Damals in Bochum – eine Erinnerung zum Tod des Germanisten Jochen Schulte-Sasse

Ich habe das bisweilen etwas lächerlich oder schlimmstenfalls gar aufgeblasen gefunden, wenn – vorzugsweise im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen“ – dahingegangene Professoren gewürdigt wurden.

Meist übernahmen hochkarätige Fachkollegen die Aufgabe, hin und wieder auch ehemalige Studenten, die es inzwischen (z. B. als FAZ-Mitarbeiter) zu etwas gebracht hatten und das auch in jeder Zeile gern durchblicken ließen. Schauplätze der vielfach variierten Saga vom hergebrachten akademischen Glanz, der seither aber leider verblasse, waren besonders altehrwürdige Edel-Universitäten wie etwa Heidelberg, Tübingen, Göttingen oder München.

Jochen Schulte-Sasse (Foto: © University of Minnesota)

Jochen Schulte-Sasse (Foto: © University of Minnesota)

Wie ich darauf komme? Weil jetzt ein Lehrender gestorben ist, den ich selbst als Student an der Bochumer Ruhr-Uni habe erleben dürfen. Die Nachricht von seinem Tod hat mich in Zeitweh versetzt. Der mittlerweile emeritierte Germanistik-Professor Jochen Schulte-Sasse war einer, der einen schon in den anfänglichen Proseminaren wissbegierig machte. Ich kann mich gut erinnern, wie er als junger Assistent – gemeinsam mit Renate Werner – die überfüllten Einführungskurse für Hunderte von Studenten gehalten hat.

Es waren dies keine idealen Bedingungen für Forschung und Lehre. Doch die beiden haben einem gleichwohl manches vom Sinn und Wesen der Literatur aufgeschlossen, und zwar damals nicht anhand von Goethe, Hölderlin, Rilke, Brecht oder Benn, sondern beispielsweise, indem sie den Roman „Im Hause des Kommerzienrats“ der als trivial verschrienen Eugenie Marlitt (1825-1887) eingehend analysierten. Eines der Spezialgebiete von Schulte-Sasse war die „Literarische Wertung“, die sich, um ihre Kriterien zu gewinnen, eben auch mit so genannter Trivialliteratur auseinanderzusetzen hatte. Erst danach durften gut begründete Urteile gefällt werden – und nicht schon nach bloßem Hörensagen.

Ich glaube, dass solche Seminare viele Kommilitonen bis in ihr späteres Berufsleben hinein geprägt haben. Wie anders war das; anders als alles, was man zuvor im schulischen Deutsch-Unterricht kennen gelernt hatte. Diese wache Neugier, dieses luzide Argumentieren, diese Vorurteilsfreiheit. Dieses immer neu geschärfte Instrumentarium, das geeignet war, Tiefenstrukturen literarischer Schöpfungen zu sondieren. Wer da nicht für das Fach gewonnen war, hat sich wohl nie wirklich dafür interessiert!

Leider blieb Schulte-Sasse der Bochumer Universität nicht lange erhalten. Schon 1978 wurde er in die USA berufen, wo er und andere die Universität von Minneapolis (Minnesota) zu einem Zentrum der amerikanischen Germanistik machten.

Den Nachruf auf Jochen Schulte-Sasse habe ich gestern übrigens just in der FAZ gefunden. Autor der Würdigung war Prof. Jürgen Link, in den 70er Jahren ebenfalls Lehrender an der Ruhr-Uni, später dann in Dortmund. Bei ihm habe ich leider nur Vorlesungen belegt. Ach, man hat im Laufe der Jahre schon so manches versäumt…

Was ich noch sagen wollte: Den einleitenden Absatz möchte ich gern relativieren. Denn mag auch Bochums Uni weder altehrwürdig noch sonderlich edel sein (äußerlich ist sie seit jeher eher das Gegenteil), so hat sich doch auch hier längst eine Tradition herausgebildet, die mit gewichtigen Namen aufwarten kann. Das ist schon mindestens ein Innehalten wert.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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5 Kommentare zu Damals in Bochum – eine Erinnerung zum Tod des Germanisten Jochen Schulte-Sasse

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  2. Dr. Bernd Dammann sagt:

    Dr. Bernd Dammann (Jg. 1944, Soziologe)

    Hier kann man jetzt auch noch das nachlesen, was in der ‚Neuen Zürcher Zeitung‘ und auch in allen anderen Nachrufen zum Tode des Germanisten Peter Wapnewski, die in den bundesweit verbreiteten Blättern veröffentlicht worden sind, aus der kulturpolitischen Erinnerung ausgeblendet wurde:

    Der linksliberale Berliner Altgermanist Peter Wapnewski war innerhalb der anti-autoritären und radikal-demokratischen Studentenbewegung der späten 1960er Jahre ein Idol der protestierenden Germanistik-Student(inn)en. Mit seinem ZEIT-Artikel ‚Die alte Germanistik und die jungen Studenten‘ (August 1967) gab er das Zeichen zum Sturm auf die Ordinarien-Germanistik jener Jahre in der BRD. Die im SDS organisierten Hamburger (Germanistik-) Studenten griffen seine Botschaft auf und fassten sie im November 1967 in der griffigen hochschulpolitischen Kampf-Parole zusammen: ‚Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren‘. Über die Geschehnisse auf dem legendären Berliner Germanistentag im Oktober 1968, auf dem revoltierende Germanistik-Studenten aus der ganzen Republik mit der kultur-revolutionären Forderung ‚Schafft die Germanistik ab!‘ auftraten, führte Wapnewski Tagebuch. Seine kritischen Aufzeichnungen veröffentlichte er Ende 1968 noch zeitnah im ‚Merkur. Zeitschrift für europäisches Denken‘. In der Spiegel-Serie ‚Mit dem Latein am Ende‘, die ganz offen mit der studentischen Protestbewegung sympathisierte, wurde Wapnewski im Juli 1969 als Kronzeuge für die Reformunwilligkeit und Reformunfähigkeit seiner germanistischen Professoren-Kollegen zitiert. Es war somit keinesfalls einer Verlegenheit geschuldet, dass Wapnewski aufgrund seiner damaligen bildungspolitischen Positionierung in der studienreformerischen Programmschrift ‚Ansichten einer künftigen Germanistik‘ (Oktober 1969) mit einem engagierten Beitrag vertreten war. Zusammen mit seinem Berliner Freund und Mitstreiter Eberhard Lämmert galt er unter den älteren und gleichaltrigen Fachkollegen der Germanistenzunft deswegen bis weit in die Mitte der 1970er Jahre als Nestbeschmutzer und Verräter. Für Wapnewski blieb dieser Aspekt seiner universitären Wirkungsgeschichte in seiner Autobiographie rückblickend eine kleine Episode, für das Selbstverständnis und die Aufgabenstellung der Ordinarien-Germanistik wurde sie dank seines furchtlosen studienreformpolitischen Engagements zum entscheidenden Wendepunkt. Für die parteigebundene Gedankenwelt der auf Klassenkampf gestimmten universitären K-Gruppen war im ‚roten Jahrzehnt‘ der 1970er Jahre dann allerdings für den Intellektuellen Peter Wapnewski an manchen Hochschulen der BRD tatsächlich vorübergehend überhaupt kein Platz mehr.

    Bernd Dammann

  3. Bernd Berke sagt:

    Lieber Herr Dr. Dammann, vielen Dank für Ihre detaillierten Ausführungen, deren breites Spektrum von leichtathletischen Leistungen bis zu Feinheiten der Fachgeschichte reicht. Sie mögen das Gesamtbild erweitern oder abrunden, ändern aber nichts an der Tatsache, dass die Einführungsseminare von Jochen Schulte-Sasse und Renate Werner damals viele Bochumer Germanistik-Studenten nachwirkend beeindruckt haben.

  4. Dr. Bernd Dammann sagt:

    Dr. Bernd Dammann (Jg. 1944, Soziologe)

    De mortuis nihil nisi bene. An dieser Maxime orientieren sich die Zeitzeugen und Weggefährten von Jochen Schulte-Sasse in den 1970er Jahren an der RUB, Jürgen Link (als Assistenten-Kollege) und Bernd Berke (als Germanistik-Student) in ihren rückblickenden Würdigungen des Verstorbenen. Allgemein zugängliche Informationen über seinen akademischen Werdegang nach seiner Promotion an der RUB im Jahr 1968 gab es nur spärlich. Was aus ihm geworden war, konnte man zwar überall nachlesen, aber nicht das, was er in den Jahren und Jahrzehnten seit den frühen 1970er Jahren fachwissenschaftlich getrieben hat. Das zeichnen und tragen Link und Berke aus diesem traurig stimmenden Anlaß nun in Umrissen aussagekräftig nach. Aber was gibt es aus seiner Lebensgeschichte und seinem Werdegang aus der Zeit davor Aufschlußreiches zu berichten?

    Jochen Schulte-Sasse war ein Schulkamerad am Freiherr-vom-Stein-(Jungen)Gymnasium in Lünen/Westf.. Aufgrund des erheblichen Altersunterschieds kannte er mich nicht, ich ihn dafür aber doch recht gut. Er war für mich in sportlicher Hinsicht ein leuchtendes Vorbild, das ich bewunderte und dem ich – mit nur mäßigem Erfolg – nachzueifern suchte. Denn Schulte-Sasse war während seiner Schulzeit ein begeisterter und hervorragender Leichtathlet, vor allem aber ein begnadeter Mittelstreckler. Bei einem Schulvergleichswettkampf auf Landesebene irgendwann um 1959 lief er als Primaner die 1000m-Strecke in einer Zeit um 2 Min.33 Sek.. Und die gestoppte Zwischenzeit bei 800m lag knapp unter der Schallmauer von 2 Minuten. Das waren nicht nur neue Schulrekorde, sondern diese Resultate gehörten damals wohl zu den besten Laufzeiten, die von Gymnasiasten in NRW bis dahin überhaupt erzielt worden waren. Das alles konnte man am Tag danach auf der mit Kreide beschrifteten Tafel lesen, die im Eingangsbereich unserer Schule angebracht war und sonst nur für aktuelle organisatorische Mitteilungen der Schulleitung genutzt wurde. Das hat mich damals mächtig und bleibend beeindruckt.

    Jochen Schulte-Sasse lebte während seiner Zeit als Gymnasiast als Pflegesohn bei einem kinderlos gebliebenen Lehrer-Ehepaar. Sie war Studienrätin am Geschwister-Scholl (Mädchen)Gymnasium in Lünen, er, Dr. Karl Moritz, Oberstudienrat für Deutsch, Geschichte und Erdkunde an unserer Schule. Ich schreibe das, weil dieser Pflegevater als Deutsch-Lehrer auf Schulte-Sasse offensichtlich germanistisch prägend gewirkt hat. Für uns Schüler in der Mittelstufe (1958-61)war Dr. Moritz zum Albtraum geworden. Ich gehörte zu den zahlreichen Versuchskaninchen, an denen er seit Ende der 1950er Jahre sein fachdidaktisch und unterrichtspraktisch gespeistes Interesse an Fragen und Problemstellungen der literarischen Wertung abarbeitete. Denn er fühlte sich berufen, im Rahmen der literarischen Geschmacksbildung im gymnasialen Deutschunterricht das bedroht erscheinende bildungsbürgerliche Literaturerbe zu retten. Der promovierte Germanist Karlheinz Deschner (Jg. 1924), der sich später als vehementer Kirchenkritiker einen Namen machte, hatte nämlich mit seiner literarischen Streitschrift ‚Kitsch, Konvention und Kunst‘ (1957) die vornehmlich konservativ-reaktionäre deutsche Literaturwissenschaft aus ihrem Tiefschlaf geweckt, kräftig aufgemischt und in Fragen der literarischen Wertung in Selbstrechtfertigungs- und Begründungszwänge gebracht. Dr. Karl Moritz fühlte sich daraufhin aufgerufen, die ins Straucheln geratene werkimmanente Interpretation und damit den traditionell konservativen Kanon des gymnasialen Deutschunterrichts wie auch der etablierten Germanistik vor dem Absturz zu bewahren. Auf Seiten der Ordinarien-Germanistik waren es zwei bekennende Sozialdemokraten, die sich aufschwangen zu retten, was auf Dauer nicht mehr zu retten war: Walther Killy, Deutscher Kitsch – Ein Versuch mit Beispielen, Göttingen 1961/62 und Walter Müller-Seidel, Probleme der literarischen wertung – Über die Wissenschaftlichkeit eines unwissenschaftlichen Themas, Stuttgart 1965.

    Nach erfolgreich bestandener Abiturprüfung im Februar/März 1964 schenkte dann unser Klassenlehrer Dr. Moritz jedem von uns ein druckfrisches Exemplar der Erstauflage seines opus magnum ‚Wertendes Lesen. Einführung in die literarische Wertung‘, Frankfurt 1964. Schon da ist in der Einleitung zu lesen, daß sich dieses für den gymnasialen Deutschunterricht konzipierte Werk der Mitarbeit von Jochen Schulte-Sasse, damals noch Student, verdankt. Dieses für den Schulunterricht fortschreitend unzeitgemäßer werdende Arbeitsbuch erschien bis 1974 in sieben Auflagen, in denen Schulte-Sasse regelmäßig für seine maßgebliche Mitarbeit an hervorgehobener Stelle immer wieder lobend erwähnt wurde.

    Als sein germanistischer Mentor Joachim Schrimpf ihn 1964/65 von Münster an die Uni-Neugründung Bochum mitnahm, schien es noch so, als habe Schulte-Sasse damit im Blick auf die ihn erwartende akademische Karriere das ganz große Los gezogen. Allerdings entpuppte sich sein fachliches und personelles Umfeld in Bochum, neben Schrimpf auch noch die konventionell eingestellten Lehrstuhlinhaber Just und Ingrid Strohschneider-Kohrs,wie mir scheint, für den Fortgang seiner akademischen Karriere nach der Promotion 1968 als schwer belastendes Handicap. Aus dem Dunstkreis des Benno-von-Wiese-Schülers Hans Joachim Schrimpf (1927-2003) zu kommen und mit Karl Moritz‘ ‚Wertendes Lesen‘ als Wackerstein im fachwissenschaftlichen Marschgepäck hatte Schulte-Sasse in den Zeiten der beginnenden Gruppen-Universität und einer kurzen und boom-artigen Stellen-Expansion in den frühen 1970er Jahren ganz schlechte Karten.

    Auch wenn Jürgen Link das nur sehr vorsichtig und durch Sachverhaltsfeststellungen umschreibend andeutet, sei es doch einmal klar und deutlich gesagt:
    Der Germanist Jochen Schulte-Sasse zählte weder zu den Vorreitern und Vordenkern, noch war er in der ‚heißen Phase‘ ein aktiver Mitstreiter und Mitgestalter der 68er-Bewegung bei der Modernisierung des Selbstverständnisses und der Gegenstandsbereiche der ‚Neueren dt. Literaturgechichte‘. Erst im ‚roten Jahrzehnt‘ trat er im Laufe der 1970er Jahre Schritt für Schritt und den besonderen Zeitumständen jeweils entsprechend als deren handwerklich grundsolider Nachvollzieher publizistisch in Erscheinung. Die zusammen mit seiner Assistenten-Kollegin Renate Werner verfaßte ‚Einführung in die Literaturwissenschaft‘, München 1977 (9.Auflage, 2001), die zu einem Standardwerk wurde, legt davon Zeugnis ab.

    Da waren allerdings schon zahlreiche Fachkollegen seiner Altersgruppe aus den Geburtsjahrgängen der frühen 1940er Jahre ab 1971 längst Germanistik-Professoren an den wirklichen Hochschul-Neugründungen und Reform-Universitäten in SPD-regierten Bundesländern geworden:
    Wolfgang Emmerich, Jg. 1941, ab 1971 in Bremen; Helga Gallas, Jg. 1940, ab 1974 in Bremen; Gert Mattenklott,1942-2009, ab 1972 in Marburg; Siegfried J. Schmidt, Jg. 1940, ab 1971 in Bielefeld; Jochen Vogt, Jg. 1943, der wie auch Sch.-S. 1968 an der RUB promoviert hatte, ab 1973 an der Gesamthochschule Essen, u.a.m.. Ab Mitte der 1970er Jahre war dann für die meisten der noch Unversorgten aus dieser Alterskohorte der Karrierezug in Richtung einer verbeamteten Dauerstelle auch schon wieder unwieder-bringlich abgefahren. Da blieb für davon Betroffene wie Jochen Schulte-Sasse nur noch der Exodus aus dem Land der einst hochgelobten Ordinarien-Universität, in diesem Fall in die USA, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

    Bernd Dammann

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