Flimmern und flirren

Gepriesen sei ein solches Tauschgeschäft auf Vertrauensbasis: Wuppertals Von der Heydt-Museum zeigt eine Auswahl seines expressionistischen Besitzes im Pariser Musée Marmottan Monet – und hat im Gegenzug leihweise rund 30 Spitzenwerke Claude Monets erhalten. Hinzu kommen passende Ergänzungen aus etlichen anderen Häusern. Grandioser Effekt: Jetzt können in Wuppertal herausragende Beispiele aus allen wesentlichen Werkphasen des berühmten Impressionisten präsentiert werden.

Mit dem Wort „Sensation“ sollte man allzeit vorsichtig umgehen. Doch hier dürfte es angebracht sein. Denn einen vergleichbaren Gesamtüberblick zu Monet hat es – kaum glaublich – in Deutschland noch nicht gegeben.

Gewiss: Das Weltkunstwerk „Impression – soleil levant“ (Impression – Sonnenaufgang) zählt n i c h t zu den Leihgaben. Eine entsprechende Anfrage verstieße gegen alle internationalen Gepflogenheiten unter Museumsleuten. Sie wäre nahezu ein unfreundlicher Akt und hätte vermutlich den sofortigen Abbruch aller weiteren Gespräche zur Folge. Es wäre, als wollte man mal kurzerhand die „Mona Lisa“ haben. Lachhaft! Absolut unmöglich! Übrigens hat das erwähnte Bild bei der anfangs spöttisch gemeinten Namensgebung des Impressionismus sozusagen Pate gehangen. Das Gros der (vielfach bornierten) Kritiker befand seinerzeit, bloße Impression reiche in den Künsten nicht aus.

Für besagte „Ikone“ muss man sich also weiterhin nach Paris bemühen. Doch die wichtigen Serien sind an der Wupper prächtig vertreten. So müsste man sicherlich sehr lange suchen, um an einem Ort drei Monet-Bilder der Kathedrale von Rouen beisammen zu finden. Paris und Wuppertal dürften derzeit die beiden einzigen Orte sein, an denen man diese Ergießungen wandelbaren Lichts genießen kann.

Damit längst nicht genug. Etwa 20 Bilder ranken sich ums legendäre Seerosen-Thema. Zeitweise waren bis zu zehn Gärtner damit beschäftigt, in Giverny (Normandie) ein japanisch inspiriertes, weitläufiges Gärtengelände mit Seerosen für den Künstler anzulegen – nach wohlüberlegtem Muster. So blieb inmitten der Pflanzen eine Wasserfläche frei, in der sich die Wolken spiegeln sollten. Mit höchstem Raffinement hat Monet das schwebend Schwerelose dieser atmosphärischen Erscheinungen eingefangen. Profane Kehrseite: Einige Bauern murrten, weil das (für Seerosen nötige) erwärmte Wasser angeblich ihre Kühe krank machte. Monet zahlte ihnen eine Entschädigung.

Überdies bekommt man in Wuppertal mehrere Gemälde aus der kaum minder bedeutsamen Getreideschober-Serie zu sehen, die einen Betrachter namens Wassily Kandinsky auf den Grundgedanken der Abstraktion gebracht haben, ungefähr so: Wenn etwas so ins irritierende Flirren geraten ist, dass man es als Objekt kaum noch erkennt – warum dann nicht den gänzlichen Abschied vom Gegenstand proben?

Vorwiegend chronologisch geordnet, zudem sinnreich nach Motivgruppen gestaffelt, blättert Wuppertal die Abfolge der meisterlichen Werke auf. Es beginnt mit Karikaturen des jungen Monet und gipfelt beispielsweise in zauberhaft duftigen Landschafts-, Schiffs- und Eisenbahnbildern. Gar manches Gemälde vergeht nahezu vor Zartheit und Zartsinn. Die Stimmungsvaleurs wechselnder Tageszeiten und Lichtreflexionen hat gerade dieser Künstler unendlich differenziert erfasst. Da will man zum flüchtigen Augenblicke sagen: Verweile doch. Hier darf man sich idyllischen Sehnsüchten hingeben. Wer sich daraus ein schlechtes Gewissen macht, dem ist nicht zu helfen.

Monet ging nicht so spontan vor, wie man meinen könnte. Seine Arbeiten verdanken sich oft akribischer Planung. So soll er bewirkt haben, dass ein Zug – nicht nur der schön gekräuselten Rauchfahnen wegen – eigens für die Zeit des Malens angehalten wurde. Ja, er soll sogar, weil er ein winterliches Baumbild nicht mehr rechtzeitig hatte vollenden können, im folgenden Frühjahr veranlasst haben, dass man selbiges Geäst wieder entlaube… Für gutes Geld ging auch das.

Claude Monet wurde erst nach vielen Jahren des Darbens finanzieller Erfolg zuteil. Um 1900 galt er freilich als einer der teuersten Maler seiner Zeit. Vom heute ungeheuren Marktwert seiner Schöpfungen kann man sich eine vage Vorstellung machen, wenn man dies in Rechnung stellt: Monet hat (als er später unter dem Grauen Star litt) viele vermeintlich misslungene Gemälde zerrissen. Ein solches (nachträglich zugeschnittenes und gerahmtes) Fetzen-Relikt wird auch in Wuppertal gezeigt – und auf einen Wert von 300 000 Euro geschätzt. Man stelle sich vor, was für die großen Meisterwerke fällig wäre. In Wuppertal gilt daher Sicherheitsstufe eins plus mit Extra-Wachpersonal und weiteren Maßnahmen, die natürlich niemand verrät.

Auch beim Marketing lässt man wenig aus. Eine Schwebebahn fährt mit schmuckem Monet-Motiv, und bei vielen Bäckereien gibt’s Kuchen mit Seeröschen-Verzierung. 2000 Besuchergruppen haben sich bereits im Vorfeld angemeldet. Man rechnet insgesamt mit mindestens 100 000 Menschen. Eine eher konservative Schätzung. Besucherströme sollen so gelenkt werden, dass sich höchstens 300 Menschen zugleich in der Schau befinden. Andernfalls sähe man oft nur die Hinterköpfe kunstsinniger Leute.

Museumschef Gerhard Finckh ist vom hohen Rang seiner Auswahl überzeugt und stellt kein Licht unter den Scheffel. Auf die Journalisten-Frage, ob die Monet-Ausstellung (bis Ende Februar 2010) touristisch auch vom beginnenden Kulturhauptstadt-Jahr im Ruhrgebiet profitieren könne, meint er halb scherzhaft, es verhalte sich wohl eher umgekehrt: „Vielleicht wird man einmal sagen: Monet war das Allerbeste an der Kulturhauptstadt…“ A la bonheur!

Von der Heydt-Museum, Turmhof 8 in 42103 Wuppertal (Tel.: 0202/563-26 26). Geöffnet bis 28. Februar 2010. Di/Mi 11-18 Uhr, Do/Fr 11-20 Uhr, Sa/So 10-18 Uhr, Mo geschlossen. Eintritt 12 € (ermäßigt 10 €), Familie 20 €, Katalog 25 €, DVD mit Film zur Ausstellung 15 €. Internet: http://www.monet-ausstellung.de

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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