Über Bücher reden, die man nicht kennt

Für die etwas edleren Anlässe könnte es ein nützlicher Leitfaden sein. Der französische Literaturprofessor Pierre Bayard weist uns in eine Kulturtechnik ein, die viele schon immer beherrschen wollten. Sein Buch heißt klipp und klar „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat.”

Nun ist der Monsieur, wie gesagt, Professor. Er bietet keine Larifari-Ratschläge an. Mit hochkarätigen Beispielen aus der Literatur beweist er Schritt für Schritt, dass Lektüre eine sehr relative Angelegenheit ist. Am Rande: Ich habe sein Buch komplett gelesen. War’s vergeudete Lebenszeit?

Die Lektionen beginnen mit dem Romancier Robert Musil. Der ließ im Jahrhundertwerk „Der Mann ohne Eigenschaften” einen Bibliothekar auftreten, welcher angesichts der schier unendlichen Masse möglichen Lesestoffs just nur noch wenige, streng ausgesuchte Bücher las. Welche? Nur noch die, die ihm „Überblicks-Wissen” boten, mit dem man alle ungelesenen Bücher souverän einordnen und bewerten kann.

Völlig ohne Anstrengung geht’s also nicht. Man muss etwas gelesen haben, um danach über Ungelesenes reden zu können. Doch es drängt sich diese etwas frivole Schlussfolgerung auf: Romanführer oder Rezensionen bringen schnelleren Bescheidwisser-Effekt als lästig lange Originalwerke. Da genügt es, wenn man flott querliest. Bestenfalls.

Auch der berühmte französische Lyriker Paul Valéry wird in den Zeugenstand gerufen. Dieser Dichter hat umfangreiche Aufsätze und Nachrufe ganz bewusst ohne Kenntnis der jeweiligen Werke verfasst. Ein paar Seiten Marcel Proust („Auf der Suche nach der verlorenen Zeit”) reichten ihm, um über dessen schriftstellerisches Verfahren so zu dozieren, dass es halbwegs kundig klang. Probate Methode: Man schlägt irgend eine beliebige Seite auf – und findet überall eine typische Essenz des Autors.

Weiter geht’s mit Lernschritten anhand von Umberto Eco („Der Name der Rose”), Shakespeare und Montaigne („Essais”), der jede Lektüre so rasch vergaß, dass sein Lesen bald dem Niemals-Gelesenhaben glich. Daraus folgert Bayard, dass man erst gar keine Gewissensbisse haben soll, wenn man ein Buch nicht kennt. Man vergisst es ja eh.

Sodann betrachtet der Professor mehr oder weniger knifflige Gesprächssituationen, in denen literarische Kenntnisse gefragt sein könnten. Frech gewagt ist halb gewonnen, ermuntert uns Bayard – in schlau eingefädelten, doch etwas weitschweifigen Übungen.

Wenn wir über Literatur sprechen, hat ohnehin jeder sein eigenes, höchst fragmentarisches „Phantombuch” im Sinn. Eben das macht Gespräche ja anregend. Und wenn man den fraglichen Band gar nicht goutiert hat, macht das nichts. Im Gegenteil: Dann hat man sogar noch mehr Freiheiten beim Reden.

Auch die klügsten Gesprächspartner wissen längst nicht alles – genau wie wir selbst. Bildungslücken hat jeder, man muss sie beim Plaudern nur geschickt und selbstbewusst umschiffen. Willkür-Beispiel, nicht von Bayard: Einfach mal keck behaupten, dass Günter Grass ein Stümper ist. Wenn Widerspruch kommt, wird einem schon eine Replik einfallen. Es reicht ja, wenn man Grass mal im Fernsehen erlebt hat und von der Person aufs Werk schließt. Falls das nicht wirkt? Geordneter Rückzug mit „wissendem” Lächeln…

Die Rezepte taugen auch für Berufskritiker. Honoré de Balzac hat es im Journalisten-Roman „Verlorene Illusionen” gültig vorexerziert. Ein wendiger Rezensent preist und verreißt dort nach Gutdünken – ohne jemals in die Bücher geschaut zu haben. Das Ganze erweist sich als zynisches Spielchen um Macht und Einfluss. Wer „das Sagen hat”, kann jeden Unfug in die Welt setzen. Hat da jemand „Literaturpapst” gerufen?

Zwischendurch funkelt es auch schon mal ironisch, doch im Grunde meint Bayard es ernst. Erst recht am Ende, wenn es sinngemäß heißt: Jedes Buch ist letztlich nur Anstoß für ein Gespräch über uns und unser Leben. Man soll sich deshalb nicht sklavisch an Texte halten, sondern selbst schöpferisch werden. Klingt doch human.

Pierre Bayard „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat.” Kunstmann Verlag, 220 Seiten, 16,90 Euro.

Bayard ist nicht nur Literaturprofessor in Paris, sondern auch seelenkundiger Psychoanalytiker. Sein Buch war in Frankreich ein Bestseller und erscheint jetzt gleich in dreizehn Ländern.

Ein prägnantes Zitat aus dem Buch stammt vom Schriftsteller Oscar Wilde, der empfahl, sich höchstens zehn Minuten mit einem Buch zu befassen: „Um Lage und Wert eines neuen Weines zu bestimmen, braucht man kein Fass leerzutrinken.”

Bild: der Autor Pierre Bayard (Kunstmann-Verlag)

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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