Monatsarchive: Februar 2005

Der Drang ins Grenzenlose – Uraufführung von Tankred Dorsts Stück „Die Wüste“ in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Blühende Zeiten für die Dortmunder Bühnen. Am kommenden Sonntag wird die Grass-Oper „Das Treffen in Telgte“ uraufgeführt, am letzten Samstag kam im Schauspiel erstmals Tankred Dorsts Stück „Die Wüste“ heraus. Bemerkenswert, dass solche Autoren dem Haus vertrauen.

Neuerdings pilgern ja selbst Kölner Theaterfans nicht nur nach Bochum, sondern just auch nach Dortmund. Nun also zieht es sie in jenes ortlose, hitzig-flirrende Gelände, das allerlei unausgelebte Sehnsüchte der Zivilisation entfacht: die Wüste. Bleibt’s eine dramatische Fata Morgana, oder findet Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer die Oase?

Tankred Dorst (79) ist 1962 auf Partikel des Stoffs gestoßen, seither hat er sich in kreativen Schüben wiederholt darauf zubewegt und sich endlich tiefer hinein begeben. Zentrale Figur ist der historische Charles de Foucauld, um 1900 französischer Kolonialoffizier in Nordafrika. Der Kerl fraß das Leben wohl wie ein Berserker, hurte haltlos herum und wurde unehrenhaft aus der Armee entlassen.

Veröffentlicht unter Theater | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentare deaktiviert für Der Drang ins Grenzenlose – Uraufführung von Tankred Dorsts Stück „Die Wüste“ in Dortmund

Zu den Ufern der Freiheit – Ausstellungen über Künstlergruppe „Die Brücke“ in Essen und anderswo

Von Bernd Berke

Essen. So wirken sich Gedenktage aus: Die Gründung der expressionistischen Künstlergruppe „Die Brücke“ jährt sich heuer zum 100. Mal. Deshalb holen viele, viele Museen ihre entsprechenden Bestände ans Licht.

In unseren Breiten sind es derzeit schon Münster und Duisburg, die ihren „Brücke“-Eigenbesitz zeigen. In Essen verhält es sich nun freilich anders. Die „Brücke“-Werke (von Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde und Karl Schmidt-Rottluff), die jetzt in Essen zu sehen sind, könnten tatsächlich dem Folkwang-Museum gehören. Doch man hat sie vom Frankfurter „Städel“ ausleihen müssen.

Die folgenreiche Vorgeschichte: Der 1867 in Essen geborene Chemiker Carl Hagemann wurde um 1910 zum passionierten Kunstsammler. Besonders enge Kontakte pflegte er mit dem „Brücke“-Künstler Ernst Ludwig Kirchner. Auch mit dem damaligen Folkwang-Direktor Ernst Gosebruch (im Amt 1906-1933) war Hagemann befreundet. Es schien beschlossene Sache, dass das Essener Haus einst die Sammlung Hagemann erhalten würde.

Frankfurter Städel-Direktor rettete die Sammlung Hagemann

Veröffentlicht unter Kunst | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | Kommentare deaktiviert für Zu den Ufern der Freiheit – Ausstellungen über Künstlergruppe „Die Brücke“ in Essen und anderswo

Die gute alte Zeit der Heimtücke – Willem Elsschots Roman „Leimen“ über die Frühzeit der Reklame

Von Bernd Berke

Wenn ein Buch „Leimen“ heißt, geht’s nicht zwangsläufig um Boris Beckers Heimatort. Im Falle des belgischen Autors Willem Elsschot bedeutet der übersetzte Titel traditionell „hereinlegen“ oder „hinters Licht führen“.

Wer wird denn da geleimt? Leichtgläubige Inhaber von Kleinbetrieben sollen sich mit Firmenporträts rühmen lassen – in einer ominösen „Allgemeinen Weltzeitschrift fiir Finanzen, Handel, Gewerbe, Kunst und Wissenschaft“. Natürlich nicht kostenlos.

Man muss nur die Eitelkeit kitzeln

Sie sollen für viel Bargeld die Auflage des Blattes kaufen – möglichst 100.000 Exemplare oder mehr. Man muss dazu nur ihre Eitelkeit kitzeln. Die besagte Zeitschrift erscheint allerdings gar nicht regelmäßig, sondern wird nur nach solch windigen Verträgen in passender Stückzahl gedruckt und liegt dann stapelweise bleischwer bei den verschuldeten Firmen herum.

Ein zwielichtiger Herr namens Boormans hat das ganze Verfahren ausgeklügelt, mitsamt einer Phantom-Redaktion. Eines Tages sucht er sich in der Kneipe einen Helfer namens Frans Laarmans, den er in die schmierigen Praktiken einweist. Just aus dieser Unterrichtung und einer ausgiebigen Probe aufs Exempel (bei einer Schmiedewerkstatt) besteht der Roman, wobei Laarmans meist als rückblickender Ich-Erzähler fungiert. Dieser vormals stramm sozialistische Proletarier ist längst zum ausgefuchsten Geschäftsmann mutiert. Solche Wendehälse soll’s ja geben.

Veröffentlicht unter Literatur, Warenwelt & Werbung | Verschlagwortet mit , | Kommentare deaktiviert für Die gute alte Zeit der Heimtücke – Willem Elsschots Roman „Leimen“ über die Frühzeit der Reklame

Neuer Roman: Wilhelm Genazino erkundet die „Liebesblödigkeit“

Von Bernd Berke

Seltsamen Beschäftigungen gehen die Figuren in Wilhelm Genazinos neuem Roman „Die Liebesblödigkeit“ nach. Der Ich-Erzähler verdient seinen Lebensunterhalt mit Vorträgen über die Apokalypse, also den drohenden Verfall und Untergang der Welt.

Wenn dieser Mann durch die Stadt streunt, begegnet er Leuten wie dem Panik-Berater oder der Staubforscherin. Auch kreuzt häufig ein krankhafter Post-Hasser seine Wege, der dem Unternehmen jede winzige Verfehlung verübelt und sie gerichtsverwertbar dokumentieren will.

Man kennt vom Büchner-Preisträger Genazino seit jeher solche skurrilen Merkwürdigkeiten. Bei ihm gibt es keine „Kleinigkeiten“. Jede noch so geringfügige Alltags-Wahrnehmung auf Straßen und Plätzen, in Läden oder Lokalen hat Gewicht, sei der Befund nun tröstlich oder niederschmetternd.

Billigstgeschäfte und „Ekelstahlbänke“

Meist geht es um (Zitat) „Deformationen, die unscheinbar in unser Leben eindringen und uns allmählich die Luft abdrücken.“ Es kann betrüblicher Schwachsinn im Fernsehen sein, der manche Hirne vernebelt. Für überfallartige Depression sorgen auch die tristen Billigst-Geschäfte, die vielen Anzeichen einer neuen Armut oder hässliche neue Stadtmöbel aus Edelstahl, die hier als „Ekelstahlbänke“ missfallen.

Veröffentlicht unter Literatur | Verschlagwortet mit , | Kommentare deaktiviert für Neuer Roman: Wilhelm Genazino erkundet die „Liebesblödigkeit“

Sog der wortkargen Geschwätzigkeit – Deutsche Erstaufführung von Jon Fosses „Todesvariationen“ in Bochum

Von Bernd Berke

Bochum. Gibt es wortkarge Geschwätzigkeit? Normalerweise nicht. Doch beim norwegischen Dramatiker Jon Fosse erlebt man sie konkret.

Seine Personen bilden sehr einfache, knappe Sätze („Es ist nicht so“ / „Du darfst nicht“ /„Kannst du bitte gehen“). Sie quellen melancholisch aus Mündern und tropfen in ein Meer des Schweigens. Doch wie in einer Endlosschleife werden sie in wechselnden Phrasierungen wiederholt, so dass denn doch auf lakonische Art recht viel geredet wird.

Es ist vielleicht die Angst vor dem endgültigen Verstummen, vor dem Tod, welche diese Menschen umtreibt und zum bloßen Sagen am Rande der Sprachlosigkeit drängt. Dies gilt auch fürs Stück „Todesvariationen“, das jetzt in den Bochumer Kammerspielen als deutsche Erstaufführung zu sehen ist. Nach „Winter“ und „Schönes“ ist es bereits die dritte Bochumer Fosse-Premiere. Man erkennt den Autor sogleich am „Sound“ wieder. Dem rhythmischen Sog überlässt sich auch der Regisseur Matthias Hartmann.

Veröffentlicht unter Theater | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | Kommentare deaktiviert für Sog der wortkargen Geschwätzigkeit – Deutsche Erstaufführung von Jon Fosses „Todesvariationen“ in Bochum

Die magischen Momente – Werkschau von Gerhard Richter in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW

Von Bernd Berke

Düsseldorf. Mal stellt dieser Künstler acht gigantische verglaste Bildtafeln hin, die als graue Monumente vor dem Betrachter aufragen, lockend und abweisend zugleich. Dann wieder versammelt er gleich „4096 Farben“ (Titel) kästchenweise auf einem einzigen Bild.

Überhaupt hat der wandelbare Gerhard Richter (72) fast das gesamte Gelände der heutigen Mal-Möglichkeiten ausgeschritten. Seine Retrospektiven gleichen daher ästhetischen Wechselbädern. So auch jetzt in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW.

Dem „Kunst-Kompass“ zufolge ist Richter der gefragteste (und wohl auch teuerste) aller lebenden Künstler. Düsseldorf bereitet nun einen Bilderschmaus mit 120 Arbeiten, beginnend mit den 1960er Jahren. Seit einer Werkschau in der Bonner Bundeskunsthalle (1993) hatte keine deutsehe Richter-Ausstellung ein solches Volumen.

Gezielt verwischte, flirrende Landschaften

Der gebürtige Dresdner, der vor seiner Flucht in den Westen (1961) verhasste Pflichtübungen im Sozialistischen Realismus absolvieren musste, malt seit Mitte der 60er Jahre vielfach an den Grenzlinien des Sichtbaren. Grandiose Beispiele finden sich im Düsseldorfer Raum mit Richters gezielt verwischten, flirrenden Landschaften. Vergebens will man sein Auge „scharf stellen“ – und betrachtet die Vexierbilder somit ungemein intensiv.

Veröffentlicht unter Kunst | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentare deaktiviert für Die magischen Momente – Werkschau von Gerhard Richter in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW