Wie Romane beginnen

Vor zwei Tagen haben die Stiftung Lesen und die Initiative Deutsche Sprache den angeblich schönsten deutschsprachigen Prosa-Anfangssatz gekürt. Es war Günter Grass‘ lapidarer Einstieg in den „Butt“: „Ilsebill salzte nach.“ Nun denn.

Der Autor dieser Zeilen ist vor fast einem Jahr aufs selbe Thema gekommen, der folgende Artikel stand zu Silvester 2006 in der „Westfälischen Rundschau“, für Westropolis ist er rundum neu – gleichsam „remastered“. Und vielleicht taugt er auch zum nächsten Jahreswechsel, der ja nicht mehr allzu weit entfernt liegt:

Ein altes Jahr verrinnt, ein neues fängt an. Mit welchen Haltungen man wortwörtlich etwas Neues (und vielleicht Großes) beginnen kann, das lässt sich vielleicht bei den Schriftstellern ablesen. Wie haben sie ihre Romane eingeleitet? Wie lauten die ersten Sätze, die ja oft die schwierigsten sind?

Nun, viele Autoren beginnen schlicht mit einer Naturbeob-achtung oder einem Landschaftsbild. Oft schildern sie das Wetter: „Es war ein launischer Frühling“ (Virginia Woolf, „Die Jahre“). „Es war ein klarer, kalter Tag im April“ (George Orwell, „1984“). „Da eine Hitze von dreiunddreißig Grad herrschte…“ (Gustave Flaubert, „Bouvard und Pécuchet“). Oder, fast wissenschaftlich genau: „Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts…“ (Robert Musil, „Der Mann ohne Eigenschaften“).

Gertrude Stein („Ida“) stellt sinnigerweise eine neue Erdenbürgerin voran: „Ein Baby wurde geboren namens Ida.“ Andere nennen einfach erst einmal Epoche, Jahreszeit, Datum, Ort, um in den Erzählfluss zu gleiten. Vladimir Nabokov behauptet just in den Anfangssätzen eines Romans („Die Gabe“), vor allem deutsche Schriftsteller würden stets mit einem Datum beginnen. Wer’s glaubt . . .

Entschlossene Charaktere greifen sofort kräftig in die Harfe, um die schrecklich weiße erste Seite (oder die leere Datei) zu füllen. Sie trumpfen mit Besonderheiten auf. Es hat wohl generell etwas mit ihrem Zugriff aufs Dasein zu tun. „Zugegeben, ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt…“ Diesen Satz stellt Günter Grass an den Beginn seiner „Blechtrommel“.

Irmgard Keun steigert sich gleich in Gefühle hinein: „Das war gestern abend so um zwölf, da fühlte ich, dass etwas Großartiges in mir vorging.“ („Das kunstseidene Mädchen“). Noch eine Spur weihevoller formuliert Peter Handke: „Einmal in meinem Leben habe ich bis jetzt die Verwandlung erfahren.“ („Mein Jahr in der Niemandsbucht“). Nabokovs genial-skandalöse „Lolita“ fängt mit haltloser Schwärmerei an: „Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden.“ Am höchsten hinaus will Jean Jacques Rousseau mit seinen „Bekenntnissen“: „Ich beginne ein Unternehmen, das ohne Beispiel ist und das niemand nachahmen wird.“

Häufig fangen jedoch gerade aufregende Bücher betont unscheinbar an. Aber dann! Michel Houellebecq steigt in „Ausweitung der Kampfzone“ so lakonisch ein: „Am Freitagabend war ich bei einem Arbeitskollegen eingeladen.“ Georg Büchners Erzählung „Lenz“ steuert knapp auf den Leser zu: „Den 20. ging Lenz durchs Gebirg.“ Jonathan Swifts Ich-Erzähler lässt in „Gullivers Reisen“ wissen: „Mein Vater hatte einen kleinen Besitz in Nottinghamshire.“ Adalbert Stifters „Nachsommer“ hebt nüchtern an: „Mein Vater war ein Kaufmann.“ Herman Melvilles grandioser Wälzer „Moby Dick“ raunt uns eingangs kurz zu: „Nennt mich Ismael.“ Richard Fords Roman „Der Sportreporter“ meldet kurz: „Ich heiße Frank Bascombe. Ich bin Sportreporter.“

Gängig ist auch das Beschwören einer Bedrohung. Der vielleicht berühmteste aller ersten Sätze steht in Franz Kafkas „Der Prozess“: „Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Wolfgang Koeppen im Nachkriegsroman „Tauben im Gras“: „Flieger waren über der Stadt, unheilkündende Vögel.“ Thomas Pynchon in „Die Enden der Parabel“: „Ein Heulen kommt über den Himmel.“

Überboten werden solche Rätsel durch komplette Konfusion. Etwa so: „Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß nicht.“ (Albert Camus, „Der Fremde“). Bei Rainald Goetz („Irre“) heißt es wie in Trance: „Ich erkannte nichts wieder.“ Nullpunkt-Gefühle auch bei Rolf Dieter Brinkmann („Keiner weiß mehr“): „Man hörte nichts mehr. Sämtliche Geräusche waren verstummt.“

Das schiere Gegenteil sind behagliche Sätze wie dieser: „Eduard – so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter – Eduard hatte in seiner Baumschule die schönste Stunde eines Aprilnachmittages zugebracht…“ (Goethe, „Wahlverwandtschaften“). Noch behäbiger: Iwan Gontscharows fauler Antiheld „Oblomow“ liegt schon im ersten Satz zu Bette – und bleibt praktisch den ganzen Roman über liegen…

Verzagte Anfänge sind nicht selten, sie können durchaus fesselnde Romane einleiten: „Ich will nicht mehr kämpfen. Ich bin’s leid.“ (Ralf Rothmann, „Flieh, mein Freund!“). „Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war ich erst recht am Ende.“ (Günter Herburger, „Flug ins Herz“). Schon anfangs am Ende. Unerhört… Nun aber vorwärts! Etwas mehr Dynamik, bitte. Es bietet sich geradezu an, ein Buch mit einem Aufbruch oder einer neuen Freiheit beginnen zu lassen. Etwa so: „Wir starteten in la Guardia, New York, mit dreitägiger Verspätung infolge Schneestürmen.“ (Max Frisch, „Homo faber“). Goethes „Werther“ sagt’s rückblickend so: „Wie froh bin ich, daß ich weg bin.“ Der Ägypter Nagib Machfus bejubelt in „Miramar“ eine Ankunft: „Alexandria. Endlich!“ Alfred Döblin schreibt: „Er stand vor dem Tor des Gefängnisses und war frei.“ („Berlin Alexanderplatz“).

Eine weitere Sorte bezieht sich aufs Metier selbst. „Erzähl du. Nein, erzählen Sie!“ (Grass, „Hundejahre“). Bange Variante: „Nie habe ich einen Roman mit größeren Hemmungen begonnen.“ (Somerset Maugham, „Auf Messers Schneide“). Jean-Paul Sartre ermuntert sich in „Der Ekel“ selbst: „Das Beste wäre, die Ereignisse Tag für Tag zu notieren.“ Ein kluger Mann baut gegen etwaige Kritik vor: „Ich will mich für die Erzählung, die ich Ihnen anbiete, entschuldigen.“ (Harold Brodkey, „Profane Freundschaft“).

Die größten Romanprojekte gehen übrigens nahezu läppisch an den Start. James Joyce lässt im ersten Satz von „Ulysses“ einen Mann („stattlich und feist“) mit Utensilien zur täglichen Nassrasur auftreten. Marcel Proust („Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, Vorspiel in „Combray“): „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen.“ Und Thomas Manns sprachgewaltiger Roman „Buddenbrooks“ macht mit solchem Gestammel auf: „Was ist das. – Was – ist das…“ Botho Strauß rattert sich in seinen Roman „Der junge Mann“ derart hinein: „Zeit Zeit Zeit.“

Eine Strategie des Spannungsaufschubs verfolgt der wundersame Robert Walser. Er legt mit „Jakob von Gunten“ los und bremst sogleich: „Edith liebt ihn. Hievon nachher mehr.“ Hitchcock!

Hans Christian Andersen mag keine Umschweife. Der Erzähler des langen Märchen „Die Schneekönigin“ ruft eingangs: „Siehst du, jetzt fangen wir an!“ Vielleicht sollten wir genau so unverkrampft ans Neue herangehen.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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