Mein Onkel, der Tüftler, Daimler-Benz, Hotzenblitz und die Bereitschaft zur Innovation

Die deutsche Autoindustrie ist bekanntlich in Verruf und Verzug geraten. Euphemistisch ist von „Schummeleien“ die Rede, wo man wohl von Betrug reden müsste, von offenkundigen Kartellabsprachen mal ganz abgesehen.

Frühes deutsches Elektroauto: der Hotzenblitz "Buggy", produziert von 1993 bis 1996. (Foto von 2011: F. Rethagen/Wikipedia - Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)

Frühes deutsches Elektroauto: Hotzenblitz „Buggy“, in Miniserie produziert von 1993 bis 1996. (Foto von 2011: F. Rethagen/Wikimedia Commons – Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)

Überdies drohen die bislang auf dem Weltmarkt so überaus präsenten deutschen Konzerne den technischen Anschluss zu verlieren, wenn es um Elektromobilität und andere, womöglich zukunftsträchtige Antriebe geht. Sollten die erfolgsverwöhnten Firmen etwa unbeweglich und innovationsfeindlich sein?

Verbesserungsvorschläge unterbreitet

Warum ich das Thema hier aufgreife? Nun, mein vor einigen Jahren verstorbener Onkel Josef (genannt „Jupp“), der übrigens ein grundanständiger Mensch gewesen ist, hat sich – neben seinem Beruf bei einer Versicherung – vielfach als Tüftler betätigt und sich immer mal wieder kleine Erfindungen ausgedacht. Leider wohnte er in Frankfurt/Main und man traf sich nur selten. Sonst hätte ich mir in dieser Hinsicht gerne mehr von ihm abgeschaut.

Wie auch immer. Als ich seinen Nachlass gesichtet habe, fand ich darunter auch ein paar Briefwechsel mit Firmen bzw. Institutionen (z. B. Patentstelle der Fraunhofer-Gesellschaft), denen er Ideen und Verbesserungsvorschläge angeboten hat. Jetzt habe ich diese Papiere beim Aufräumen noch einmal durchgesehen. Und ich fand den Inhalt aus aktuellem Blickwinkel stellenweise recht interessant.

Wenn der Mercedes-Stern aufleuchtet

So hat er im Juli 1998 der Daimler-Benz AG eine offenbar bis ins Detail durchdachte Neuerung unterbreitet, die das dritte Bremslicht betraf. Mit LED-Technik wollte er bewirken, dass dort bei jedem Bremsvorgang der Mercedes-Stern aufleuchtete. Zugegeben: keine grundlegend notwendige Erfindung fürs Automobil, vielleicht aber tatsächlich eine effektive Werbemaßnahme. Mein Onkel in seinem Schreiben an Daimler-Benz:

„Die dritte Bremsleuchte dient dann nicht mehr nur der Sicherheit, sie dient zugleich der Werbung für Ihre Fahrzeuge, ein m. E. nicht zu unterschätzender Aspekt. Denken Sie hierbei insbesondere an den Markt in den USA…“

Restriktive Betriebsvereinbarung

Bemerkenswert nun die Antwort von Daimler-Benz aus Stuttgart, versandt von der Abteilung „Vertriebsorganisation Deutschland“. Sie liegt mir hier vor. Es geht nicht um die Ablehnung an sich, sondern um die fadenscheinige Begründung.

Dem Dank „für die Einsendung Ihres o.g. Vorschlages“ folgt diese Ausführung:

„Leider können wir diesen jedoch zur weiteren Bearbeitung innerhalb des Betrieblichen Vorschlagswesens nicht annehmen, weil aufgrund einer zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite getroffenen Betriebsvereinbarung bestimmte Themen nicht behandelt werden dürfen. Dazu zählen insbesondere Themen, die die Grundsatzfragen der Unternehmenspolitik unseres Hauses betreffen.“

Nanu? Das klingt ja ganz schön geheimnisvoll. Oder sollten hier einfach die einflussreichen Betriebsräte einen Riegel vorgeschoben haben, damit nur Werksangehörige entsprechende Vorschlags-Prämien erhalten?

Was bleibt denn da noch übrig?

In einem weiteren Brief der Daimler-Benz AG wird es in selbiger Sache etwas konkreter. So werden von außerhalb des Hauses offenbar keine Verbesserungsvorschläge zu folgenden Themenbereichen angenommen, wir listen die Punkte mal auf:

Grundsätze der Geschäftspolitik
Öffentlichkeitsarbeit
Werbung
Ein- und Verkaufsmaßnahmen
Entwicklung eines neuen oder anderen Fahrzeugtyps
Änderung oder Ergänzung der Ausstattung unserer Fahrzeuge
stilistische Veränderungen
Neu- und Weiterentwicklungen

Der gute Stern... Post aus dem Hause Daimler-Benz (1998). (Repro: BB)

Der gute Stern… Post aus dem Hause Daimler-Benz (1998). (Repro: BB)

Oha! Jetzt frage ich mal in die Runde: Welche Themen bleiben da eigentlich noch übrig, die zulässig wären? Hat sich da eine Weltfirma etwa abgeschottet von möglichen externen Quellen der Neuerung? Wie sieht es in diesem Punkt wohl bei den anderen deutschen Autokonzernen aus, beispielsweise bei Volkswagen? Und gilt die strenge Regelung bei Daimler-Benz – auch fast 20 Jahre danach – immer noch in gleicher Weise? Mag ja sein, dass sich die Schwaben traditionsgemäß ohnehin für die besten aller Tüftler halten.

Den Fahrtwind mit einem Generator nutzen

Mein findiger Onkel hat sich natürlich nicht nur mit Werbemaßnahmen befasst, sondern beispielsweise auch mit Feinheiten wie neuartigen Bohrfuttern (Vorschlag für Black & Decker) und – jetzt kommt’s – schon relativ zeitig mit Energie sparender Fahrzeugtechnik.

So hat er der damals noch existierenden E-Auto-Schmiede Hotzenbitz (in Suhl/Thüringen) 1995 mit Planskizzen usw. dazu geraten, die Autos zusätzlich mit einem Windgenerator auszurüsten, der just den Fahrtwind nutzen sollte, um Extra-Energie zu erzeugen. Ob das technisch sofort umsetzbar gewesen wäre oder nicht – für mich als Laien klingt es jedenfalls nach einem Ansatz, den man vielleicht weiter hätte verfolgen können.

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P.S.: Sollte ich eines Tages ein Mercedes-Modell entdecken, bei dem der „gute Stern auf allen Straßen“ als Firmenlogo im dritten Bremslicht aufleuchtet, so weiß ich Bescheid und melde jetzt schon mal vorsorglich Protest an. Alle Rechte vorbehalten…

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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