Als Amazonen bestrickend kickten: Doku zur Frühgeschichte des „Damenfußballs“ beim Dortmunder Frauenfilmfestival

Ach, du Schreck: Die jungen Frauen waren auf einmal keine daheim im Kämmerlein schmachtenden „Fußballbräute“ mehr. Sondern? „Amazonen“! Sie wagten es doch tatsächlich, selbst zu spielen, und zwar hin und wieder geradezu „bestrickend“. Sie servierten Flanken „wie aus der Luft gehäkelt“ und vollzogen rasant den Übergang „von der Haushalts- zur Ballführung“. Diese „Fußball-Suffragetten“ trugen allerdings „keine Blaustrümpfe, sondern Ringelstrümpfe“...

Wird im Film "Die schönste Nebensache der Welt" gezeigt: Teamfoto von Fortuna Dortmund aus der zweiten Hälfte der 50er Jahre, u. a. mit Anne Droste (ganz links), Christ Kleinhans (mit Ball) und rechts neben ihr Grete Eisleben. (Foto aus dem Provatbesitz von Christa Kleinhans)

Wird im Film „Die schönste Nebensache der Welt“ gezeigt: Teamfoto von Fortuna Dortmund aus der zweiten Hälfte der 50er Jahre, u. a. mit Anne Droste (ganz links), Christa Kleinhans (mit Ball) und rechts neben ihr Grete Eisleben. (Foto aus dem Privatbesitz von Christa Kleinhans)

Genug, genug! Das kann man ja nicht mehr mit anhören. Wer hat denn so einen Quatsch über Frauenfußball verzapft? Nun, es war der gängige Sound der frühen Jahre. Die oben kursiv gesetzten O-Ton-Zitate stammen samt und sonders aus einer Kino-Wochenschau vom März 1957, als eine (inoffizielle) deutsche Auswahl im Münchner Dante-Stadion vor sagenhaften 18.000 Zuschauer(inn)en gegen ein Frauenteam aus Holland antrat. Es war eine Begegnung, die nach dem Willen mächtiger männlicher Fußball-Funktionäre eigentlich gar nicht hätte stattfinden dürfen.

Der DFB verbot den Frauen das Balltreten

Fast genau 60 Jahre ist das nun her. Damals war das Match eine Sensation, gleichsam ein Spiel in der Grauzone, denn der von verknöcherten alten Herren geführte Deutsche Fußball-Bund (DFB) hatte 1955 höchst offiziell ein striktes Verbot des „Damenfußballs“ beschlossen. Kein Mitgliedsverein des DFB sollte eine Mädchen- oder Frauenabteilung haben dürfen, ja nicht einmal einen Platz für solch ungebührliches Treiben zur Verfügung stellen. Und kein Schiri sollte sich dafür hergeben. Die Stadt München, die den besagten Ländervergleich zugelassen hatte, bekam denn auch einen harschen Mahnbrief aus der DFB-Zentrale.

Woher ich das alles weiß? Aus dem Film „Die schönste Nebensache der Welt“. So heißt (nicht allzu originell) eine recht aufschlussreiche 56-Minuten-Doku zur Nachkriegsgeschichte des deutschen Frauenfußballs. Den bereits 2009 entstandenen Streifen von Tanja Bubbel präsentiert in Kürze das Internationale Frauenfilmfestival, das vom 4. bis zum 9. April in Dortmund (und nebenher in Köln) seinen 30. Geburtstag feiert. Es ist verdienstvoll, den Film ans Licht zu holen, der bislang zumeist im Archiv schlummerte. Warum zeigt ihn beispielsweise das WDR-Fernsehen nicht?

Pionierinnen von Fortuna Dortmund

Schon im Vorfeld des Festivals gibt es eine Voraufführung des Fußballfilms, und zwar just im Deutschen Fußballmuseum des DFB in Dortmund (Di., 28. März, 20 Uhr). Wenn man so will, leistet der Verband als Gastgeber gleichsam eine klitzekleine späte Abbitte für das unbegreifliche Verhalten seiner Altvorderen in den 50er und 60er Jahren. Dass auch höhere Chargen wie der Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger längst zu halbwegs selbstironischem Umgang mit dem Thema fähig sind, beweist der Anfang der Doku. Da kommentiert Zwanziger ziemlich trocken einen kurzen Diavortrag zum Damenfußball.

Der Film enthält etliche Originalaufnahmen, vorwiegend aus 50er bis 80er Jahren, und feiert gebührend die Pionierinnen des Sports mit ihren ausgesprochen haltbaren Mädels-Freundschaften. Denn natürlich ist dies auch eine Erzählung von kraftvoller Frauen-Solidarität, die sich nicht einschüchtern lässt.

Gewürzt mit Ruhrgebiets-Humor

Zwischendurch gibt es etliche elegante, aber auch ein paar unbeholfen wirkende Spielszenen zu sehen. Die Spielkultur musste sich ja auch erst langsam entwickeln. Und wer offiziell nicht einmal trainieren darf, muss schon besonderes Talent haben, um trotzdem gut zu sein. Außerdem: Bei den Herren wird oft genug auch nur gebolzt.

Der Film versammelt einige Zeitzeuginnen aus Ost und West (Ruhrgebiet, Potsdam) zu nachdenklichen Rückblicken. Im Mittelpunkt stehen dabei Veteraninnen des Clubs Fortuna Dortmund, wo ab 1955 Frauen Fußball spielten, und zwar offenbar ziemlich gekonnt. Gewürzt mit echtem Ruhrgebiets-Humor, erzählen sie aus jenen Jahren, als sie allesamt auch an (wie gesagt: verbotenen) Länderkämpfen vor erstaunlich großem Publikum teilnahmen, die legendäre Begegnung im Dante-Stadion inbegriffen.

Und wahrlich. Wenn man heute jeden 16jährigen Jungspund kennt, der irgendwo für viel Geld anheuert, so muss man erst recht diese Frauen beim Namen nennen: Christa Kleinhans, Renate Bress, Anne Droste, Inge Kwast und Grete Eisleben. Einige von ihnen kommen wohl auch zur Preview ins Fußballmuseum. Sie sind übrigens souverän genug, wegen „damals“ keine Verbitterung zu hegen, obwohl wegen ihrer Fußball-Leidenschaft auch schon mal Beziehungen und Ehen zu Bruch gegangen sind.

Ein Porzellan-Service für den EM-Titel

Welch ein bezeichnender Moment, wenn im weiteren Verlauf des Films die Bochumerin Petra Landers, die in den 80er Jahren mit Bergisch-Gladbach mehrfach die deutsche Meisterschaft errang, mit süßsäuerlicher Miene einen Teil ihrer DFB-Prämie zum Gewinn der Europameisterschaft 1989 aus dem Küchenschrank holt. Sie und ihre Mitspielerinnen bekamen – Tusch und Trommelwirbel – ein komplettes Porzellan-Service, immerhin Bone China der nicht ganz schäbigen Art… Wollen wir mal nachschauen, was Männerteams für vergleichbare Titel abgestaubt haben?

In den 50ern, aber auch noch in den 70ern ließen sich nicht alle Zuschauer von rein sportlichen Interessen leiten. Viele Männer kamen anfangs wohl, um hämisch abzulachen, um schlanke oder auch stämmige Beine bzw. wallende Brüste in knappen Trikots zu sehen oder um gar frivole Schlammschlachten auf durchgeweichten Plätzen zu erleben. Manche waren auch ganz einfach wild auf die Mädchen. Besonders Italiener waren den Dortmunder Blondinen zugetan, woran sie sich kichernd erinnern.

Lang, lang hat’s gedauert, bis dann endlich mal sachlich-fachlich über Frauenfußball geredet wurde. Erst 1970 gab der DFB halbherzig seinen Fundamental-Widerstand gegen Frauenfußball auf. Quasi in einem Gnadenakt ließ man sich zur Erlaubnis herbei. Schon beinahe (negativer) Kult ist übrigens ein ZDF-Sportstudio genau aus jener Zeit. Wim Thoelke kommentierte das Ansinnen der Frauen durchaus noch im Stil der eingangs erwähnten Wochenschau. Das hätte in seiner Drastik noch als Aufreger zu Tanja Bubbels Film gepasst.

Auch die DDR hat Frauenfußball reichlich spät zugelassen, dort ging es ebenfalls erst in den 70er Jahren voran. Was Sabine Seidel und Gisela Liedemann (ehedem Turbine Potsdam) zu berichten haben, klingt denn auch eher elegisch, aber ebenso unverstellt wie das, was man aus dem Revier vernimmt.

„Die Prinz hatte wohl ihre Periode“

Die Frauen sind indes auf ihre Art nicht zimperlich. Eine behauptet schlankweg, sie seien immer zäher gewesen als die Männer („Die wälzen sich immer gleich am Boden“). Und als der inzwischen nicht mehr ganz junge Dortmunder Damenzirkel ein Länderspiel besucht, heißt es über eine weniger gut aufgelegte Top-Spielerin auf dem Rasen: „Die Prinz hatte wohl heute ihre Periode…“ Das sollte sich ein Mann mal zu sagen trauen.

Apropos Mann. Einer prägt auch diesen Film mit – durch seine Stimme. Der Fußballkommentator Werner Hansch hat seine Meriten, hier aber ist sein salbungsvoll-samtpfötiger Tonfall nicht immer angebracht; zumal er auch schon mal treuherzig zwiespältige Sätze von sich gibt („Zum Glück gab es das DDR-Sportsystem“ – triefende Ironie oder nicht?), die am Schluss in der vermeintlich alle und alles versöhnenden Formel gipfeln, ob nun Männer oder Frauen anträten, Hauptsache sei doch, dass Deutschland gewinnt. Ach was.

Rund 120 Filme auf dem Programm

So. Schlusspfiff. Ein paar andere Filme laufen ja schließlich auch noch beim Internationalen Frauenfilmfestival. Um pauschal etwas genauer zu sein: rund 120 Produktionen aller denkbaren Sparten und Formate, dazu ein üppiges Begleitprogramm mit Diskussionen, Workshops und Performances.

Beim internationalen Spielfilmwettbewerb für Regisseurinnen geht es um einen Preis von 15.000 Euro, davon 10.000 als Vertriebsförderung für den Verleih und 5000 für die Regie. Zudem gibt’s gleich zehn kuratierte Filmreihen unter dem Gesamtmotto „In Control…of the situation / Alles unter Kontrolle“, das sicherlich nicht nur wörtlich zu nehmen ist, sondern angesichts der Weltlage auch schierer Hohn sein kann. Da lassen sich halt frauenbewegte und (nicht nur) Frauen bewegende Filme jeglicher Art unterbringen.

Eine Reihe handelt von Flucht und Migration, eine andere vom Rückzug ins Innenleben und daraus resultierenden Aufbrüchen, eine weitere von Aktivistinnen der Solidarität und des Widerstands. Kurzfilmnacht, Super-8-Filmtechnik und Bösartiges bis zum Splattermovie sind weitere Stichworte. Das mag einigermaßen unübersichtlich wirken. Also gilt es, sich vorab ein paar Schneisen durchs Programm zu schlagen. Ein bisschen Zeit ist ja noch.

Infos zum Festival (4. bis 9. April): www.frauenfilmfestival.eu
Tickets: www.westticket.de

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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