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Monatsarchive: Oktober 1992
Eduard und die Liebe zu Frauen und Mäusen – Peter Schneiders amüsanter Roman „Paarungen“
Von Bernd Berke
Eduard ist Naturwissenschaftler, also rechnet er nach: Im statistischen Schnitt ist eine Liebesbeziehung in seiner Generation „nach drei Jahren, einhundertsiebenundsechzig Tagen und zwei Stunden“ vorbei.
Eduard ist aber auch eine Spielernatur. Also wettet er mit seinen Kumpanen aus der Szenekneipe „tent“, Theo und André: Wer hält wohl am längsten mit seiner jetzigen Freundin durch? So kommt Peter Schneiders Roman „Paarungen“ in munteren Gang – und führt durch herrlich-schreckliche Liebes-Labyrinthe. Denn es bleibt nicht bei der strengen Monogamie.
Im ganzen Roman wirkt ein „Spaltpilz“. Diesen Namen bekommt eine mysteriöse Figur, die immer mal wieder durch die Handlung geistert und vom Nachtseiten-Romantiker E. T. A. Hoffmann stammen könnte. Zudem spielt das Buch im noch gespaltenen Berlin – und dort grassiert der Trennungsvirus, der jede Liebe kleinkriegt, ganz besonders heftig.… Weiterlesen
Veröffentlicht unter Liebesleben, Literatur
Verschlagwortet mit Paarungen, Peter Schneider
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Zwischen Kassenbrille und „Schmetterling“ – Geschichte der Sehhilfen im Stadtmuseum Iserlohn
Von Bernd Berke
Iserlohn. Erst legte man Lupen („Sehsteine“) auf Bücher oder Schriften und beugte sich mühsam darüber. Später hielt man sich Sehhilfen als Lorgnons vor die Augen, was immer etwas hochmütig, indigniert und eitel wirkte. Dann drückte man zwei Bügel seitlich ans Gesicht. Da konnte „das Ding“ leicht herunterfallen. Doch endlich kam einer auf die grandiose Idee, diese Bügel umzubiegen und hinter die Ohren zu klemmen. Manche Erfindungen dauern eben etwas länger.
Auch vermeintlich simple Dinge wie Brillen haben ihre Vor- und Kultur-Geschichte. In einer Ausstellung unter dem sinnigen Motto „Gefaßten Blicks“ dokumentiert jetzt das Stadtmuseum Iserlohn das „Brillentragen und Brillendesign in der Nachkriegszeit“ (Untertitel). 177 Exponate markieren den Weg von der medizinischen Zweckmäßigkeit bis zur Mode von heute, wo die Brillenindustrie den Damen am liebsten je zehn Stück verpassen möchte – zu jedem Kleid eine.… Weiterlesen
Veröffentlicht unter Alltag, Luxus & Moden, Stilfragen, Warenwelt & Werbung
Verschlagwortet mit Brillen, Brillentragen und Brillendesign in der Nachkriegszeit, Gefaßten Blicks, Iserlohn, Sehhilfen, Stadtmuseum, Westfälisches Museumsamt
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Joan Hoet und die „Oase von Schwerte“ – Diskussion mit dem documenta-Chef in der Ruhrstadt
Von Bernd Berke
Schwerte. Wenn das kein Lob aus berufenem Munde ist: Als „Oase in der Stadt“ hat Jan Hoet, Chef der vor einem Monat beendeten documenta, den rührigen Schwerter Kunstverein bezeichnet.
Hoet gab sich am Mittwoch abend in der Ruhrstadt die Ehre – und viele, viele kamen. Gleich zweimal mußte das Publikum in einen jeweils größeren Raum wechseln, bevor die Diskussion über Gegenwartskunst beginnen konnte.
Vom documenta-Dauerstreß ein wenig erholt, ging Hoet vor allem mit der Kunstkritik hart ins Gericht, die die Kasseler Schau überwiegend „verrissen“ hatte. Jawohl, er fühle sich „irritiert und verletzt“, bekannte Hoet. Nur wenige Rezensenten hätten die Schau als das genommen, was sie gewesen sei: als „offenes Feld“. Statt jedes Werk individuell zu betrachten, habe man nur gängige Positionen bestätigt sehen wollen.… Weiterlesen
Veröffentlicht unter Allgemein
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Jetzt werden auch Schriftsteller im Revier gesponsert – Initiativkreis Ruhrgebiet finanziert neue Lesereihe
Von Bernd Berke
Im Westen. Neues vom hochkarätigen Sponsorenzirkel der Revier-Wirtschaft: Der „Initiativkreis Ruhrgebiet“ steigt jetzt auch in die Literaturförderung ein. Vom 3. bis zum 27. November gibt es erstmals die Lesereihe „Poesie und Prosa – Junge Literatur im Ruhrgebiet“, die in neun Städten (darunter Dortmund und Unna) Station macht. Falls sie jetzt Erfolg hat, soll die Veranstaltung künftig alle zwei Jahre über die Bühne gehen.
„Ein Beweis dafür, daß der Initiativkreis nicht nur Glanz- und Glamour-Veranstaltungen wie Operngalas finanziert.“ So wertete Dr. Konrad Schilling das Engagement. Schilling, vormals Kulturdezernent von Duisburg, ist jetzt Kulturbeauftragter des Vereins „pro Ruhrgebiet“, der den Initiativkreis unterstützt.
16 Autoren aus dem Revier werden mit „Poesie und Prosa“ aller Genres (von der Jugendliteratur bis zum Krimi) vorgestellt.… Weiterlesen
Veröffentlicht unter Literatur, Region Ruhr
Verschlagwortet mit Dortmund, Gerd Herholz, Gladbeck, Initiativkreis Ruhrgebiet, Junge Literatur im Ruhrgebiet, Jürgen Wiersch, Konrad Schilling, Literatur, Mülheim, Poesie und Prosa, Sabine Deitmer, Thomas Kade, Unna
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Vom heiligen Recht auf Asyl bis zur großen Fremdenangst – Hans Magnus Enzensbergers Buch „Die große Wanderung“
Von Bernd Berke
Hat man von Hans Magnus Enzensberger schon einmal eine langweilige Seite gelesen? Wohl kaum. Er läßt von jeher seine Gedanken auch stilistisch funkeln. Doch paßt diese Leichtfüßigkeit auch zu jedem Thema? Paßt sie beispielsweise zur Asylpolitik?
Enzensbergers neuer Text „Die große Wanderung“ durchmißt auf bloß 76 Seiten eine imposante Gedankenstrecke. Geschrieben nach Hoyerswerda, aber vor Rostock und den Folgen, handelt das Buch in 33 kurzen Kapiteln von der weltweiten, nach des Autors Ansicht bei uns erst in Rinnsalen spürbaren großen Völkerwanderung, die den anonymen, aber unentrinnbar mächtigen Kapitalströmen rund um den Erdball folge.
Die Deutschen dürften sich, so stellt Enzensberger gleich klar, keinen Illusionen hingeben: Sie seien, bedingt durch geographische Mittellage und geschichtliche Verwerfungen, eh schon immer ein äußerst bunt gemixtes Völkchen gewesen.… Weiterlesen
Veröffentlicht unter Geschichte, Gesellschaft & Soziales, Literatur, Politik und so
Verschlagwortet mit Asyl, Asylpolitik, Die große Wanderung, Hans Magnus Enzensberger
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Das große Lazarett der Vasen – Vier Museen zeigen die erstaunlichen Terrakotta-Arbeiten von Antonio Recalcati
Von Bernd Berke
Im Westen. Gleich vier deutsche Museen zeigen Vasen und Teller aus Terrakotta. Hat man sich da etwa auf breiter Front dem „Schöner wohnen“-Genre samt Luxus und Moden verschrieben? Nein, keine Sorge. In Duisburg, Marl, Köln und Hannover wird nach wie vor seriöse Museumsarbeit betrieben.
Mit den Keramik-Stücken hat es nämlich einiges auf sich. Manche dieser Vasen sehen ja von weitem einigermaßen intakt aus. Doch tritt man näher heran, so sieht man das (mal aggressive, mal beinahe verspielte) Zerstörungswerk: Die eine Vase hat Löcher, keine Flüssigkeit bliebe drinnen. Die Öffnung des nächsten Exemplars ist mit lauter tönernen „Knoten“ verschlossen, ein weiteres Exponat lappt nach oben rissig aus. Verrenkte Hälse, verzerrte Bäuche — ein wahres Vasen-Lazarett.
Die ihrer Funktion beraubten Gegenstände werden zu freien Formen, ja vielleicht zu Abbildern von Freiheit überhaupt.… Weiterlesen
Veröffentlicht unter Kunst & Museen
Verschlagwortet mit Antonio Recalcati, Duisburg, Hannover, Keramik, Köln, Lehmbruck-Museum, Marl, Museum Ludwig, Skulpturenmuseum Glaskasten, Sprengel Museum, Terrakotta, Vasen
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Grass: Das Geschenk der Einheit vergeudet – Kritische Töne auf der Frankfurter Buchmesse
Von Bernd Berke
Frankfurt. Ein Hauptgeschäft bei der Buchmesse ist der Verkauf internationaler Nachdruck-Lizenzen. Wenn dieser Handel getan ist, beginnt ein womöglich noch schwierigeres „Geschäft“, das der Übersetzung.
Nicht jeder Autor kann sich gleich mit einem ganzen Kranz renommierter Dolmetscher umgeben wie Günter Grass, der sich gestern in Frankfurt mit einem Dutzend beinahe anonymer Sprachkünstler aufs Podium begab, die just seinen umstrittenen Bestseller „Unkenrufe“ in alle möglichen Idiome übertragen haben — von Katalanisch bis Türkisch, von Dänisch bis Polnisch. Welche Untiefen sich dabei auftun können, machte der polnische Übersetzer deutlich, der die Aufgabe hatte, gebrochenes Deutsch redende Polen sprachlich ins Polnische „hinüberzuretten“.
„Auschwitz immer mitdenken“
Einmütig stellten die Übersetzer fest, daß Grass‘ Roman mit seiner Kritik an deutschen Zuständen allerorts auf größere Zustimmung rechnen könne als eben in Deutschland.… Weiterlesen
Veröffentlicht unter Buchmarkt & Lesen, Gesellschaft & Soziales, Literatur
Verschlagwortet mit Asylrecht, Ausländerfeinde, Deutsche Einheit, Elektronik, Günter Grass, Kinkel, Marketing, Rostock, Rühe, Übersetzer, Unkenrufe
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