Die Dame darf sich am Manne emporranken – Münster: „Als die Frauen sanft und engelsgleich waren“

Von Bernd Berke

Münster. Der Ausstellungstitel zergeht auf der Zunge: „Als die Frauen sanft und engelsgleich waren“. Doch Vorsicht! Ein wenig emanzipatorische Absicht steckt schon dahinter, wenn nun in Münster Porträts der Aufklärung und des Biedermeier gezeigt werden.

Diesmal geht es im Landesmuseum weniger um künstlerische Spitzenqualität (obgleich auch die punktuell vorhanden ist), sondern um sozialpsychologische Aussagekraft: In so manchem Bildnis treusorgender Gattinnen und Mütter oder träumender Jungfrauen läßt es sich lesen wie in Büchern. Beispiel: Ein Bräutigam steht vor einem Baumstamm, seine Herzensdame umgibt sich mit Efeu. Will heißen: Sie darf sich hingebungsvoll an ihm emporranken.

Selbst erlauchte Geister des 18. und 19. Jahrhunderts mochten von Gleichberechtigung nichts hören. Schiller dichtete im „Lied von der Glocke“: „Der Mann muß hinaus ins feindliche Leben“ und befand, daß drinnen die „züchtige Hausfrau“ walte. Johann Gottfried Herder ließ gar wissen, krähenden Hennen und lesenden Frauen gehörten die Hälse umgedreht. Wen wundert es da, daß weit weniger bekannte Maler jener Zeit schon die Kinder ins Schema einfügten: Der Bub pflanzt triumphierend eine Siegesfahne auf, das treuherzige Mädel hält sich an seiner Spielpuppe fest.

Die Lesende sitzt im weichen Licht

Na schön, ein bißchen schlechtes Gewissen macht man(n) sich heutzutage schon draus – doch es ist schwer, sich dem Liebreiz vieler Darstellungen zu entziehen. Wenn etwa Luise Seidler mit den zarten Schwestern „Pauline und Melanie“ (um 1829) wehmutsvoll in die Ferne schaut oder Caroline von der Embde ein „Lesendes Mädchen am Fenster“ (1850) sitzen läßt, von weichem Licht umflort und sinnend, so ist dies eben auf Erden herabgekommene Himmelsschönheit. Wenn man die erst einmal genossen hat, so mag später noch über Rollenzuweisungen gegrübelt werden.

Ausstellungsmacherin Hildegard Westhoff-Krummacher ist nicht mit biestigem Feminismus, sondern mit heiterem Interesse an die Sache herangegangen. Sie hat z. B. festgestellt, daß im Gefolge Jean-Jacques Rousseaus („Zurück zur Natur“) auch Maler den Frauen die Mutterschaft schmackhaft machen wollten. So tritt das naturhafte bürgerliche Weib der lüsternen Adligen entgegen. Letztere klimpert zwar mit kostbarem Geschmeide, aber die „wahre Frau“ schmückt sich mit Sprößlingen…

Hausherr macht sich zum Narren

Die zur Erbauung des Hausherrn versammelte Familie ist gängiger Themen-Standard. Doch wenn Johann Peter Hasenclever die Bildformel in „Der achtzigste Geburtstag“ (1849) aufgreift, wirkt der im gloriosen Lichtkegel hockende Ehrenmann wie ein armer Narr in seinem Patriarchen-Glück. Da erhebt sich schließlich doch die Frage, ob nicht auch die Männer gelitten haben. Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es nur ein Schritt.

Selbst Details wie die Haartraçht sind wichtig. Während Frauen Zumeist brave Mittelscheitel trugen, wischte sich selbst der Halbglatzen-Herr noch ein paar dynamische Strähnen in die Stirnpartie. Na, wenn es dem Selbstbewußtsein gedient hat…

Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster (Domplatz). 19. Nov. bis 11. Feb. 1996. Täglich außer montags 10-18 Uhr. Katalog 45 DM.

 

 

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Prosaband „Seitenblicke" (edition offenes feld, 2021), vereinzelt weitere Buchbeiträge, Arbeit für Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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