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Bochum total voll

Nach dem gelungenen Auftakt am Donnerstag feierten Zigtausende gestern TGiF* im Bermuda-Dreieck. Die Schulferien hatten begonnen, der Regen vorerst beendet, bekannte Acts warfen ihre Schatten voraus – nie in den vergangenen 25 Jahren war Bochums Innenstadt so voll.

Die Enge besonders an den Zu- und Abgängen war zeitweise grenzwertig. Genauso hatte ich es mir bei Bochum Total vorgestellt. Der Freitag hatte einen Headliner, den die Veranstalter als solchen lange nicht erkannt haben. Der Bielefelder Rapper Benjamin Griffey aka Casper.

Casper, EIns-Live Bühne, 22.07.2011

Sein Anfang Juli veröffentlichtes Album XoXo schaffte es schnell an die Spitze der Charts, plötzlich kennt ihn jeder, namhafte Feuilletons interpretieren seine Stücke und erfinden ver-casper-te Wortspiele. Alle reden über den „Überraschungserfolg“, auch der Veranstalter. Man hätte sich vielleicht vorher mal informieren sollen – in der Altersgruppe der 14-20jährigen. Dort ist Casper schon länger ein Star, das Album wurde ungeduldigst erwartet, die Zahl der Vorbestellungen bei Amazon sprach für sich. Sein früheres Album „hin zur Sonne“, längst vergriffen, erzielte Mondpreise bei Ebay, eine Karte für den geplanten Auftritt in Dortmund im Herbst zu bekommen, glich einer Zitterpartie.

Dass Massen strömen würden am Bo-To Freitag, vor allem Massen von konzertunerfahrenen Besuchern, war zu erwarten. Natürlich dachte so mancher an die Worte der Bochumer Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz, die bei der Absage der Loveparade in Bochum damals erklärte, dass Bochum Total das Äußerste sei, was ihre Stadt stemmen könne. Und auch den Massenandrang am Freitag haben sie gut gemeistert. Es war zwar streckenweise kein Vor-und Zurückkommen mehr, Teenies mussten aus der Masse herausgezogen werden, das Handynetz brach zusammen. Aber Polizei und Ordner waren gut präsent, ordneten und beruhigten besonnen, die Security vor der Bühne reichte Wasser durch und hatte kein Nachsehen mit jugendlichen Stage-Divern, die sich auf Händen nach vorne durchreichen liessen. Die Ansagen von der Eins-live Bühne taten ein Übriges, dass alles gut ging.

Die von uns gehörten Konzerte im einzelnen. Auf der Pottmob-Bühne:
Pottmob-Bühne, 22.07.2011

Benzin: Klarer, gradliniger deutscher Punkrock „fürs Volk“. Die sympathischen Jungs begeisterten nicht nur ihre noch recht überschaubare Fangemeinde, sondern auch den neugierigen Konzertbesucher. ( Neugierig bin ich im übrigen auch, was den „Gießkannentanz“ angeht. Wäre reizend, wenn mir das jemand erklären könnte…. )

 

 

Pottmob-Bühne, 22.07.2011

Kellermensch: In ihrer Heimat Dänemark auf dem Weg zum ganz großen Erfolg,in Deutschland noch eher als Geheimtipp gehandelt. Einer ihrer ersten Live-Auftritte in Deutschland nun bei Bochum Total, zeitgleich mit Casper. Ihr Publikum hatten sie aber schnell gefunden und begeistert. Einem Genre kann man die Combo nicht zuordnen, der Stilmix ist eigenwillig und läßt Genre-Grenzen ineinander fliessen.

 

 

Auf der Eins-live Bühne:

Casper: Begann sinnigerweise mit „der Druck steigt“ und war schnell eins mit seinem begeisterten Publikum. Fast schien es, als könne er selbst noch nicht fassen, welche Massen ihm da zujubeln. Sie singen jedes Wort mit und sind mehr als gerne bereit, mit ihm zusammen dem Bassisten einen „400-Euro-Job“ zum Geburtstag zu schenken. Die Frage, ob Casper wirklich den deutschen HipHop neu zu erfinden in der Lage ist, vermag ich nicht zu beantworten. Ich frage mich allerdings, ob er  das überhaupt will. Mein Eindruck ist, dass er in diesem Genre neue, eigene unverwechselbare Akzente setzt und sich auch über seine sorgfältigen Texte definiert. Vor allem aber ist er ein Star, der die klassische Ochsentour gegangen ist und von seinem Publikum und nicht von einer Casting-Show entdeckt wurde. Von daher gönnen wir ihm und seinen jungen Fans, dass ihr Star weiter so „unzerbrechlich“ seinen Weg „hin zur Sonne“ findet.

Jupiter Jones: Gerne hätten wir mehr mitbekommen vom angekündigten Headliner. Jedoch – der beschriebenen Enge geschuldet – verfolgten wir das Konzert eher aus weiter Ferne. Den Vieren, die sich nach einer Figur aus die drei ??? benannt haben, fiel die für eine Punk-Rock-Band ungewöhnliche Aufgabe zu, die Massen in ruhigere Bahnen zu lenken. So spielten sie zunächst ruhigere, gradlinigere Stücke und gaben direkt zu Beginn die Parole aus: Passt aufeinander auf, kein Pogo, kein Klettern und entließen das Bochumer Publikum nach dem friedlich gefeierten Konzert schliesslich mit „Wenn alle die Augen aufhalten und aufeinander Acht geben, ist die Welt schon ein wenig besser. Das ist mehr, als Ihr Euch vorstellen könnt“ in die Off-Stage Partys.

Glückliche Fans nach den Konzerten

 

Das Bochum Total Festival dauert noch bis Sonntag Abend. Auf das Publikum warten u.a. the Frits, Thomas Godoj, Frida Gold, M. Walking on the Water und Kettcar.  EInzelheiten unter  bochum.total.de

Fotos B. Langhoff,  vom Casper Konzert mit Dank ©CarenSpleiter

* Thank God, it’s Friday

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7 Antworten zu "Bochum total voll"

  1. Britta Langhoff sagt:

    zu 1) Mit einigen Tagen Abstand bin ich geneigt, Deinen Überlegungen zum Teil zuzustimmen. Das veränderte Bühnenkonzept tat sicher ein Übriges. Es wäre wirklich wünschenswert, dies nochmal zu überdenken und die „Indie-Bühne“ wieder aufleben zu lassen. Diese zog in der Tat auch immer das „“Ich- kenn-eh-keine-Band-will nur-mal-gucken-Publikum” an. Die von Bo-To veröffentlichten Zahlen belegten übrigens, dass der Freitag der besucherstärkste Tag war. Und ich bleibe bei meinem Eindruck, dass die Veranstalter von der Casper-Popularität überrascht worden sind.

    zu 2) Mit der Einordnung in die Genres tu ich mich immer schwer. Belehrungen sind da jederzeit – ernsthaft – willkommen.

    Freuen wir uns auf Bochum-Total 2012.

  2. Britta Langhoff sagt:

    Ehrlich gesagt – ich auch. In meinem Schubladendenken ist das Rock – und fertig…

  3. Bernd Berke sagt:

    Durch den Zeitstempel des Berichts ist klar (oder sehr schnell zu klären), auf welche konkreten Tage sich die Angaben beziehen.

  4. Hans Hermann Pöpsel sagt:

    Eine kleine Anmerkung: In Net-Blogs solche Begriffe wie „gestern“ oder „morgen“ zu benutzen, scheint mir sehr fragwürdig. Da muss man sein Denken aus Print-Zeiten umstellen.

  5. […] Total voll (Revierpassagen) – Über das Musikfestival Bochum […]

  6. Spieler7 sagt:

    Man sollte den Begriff „Punk“ auch nicht zu streng sehen. Du würdest ihn wahrscheinlich auch den Hosen absprechen… ;-)

  7. michaalb sagt:

    Treffender Bericht. Nur in zwei Punkten möchte ich widersprechen.

    1) Vom Gefühl her möchte ich behaupten, dass es gestern bei BoTo nicht voller war als sonst auch. Man hat diesmal einfach das Bühnenkonzept geändert. Früher fanden die „Kinderkonzerte“ (damit meine ich die Bands, die vor allem Teenies anziehen) auf der vorderen Bühne des Südrings statt. War dann abends doof, da dort ein dicker Knoten direkt zwischen Hbf und dem Festival war. Diesmal hat man diese „Teeny-Magneten“ auf die Bühne am Ende des Südrings verlagert – grundsätzlich logisch, nur strömte so das gesamte „Ich- kenn-eh-keine-Band-will nur-mal-gucken-Publikum“ mit der Masse mit bis zur 1Live-Bühne und bis zu dem Punkt, wo es dann nicht mehr vorwärts, rückwärts und seitwärts ging und man einfach feststeckte.
    Mein Eindruck vom neuen Bühnenkonzept: Funktioniert so leider auch nicht richtig, da fast alle Besucher bei BoTo aus einer Richtung vom Hbf drängen und dann irgendwann in der stehenden Menge festhängen.
    Außerdem finde ich es sehr schade, dass es dieses Jahr nicht mehr die kleine „Indie-Rock-Bühne“ direkt am Bahndamm gibt. Da konnte man früher immer sicher sein, gute Musik und gute Musik-Fans zu finden, da sich das „Guck-Publikum“ nicht dorthin verirrte.

    2)Der Genrebegriff „Punkrock“ wird zur Zeit arg strapaziert – und ich würde dort weder „Benzin“ noch „Jupiter Jones“ einordnen. Das ist halt deutscher Rock oder Rock/Pop – und nur weil die meisten Stücke mit einem Gitarrenriff beginnen, ist das noch kein Punk.

    Wie auch immer – es war gestern mal wieder ein schöner BoTo-Erlebnistag – und mit den drei Konzerten, die ich gesehen habe (Benzin, Kellermensch und Boyhitscar) war ich sehr zufrieden. Keine Erweckungserlebnisse, aber dafür drei solide Bands mit korrekter Mucke für lau. Was will man mehr?

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