Dortmund in den 20er Jahren: Groß- und Weltstadtträume in der westfälischen Provinz

Dortmund in den 1920er Jahren – war da was? Da wird doch wohl nicht viel „Betrieb“ gewesen sein, oder?

Nun. Wie man’s nimmt. Es war gewiss kein Vergleich mit Berlin. Auch war es kein goldenes, aber doch ein vielfach hoffnungsvolles Jahrzehnt in Westfalens größter, seinerzeit (bis zur Weltwirtschaftskrise 1929) deutlich aufstrebender Stadt. Für den Sammelband „Die 1920er Jahre. Dortmund zwischen Moderne und Krise“ haben 23 Autor(inn)en jeweils in kurzen Aufsätzen einige Grundlinien der damaligen Entwicklung skizziert, die sich nach und nach zum facettenreichen Bild fügen. Hierauf könnten künftige Standardwerke aufbauen.

Das thematische Spektrum reicht von Bergbau und Brauereien über Begleitumstände der Motorisierung und den früheren Flughafen – bis hin zur lokalen Politik, zum Theater, der blühenden Kinolandschaft (angesichts der heutigen Dürftigkeit muss man da unwillkürlich seufzen) und den offenbar beachtlichen Vergnügungslokalen. Jawohl. Es hat da ein paar imponierende Etablissements gegeben, die national wohl allenfalls hinter Berlin oder Hamburg zurückstanden. Mehr noch: Die 1925 eröffnete, „alte“ Westfalenhalle (1952 völlig veränderter Neubau nach Kriegszerstörung) mit ihren Sechstagerennen, Boxereignissen oder Max Reinhardts gigantischen Mysterienspielen („Das Mirakel“) weckte bei manchen Menschen gar Weltstadt-Illusionen. Doch schon damals hat man sich des Bahnhofs geschämt, der nicht ins lokalpatriotische Wunschbild passen wollte. Es gibt Dinge von unheimlicher Dauer.

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Immerhin erschien in Dortmund der tief bis ins Rheinland ausstrahlende, erzdemokratische „Generalanzeiger“ (GA), die auflagenstärkste deutsche Tageszeitung außerhalb Berlins. Nebenbei geflüstert: Es macht einen geradezu ein klein wenig stolz, zu Beginn des Berufslebens noch in einstigen GA-Gebäuden an der Bremer Straße gearbeitet zu haben. Jetzt aber Schluss mit Rührseligkeit! Zumal Dortmund heute – so betrüblich man das finden mag – leider keine Pressestadt von exzellentem Rang mehr ist.

Das literarische und künstlerische Leben der 20er Jahre wird auf lokaler Ebene zwar abgehandelt, es hat jedoch bei weitem nicht die Dimensionen und Wirkkräfte des populären Amüsements erreicht. Auch hierbei kann man in der Stadt missliche Nachwirkungen bis in die heutige Zeit spüren.

Auch im Dortmund der 1920er kann man von einer Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen sprechen: proletarische Lebensformen, natürlich; provinzielle Enge und dörfliche Lebensweise in den Vororten; als Gegenkraft der feste bürgerliche Wille, endlich urban zu werden in einem entschieden modernen Sinne, wobei freilich die technisch-industriellen Aspekte der Moderne überwogen. Die Ideen der Futuristen und deren bedingungslose Maschinen-Begeisterung gaben den Takt vor. Da ließ man auch jede Rücksicht auf die Reste der mittelalterlichen Stadt fahren. „Vorwärts, vorwärts“ hieß die hämmernde Devise.

Alles, was irgend nach Großstadt roch, sollte gesteigert werden. In der Folge sind eine ganze Reihe von Gebäuden, die teilweise noch heute das Stadtbild mit nüchtern-neusachlichem Gestus prägen, in jenen Jahren entstanden. Zu nennen sind vor allem der mächtige Turm der Dortmunder Union-Brauerei (heute „Dortmunder U“) sowie der Dreiklang aus Westfalenhalle (1925), Kampfbahn Rote Erde (1926) und Volksbad (1927).

Übrigens gilt es gerade jetzt, ein weiteres wuchtiges Baudenkmal der 20er zu retten, nämlich die kühn geschwungene, bisherige AOK-Zentrale am Königswall. Deren ursprüngliche, zwischenzeitlich mit Platten verblendete Fassade muss nach dem kürzlich erfolgten Auszug der Krankenkasse unbedingt wieder ans Licht geholt werden. Alles andere wäre Frevel.

„Die 1920er Jahre. Dortmund zwischen Moderne und Krise“. Sonderausgabe der Zeitschrift „Heimat Dortmund“ (Doppelheft 1+2/2012). Hrsg.: Günther Högl (ehem. Stadtarchiv-Leiter) und Karl-Peter-Ellerbrock (Direktor Westfälisches Wirtschaftsarchiv). Klartext Verlag, Essen. 160 Seiten. 10 Euro.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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