„Macht der Bilder“: Dresden feiert Raffael und seine famosen Wandteppiche

Raffael (Raffaelo Santi): „Das Opfer zu Lystra“. Bildteppich nach einem Karton von Raffael.
Teppich 431 x 647 cm
(Gemäldegalerie Alte Meister / © SKD, Foto: Herbert Boswank)

Es sollte das nächste große Ding, der nächste Superlativ auf dem internationalen Markt der Kunst-Events werden, der hunderttausende Besucher in die Musentempel lockt. Doch dann fraß sich das Corona-Virus über den Erdball und in Rom musste die große Feier, für die vorab über 50.000 Tickets verkauft waren, nach zwei Tagen abgebrochen werden. Die Meisterwerke des Renaissance-Genies Raffael wurden verhüllt, die Jahrhundertausstellung zu Ehren des vor 500 Jahren verstorbenen Universalkünstlers für Monate geschlossen.

Dasselbe Schicksal traf auch alle anderen Museen rund um den Globus, die ihre Kunst- Schätze durchforstet hatten, mit Raffael-Sonderschauen den Mythos des Meisters befeuern und die Kunstwelt beglücken wollten. Doch nun, mit der Lockerung der Corona- Beschränkungen, ist Licht am Ende des Tunnels. Museen können ihre Pforten öffnen und die Werke eines Kunst-Gottes in ihrer zeitlosen Schönheit erstrahlen lassen, von dem schon Zeitgenosse Giorgio Vasari schwärmte: „Mit welch großmütiger Freigebigkeit der Himmel bisweilen über einen einzigen Menschen den ganzen Reichtum seiner Schätze, alle Talente und hervorragenden Fähigkeiten ausschüttet, die er sonst im Lauf eines langen Zeitraums auf viele zu verteilen pflegt, zeigt sich deutlich an Raffael Sanzio von Urbino, der sich nicht minder durch sein einzigartiges Genie als durch seltene persönliche Liebeswürdigkeit auszeichnet.“

Raffael (Raffaelo Santi): „Der wunderbare Fischzug“. Bildteppich nach einem Karton von Raffael. Teppich 415 x 514 cm (Gemäldegalerie Alte Meister / © SKD, Foto Herbert Boswank)

Die im Dresdner Zwinger angesiedelte Gemäldegalerie Alte Meister hat es naturgemäß relativ leicht, Raffael zu würdigen. Sie verfügt in ihrem reichhaltigen Fundus nicht nur mit der „Sixtinischen Madonna“ über eines der wirkungsmächtigsten und berühmtesten Altargemälde der Kunstgeschichte, sondern auch über einige andere Werke, die Raffael geschaffen und ermöglicht hat. Zum Beispiel die grandiosen Bild-Teppiche, die Kurfürst Friedrich August I. von Sachsen („August der Starke“) 1728 erwarb, um sich die Aura eines ebenso kunstsinnigen wie machtbewussten Herrschers zu verleihen. Frisch restauriert steht der großformatige Wand-Schmuck jetzt im Mittelpunkt der Ausstellung: „Raffael – Macht der Bilder. Die Tapisserien und ihre Wirkung“.

Im Auftrag von Papst Leo X. fertigte Raffael ab 1515 zehn riesige Kartons, nach denen dann in Spezialwerkstätten in Brüssel die herrlich leuchtenden und künstlerisch geradezu revolutionären Tapisserien für die Sixtinische Kapelle gewebt wurden. Erstmals wurden die Bildteppiche, die schon damals unendlich kostbar waren und deren Wert inzwischen kaum mehr zu beziffern ist, zu Weihnachten 1519 aufgehängt. Heute befinden sie sich in den Vatikanischen Museen und wurden nur selten, zum Beispiel zum 500. Todestag Raffaels, wieder für kurze Zeit in die Sixtinische Kapelle gebracht. Die Original-Kartons, die heute in der Sammlung des Victoria and Albert Museum in London zu Hause sind, wurden 1623 vom späteren englischen König Karl I. erworben und dienten britischen Tapisserie-Manufakturen als Vorlage für weitere Teppich-Serien im Geiste Raffaels. Hier entstanden schließlich auch die sechs Wand-Textilien, die jetzt im Dresdner Zwinger zu bestaunen sind, von unzähligen Werken flankiert werden und die Wirkungsgeschichte Raffaels belegen.

Ausstellungsansicht „Raffael – Macht der Bilder. Die Tapisserien und ihre Wirkung“ (Gemäldegalerie Alte Meister / © SKD, Foto: Alexander Peitz)

Mit Raffaels Skizzen und Kartons sowie den gewebten Wand-Bildern erleben wir den Ausnahmekünstler als Visionär der Gestaltung und Aussage. Die Werke sprechen zu uns, weil wir sofort spüren, wie Raffael den menschlichen Körper in all seinen Facetten und Bewegungsmustern, Muskelzuckungen und Gesten studiert und uns Geschichten erzählt von zeitloser Spiritualität, göttlicher Fügung und menschlichem Willen. Eingefügt in die Architektur filigran ausgefeilter Landschaften und detailreicher Bauwerke zeigt Raffael den von göttlichem Geist angehauchten und von des Gedankens Blässe gestreiften Menschen in seiner oft vergeblichen Suche nach Wahrheit und Erhabenheit: Biblische Szenen, die Apostelgeschichte vom Magier Elymas, der von Blindheit geschlagen wurde, als er versuchte, den Statthalter von Zypern vom Glauben an die Worte von Paulus und Barnabas abzuhalten. Die Heilung des verzweifelten Lahmen und das Weiden der (am Glauben zweifelnden) menschlichen Schafe. „Der wunderbare Fischzug“, bei dem sich jeder Muskel und jede Sehne der im gefährlich schwankenden Boot mit den Unbilden der Natur und dem rechten Glauben ringenden Fischer im Wasser spiegelt und die Geschichte vom Menschen, der sich selbst und den Sinn des Lebens nur erkennt, wenn er Gott versteht und vertraut, gleich mehrdimensional verschachtelt erzählt und mehrdeutig interpretiert.

Wie groß und vielfältig die Wirkung Raffaels ist, wird deutlich beim Blick auf die Gemälde, Skulpturen, Druckgrafiken und Zeichnungen, die den Tapisserien beigesellt sind. Von Dürer bis Rembrandt, von Rubens bis Poussin, die Liste der ausgestellten Werke ist lang, und sie dokumentiert, wie die Formensprache und Bildgestaltung Raffaels fortan die Kunstgeschichte und die Sicht auf den Menschen als ein vielleicht freies, aber doch ziemlich hilfloses und in die Welt geworfenes Wesen prägte. Wie fragil das Leben und wie gefährdet die Kunst ist, kann man auch an der Organisation der Ausstellung selbst ablesen: Die Kartons, Skizzen und Werke von Raffael, die aus amerikanischen Museen den Weg über den Atlantik an die Elbe finden sollten, mussten Corona-bedingt zuhause in Quarantäne bleiben. Schade. Dass im Gegenzug die Dresdner Schau Ende des Jahres ins Museum nach Columbus/Ohio reisen und dort die Raffael-Fans beglücken darf, ist ein toller Plan. In Corona-Zeiten könnte er sich aber schnell als schöne, aber haltlose Utopie erweisen.

„Raffael – Macht der Bilder. Die Tapisserien und ihre Wirkung.“ Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister im Semperbau am Zwinger, Theaterplatz 1. Bis 30. August 2020, täglich 11-17 Uhr (außer montags). Freitags 11-20 Uhr. Katalog im Museum 34 Euro, im Buchhandel 48 Euro.

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