieder wechseln die sieben Schauspieler ihre Identität, werden von den Zeitgenossen Tollers zu Bundeswehr-Soldaten heute. Es schälen sich Geschichten und Schicksale heraus: Da ist die Ärztin, die in Afghanistan die Opfer eines Selbstmordattentäters versorgen musste. Die Fahrerin, die ein Kind überfuhr. Der Soldat, der den Tod eines Kameraden nicht verhindern konnte. Nach ihrer Rückkehr leiden sie an PTBS, der posttraumatischen Belastungsstörung. Alle Strategien, damit klarzukommen, haben eines gemein: Jeder kämpft für sich allein, die Trauma-Bewältigung bleibt Privatsache. „Wenn ich schon nicht vergessen kann, will wenigstens ich vergessen werden“, sagt einer der Rückkehrer.

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Gefährliche Abenteuer am Hindukusch: Linus Reichlins Roman „Das Leuchten in der Ferne“

Es ist eines dieser Bücher, die den Leser schon nach wenigen Zeilen fesseln, weil die Geschichte einfach unglaublich klingt. So mag man Linus Reichlins Buch „Das Leuchten in der Ferne“ nicht eher aus der Hand legen, bis das Schicksal des alternden Kriegsreporters Moritz Martens geklärt ist.

Einmal Hasardeur, immer Hasardeur: Der Auslandsjournalist lässt sich auf eine Reise nach Afghanistan ein, die ihm eine Reportage über eine Geschichte einbringen soll, mit der er seinen Namen wieder aufpolieren könnte. Im Land am Hindukusch hat sich angeblich ein Mädchen in Jungenkleidern einem Trupp von Taliban angeschlossen und es besteht die große Gefahr, dass der Schwindel auffliegt. Da sie wegen ihres Geschlechts Nachteile in der Ursprungsfamilie fürchtet, ist das Mädchen getürmt und sieht in den marodierenden Banden ihre große Chance.

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Martens‘ Sensationsgier trübt allerdings seinen Spürsinn und so fallen ihm die kleinen Unebenheiten der Geschichte, die ihm seine neue Bekannte Mirjam (deren Vorfahren angeblich in Afghanistan lebten) serviert, zunächst einmal gar nicht auf. Erst als er in der Transall nach Feyzabad sitzt, mehren sich die Ungereimtheiten, doch da ist es für eine Umkehr zu spät.

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Lebenslust – im Krieg?

Krieg – die Hölle auf Erden? Trotzdem verpflichten sich Jahr für Jahr junge Menschen weltweit als Soldaten. In „Embedded – ein Jahr Afghanistan“ forscht Regisseur Jonas Fischer auf der stimmungsvollen Unterbühne des Theater Dortmund ihren Motiven nach und stürzt die Zuschauer in den Ausnahmezustand.

Dunkelheit. Romantische Gitarrenmusik. Worte ausgerechnet aus der Feder Ernst Jüngers, der von dem Zerreißpunkt eines jeden Menschen raunt, vom Flüstern der Wildnis. Zwei Männer legen Kleidungsschicht für Kleidungsschicht wie eine Rüstung an, feierlich, bedeutungsschwer – der eine Journalist, der andere Soldat.

Zahlreiche Kriegsreportagen hat Regisseur Jonas Fischer ausgewertet und aus den Versatzstücken nun eine Meta-Realität gepuzzelt: Die eines Reporters (Ekkehard Freye), der ein Jahr lang amerikanische Soldaten (allesamt gespielt von Randolph Herbst) im brandgefährlichen afghanischen Korengal-Tal begleitet.

Frappantes Anti-Paradies

Gitarristen, Drogendealer, Boxer, Radaubrüder waren diese jungen Männer – jetzt sind sie perfekte Soldaten, die in dreckigen Hütten auf das nächste Feuergefecht warten. In kurzen Sequenzen beleuchtet Jonas Fischer ihren Alltag in diesem „frappanten Anti-Paradies, in dem es nichts zu tun gibt, außer zu töten und zu warten“: Die unerfüllten sexuellen Sehnsüchte, die stumpfsinnige Langeweile, Hoffen und Bangen angesichts des nächsten Angriffs.

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„Der Drachenläufer“: Im Land der Finsterlinge

Drachen steigen lassen und dem Geflatter hoch dort oben zuschauen – welch unschuldiges Spiel der kleinen Freiheit. Doch selbst das haben die Taliban seinerzeit in Afghanistan untersagt.

Damit sind die Sympathien natürlich gleich klar verteilt. Wer immer sich gegen derlei religiös bemäntelten Wahn auflehnt, gehört fraglos zu den Guten. Marc Forster („Monster’s Ball”) hat Khaled Hosseinis internationalen Buchbestseller „Der Drachenläufer” verfilmt und tut sich schwer, angesichts dieser Ausgangslage einen Spannungsbogen zu erzeugen.

Erzählt wird die Geschichte zweier Menschen, die wir anfangs 1978 als kleine Jungs in den Straßen von Kabul kennenlernen – noch vor der sowjetischen Invasion in Afghanistan. Da überwiegen noch „westliche” Sitten. Man tanzt, trinkt und flirtet. Amir und Hassan heißen die ungleichen Freunde. Amir ist Sohn eines wohlhabenden, freidenkerischen Vaters. Hassan ist gleichsam als Diener und überdies als Angehöriger einer weithin verachteten ethnischen Minderheit ins Haus gekommen.

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