Nüchterner Blick auf die Ursachen und Folgen der „Flüchtlingskrise“

Kaum ein Problemfeld ist so stark von Emotionen geprägt oder genauer mit ihnen belastet wie die sogenannte Flüchtlingskrise.

Oft naive Hilfsbereitschaft auf der einen Seite, starke Ablehnung oder nur leichte Überfremdungsängste auf der anderen Seite bestimmen die Diskussion in Europa, seitdem Millionen Menschen aus Krisen- und Armutsgebieten in die reiche Europäische Union migrieren. In dieser Situation tut eine Versachlichung, wie sie der Politikwissenschaftler Stefan Luft jetzt vorgelegt hat, sehr gut.

Fluecht

In der Taschenbuchreihe Beck Wissen fasst der bereits einschlägig mit ähnlichen Veröffentlichungen hervorgetretene Bremer Privatdozent „Ursachen, Konflikte und Folgen“ der massenhaften Wanderung von Menschen in aller Welt zusammen, natürlich mit dem Schwerpunkt der Flüchtlingsströme nach Mitteleuropa seit dem Spätsommer 2015.

Stefan Luft liefert klare Definitionen der einzelnen Migrationsgruppen und bedient sich auch zahlreicher Statistiken. Er relativiert damit so manche in der Größenordnung überschätzte Zuwanderer-Zahl. Weltweit, zum Beispiel, beträgt der Anteil der grenzüberschreitenden Migration nur 0,6 Prozent der Bevölkerung. Das soll aber auch bei Luft nicht heißen, dass die derzeitige Situation in Deutschland zum Beispiel problemlos wäre.

Der Privatdozent geht auch auf die emotionale Belastung der Bevölkerung in den Aufnahmeländern ein. Er kritisiert, dass die Politik in der EU im vergangenen Jahr trotz deutlicher Hinweise der UNO nicht rechtzeitig reagiert hat, und er sagt auch, dass ein Gelingen von Integration ganz deutlich von der Größe der zugewanderten Gruppe abhängt. Das kann man auch als Argument für eine sogenannte „Obergrenze“ lesen.

Auch auf die Rolle der Religion geht der Wissenschaftler ein, und in seinem Ausblick referiert er die Forderungen des UNHCR: Genau wie zum Beispiel in der Verteidigungspolitik müsse es dringend einen europäischen Konsens über die Aufnahme und Integration derjenigen Migranten geben, die nicht in ihre Herkunftsländer zurückkehren können oder die nicht in andere Länder umgesiedelt werden, zum Beispiel nach Kanada oder in ähnliche Zielgebiete. „Die Unterstützung durch ökonomisch starke Staaten ist in jedem Fall unumgänglich“ schreibt er, und das heißt: Es wird sehr viel Geld benötigt.

Stefan Luft: „Die Flüchtlingskrise. Ursachen, Konflikte, Folgen“. Reihe Beck Wissen, München 2016. 128 Seiten, 8,95 €

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Über Hans Hermann Pöpsel

Historiker und Germanist. Pensionierter Redakteur
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5 Kommentare zu Nüchterner Blick auf die Ursachen und Folgen der „Flüchtlingskrise“

  1. Hans Hermann Pöpsel sagt:

    Der Autor hat ja genau das Geforderte gemacht, nämlich absolute und Prozentzahlen genannt. Natürlich kann man in einer kurzen Buchbesprechung nicht den kompletten Text des Buches wiedergeben.

  2. Achim Niewind sagt:

    Aber Danke für die Info, Herr Pöpsel.

  3. Achim Niewind sagt:

    Da sieht man mal wieder, wie man mit KORREKTEN Angaben zu falschen Eindrücken verleitet.

    Intentional, absichtlich ?!

    Besonders betroffen jene, die von Statistik(en), und der korrekten Art, diese einzuschätzen, KEINE AHNUNG haben.

    Die absolut einfachste Nummer: Das Vermeiden von absoluten Zahlen.

    Bzgl. Migration interessieren mich ZUVÖRDERST die absolute Zahl der Menschen, die kommen (wollen) (könnten).
    An den Grenzen stehen keine Prozente.

  4. Hans Hermann Pöpsel sagt:

    LUFT, Seite 10: Die VN schätzten 2013 die Zahl der Migranten auf 232 Millionen, das sind 2,3 % der Weltbevölkerung.
    Seite 11: Im Zeitraum 2005 bis 2010 wanderten 41,3 Mio. grenzüberschreitend, das waren 0,6 % der Weltbevölkerung.
    LUFT gibt als Quelle an: UNHCR: World at war. Global Trends. Forced Displacement in 2014. Genf 2014.

  5. Achim Niewind sagt:

    „Weltweit, zum Beispiel, beträgt der Anteil der grenzüberschreitenden Migration nur 0,6 Prozent der Bevölkerung. “

    DEN Satz hätte ich gerne näher erläutert.

    Zum einen bzgl. der Gewinnung solcher Werte

    Zum anderen: Wie groß ist / sind die Grundgesamtheiten?
    Und was ergibt dies in absoluten Zahlen?

    Zu guter Letzt: Die nun wirklich seriöse New York Times ermittelte vor noch nicht so langer Zeit, dass Europa kurz- und mittelfristig mit einem Potential vn ca 60 Mio ffucht- bzw. wanderungsgewillten Menschen zu rechnen habe.

    DAS hört sich nun etwas anders an.

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