Ganz entspannte Hektik: Otto Waalkes wird 70

Erst kommt das gejodelte „Holladihitiii”, dann das diabolisch geknödelte „Ha-hoooaaaaa!” Es sind zwei von vielen Markenzeichen eines Großmeisters der Komik: Otto Waalkes, der heute, am 22. Juli, schier 70 Jahre alt wird.

Porträt des Künstlers als junger Mann: Otto in einer „Otto-Show" der 70er Jahre. (Screenshot aus: https://www.youtube.com/watch?v=60GTIFV_uUc)

Porträt des Künstlers als junger Mann: Otto Waalkes in einer „Otto-Show” der 70er Jahre. (Screenshot aus: https://www.youtube.com/watch?v=60GTIFV_uUc)

Unnachahmlich, wie er im Hüpfgang kreuz und quer über die Bühne wuselt. Kaum zu glauben: sein aberwitziges Bewegungs- und Sprechtempo, mit dem er alles auf den Kopf stellt. Dazu sein perfektes Timing, seine hochprofessionelle Intonation und seine überragende Musikalität, die sich z. B. wahlweise auf Gitarre, Klavier, Schlagzeug oder Akkordeon austobt. Als Musiker dürfte er dem so ganz anders gearteten Nachfahren Helge Schneider so gut wie ebenbürtig sein. Und das will wirklich was heißen. Dass er auch noch flink zeichnen kann, davon zeugt nicht nur der Ottifant.

Zur Einstimmung habe ich mir jetzt noch einmal mehrere Ausgaben der „Otto-Show” angesehen, die ab 1973 geradezu singuläre Offenbarungen im Fernsehprogramm gewesen sind. Otto machte sich seinerzeit rar und feilte lange an jeder Sendung. Es hat sich ausgezahlt. Wie vordem kein anderer, spielte er virtuos mit den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Mediums.

Soll man Otto einen Anarchisten nennen, der freilich jede Aggression meidet und niemandem wehtut? Soll man ihn den „Herrn der Hektik” heißen, der mitten im selbst angerichteten Chaos immer ganz entspannt bleibt, jederzeit eine Kehrtwende vollführen und schon wieder neuen Unsinn verzapfen kann? Nun ja, wir können diese und noch ein paar andere Schubladen öffnen.

Es zählen und erfreuen nicht derlei Allgemeinheiten, sondern stets die einzelnen Sketche, etwa diese irrlichternden Parodien aufs gravitätische „Wort zum Sonntag” oder die offiziös sich gebende „Tagesschau”, auf Schagersänger, Ärzte, Richter und Gourmet-Köche. Legendär auch die aufgeregten Berichte des Reporters „Harry Hirsch”, die wahnsinnigen Werbespots, die Versteigerung „erotischer Kunst”, bei der Dürers berühmter, unschuldiger Hase als „Ruhe nach dem Rammeln” feilgeboten wird. Oder die letztgültige philosophische Deutung der Gassenhauer-Zeile „Theo, wir fahr’n nach Lodz”. Und, und, und.

Es war ein glücklicher Umstand, dass Ottos erzkomische Bühnenbegabung auf wahrlich kongeniale Autoren traf. Viele seiner Ideen und Texte stammten aus der „Neuen Frankfurter Schule” des parodistischen Nonsens, allen voran von Robert Gernhardt, Bernd Eilert und Pit Knorr, die wiederum Heinz Erhardt etliche Anregungen verdankten, so dass eine ehrwürdige Ahnenreihe der deutschen Hochkomik sich fügt. Und siehe da: Höchste Sprach- und Spielkunst kamen einmal überein mit dem Massengeschmack. „Otto – der Film” hatte sagenhafte 15 Millionen Kinozuschauer.

Überlegen wir mal: Worüber hat man in den 70ern sonst noch so gelacht? Beispielsweise über allerlei „Blödelbarden”, über die Otto allerdings hinauswuchs, weil er eben nicht nur ein Barde ist; ferner über die frühen Filme von Woody Allen, deren Witz jedoch zumeist eine deutlich kürzere Halbwertzeit hatte. Natürlich hat sich (bestimmt auch auf Otto) namentlich der britische Humor-Import ausgewirkt: Monty Python, Marty Feldman…

Und daheim? War das Schaffen des feinsinnigen Gentleman Loriot der ziemlich einsame Gipfel, neben dem nun auf einmal dieser überaus quirlige Otto aufragte. Obwohl: So etwas Beständiges wie Aufragen war seine Sache eigentlich nie, eher schon der unberechenbare Bewegungsimpuls eines Springteufels oder Stehaufmännchens. Aber da sind wir schon wieder bei generellen Zuschreibungen. Schluss damit.

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Weitere Links zur „Otto-Show”: hier und hier.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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Ein Kommentar zu Ganz entspannte Hektik: Otto Waalkes wird 70

  1. Paul Blösl sagt:

    Schöner Text.
    Und ja, Otto war anarchistisch als er da so plötzlich in der eher bräsigen deutschen Medienlandschaft auftauchte (auch wenn für mich damals der Begriff „Anarchismus“ ein maximal schwammiger Begriff war, wenn überhaupt).
    Loriot war eher der Feingeist und Otto das Chaos. Fast logisch, dass sich das Feingeistige von Loriot konsequent durchziehen ließ, wohingegen sich dieses Chaosfeuerwerk fast zwangsläufig erschöpfen musste.
    Aber schön, dass ich’s in meiner Jugend erleben durfte.
    Grüße
    Paul

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