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Eine Sprache für den Alptraum finden: Thomas Ostermeier dramatisiert Édouard Louis´ Roman „Im Herzen der Gewalt“

Gerade war Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier mit seiner Bühnenfassung von Didier Eribons Erfolgs-Roman „Rückkehr nach Reims“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen, da stürzt er sich schon wieder auf einen französischen Autor. Diesmal hat er sich „Im Herzen der Gewalt“, den autobiografischen Roman von Édouard Louis vorgenommen, mit dem der erst 25-jährige Schriftsteller für literarische Furore sorgte.

Szene mit (v. li.) Laurenz Laufenberg, Renato Schuch und Alina Stiegler. (Foto: Arno Declair)

Szene mit (v. li.) Laurenz Laufenberg, Renato Schuch und Alina Stiegler. (Foto: Arno Declair)

Beide, Louis und Eribon, beschäftigen sich mit Gewalt, Homophobie, Rassismus, schreiben über die „soziale Scham“ schwuler Intellektueller, die aus ärmlichen Verhältnissen aus der französischen Provinz nach Paris geflohen sind, um sich neu zu erfinden. Doch sie schämen sich permanent ihrer Herkunft und Vergangenheit.

Es ist Heiligabend, Louis hat sich gerade mit Eribon und anderen Freunden getroffen und Geschenke ausgetauscht. Jetzt ist er auf dem Heimweg, da spricht ihn ein Mann an, Reda, ein in Frankreich geborener Kabyle. Die beiden kommen ins Gespräch, schließlich nimmt der Autor den Fremden mit in seine Wohnung. Sie schlafen miteinander, doch dann wird die Romanze schlagartig zum Alptraum, als Édouard bemerkt, dass sein Handy futsch ist und sein iPad in Redas Manteltasche steckt. Der als Dieb verdächtigte Reda rastet aus, er würgt Édouard mit einem Schal, bedroht ihn mit einem Revolver und vergewaltigt ihn.

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Barfuß durch die Scherben: Armin Petras zerlegt in der Schaubühne Frank Witzels Roman zur “Erfindung der Roten Armee Fraktion…”

Für seinen Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ wurde Frank Witzel 2015 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Der Autor vermischt die Geschichte eines Heranwachsenden in der hessischen Provinz mit der minutiösen Rekonstruktion der alten Bundesrepublik.

Das Buch bewegt sich zwischen reaktionärem Bewahren und jugendlichem Aufbruch, dumpfer Schlagerseligkeit und musikalischer Rebellion. Politik, Pubertät und Pop: genau das Richtige für einen Bühnen-Berserker wie Armin Petras, der jetzt (in Kooperation mit dem Schauspiel Stuttgart) an der Berliner Schaubühne eine Adaption des Romans inszeniert hat.

Ein veritables Text-Massaker

Petras rückt dem monströsen 800-Seiten-Roman mit der Kettensäge zu Leibe und richtet eine Art Text-Massaker an, dampft das irrlichternde Sprach-Gewitter und Theorie-Ungetüm auf ein paar spielbare Dialoge und Szenen ein. Alle Exkurse zu Psychoanalyse, Literatur und Poststrukturalismus, zu Freud und Nietzsche, Camus und Derrida werden ausgeblendet.

Wolkige Szene mit (v. li.) Peter René Lüdicke, Paul Grill und Tilman Strauß. (Foto: Thomas Aurin/Schaubühne)

Wolkige Szene mit (v. li.) Peter René Lüdicke, Paul Grill und Tilman Strauß. (Foto: Thomas Aurin/Schaubühne)

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Monströser Machtmensch: Lars Eidinger brilliert als “Richard III.” in Berlin

Er trägt einen umgeschnallten riesigen Buckel, eine starre Halskrause und ein enges Korsett. Mit einem Klumpfuß watet er durch Ströme von Blut, stakst mit finsterer Miene durch ein fieses Ränkespiel. Er grinst und greint, schreit und sabbert.

Mit seinem Lederkopfverband erinnert er an den Kannibalen Hannibal Lecter. Und wenn er in das vom Bühnenhimmel herab hängende Mikrofon seine machthungrigen und mordgierigen Fantasien hinein säuselt, erkennt man, dass er eine blinkende Zahnspange trägt: Dieser missgestaltete Mann, bei dessen Vorbeigehen selbst die Hunde sich ängstlich abwenden und kläglich bellen, ist ein wirklich grässliches Monster in Menschengestalt.

Lars Eidinger als Shakespeares "Richard III." (Foto: Arno Declair)

Lars Eidinger als Shakespeares “Richard III.” (Foto: Arno Declair)

Er ist das Böse, das sich im Recht wähnt, weil die Natur ihm Unrecht getan hat. Weil er nichts hat, nimmt er sich alles. Mit „Richard III.“ ist Shakespeare hinabgestiegen ins Reich der Finsternis, zeigt er doch, wie bereitwillig sich die Menschen jener Kraft unterwerfen, die weiß, was sie will und keine Skrupel kennt, um zu erreichen, was ihr – nach eigenem Verständnis – zusteht. Und so wie Lars Eidinger diesen verkommenen Machtmenschen und gewissenlosen Menschenschlächter jetzt an der Berliner Schaubühne verkörpert, lässt es einen das Blut in den Adern gefrieren.

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“Der geteilte Himmel”: Wie Armin Petras an der Schaubühne Christa Wolfs Erzählung skelettiert

Seit Regisseur und Intendant Armin Petras vom Berliner Maxim-Gorki-Theater ans Stuttgarter Staatstheater wechselte, ist er zum Berufspendler geworden. Ständig sitzt er mit dem Zug, um seine in Berlin lebende Familie und seine in der Hauptstadt wohnenden Künstler-Freunde zu treffen. Dabei muss ihm unterwegs seine Taschenbuch-Ausgabe von Christa Wolfs Erzählung „Der geteilte Himmel“ (dtv, 238 S., 7,90 Euro) abhanden gekommen sein.

Petras hat dann scheinbar, ohne noch einmal genauer in das 1963 veröffentlichte Buch zu schauen, seine mit flinker Hand hingeworfene Theaterfassung des legendären Prosastoffes erst aufs Papier geworfen und dann an der Berliner Schaubühne inszeniert. Christa Wolfs Erzählung, die – wie keine andere – sich mit der Zeit des Mauerbaus auseinander setzte und vor dem Hintergrund einer aussichtslosen, tief-traurigen Liebesgeschichte das deutsch-deutsche Dilemma auf den bitteren politischen und emotionalen Punkt brachte, ist dabei auf der Strecke geblieben.

Szene mit Jule Böwe (Foto: Dorothea Tuch/Schaubühne)

Szene mit Jule Böwe (Foto: Dorothea Tuch/Schaubühne)

Was der Zuschauer, der die literarische Vorlage kennt und schätzt, zu sehen bekommt, ist eine bis aufs Skelett ausgeweidete und auf ein paar Motive reduzierte Kurzfassung, denen Petras jede politische Dringlichkeit und jede menschliche Wärme ausgetrieben und in ein ort- und zeitloses Nirgendwo verbannt hat.

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Heilsbringer in der Waschmaschine – Michael Thalheimer inszeniert “Tartuffe” an der Schaubühne

Endlich haben alle begriffen, dass der als Heilsbringer verehrte Herr Tartuffe nur ein Heuchler ist. Ein Scharlatan, der sich in religiöser Verzückung kurios verbiegen kann und sich in leidender Jesus-Pose gefällt.

All die auf die Haut tätowierten Bibelverse und das Gerede von Schuld und Erlösung können irgendwann nicht mehr vertuschen, dass Tartuffe nur ein geldgieriger Raffzahn und notgeiler Lüstling ist, der die Familie Orgon in den Ruin treiben und es mit der Frau des Hauses treiben möchte. Plötzlich beginnt die kleine Welt der Orgons ins Rutschen zu kommen. Und die Bühne, eben noch eine mit Blattgold verzierte Mönchszelle, rotiert wie eine enthemmte Waschmaschine.

Orgon (Ingo Hülsmann, li.) und Tartuffe (Lars Eidinger). (Bild: Katrin Ribbe/Schaubühne)

Orgon (Ingo Hülsmann, li.) und Tartuffe (Lars Eidinger). (Bild: Katrin Ribbe/Schaubühne)

Das Unterste wird nach oben gekehrt, die Menschen fliegen durcheinander. Nichts und niemand gibt ihnen mehr Halt. Schon gar nicht jener feist grinsende Herr Tartuffe, der – so will es Regisseur Michael Thalheimer – zum bitterbösen Ende hin nicht verhaftet wird, sondern die Familie Orgon einfach vor die Tür setzen lässt.

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