Das Paradies am Abgrund – „Reservate der Sehnsucht“ in der früheren Dortmunder Union-Brauerei

Von Bernd Berke

Dortmund. Die mit Bildschirmen übersäte Wiese gehört nicht etwa zu einem Stadtpark, sondern wurde in einem Turmgeschoß auf dem früheren Gelände der Dortmunder Union-Brauerei eigens angelegt. Die Grünfläche ist Teil der umfangreichen Ausstellung „Reservate der Sehnsucht“.

Die Schau soll der seit Jahren aufgelassenen Industriebrache, deren Zukunft völlig ungewiß ist, vorübergehend neues Leben einhauchen. 35 Künstler aus 12 Ländern präsentieren auf 4000 Quadratmetern vor allem videotechnische Installationen und Fotografie.

Der besondere Reiz ergibt sich aus Kontrasten zwischen dem verrottenden Brauerei-Gebäude und den künstlerischen Antworten auf diese Umgebung. Neben der Jawlensky-Ausstellung am Ostwall bietet Dortmund damit ein zweites Großereignis der Bildenden Kunst.

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„Erschütternd und zugleich faszinierend“ fand Ko-Kuratorin Iris Dressler den Anblick, der sich im November 1997 im ehemaligen Gebäude der Dortmunder Union-Brauerei bot. „Überall“, so die Frau vom örtlichen Kunstveranstalter „hARTware projekte“, „häufte sich damals der Schutt.“ Hier sollte eine Ausstellung gezeigt werden? Jetzt, nach rekordverdächtig kurzer Vorbereitung, ist sie fertig. Und der Gang durch vier Etagen des gigantischen Industrieturms gerät zum Abenteuer.

Die mit einem Etat von 900 000 DM erstaunlich günstig erstellte Schau (Hauptförderer: Land NRW, Kultur Ruhr GmbH), bestückt auch mit Arbeiten namhafter documenta- und Biennale-Teilnehmer wie Flatz und John Armleder, gibt sich schon im Ansatz illusionslos. Fraglose Voraussetzung ist das vielbeschworene „Ende der Utopien“. Im Unbehagen der Bewußtseins-Trümmer möchte sich der Mensch allerdings irgendwie einrichten: Also sucht er letzte „Reservate der Sehnsucht“ – so heißt denn auch die Unternehmung.

Das Logo – eine kleine Palme neben dem „Dortmunder U“ (Union-Symbol) – beschwört den alten Traum nicht ohne Ironie: „Unter dem Pflaster ist der Strand“. Noch weiß niemand, was künftig mit der Industrie-Brache geschehen soll. Jetzt haucht (leider nur zeitweise) die Kunst dem Gelände neues Leben ein. Es ist freilich vielfach elektronisch erzeugt. Viele der 35 Künstler aus 12 Ländern drücken sich mit Video- oder Computertechnik aus. Das wiederum paßt zum Dortmunder Traum vom avancierten Medien-Standort.

Das „U“ erzeugt eine majestätische Blickachse

Vier riesige Geschosse mit insgesamt rund 4000 Quadratmetern werden „bespielt“, aufwärts geht’s per Fahrstuhl oder über schmale Treppen. Doch halt! Gleich ganz unten darf man ein wenig im Paradies schwelgen. Die beiden Künstlerinnen vom „ipfo“ (Institut für Paradiesforschung, Dortmund / Münster) lassen via CD-Rom geläufige Vorstellungen vom idealen Urzustand zu Computer-Bildern gerinnen.

In der nächsten Raumflucht machen historische und aktuelle Fotos klar, daß das „Dortmunder U“ eine der wenigen majestätischen Blickachsen der Innenstadt erzeugt. Ein machtvolles Wahrzeichen, bereits Inszenierung für sich.

Das nächsthöhere Stockwerk ist flächendeckend begrünt worden. Auf der schon etwas modrig duftenden Wiese (oh, Vergänglichkeit!) wird es jeweils sonntags um 16 Uhr – frei nach dem Gemälde von Edouard Manet – ein „Frühstück im Grünen“ geben.

Natur ist nur noch als ferne Ahnung vorhanden

Doch die Picknick-ldylle wird mehrfach durchbrochen: Da sind die trostlos gekachelten Wände und rostige Reste der einstigen Braustätte, vor allem aber Video-Installationen, in denen Natur bestenfalls virtuell, als ferne Ahnung vorhanden ist; oder nur noch als Restgrün wie auf jenen horriblen Fotos, die unwirtliche Folgen des Alpentourismus (Walter Niedermayr) bzw. künstliche Kulissen bundesdeutscher Freizeitparks zeigen.

Es gibt Stationen in dieser Schau, an denen man nachhaltig mit eigenen und kollektiven Ängsten konfrontiert wird. Einmal sieht man sich durch eine Art Labyrinth geschleust, an dessen Ende man schaurige, mit Kissen gefüllte Wannen vorfindet. Durch Bodengitter wirft man schaudernd Blicke in tiefe Abgründe des Baues.

Durch eine Installation des Künstlers Flatz muß man sich durchkämpfen. Er hat Dutzende von Sandsäcken so dicht an dicht gehängt, daß man nicht ohne Hiebe vorbeikommt. In einem weiteren Raum ist man allseits umgeben von endlos abgespulten Aufnahmen eines kleinen nervösen Vogels, der aus dem Käfig heraus will. Ein Inbild der Unfreiheit. Wer sich hier eine Stunde aufhielte, der wüßte wohl, was Psychoterror ist.

Schließlich Jan Peter E. R. Sonntags Sound-Kreation im Turmgeschoß: Sie klingt, als werde gleich das ganze Gebäude ins Firmament abheben. Vielleicht finden wir sie ja dort: die neue Utopie.

„Reservate der Sehnsucht“. Früheres Gelände der Union-Brauerei, Dortmund (Zugang Ritterstraße). 21. August (Eröffnung 19 Uhr) bis 4. Oktober. Di-So 11-20 Uhr. Eintritt 10 DM (ermäßigt 5 DM). Kataloge 25 und 15 DM, zusammen 30 DM.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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