„Bella Italia“ wird zwar behauptet, aber leider nicht gezeigt

Grandiose Erwartungen weckt das Wuppertaler Von der Heydt-Museum mit seiner Ausstellung „Bella Italia“: Fotos und Gemälde aus den Jahren 1815 bis 1900 bekommt man in abgedunkelten Räumen zu sehen, aber die versprochenen „Bella Italia“-Gefühle kommen nicht auf.

Ostern auf dem Petersplatz um 1870 (Foto aus der Ausstellung)

Was sieht man? Offensichtlich hat der Sammler Dietmar Siegert seine sicherlich wichtige und wertvolle Kollektion alter Fotografien dem Museum für diese Ausstellung angedient, und dort hat man nun um die Bilder herum diese Ausstellung konzipiert. Entsprechend zufällig wirkt die Zusammenstellung, und wer dem Thema angemessene Gemälde in ausreichender Zahl erwartet hatte, der wird mit einigen kleinformatigen Italien-Motiven aus dem Bestand der Wuppertaler Ständigen Ausstellung (oder aus dem Depot) abgespeist.

Die Bilder sind geographisch gehängt, zeigen also Szenen aus dem alpinen Norden über Venedig und Florenz, Rom und Neapel bis Sizilien.… Weiterlesen

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Zwei Tage Kulturschock in New York – der neue Film von Julie Delpy

Sommerlochzeit. Das Gros der Kulturschaffenden hat sich in die Sommerpause verabschiedet. Da man derzeit eh den Eindruck hat, der Sommer finde nur noch in Filmen statt – eine gute Zeit, mal wieder ins Kino zu gehen. Der Film, für den wir uns entschieden, spielt zwar in der Zeit um Halloween, ist aber dennoch eine sommerlich leichte wunderbare Abwechslung während des Monsuns: 2 Tage New York – die Fortsetzung von 2 Tage Paris, des Überraschungshits aus dem Kinosommer 2007.

Die Protagonisten sind älter geworden, aber nicht unbedingt reifer. Zumindest allerdings ein bisschen weniger sexbesessen. Der nervige Jack ist zum Glück Geschichte, von ihm ist nur noch am Rande die Rede. Hat er der Heldin Marion doch den schnuckeligen kleinen Sohn Lulu beschert.… Weiterlesen

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Schubert für Feinsinnige: András Schiff beim Klavier-Festival Ruhr

András Schiff berichtete in einem Interview einmal aus seiner Jugend: Er habe im Unterricht bei seinem Landsmann György Kurtág als Hausaufgaben Schubert-Lieder bekommen, die er in der Klavierstunde dann selbst singen musste. Und Schiff folgert: „Singen und Spielen, das war der vielleicht wichtigste Impuls in Richtung Schubert.“ Wer dem Klavierabend des ungarischen Pianisten in der Stadthalle Mülheim folgte, wird die Spuren dieser Ausbildung unschwer erkannt haben. Kurtág, einer der bedeutenden Komponisten der Gegenwart, hat dem jungen Schiff etwas mitgegeben, was dieser in seinen unvergleichlichen Stil integriert hat. Sein Schubert-Abend zum Abschluss des „klassischen“ Programms des Klavier-Festivals Ruhr war inspiriert von den Grundtugenden des Singens und des Atmens.

Dass Schubert in „singenden Phrasen“ denkt, macht Schiff sogleich deutlich: Den Anfang der G-Dur-Sonate D 894 setzt er in einem kunstvoll gesponnenen Bogen an, einer subtilen Mischung aus gebundener Phrase und perlender Staccato-Leichtigkeit, gegliedert mit einer schier unerschöpflichen Vielfalt an dynamischen Valeurs.… Weiterlesen

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Ein Hoch der Tastenkunst: Martha Argerich beim Klavier-Festival Ruhr

Der Jubel war programmiert: Martha Argerich, eine der bekanntesten Pianistinnen weltweit, gehört zu den geschätzten „Stammgästen“ des Klavier-Festivals Ruhr. Solo-Konzerte gibt die Dame mit den langen grauen Haaren seit langem nicht mehr gerne. Sie macht mit Musikern, die sie schätzt, Kammermusik. In diesem Jahr konzentrierte sich ihr Auftritt in der Philharmonie auf das Klavier. Zwei Flügel, vier Spieler, acht Hände: Der Tastenkunst wurde Tribut gezollt!

Argerich eröffnete den Abend mit ihrer langjährigen Klavierpartnerin Lilya Zilberstein. Mozarts D-Dur-Sonate zu vier Händen (KV 381) schnurrte in perfekter Gleichzeitigkeit dahin. Die Damen gönnten sich kein Innehalten, preschten durch den ersten Satz. Kein idealer Zugang zu Mozart: Farbwechsel wären durch die Noten beglaubigt und würden die Vorherrschaft des rein Motorischen brechen. Dass Mozart zum Beispiel die Staccato-Treppchen schon nach vier Takten durch Bindebögen, nach weiteren vier Takten durch Rhythmuswechsel ersetzt, hat für die beiden stürmischen Damen keine Konsequenz für ihre Rhetorik.… Weiterlesen

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Meilensteine der Popmusik (15): The Rolling Stones

Nur wenige Bands haben ihre Gefühle so offen bloßgelegt, waren so widerspenstig, und doch so ehrlich wie die Rolling Stones. Für sie gab es keine Tabuzonen. Den Grundsatz, nur nichts Persönliches in die Pop-Musik einzubringen, warfen sie einfach über den Haufen. Seit nunmehr 50 Jahren auf der Bühne und bis heute: „shocking“ um (fast) jeden Preis.

Im April 1966 mussten die Feministinnen daran glauben. Die Aussagen des Albums „Aftermath“ trieben die engagierte Weiblichkeit zur Weißglut. Auf einen Punkt: Männer sind Männer, und Frauen sind Sex-Objekte. Alles „under my thumb“, unter meinen männlichen Daumen…

Die Stones als chauvinistische Frauenhasser? Der hämische, rachsüchtige Tonfall ist laut Mick Jagger ganz und gar nicht politisch gemeint. Das ist nur die Art, wie die Stones über die Sachen reden, die sie beschäftigen.… Weiterlesen

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Sie waren eigentlich schon immer da: Ein halbes Jahrhundert „Stones“

Ja, sie waren eigentlich schon immer da, sie waren das musikalische Inventar ganzer Generationen, sie oder eigentlich wohl mehr ihre anhängenden Fans, ihre Follower durch die sich wandelnden Zeiten, begingen schon zahllose Jubiläen und heute haben wir wieder eines, an das wir uns erinnern: Heute, genau vor 50 Jahren, traten „The Rollin‘ Stones“ (damals noch ohne „g“) zum ersten Mal öffentlich unter diesem Namen auf – im Marquee-Club in London.

Bei realistischer Rückschau wurde die Premiere von Mick Jagger, Keith Richards, Brian Jones, Dick Taylor, Ian Stewart und Tony Chapman ganz und gar nicht mit huldvollem Staunen aufgenommen, ja sogar Buh-Rufe sollen vernommen worden sein. Das Publikum, das noch nicht ahnen konnte, gerade einem Jahrhundert-Ereignis beizuwohnen, hätte lieber mehr lupenreinen Blues zu sich genommen, wie ihn Alexis Korner, der eigentlich der Star des Abends sein sollte, von sich gab – und sie riefen nach dieser Musik.… Weiterlesen

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Die schwebende Komik des Bernd Pfarr

Der leider so früh verstorbene Bernd Pfarr (1958-2004) war ein unvergleichlicher Cartoonist, Zeichner und Maler. Kaum auszudenken, welche Figuren und Szenen er noch hätte erschaffen können, wenn ihm mehr Jahre geblieben wären. Seine Bilder führen in ungeahnte Vorstellungsräume, sie sind nicht einfach nur hochkomisch, sondern heben mit allem Inventar gleichsam sachte ab vom Boden der Verhältnisse, öffnen unversehens Türen in eine andere Wirklichkeit. Ach, es ist verteufelt schwer, diese wunderbar schrägen, immer auch geheimnisvoll schwebenden Bilder mit Worten zu erfassen. Pfarrs zutiefst merkwürdige Figur „Sondermann“ zählt jedenfalls zu den grotesken Legenden neuerer Zeitrechnung.

Wer, wenn nicht solche erhabenen Könner wie Pfarr, der überdies auch ein höchst feinsinniger Texter gewesen ist, gehörte in eine Buchreihe mit dem Obertitel „Meister der komischen Kunst“?… Weiterlesen

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Mitliebender Zuschauer – Franz Hessels Roman „Der Kramladen des Glücks“ neu aufgelegt

Wer schon als Knabe bei Ringkämpfen „die köstliche Lust des Besiegten“ zu genießen verstand, aus dem wird auch später kein Eroberer, wenn ihm egoistische Interessen nahelegen müssten, eine Geliebte nicht kampflos dem Rivalen zu überlassen. Gustav Behrendt in Franz Hessels frühem Roman Der Kramladen des Glücks (1913) ist solch eine kontemplative Natur, die schon zufrieden ist, in Ruhe die Hände der Angebeteten verehren zu dürfen.

„Ich liebe schöne fremde Damen, die vorübergehen und mich nicht ansehen“, notiert er in seinem Tagebuch, und über ein Mädchen, dem er ein einziges Mal in einem Wirtshaus begegnete: „Ich liebte sie sehr.“ Das zeugt von einer mächtigen Vorstellungskraft.

Seinem Betrachterglück kann Gustav am besten nachgehen, solange er von anderen unbemerkt bleibt – „dann war sie so freundlich, müde zu werden, legte sich auf den Diwan und schloss die Augen“, heißt es über Marianne, deren Schlaf er wiederholt bewacht.… Weiterlesen

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Grandiose Deutung: „Don Giovanni“ an der Rheinoper

Wer – oder was – ist Don Juan? Die Frage hat die geistige Welt schon umgetrieben, als Tirso de Molina sein barockes Spiel vom bestraften Wüstling verfasst und auf die Bühne gestellt hat. Seither hat Don Juan eine Weltkarriere gemacht: Es gibt tausende von literarischen Werken, Dutzende von Opern und hunderte von Büchern über die Gestalt, deren historisches Werden ebenso im Dunkel liegt wie die inneren Schichten seiner Seele.

Spätestens seit Wolfgang Amadé Mozart, seit E.T.A. Hoffmann und Søren Kierkegaard ist der Don-Juan-Stoff mit Musik verbunden. Don Giovanni ist ein idealer Opernheld, denn seine Uneindeutigkeit und sein wesenloses Sein, seine symbolische Kraft und seine sinnliche Existenz lassen sich in und mit Musik – zumal, wenn ein Mozart am Werke ist – am sinnenfälligsten einkreisen.… Weiterlesen

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Ernest Borgnine starb mit 95: Er konnte mit Nuancen Charaktere prägen

Wirklich nicht mit äußeren Erscheinungsmerkmalen gesegnet, die gemeinhin Hollywood-Stars glamourös erscheinen lassen, als Darsteller eher mal auf polternde, aber auch tapsig-liebenswerte Eigenschaften abonniert, der Kerl, dem man gern Zuverlässigkeit und Loyalität zuordnen würde, und er war stets von einem außergewöhnlichen Wiedererkennungswert: Ernest Borgnine, der sein bewegtes Leben als Sohn italienischer Eltern mit Namen Ermes Effron Borgnino begann, hat es mit 95 Jahren abgeschlossen und hinterlässt viel mehr Lücken, als man auf den ersten Blick meinen könnte, denn er war ein ganz großartiger Darsteller – im wahrsten Wortsinne.

1953 spielte er nicht nur seine erste nennenswerte Rolle in „Verdammt in alle Ewigkeit“, sondern blieb als tiefböser Seargent „Fatso“ Judson stets auf künstlerischer Augenhöhe mit Montgomery Clift oder Burt Lancaster, was für den damaligen Anfänger Borgnine keineswegs einfach gewesen sein mag.… Weiterlesen

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Wenn Bäume Zähne zeigen

Mag sein, dass es das irgendwo schon seit 1966 gibt. Wahrscheinlich machen sie das im hippen Berlin schon seit zwei Jahrzehnten und in Hamburg seit 15 Jahren. Einige Stadtgänger werden’s vielleicht genauer wissen. Mir ist das Phänomen jedenfalls neu.

Ich rede von Bäumen mit Gebiss. Jawohl. Richtig gelesen.

Ein wahrscheinlich humoriger, gewiss jedoch handwerklich begabter Jemand hat bei uns im Dortmunder Innenstadtviertel über Nacht einige Bäume mit Zahnreihen versehen, welche wiederum in einem Gipsbett stecken. Falls es sich materialtechnisch anders verhält, bitte ich als dentistischer Laie um Nachsicht.

Es sieht irgendwie „echt“ aus. Ganz so, als feixe einen der Baum an. Eine angedeutete Lippenpartie hat er ja auch noch. Vielleicht kommen demnächst noch Glasaugen hinzu.

"Mein Freund, der Baum" trägt jetzt Gebiss. (Foto: Bernd Berke)

"Mein Freund, der Baum" trägt jetzt Gebiss.

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Frust und Tumult in der Philharmonie: Anne-Sophie Mutter musste absagen

Mutter oder gar nichts. Vor dem Konzert des Klavier-Festivals in der Essener Philharmonie spielten sich tumultuöse Szenen ab. Geld zurück, forderten vornehme Damen barsch, denn Anne-Sophie Mutter, die Geigerin mit Kult-Status, war nicht da! Die Damen am Info-Tisch des Klavier-Festivals wurden sogar rüde beschimpft, selbst Intendant Franz Xaver Ohnesorg musste einschreiten. Der Grund: Anne-Sophie Mutter hatte am Morgen anrufen lassen, sie sei ernstlich erkrankt und könne am Abend auf keinen Fall spielen.

Wer die Künstlerin kennt, der weiß: Sie würde nie ohne triftigen Grund absagen. Doch die Enttäuschung mancher Mutter-Fans saß so tief, dass die Fassade kultivierter Contenance unter dem Ansturm von Frust und uneingelöster Erwartung zerbröckelte. Hatte man sich doch so auf den einzigartigen Event gefreut!

In solchen Augen zählte das Wunder nicht, das die Disposition des Klavier-Festivals vollbracht hat: Binnen weniger Stunden waren Julia Fischer und ihre Klavierpartnerin Milana Chernyavska als Einspringer zur Stelle.… Weiterlesen

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Mit Kindern das Revier entdecken

Wenn schon Ruhrgebietsführer, dann doch bitte lieber aus einem Ruhrgebietsverlag. Da erhöht sich die Chance eminent, dass etwaige Schnitzer noch erkannt und getilgt werden. Ehrlich jetzt.

Genug der Vorrede: Im Essener Klartext-Verlag ist ein kundiger Kinderreiseführer fürs Ruhrgebiet erschienen, Untertitel „Abenteuer, Zeitreisen und Experimente“. Aus der Region – für die Region.

Autorin Natascha Leo spricht in stets munterer Schreibe die Kleinen direkt an. Erwachsene dürfen staunend vor- oder mitlesen und dann die entsprechenden Kurztrips organisieren – anhand der getreulich verzeichneten Öffnungszeiten, Adress- und Telefonangaben sicherlich kein allzu großes Problem.

Ich gestehe freimütig: Auch als altgedienter Revierbewohner habe ich hier vieles gefunden, was ich noch nicht auf dem Radarschirm hatte, so etwa eine veritbale Kinderzauberschule in Bochum. Gar manches ist auch tauglich für den fröhlichen Kindergeburtstag.… Weiterlesen

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Sensation: Ein Boulevardjournalist ruft bei mir an!

Vor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle einen Nachruf auf eine Kollegin veröffentlicht. Ein Umstand, den ich damals bewusst nicht zur Sprache gebracht habe, weil er absolut nichts mit ihren Verdiensten zu tun hatte: Die Frau war offenbar nicht eines natürlichen Todes gestorben.

Müßig zu sagen, dass jenes monströse Boulevardblatt das Delikt alsbald grell herausschrie.

Nun steht in Dortmund der mutmaßliche Mörder vor Gericht – und prompt bekam ich heute den Anruf einer hier ansässigen privaten TV-Produktionsfirma, die in diesem Falle fürs ZDF arbeitet. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass es sich ums nachmittägliche Boulevardmagazin „Hallo Deutschland“ handelt. Das Zeug habe ich noch nie gesehen, kann mir aber Machart und Duktus lebhaft vorstellen, da ich das Pendant in der ARD mal goutieren musste.… Weiterlesen

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Meilensteine der Popmusik (14): Aretha Franklin

„Ein Song muss davon handeln, was man selbst erlebt hat oder auch noch erleben könnte. Nur dann ist er gut. Wenn mir etwas fremd ist, dann kann ich gar nichts hineinlegen, denn Soul bedeutet ja Leben – Leben, wie es wirklich ist“. Aretha Franklin sagte es mit ganz schlichten Worten.

Das wirkliche Leben hat natürlich noch viele andere Gesichter. Der reiche Farmbesitzer aus den Südstaaten sah es anders als seine schwarzen Baumwollpflücker mit einem 14-Stunden-Tag. Die Villa im kalifornischen Malibu mit Meerblick bietet eine andere Aussicht als das Ghetto am Rande von Detroit-City. Dort wuchs sie auf, die kleine Aretha mit ihren vier Geschwistern, und gehörte schon zu den Privilegierten. Papa war nämlich C. L. Franklin, ein überregional bekannter Prediger mit einem berühmten Gospel-Chor.

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Der Blick auf diese ganz anderen Wesen – Künstlerische Tierfotografie in Recklinghausen

Wie bitte? Tierfotografie? Daran versucht sich doch fast jeder Amateur mit wechselndem Geschick. Kann man denn auf diesem Gebiet künstlerische Qualität oder gar Dignität erlangen, die womöglich entschieden übers Dokumentarische hinaus weist? Aber ja! Das Sujet gibt jedenfalls alle Höhen und Tiefen her. Es hat doch alle Kunstausübung vermutlich mit jenen Tierdarstellungen in Höhlenzeichnungen begonnen und sich seither – auch zwischen den berühmten Hasen von Dürer und Beuys – überreich entfaltet. Immer wieder hat sich der Mensch im animalischen Gegenüber selbst befragt.

Vogel in verfremdender Rückenansicht: Roni Horn (*1955), Untitled, No. 1, 1998, 62,5 x 62,5

Vogel in verfremdender Rückenansicht: Roni Horn (*1955), Untitled, No. 1, 1998, 62,5 x 62,5

Die Kunsthalle Recklinghausen zeigt jetzt eine Auswahl höchst ambitionierter Tierfotografien. Sie stammen überwiegend von Künstlerinnen und Künstlern, die zuvor mit Malerei, Bildhauerei oder Installation befasst waren.… Weiterlesen

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Die anderen siegen, ohne zu singen, wir siegen nicht, weil wir nicht singen

Ich hab’s, diverse Politiker haben’s auch, die BILD hat’s und wer hat’s übersehen? WIR konnten ja gar nicht den Titel des Europameisters gewinnen, weil WIR nicht richtig singen können – oder wollen – oder ethnisch so wenig vaterländisch sein mögen, dass WIR zwar Fußball spielen für UNS, also Schland, aber die vaterländische Tradition des kollektiven Chorgesanges nicht mittels Muttermilch in uns aufgenommen haben.

Wutentbrannt stürzten sich bereits vor der schmählichen Niederlage gegen Italien diverse User ganz ohne  Netikette auf Özil, Klose, Kedhira oder Podolski, weil deren Lippen unbewegt blieben, während eine ganze Nation bewegend die Brust schwellen ließ und das weinerliche Singdings vom Inselfelsen Helgoland in jedes sich bietende Wohnzimmer bzw. über jeden sich bietenden Rudelguck-Platz jodelte. Deutschland sucht den Superstar der Hymnen, Schlandlied walle wehrhaft, elf Sänger sollt Ihr sein.… Weiterlesen

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Absurditäten des Alltags: Alpträume in Rosé

Was geschieht eigentlich mit Frauen in der Nacht? Während es bei Männern die Legende des Werwolfs gibt und damit das Bild des haarigen, hungrigen, gewalttätigen Biestes (was natürlich auf der Klischeepunkteskala auch nicht besser wegkommt), scheinen sich Frauen des Nachts in pinkfarbene Gefälligkeitskindchen zu verwandeln.

Das ist zumindest der Eindruck, der sich mir aufgedrängt hat, als ich jüngst nach einem Nachthemd oder irgendeiner für die Nacht geeigneten Bekleidung suchte: Pink, hellrosa  oder babyblau waren die scheußlichen, dominierenden Farben der Textilien, auf denen sich außerdem wahlweise „süße“ Comictierchen (Bären, Hunde, Katzen) oder kecke Sprüche räkelten. Das tut mir nicht nur in den Augen weh. Das greift tatsächlich auch mein Selbstbild als Frau an.

Unterstellt die Nachtwäsche produzierende Industrie in Verkennung der eigentlichen Realität nur, was Frau sich wünscht?… Weiterlesen

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Niederlage etc.

Ich muss mir doch noch mal kurz Luft machen, nachdem dieses unselige Spiel Italien – Deutschland halbwegs verdaut ist. Wie Rilke schon schrieb: „Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.“

Nein, kein Wort hier zu Löws Aufstellung und „Taktik“. War da was?

Statt dessen dies:

a) Geradezu bestürzend überflüssig finde ich wohlmeinende Ratschläge von Hobbypädagogen, die einem nun beibringen möchten, wie man mit einer solchen Niederlage umgehen soll. Ach du jemine! Sie wollen, dass man etwas fürs Leben davon hat. Sie haben einen säuselnden Tonfall. Sie blüüüüühn im Glanze ihrer Weisheit. Meinetwegen können wir das auch noch mal singen.

b) Ein weiteres Deutungsmuster elend bemühter Geister besagt, dass durch die deutsche Niederlage eine neuerliches Aufkeimen unguter nationalistischer Tendenzen mit knapper Not verhindert worden sei.… Weiterlesen

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Denkwürdige Vokabeln (8): „Rauchwaren“

Nachdem die nette Ministerin Barbara Steffens im rot-grünen Landeskabinett NRW als erste Großtat der frisch installierten Regierung auserkoren hat, das Gesetz zum Schutze der Nichtraucher auf eine Klingenschärfe von Ao-Gami Stahl (67 Rockwell) zu bringen, bedienen sich Kommentatoren und Chronisten immer häufiger eines Begriffes, der mir, in diesem Sinnzusammenhang benutzt, die Fußnägel hochkrempelt – aber ich bin ja schon im methusalemischen Alter, was die Nutzung sprachlichen Handwerkszeugs angeht. Stets formulieren die Damen und Herren, dass „Rauchwaren“ und deren Hersteller sowie die ultimative Freiheit der Konsumenten im Allgemeinen bekämpft würden oder – falls die Kommentatoren und Chronisten hartleibige Nichtraucher sein sollten – die „Rauchwaren“ und deren Hersteller zwar bekämpft, die Konsumenten aber vor sich selbst geschützt und die unfreiwilligen Mitraucher vor den Konsumenten.… Weiterlesen

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Hahne + Horn heute in Herne: Tanz und Neue Musik in den Flottmannhallen

Die Flottmannhallen in Herne bieten heute Abend (Daten siehe unten) ein außergewöhnliches Musik/Tanz-Ereignis an. „Rotlicht“ heißt das Programm der Tänzerin/Choreographin Henrietta Horn und der Komponistin Dorothée Hahne. Was uns dort erwartet ist nicht nur getanzte Neue Musik, wir erleben einen vielschichtigen Dialog, der ebenso die Sinne anspricht wie zum Nachdenken anregt.

Als sei der Tanzboden mit Mikrofonen unterminiert, werden in „Schrittweise“ die Bewegungen der Tänzerin zum Rohmaterial des Klangs. Wie überhaupt bei Dorothée Hahne die Live-Elektronik weniger ein Generator von Tönen als ein verwandelnder Reflektor von Vorgefundenem ist. Das klingt manchmal gruselig, wirkt verstörend, oder es kommt witzig daher.

„Portabel x“ spielt mit der „Tür“ und dem, was tragbar und was nicht mehr tragbar ist. Die Stimmen quietschender, knarzender, knarrender Türen werden gedehnt, gestreckt, gepitcht.… Weiterlesen

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Leuchtende Hoffnungen der 60er Jahre – Peter Kurzecks Hörbuch „Unerwartet Marseille“

Es gab eine Zeit, in der die Welt von Tag zu Tag besser zu werden schien. Auch nach der Sommersonnenwende (21. Juni) soll damals die Helligkeit noch zugenommen haben. Wie denn das?

Wenn jemand damals einen Tramper mitnahm, so bedeutete das einfach: einsteigen, sein Leben mitbringen, sich freimütig austauschen. Es war der Vorschein des Jahres 1968, der da schon flirrte. In dieser Zeit vordem ungeahnter Freiheitsversprechen wollten die Jungen und Neugierigen, einmal aufgebrochen, immer und immer weiter fahren. Da konnte es geschehen, dass man auf einmal in Südfrankreich war, obwohl man doch am nächsten Tag wieder hätte arbeiten sollen: „Unerwartet Marseille“, so telegraphierte Peter Kurzeck damals seinem Arbeitgeber als „Entschuldigung“ – und wurde nicht entlassen. Ein paar Jahre später hat sich Kurzeck fürs Leben eines Schriftstellers entschieden.… Weiterlesen

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Alltagsnicken (2): Die Showband im Zug

So zwei- bis dreimal die Woche bauen sie sich im Eintrittsbereich des Zugabteils auf, der eine führt eine silberfarbene Trompete zum drucklosen Ansatz vor die Lippen, der andere tippelt mit flinken Fingern wie zum Aufwärmen über die schwarz-weiße Harmonika-Klaviatur – und dann legen sie los. Feuerwerkend, fröhlich lachend, virtuos musizierend tönt das Duo balkanesk anmutende Tonkaskaden in das mehr oder weniger besetzte Nahverkehrsmittel. Meist ist es ein bekannter internationaler Hit älteren Datums, der heimatklingend interpretiert wird. Je länger sein Vortrag andauert, desto wilder sein Rhythmus, um dann zum Ende der Darbietung in ein himmelwärts strebendes Crescendo zu verfallen, das mit einem schmetternden Sforzando seinen Abschluss findet. Meinem aktuellen Hörbuch zu folgen verbietet sich an diesem Punkt, erstens verstehe ich ohnehin kein Wort mehr und zweitens würde ich mich wegen offen vorgetragener, unhöflicher Nicht-zur-Kenntnisnahme gegenüber den tapferen Musikanten schlecht fühlen.… Weiterlesen

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Ansichten eines Hörbuch-Junkies (2): „Schmitz‘ Katze“

Gut, dass ich ein großartiges Wochenende verlebt habe, das Unsommerliche an diesem Sommer in meist familiärem Kreis abwettern konnte und ich nicht die Regionalbahn entern musste, mit der ich zum Arbeitsplatz gelange. Denn für den Fall, dass ich dies hätte tun müssen und dabei wie stets meiner Hörbuchabhängigkeit hemmungslosen Freilauf hätte gewähren müssen, dann hätte unweigerlich irgendein Mitreisender die Zugaufsicht, das Sicherheitspersonal oder per cellular (bei uns denglisch Handy genannt) den Polizeiposten des nächst gelegenen Bahnhofes in Alarmstufe Rot versetzt, weil in seinem Waggon ein vermutlich Schwachsinner säße, der sich alle erdenkliche Mühe zu geben schiene, den Zug mittels Flutung durch Tränenflüssigkeit an der Weiterfahrt zu hindern. Stattdessen hockte ich von konvulsivischen Zuckungen geplagt auf einem Küchenstuhl und setzte selbigen unter Wasser, während ich meiner geliebten Frau bei der Herstellung köstlichen Kartoffelsalates beiwohnte und wir dabei „Schmitz‘ Katze“ hörlasen.… Weiterlesen

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Daniil Trifonov: Grandioses Debut beim Klavier-Festival Ruhr

Daniil Trifonov bei seinem Debüt beim Klavier-Festival Ruhr in Düsseldorf, Foto: KFR/Frank Mohn

Daniil Trifonov bei seinem Debüt beim Klavier-Festival Ruhr in Düsseldorf, Foto: KFR/Frank Mohn

Hymnische Kritiken zu bekommen, ist heutzutage nicht schwer. Die Frage ist immer, von wem. Der 21-jährige Russe Daniil Trifonov hat sie nicht aus einer gut geschmierten PR-Maschinerie, sondern von Kritikern, deren Kompetenz und Unabhängigkeit erprobt sind.

Der junge Mann scheint sich zum Glück auch nicht als kompatibel für Kampagnen zu geben: Seine noch nicht inflationär verbreiteten Äußerungen in Interviews deuten auf ein maßvolles gezügeltes Selbstbewusstsein hin, das sich vor allem musikalisch verwurzelt: Auf der einen Seite zitiert ihn das Programmheft zu seinem Einstand beim Klavier-Festival Ruhr mit dem Satz, er verstehe das Wort Karriere im musikalischen Sinne; auf der anderen hatte er sein im letzten Jahr schon geplantes Debüt bei dem renommierten Ruhrgebiets-Tastenmarathon abgesagt, um nach dem Rubinstein-Wettbewerb in Tel Aviv noch schnell auch den Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau zu gewinnen.… Weiterlesen

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Rätselvolle Dingwelt ohne Menschen – Bilder von Christian Hellmich in Wuppertal

Wie wäre das wohl, wenn die Dinge sich zeitweise selbständig machen oder wenn sie gänzlich ohne uns existieren würden? Eine uralte Alptraum-Frage, die immer wieder auch die bildende Kunst umtreibt.

Auf den Bildern des Christian Hellmich (Jahrgang 1977), der ursprünglich Comiczeichner hat werden wollen, kommen menschliche Gestalten prinzipiell nicht vor. „Ich will kein leidendes Fleisch malen“, meint er dazu lapidar. In der Wuppertaler Von der Heydt-Kunsthalle hat Hellmich nun seine allererste Einzelausstellung in einem Museum, bestückt mit 35 Groß- und Kleinformaten. Der Künstler, 1998 bis 2004 Essener Folkwang-Student, heute in Berlin lebend, nennt (beträchtlich beschädigte) Ruhrgebiets-„Idyllen“ und trostlos kastenförmige, gründlich missverstandene Adaptionen der Architektur-Moderne als einen anfänglichen Quell seiner Bildphantasien.

Christian Hellmich: Treppe III (2007), Öl auf Leinwand, 151x391cm, Privatsammlung London/Von der Heydt-Museum, Wuppertal. © VG Bild-Kunst, Bonn 2012

Christian Hellmich: Treppe III (2007), Öl auf Leinwand, 151x391cm, Privatsammlung London/Von der Heydt-Museum, Wuppertal.

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Vandalismus unter der Gürtellinie

Ikonoklasmus, Bildersturm: eine der absurdesten Artikulationen unserer Zeit. Passive Kulturgüter, ob aus politischer oder persönlicher Aversion, mit Gewaltakten zu zerstören, ist in aufgeklärt-demokratischen Gesellschaften schlichtweg daneben. Was jedoch heutzutage besonders bemerkenswert erscheint: das avisierte Körperteil.

Hans-Peter Feldmann: "David"

Hans-Peter Feldmann: "David" © Lehmbruck Museum

Michelangelo, dessen Statue des „Auferstandenen Christus“ in der römischen Kirche Santa Maria sopra Minerva bis heute einen pietätsgerechten Lendenschurz zu tragen hat, war gestern. Aber immerhin, diese große Bildhauerei ist ja noch vollendet, wenn auch mit Fremdslip. Unterhalb der Gürtellinie trifft’s derzeit die zeitgenössischen männlichen Figuren brutal. Schlimm steht es jetzt um eine Plastik von Hans-Peter Feldmann im Kantpark in Duisburg. Sein „David“, eine neun Meter hohe, quietschrosa Replik des Michelangelo-Originals, wurde um ihr bestes Stück gebracht. Lehmbruck-Direktor Raimund Stecker konnte noch schmunzeln, als seinem Schutzbefohlenen neulich, gleich dem klerikalen Kollegen aus Rom, ein genitaler Sichtschutz verpasst wurde.… Weiterlesen

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Denkwürdige Vokabeln (7): Explodieren

Es beruhigt mich einerseits und es sorgt ebenso für tiefe Bestürzung bei mir: Geht es um Fußball und blumenerdige Sprache, diesem wunderbaren Mannschaftssport und seinen Be-Schreibern und verantwortlich Handelnden die verdienten Weihen hoher Eloquenz zu verleihen, ist es wie vor 40 Jahren – ihnen fällt einfach nichts Neues ein! Unser aller Jogi, der nette Herr Löw, schwäbelte sich vor Tagen spritzig durch eine Pressekonferenz und verkündete frohgemut, dass er der festen Überzeugung sei, sein bestimmt ebenso netter aktiver Kollege Özil stünde kurz davor, während dieser EM zum Wohle und zur Ehre des bundesdeutschen Fußballs „zu explodieren“.

Hätte der nette Herr Löw Recht mit dieser unbewiesenen Annahme, müssten wir den unmittelbar bevorstehenden Verlust der – wenn auch derzeit der recht uninspirierten – Kreativabteilung unserer Nationalelf befürchten.… Weiterlesen

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Ein Turnier ohne Prägekraft

Du meine Güte, da gab’s doch gestern wahrhaftig einen spielfreien Tag bei der Fußball-Europameisterschaft – und schon wussten manche Menschen nichts mehr mit sich anzufangen.

Ja, man sieht viel Elend. Heute aber endet die Durststrecke bereits. Es gibt wieder Dröhnung. Weil nun das Viertelfinale mit den allseits beliebten K.o.-Begegnungen und womöglich gar Elfmeterschießen anhebt, so bietet sich im Gefolge des landläufigen Sportjournalismus jener güldene Nervspruch mit langer Tradition an, der da lautet: „Jetzt beginnt das Turnier erst richtig.“

Ganz klar. Erst kann die Gruppenphase nicht genug bekakelt werden. Doch kaum ist sie vorüber, schrumpft sie zur Bedeutungslosigkeit. In diesem Falle ist das sogar verständlich, denn sportlich hat die Vorrunde ziemlich wenig geboten. Bislang war keine Partie zu sehen, die man übers Jahr hinaus im Gedächtnis behalten wollte.… Weiterlesen

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Ein ziemlich persönlicher Glückwunsch nachträglich: Paul McCartney wurde 70

Da anscheinend niemand ein paar Wörter darüber verlieren möchte, dass Sir Paul McCartney würdevoll das 70. Lebensjahr vollendet hat (dachte, da würden sich rudelweise die Erinnerer drauf stürzen), will ich einige Minuten des Tages danach dazu nutzen, dem Paule einige Zeilen zu widmen, weil er stark mitgeholfen hat, meinen Lebensrhythmus zu schlagen, den Beat meiner jeweiligen Abschnitte zu bestimmen, ihnen lustvoll, nachdenklich oder offensiv den Takt zu geben.

Die ersten Kontakte mit den vier Herren, die sich in Liverpool einst zur später erfolgsreichsten Musikgruppe aller Zeiten zusammenschlossen, krähte mir ein handliches Transistorradio unter der Bettdecke ins Ohr. Ich wusste zwar nicht, wer da spielte und sang, mir fiel nur auf, dass da etwas mehr sein musste als dieses einsilbige „Yeah, Yeah, Yeah“ und erstmal recht sonorer Schlagzeughintergrund.… Weiterlesen

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Eine Herzmanovsky-Verführung

Kaum dass der vor kurzem im Residenz Verlag erschienene Bild- und Textband „Forscher im Zwischenreich / Der Zeichner Fritz von Herzmanovsky-Orlando“ uns in den Blick gerät, schon nehmen wir ihn in die Hand und ahnen sofort, welch schönes, welch interessantes Buch wir da in Händen halten.

Die Bildreproduktionen sind einladend, eröffnen einen Blick in eine ganz eigene, durch mangelnde große Bekanntheit noch recht unverbrauchte Welt. Druckbild, Farbgebung, etc. alles einwandfrei, ja hervorragend.

Es mag dabei ein beträchtlicher Vorteil sein, dass FHO (= Fritz von Herzmanovsky-Orlando) zum Beispiel in Deutschland noch nicht allzu bekannt ist, aber auch in Österreich dürfte der beeindruckende Zeichner FHO weit weniger bekannt sein als der Schriftsteller. Zwar kamen auch in Deutschland FHOs sämtliche schriftstellerischen Werke erst in der originären Ausgabe des Residenz Verlages heraus, dann vor allem jedoch (allerdings mit mir unbekanntem Erfolg) in der dreibändigen Lizenzausgabe bei Zweitausendundeins.… Weiterlesen

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Eine Schiffsreise als Schule fürs Leben – Michael Ondaatjes Roman „Katzentisch“

Schreiben heißt, sich erinnern. Daran, wie wir wurden, was wir sind. Warum unsere Wünsche verloren gingen und was wir lange verdrängt haben, bis es aus den Tiefen des Vergessens wieder empor steigt und zeigt, dass manches, was wir als Kinder erlebt haben, unser ganzes Leben geprägt hat. Solche privaten Erinnerungen sind noch keine Literatur. Wenn sie sich aber verbinden mit der Fantasie eines Autors, der seine Biografie zur Grundlage eines frei fabulierten Romans machen kann, dann liegt Großes in der Luft.

So ist es bei Michael Ondaatje. Der Autor, der 1943 in Ceylon (heute Sri Lanka) geboren wurde, seine Jugend in England verbrachte und heute im kanadischen Toronto lebt, konnte mit „Der englische Patient“ einen Welterfolg feiern. Mit den folgenden Büchern („Buddy Boldens Blues“, „Anils Geist“, Divisadero“) konnte er nie wieder an diesen hoch dekorierten und genial verfilmten Roman anknüpfen.… Weiterlesen

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„Noh all dänne Jahre“ – das Abschlußkonzert der Ruhrfestspiele mit BAP

Das war ja mal ein Open Air, wie es im Buche steht. Es regnete, ach was, es schüttete in Recklinghausen wie aus Kübeln beim Abschlußkonzert der Ruhrfestspiele. Trotzdem kann man nicht sagen, dass das Konzert ins Wasser gefallen wäre. Der guten Laune der gut 5000 Besucher des BAP-Konzerts tat das Wetter und die verschlammte Konzertwiese keinen Abbruch. „Gibt ja schließlich kein schlecht‘ Wetter…“ mit dieser Mütter-Weisheit eröffnete Wolfgang Niedecken – auf die Minute pünktlich wie immer – den Abend.

Zwei Stunden lang (mehr war städtischer Vorgaben wegen nicht drin) rockten die fünf BAP-Musiker, verstärkt von der großartigen Geigerin Anne de Wolff, den Hügel. „Sonx“ aus dem sehr gelungenen, neuen Album „Halv su wild“, das textlich und musikalisch ausgefeilt an frühere Zeiten der Band anknüpft, wechselten sich ab mit den bewährten Gassenhauern.… Weiterlesen

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Das zeitversetzte Lächeln des Herrn Löw (nebst gewittrigen Plaudereien im ZDF)

Was ist das für eine mediale Welt, in der ein Oliver Kahn mit dem ergreifend schlichten Tweet „Wir werden Europameister“ im Nu Abertausende von Followern um sich schart? Sind wir denn noch gescheit, sind wir noch zu retten?

Was ist das für eine mediale Welt, in der auf YouTube millionenfach (!) die Szene angeklickt wird, in der ein staunenswert schelmischer Bundestrainer Joachim Löw einem Balljungen die Lederkugel unter dem angewinkelten Arm wegschlägt? Und das auch noch während des überlebenswichtigen Spiels gegen Holland!

Ja, denkste. Just jene Szene wurde vor dem Anpfiff aufgezeichnet, dann aber als optisches Füllsel derart mitten ins Live-Geschehen montiert, dass es den Anschein hatte, der lächelnde Löw sei bei dieser Partie ganz entspannt im Hier und Jetzt.

Es handelt sich dabei zweifellos um eine Manipulation, um eine Täuschung, wenn auch in einem noch halbwegs harmlosen Fall.… Weiterlesen

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Der Handlungsreisende versus König Fußball – in Recklinghausen gewannen beide

Leerer als sonst war es an diesem Abend im Festspielhaus Recklinghausen. Es war der Abend des Länderspiel-Klassikers Deutschland gegen die Niederlande. Ungewöhnlich viele, die noch eine Karte verkaufen wollten, harren draußen aus. Drinnen dann geht es um das, was auch – seien wir ehrlich – den Fußball unserer Tage bestimmt: Geld, Ansehen, Popularität.

Das St.Pauli Theater Hamburg, Stammgast bei den Ruhrfestspielen, zeigte in der Schlusswoche der Ruhrfestspiele Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ in der Inszenierung von Wilfried Minks.

Im Mittelpunkt steht Willy Loman, der mit Mitte 60 ein müder und demoralisierter Handelsvertreter ist und seine besten Zeiten hinter sich hat. Seine Abschlüsse erreichen nicht die Zielvorgaben, seine Ausgaben übersteigen seine Einnahmen, die Existenzen seiner zwei erwachsenen Söhne sind schlicht gescheitert.… Weiterlesen

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Jesus reloaded – „El Greco und die Moderne“ in Düsseldorf

 

El Greco, Christus, der Erlöser, National Gallery of Scotland

El Greco, Christus, der Erlöser, National Gallery of Scotland

Unendlich traurig schaut der junge Mann dem Betrachter in die Augen: Sein langes Haar trägt er brav in der Mitte gescheitelt, es liegt eine stille Demut in seinem Blick. Und eine Ahnung davon, dass er leiden muss. Der Museumsbesucher wendet sich ab, doch er entkommt ihm nicht, noch lange spürt er diesen seltsamen, dunklen Blick in seinem Rücken.

Auf Augenhöhe und von Mensch zu Mensch mit „Christus als Erlöser“: So etwas traute sich El Greco im 16. Jahrhundert – im Gegensatz zu anderen Malern seiner Epoche, die nicht so einfach Macht und Kirche auf ihre Weise zu interpretieren wagten. Zwar war auch der eigenwillige Grieche mit dem Geburtsnamen Domenikos Theotokópoulos eine Zeit lang Hofmaler bei Philipp II.… Weiterlesen

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Brenne, blaues Flämmchen, brenne!

Hier meldet sich das stets rege Ressort Sex, Crime & Explosionen, denn es gab

Gasalarm!

 

Nun, so erschröcklich war es schließlich doch nicht. Aber als technischer Laie weiß man das nicht sogleich.

Das bläuliche Flämmchen war erloschen – und es roch auf einmal so streng. Also das Fenster angelweit auf und vorsichtshalber den Notdienst des Energieversorgers verständigt.

Den Fachmann, der daraufhin eintraf, den will ich preisen. Keine Angst. Dies wird keine Ode auf den Gasmann oder dergleichen. Aber ein Lob der Menschen, die sachkundig, unaufgeregt und freundlich ihre Obliegenheiten versehen. Wie es denn überhaupt in jedem, aber auch wirklich jedem Beruf solche unauffälligen Helden des Alltags gibt.

In diesem Falle war’s einer, der gewiss schon ein paar explodierte Häuser gesehen hat – und es oft mit ziemlich panischer Kundschaft zu tun bekommt.… Weiterlesen

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Ansichten eines Hörbuch-Junkies (1): Die Eberhofer-Krimis

Wenn Ihnen einmal im Regionalexpress zwischen Hagen und Unna oder umgekehrt ein strubbeliger Eisbär gegenüber sitzt, dessen Ohren mit ordentlichen Stöpseln befüllt sind und dem Tränen die stoppeligen Wangen hinunter rinnen, dann saßen Sie in der Regionalbahn mir gegenüber.

Keine Sorge, ich betrauere dann nicht das unerwartete Dahinscheiden eines geliebten Haustieres, auch nicht den Verlust eines Menschen, der sich ausnahmsweise mal ebenso viele Gedanken um Gegenwart und Zukunft gemacht hat wie ich – nein – ich lese. Ich bin seit ein paar Monaten ein ausgewachsener Hörbuch-Junkie, kriege die Ohren nicht voll, bitte meine Umgebung ständig um neue Tipps, was ich unbedingt noch hörlesen möge.

Alles begann damit, dass ich irgendwann einmal nach unzähligen Pendelfahrten zwischen Wohn- und Arbeitsstadt die landschaftlichen Reize an Ruhr und Haarstrang auswendig gelernt hatte und mit dem Radiohören begann.… Weiterlesen

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Meilensteine der Popmusik (13): U 2

In den felsigen Wüsten Kaliforniens, wo sonst keine andere Pflanze überlebt, dort wächst ein Riesen-Kaktus: die Joshua Palmlilie, eine Agavenart. Wie ein großer, einsamer Stachelbaum war die irische Rockgruppe U 2 ein gewichtiger Teil der 80er Rock-Szene. Schon damals so etwas wie ein Dino: geradlinig, verlässlich, glaubwürdig – das schätzten Fans, die von immer neuen, wechselnden Trends nichts hören wollten.

Kopf, Vordenker und Prediger der U2-Gemeinde war und ist Paul Hewson, den alle nur Bono nennen. Zitat: „Ich erinnere mich an eine Sendung von BBC ‚Top fo the Pops‘, in der eine Band namens ‚Middle Of The Road‘ auftrat und den Song ‚Chirpy, chirpy, cheep, cheep‘ sang. Ich war etwa elf Jahre alt und dachte ‚Wow!‘- das ist nun wirklich Pop.… Weiterlesen

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So fern und doch so nahe: Philippe Jaroussky und Marie-Nicole Lemieux in der Philharmonie Essen

Venedig war die Opern-Hauptstadt des 17. Jahrhunderts. Sechs Theater rivalisierten um die Gunst des Publikums. Einer der führenden Komponisten für die unterhaltungssüchtigen Venezianer war Francesco Cavalli. Seine Opern wurden damals erwartet wie heute etwa der neueste Hit der „Toten Hosen“. Auf das Publikum wirkt diese Musik wieder faszinierend, nachdem sie 300 Jahre lang vergessen, ja verschmäht war. Künstler wie der Falsettist Philippe Jaroussky und sein Barock-Ensemble „Artaserse“ füllen Säle. Dem Reiz des künstlichen Klangs der Stimme, dem Farbenreichtum der alten Instrumente widersteht man nicht: Der volle Saal der Essener Philharmonie spricht dafür – selbst wenn ein Konzert der Reihe „Alte Musik bei Kerzenschein“ an einem sonnigen Sommermorgen reichlich deplaziert wirkt.

Jaroussky ist derzeit mit der Altistin Marie-Nicole Lemieux auf Tour. Mit ihr hat er im Mai mit einer Aufnahme von Vivaldis „Orlando Furioso“ den Preis der Deutschen Schallplattenkritik gewonnen.… Weiterlesen

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