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Archiv der Kategorie: Literatur
Günter Grass wird 80: Lebenslustiger Pessimist
Es gab Zeiten, da war sein Ruhm kaum noch zu steigern. Als Günter Grass im 1999 den Literaturnobelpreis bekam, war er auf dem Gipfel der weltweiten Reputation angelangt.
Doch die moralische Instanz, die er über Jahrzehnte gewesen ist, hat Risse bekommen. Sein allzu spätes Eingeständnis, mit 17 Jahren Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, hat die Nation im Sommer 2006 wochenlang bewegt. Vor allem konservative Geister, die der linksliberale Grass zuvor vielfach mit polemischen Äußerungen verärgert hatte, witterten nun ihre Chance auf Revanche. Sie warfen ihm anmaßende Selbstgerechtigkeit vor. Aber waren sie selbst frei davon?
Das Lebenswerk des Mannes, der am 16. Oktober 80 Jahre alt wird, hat jedoch Bestand. Und sein Publikum hat treu zu ihm gehalten. Zudem wird … Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Blechtrommel, Günter Grass, Lübeck
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„Geliebte Jane“: Der Wille zur Romanze
Wie wird eine kluge Frau um das Jahr 1795 zur Schriftstellerin? Wie war das beispielsweise bei Jane Austen, die Klassiker wie „Stolz und Vorurteil” verfasst hat? Solche Fragen will der Film „Geliebte Jane” nicht nur stellen, sondern für alle Zeit beantworten.
Die Britin Jane Austen (1775-1817) galt den Biographen lange Zeit als „ältliche Jungfer”. 2003 erschien dann ein Buch von John Spence, der herausgefunden haben wollte, dass es doch eine leidenschaftliche Affäre gab, die Jane für ihr restliches (allzu kurzes) Leben geprägt hat. Ohne diese Episode, so die These, wäre sie eine ganz andere oder womöglich gar keine Autorin geworden.
Diesen Befund nimmt sich Julian Jarrolds Film so sehr zu Herzen, dass er ihr Schaffen fast nur aus diesem amourösen … Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Anne Hathaway, Jane Austen, John Spence, Julian Jarrold
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„Ein fliehendes Pferd“: Beziehungsstress am Bodensee
Das ist fürwahr ein Alptraum, man stelle sich vor: Alter Schulkollege taucht nach 25 Jahren unverhofft auf – blutjunge Blondine im Schlepptau. Der Kerl gibt sich sturzvital, heftet sich penetrant an deine Fersen und gibt dir immer wieder nassforsch zu verstehen, wie falsch und fade du lebst. Und dann macht er sich flugs an deine Frau heran. So erleidet’s in Martin Walsers Novelle „Ein fliehendes Pferd“ (1978) der bedauernswerte Studienrat Halm. Rainer Kaufmann („Die Apothekerin“) bringt den behutsam umgemodelten Stoff jetzt mit prominenten Akteuren ins Kino. Sie holen aus der Tragikomödie tatsächlich etliche komische Nuancen heraus.
Klaus heißt die Kanaille. Mit jedem Wort lässt er den Deutsch- und Geschichtslehrer Halm spüren, dass dessen Alltag in blutleerer Routine erstarrt ist. Und … Weiterlesen
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Über Bücher reden, die man nicht kennt
Für die etwas edleren Anlässe könnte es ein nützlicher Leitfaden sein. Der französische Literaturprofessor Pierre Bayard weist uns in eine Kulturtechnik ein, die viele schon immer beherrschen wollten. Sein Buch heißt klipp und klar „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat.”
Nun ist der Monsieur, wie gesagt, Professor. Er bietet keine Larifari-Ratschläge an. Mit hochkarätigen Beispielen aus der Literatur beweist er Schritt für Schritt, dass Lektüre eine sehr relative Angelegenheit ist. Am Rande: Ich habe sein Buch komplett gelesen. War’s vergeudete Lebenszeit?
Die Lektionen beginnen mit dem Romancier Robert Musil. Der ließ im Jahrhundertwerk „Der Mann ohne Eigenschaften” einen Bibliothekar auftreten, welcher angesichts der schier unendlichen Masse möglichen Lesestoffs just nur noch wenige, streng ausgesuchte Bücher las. … Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Pierre Bayard, Wie man über Bücher spricht
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Aus der Provinz ins Herz des Bösen – „Tannöd“-Autorin Andrea Maria Schenkel legt ihren zweiten Krimi „Kalteis“ vor
Von Bernd Berke
Alte Regel der Literatur: Das zweite Buch ist oft das schwerste. Dies gilt wohl auch für Andrea Maria Schenkel, die gleichsam aus dem Nichts heraus mit dem durchaus achtbaren Krimi „Tannöd“ einen verblüffenden Bestsellererfolg erzielt hat. Seit gestern ist der Nachfolger „Kalteis“ auf dem Markt. Was ist dran?
Schon der Wortlaut des Titels klingt artverwandt. Vor allem aber hat Frau Schenkel die Machart ihres Erstlings als Masche aufgegriffen. Wieder geht es um einen historischen Kriminalfall, wieder um mehrfachen Mord.
Erneut ist Bayern der Schauplatz, was (sprachliches) Regionalkolorit nach sich zieht – über bloße Folklore hinaus. Und abermals hat die Autorin quasi nach Aktenlage“ geschrieben, sprich: Sie hat sich fleißig in Archiven umgesehen. Um etwaige Plagiatsvorwürfe (wie sie … Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Andrea Maria Schenkel, Kalteis
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Diese teuflischen Sommernächte – Martin Mosebachs Roman „Der Mond und das Mädchen“
Von Bernd Berke
Jede Menge Zukunft in Sicht: Junger Mann heiratet Tochter aus gediegenem Hamburger Hause und tritt in Frankfurt seinen ersten Bankjob an. Alles bestens? Nicht ganz. Im neuen Roman des aktuellen Büchnerpreisträgers Martin Mosebach ist dem Paar schon mal kein gemeinsamer Hochzeitsurlaub vergönnt.
Stattdessen fliegt die elfenhafte, nicht gerade rauschend lebenstüchtige Ina erst mal mit ihrer Mutter nach Ischia. Derweil muss Hans im brüllend heißen Hochsommer schuften – und überdies noch eine Wohnung fürs erhoffte Eheglück finden. Der Leser erfahrt: Sie haben einander so herzlich lieb, dass ihnen all das nichts ausmacht. Die Trennung auf Zeit soll gar die Freude aufs Wiedersehen steigern. Und überhaupt scheint dieser Hans ja ein „Hans im Glück“ zu sein. Märchenhaft.
Ein junges … Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Der Mond und das Mädchen, Martin Mosebach
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Elke Heidenreich und ihr Ekel vor zwei alten Männern – Literaturkritikerin attackiert Günter Grass und Martin Walser
Von Bernd Berke
Ach, wie sanftmütig und human geht es doch in den Gefilden der Literatur zu. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, befand schon Schiller – und sah Dichter mit höheren Weihen gewiss als leuchtende Vorbilder. Doch in Wahrheit ist es leider oft anders.
Kaum ein Feld, auf dem so viel Missgunst und Eitelkeit herrschen wie im schöngeistigen Bezirk. Nicht von ungefähr gibt’s einen üppigen Sammelband mit dem Titel: „Dichter beschimpfen Dichter“. Mitunter führen sich Poeten und Romanciers wie die sprichwörtlichen Kesselflicker auf.
Ähnlich ruppig kann es zugehen, wenn prominente Literaturkritiker sich ins Spiel bringen. Aktuelles Beispiel: Die unappetitliche Fehde zwischen der Rezensentin Elke Heidenreich und den (hauptsächlich in Ehren) ergrauten Autoren Günter Grass und Martin Walser. Sie … Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Altmännerliteratur, Bunte, Cicero, Elke Heidenreich, Günter Grass, Martin Walser
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„Berliner Orgie“: Im schäbigen Garten der Lüste
Vor seinen Feldforschungen für dieses Buch hat Thomas Brussig nach eigenem Bekunden nie ein Bordell betreten. Das ganze Milieu der käuflichen Sexualität war ihm völlig fremd.
Der Autor wird in „Berliner Orgie” nicht müde zu betonen, wie unwissend und „unschuldig” er sich ans Thema herangepirscht habe. Er bescheinigt sich selbst „die köstliche Freiheit des Naiven” und stellt klar, dass es auch im Verlauf seiner jetzigen Recherchen kein einziges Mal zum Äußersten gekommen ist. Das hatte er vorher seiner Frau versprechen müssen. Ist ja schon gut. Jetzt wissen wir’s: Brussig („Sonnenallee”) ist offenkundig kein Asphaltdichter, sondern ein Gegenbild zu abgebrühten, szenekundigen Poeten wie etwa Wolf Wondratschek.
Brussig hat sich also staunend in diversen Rotlicht-Vierteln und Sexhandels-Bezirken der Hauptstadt umgetan. Seine Wege … Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Berlin, Bordell, Escort, Puff, Swingerclub, Thomas Brussig
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Lesen vor Ort in Dortmund-Hörde – Zum Welttag des Buches: Wo kleine Läden die Stellung gegen Handelsketten halten
Von Bernd Berke
Welttag des Buches – ein Tag für die Leser. Aber auch ein Tag für den Buchhandel. Auf dem Markt geht es ruppig zu: Handelsketten machen kleinen, familiengeführten Buchläden immer öfter das Leben schwer.
Viele Geschäfte sind verschwunden, andere halten die Stellung. Ein Beispiel: die alteingesessene Buchhandlung Neumann im Dortmunder Ortsteil Hörde. Die WR sprach mit den Inhabern, Heinz-Jürgen Loheide und Tochter Claudia Krommes.
Ist Dortmund-Hörde ein guter Platz, um Bücher zu verkaufen?
Heinz-Jürgen Loheide: Wir sind mit unserem Standort zufrieden. Und wir freuen uns schon auf den Phoenix-See, der ganz in der Nähe entsteht. Der Stadtteil wird dadurch bestimmt attraktiver. Dann wird sich wohl auch der Mix des Publikums zum Vorteil verändern.
Wie sieht die Entwicklung in … Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Buchhandel, Buchhandlung Neumann, Buchmarkt, Claudia Krommes, Dortmund-Hörde, Heinz-Jürgen Loheide, Welttag des Buches
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Wein, Weib und funkelnder Witz – „Denken wir uns“: Die letzten Erzählungen des verstorbenen Robert Gernhardt
Von Bernd Berke
Die meisten Rockgruppen machen es so: Am Beginn eines Albums stehen eingängige Titel. Robert Gernhardt (1937-2006) verfährt in seinem letzten Erzählband anders: Er stellt die vertrackteste Geschichte nach vorn. Danach wird alles leichter.
Sämtliche Erzählungen beginnen rituell mit den selben Worten: „Denken wir uns…“ Das klingt fast so traulich wie „Es war einmal“. Der Erzähler denkt sich vielerlei: den Kinderkarneval des Jahres 1944 mit ärmlichem Kostümwettstreit, den Lesesaal einer toskanischen Abtei, Delft im 17. Jahrhundert, das Weltgericht, ein junges Paar auf Bildungsreise – und das bittersüße Leben überhaupt.
Da hat ein erfahrener, seiner Wirkungen sicherer Autor noch einmal reiche Ernte gehalten und seinen Weltkreis ein letztes Mal ausgeschritten – mal munter, mal melancholisch; zwischen den Gravitationspunkten Wein … Weiterlesen
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Kleiderhaken bürgen für Qualität – Max Goldts Buch „QQ“
Wenn man mal wieder nicht so recht weiter weiß im (Gesellschafts)-Leben, dann ist es an der Zeit, Max Goldt zu lesen. Er weist Wege, er schlägt Schneisen.
Sein neuer Band heißt „QQ”. Das Kürzel steht angeblich für „quiet quality”, also stille Güte. Nun ja. Gewiss. Der begnadete Kolumnist des Satireblattes „Titanic” steuert stets einen Schlingerkurs. Er kommt gedanklich von Hölzchen auf sonstwas, so dass man oft fürchtet: Jetzt trägt es ihn wirklich aus der Kurve, das kriegt er nicht mehr heil über die Runden. Doch man täuscht sich. Über dem assoziativen Gewimmel waltet denn doch sein gesunder Menschenverstand, der sich durch keine herrschende Meinung, keinen Trend und keinen Lifestyle blenden lässt.
Was lernen wir diesmal? Beispielsweise etwas über den Unterschied … Weiterlesen
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Martin Walser wird 80: Panoptikum der Mittelschicht
Handelsvertreter, Chauffeur, Werbefachmann, Studienrat, Leitender Angestellter einer Zahnersatz-Firma. Schon ein Auszug aus der Berufsliste, die Martin Walser in seinen Romanen erkundet, lässt ahnen: Hier ist einer durch etliche Untiefen des Kleinbürgertums gewatet. Der literarische Schwerarbeiter wird morgen 80 Jahre alt.
Der Gastwirtssohn vom Bodensee hat, wenn schon kein literarisches Universum, so doch ein schattierungsreiches Panoptikum der deutschen Mittelschicht errichtet.
Des Kleinbürgers ständiger Zwiespalt ließe sich analog zur Bundesliga skizzieren: mal Abstiegsangst, mal Überlegenheits-Phantasien. Mit Walsers Büchern, angefangen bei den famosen „Ehen in Philippsburg” (1957) und der Anselm-Kristlein-Trilogie („Halbzeit”, „Das Einhorn”, „Der Sturz” – 1960 bis 1973), kann man das Innenleben solcher Gestalten mit allen Anpassungsnöten und Versagensängsten nachfühlen.
Walser zeigt Menschen, die halbwegs „nach oben” gekommen sind, am dringlichsten nach … Weiterlesen
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Goethe: Liebe, Geld und weise Worte
Kinder, wie die Zeit vergeht: Goethes Tod ist morgen auch schon wieder 175 Jahre her. Ist denn nicht alles über ihn gesagt? Offenbar sind nicht mehr die ganz großen Würfe über den angeblich größten Dichter der Deutschen gefragt, sondern eher anregende „Häppchen” zu Werk und Leben. Gepflegte Lektüre-Anstöße für eilige Leser. Dabei muss es ja nicht bleiben.
Der Germanist Gero von Wilpert rückt mit seinem vergnüglichen Buch „Die 101 wichtigsten Fragen – Goethe” dem Phänomen recht nahe. Was man da lernt! Der Dichterfürst war im Altersdurchschnitt 1,74 Meter groß – so viel zum Thema „Größe”. Wir erfahren, wie der Olympier sich in verschiedenen Phasen seines Lebens gekleidet hat (teils ziemlich geckenhaft); dass er 12 bis 20 Prozent (!) seines Jahreseinkommens … Weiterlesen
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„Tannöd“: Plötzlich ein Bestseller
Fast schon märchenhaft: Eine bislang völlig unbekannte Autorin hat Anfang 2006 im Hamburger Kleinverlag Edition Nautilus ihr Romandebüt mit dem wenig aufregenden Titel „Tannöd” vorgelegt. Jetzt führt das Buch auf einmal die Bestsellerliste an. Woran liegt es?
Zunächst gab es im Januar für „Tannöd” den Deutschen Krimipreis. Das hat schon mal ein wenig geholfen. Viel wichtiger noch: Kurz darauf war am 19. Januar die Schauspielerin Monica Bleibtreu bei Elke Heidenreich („Lesen!” im ZDF) zu Gast. Just Bleibtreu war es, die den „Tannöd”-Text fürs Hörbuch gesprochen hat. Sie dürfte Elke Heidenreich bewogen haben, das Buch (und damit die CDs) zu empfehlen, was prompt geschah: „Fabelhaft! Ein unglaubliches Buch”, befand die Vorleserin der Nation.
Von Stund‘ an ging’s rasant bergauf. Jetzt hat … Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Andrea Maria Schenkel, Edition Nautilus, Elke Heidenreich, Tannöd
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Alltägliche Vorfälle in schmerzlicher Nahsicht – Wilhelm Genazinos Roman „Mittelmäßiges Heimweh“
Von Bernd Berke
Dieter Rotmund ist Controller in einer Frankfurter Pharma-Firma. Doch den Vor- und Nachnamen des Finanzexperten erfährt man erst an weit verstreuten Stellen im hinteren Teil des Romans „Mittelmäßiges Heimweh“. Tatsächlich muss die neue Figur des Büchner-Preisträgers Wilhelm Genazino ihre schüttere Identität mühsam behaupten.
Der 43-Jährige lebt, getrennt von Frau und Tochter, in einem lieblos möblierten Appartment und vereinsamt dort zusehends. Buchstäblich mit Controller-Blick streift er in seiner Freizeit durch die Stadt. Das heißt, er registriert das Verhalten seiner Mitmenschen sçhmerzlich genau.
Gleich anfangs verändert ein surrealer Vorfall sein „Leben in wortloser Verdutztheit“: Abends in einer Kneipe verliert er unversehens ein Ohr. Er lässt es liegen. .Später wird er noch einen Zeh vermissen. Einfach so. Beinahe schmerzfrei. Durch … Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Mittelmäßiges Heimweh, Wilhelm Genazino
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Die Wut des Dichters auf die ganze Welt – Neu im Kino: „Brinkmanns Zorn“
Von Bernd Berke
Ein Mann rennt rastlos umher und brüllt den Himmel an wie ein Berserker: „Elender gelber Scheiß-Himmel“. Und so weiter. Minutenlang. Mit stetig wachsender Wut.
Das ganze Dasein widert ihn an. Besondere Hasstreue fesselt ihn an seinen Wohnort Köln und all die „Fressen“, die er dort erblickt. Auch die Straßen und Häuser findet er unerträglich. Und überhaupt.
Mit ähnlichem Furor hat er die Unwirtlichkeit der Welt in seinen Texten beschworen. Der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) hat nicht nur fulminante Bücher wie „Westwärts l & 2″ hinterlassen, sondern auch stapelweise Tonbänder, auf denen er seine Leiden ausgespien hat. „Brinkmanns Zorn“ heißt der Film, der sich anmaßt, nachträglich in sein Hirn zu kriechen.
Basis sind die Tondokumente, die Brinkmann … Weiterlesen
Veröffentlicht unter Kino, Lebenswege, Literatur
Verschlagwortet mit Brinkmanns Zorn, Harald Bergmann, Kinofilm, Rolf Dieter Brinkmann
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Wenn Autoren zu Autonarren werden – Bildband folgt berühmten Schriftstellern auf Fahrstrecken und in die Garagen
Von Bernd Berke
Literarischer Geist und Technik stehen einander fremd, ja feindlich gegenüber. So weit ein gängiges Vorurteil. Ein neues Buch räumt jetzt mit dem Unsinn auf. Es handelt von berühmten Schriftstellern, die Autonarren gewesen sind.
Viele Edelfedern gaben sich freilich nicht mit einem x-beliebigen Fahrzeug zufrieden. Aldous Huxley („Schöne neue Welt“) bevorzugte die Luxusmarke Bugatti, Hermann Hesse („Steppenwolf“) hielt es mit Mercedes, für Truman Capote musste es schon ein Jaguar sein. „Dschungelbuch“-Autor Rudyard Kipling und Krimi-Schriftsteller Edgar Wallace nahmen fürstlich im Rolls Royce Platz. Sie legten wohl auch Wert auf die hohe Lauf-Kultur der Motoren.
Der Pole Witold Gombrowicz („Ferdydurke“) hingegen schält sich – wie ein Foto zeigt – aus einer verbeulten Citroën-„Ente“. Bescheidenheit war seine Zier, wenigstens in … Weiterlesen
Veröffentlicht unter Buchmarkt & Lesen, Fotografie, Literatur, Luxus & Moden, Stilfragen, Technik, Warenwelt & Werbung
Verschlagwortet mit Autos, Bildband, Schriftsteller, Ulf Geyersbach, und so habe ich mir denn ein Auto angeschafft
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Bei Luther fängt es an: Die kostbaren Bücher von Dortmund / Uni-Bibliothek zeigt erstmals ihre erstaunlichen Schätze
Von Bernd Berke
Dortmund. Wer hätte gedacht, dass in Dortmund solche Bücherschätze verwahrt werden: beispielsweise eine Ausgabe von Martin Luthers saftigen „Tischreden“ aus dem Jahr 1568.
Unter dem edlen lateinischen Titel „rara sunt cara“ (Seltenes ist teuer) zeigt die Dortmunder Uni-Bibliothek fetzt erstmals öffentlich einige ihrer Kostbarkeiten.
Moment! Die Dortmunder Uni ist doch erst 1968 gegründet worden. Auf welche Weise ist sie zu derart alten Büchern gekommen, wie man sie eher in Oxford oder Heidelberg erwarten würde?
Nun, früher gab’s einen speziellen Etat zur nachträglichen Anschaffung solcher Bestände. Außerdem haben inzwischen aufgelöste Institute (wie etwa die frühere, in den 1920er Jahren gegründete Pädagogische Hochschule) der Dortmunder Uni ihre Besitztümer vermacht.
Insgesamt umfasst die Raritäten-Abteilung heute rund 1000 Bände. Auch Handschriften … Weiterlesen
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Unterwegs zur neuen Ehrfurcht – Erzählungen von Botho Strauß unter dem Titel „Mikado“
Von Bernd Berke
41 filigrane Stäbe hat ein Mikado-Spiel, 41 feingliedrige Geschichten enthält das neue Buch von Botho Strauß. Es heißt „Mikado“.
Strauß taucht abermals ein in die Niederungen, doch auch in die Mythen der Paarwelt. Was hier zwischen Männern und Frauen geschieht, erwächst aus dem Alltag, steigert sich aber zuverlässig ins Fabulöse, ins Sagenhafte. Manchmal führt die Erzähllinie auch steil hinauf zu Visionen und quasi-religiöser Verzückung, die fremd in die jetzige Welt hinein ragen. Dabei ist es zweitrangig, ob die Figuren etwa als Busfahrer oder Rohrleger bezeichnet werden. Wirklich „handfest“ erscheint hier kaum jemand.
Gleich die erste Geschichte gibt sich flirrend rätselhaft. Nach Zahlung eines hohen Lösegelds liefert die Polizei die entführte und nun freigelassene Fabrikantengattin ab. Doch der … Weiterlesen
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Die Weisheit passt in wenige Worte – Hattingen als Zentrum für Aphorismen: Autorentreffen und neues Archiv
Von Bernd Berke
Hattingen. Kleine Kunstform, großer Aha-Effekt. Auf solche Wirkungen zielen Aphorismen ab. Im Idealfalle sind es geistreich zugespitzte Weisheiten in wenigen geschliffenen Worten. Irgendwie passend, dass eine kleinere Stadt sich anschickt, zum Zentrum der knappen Sinnsprüche zu werden: Hattingen hat’s mit Kürze und Würze.
Schon zum zweiten Mal (nach 2004) treffen sich jetzt deutschsprachige Aphoristiker in der Ruhrstadt. Zudem wird heute im Hattinger Stadtmuseum ein Aphorismen-Archiv eröffnet. Es soll mit der Zeit wachsen. Kulturamtsleiter Dr. Jürgen Wilbert (61), selbst Aphorismen-Schmied aus Passion, darf als Ideengeber gelten. Zündfunke war eine Eingebung des Schriftstellers Elias Canetti: „Die großen Aphoristiker lesen sich so, als ob sie einander gut gekannt hätten.“ Wilbert folgerte: Ihre gegenwärtigen Nachfahren sollten einander tatsächlich kennen lernen – … Weiterlesen
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Günter Grass: „Ich lasse mich nicht mundtot machen“ – Der Schriftsteller beim Leseabend der RuhrTriennale
Von Bernd Berke
Duisburg. Von der heftigen Debatte um sein spätes Waffen-SS-Geständnis mag Günter Grass am liebsten nichts mehr hören: „Ich lasse mich nicht mundtot machen“, sagte er jetzt als Gast der RuhrTriennale in Duisburg.
Dem Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), Frank Schirrmacher, warf der Literaturnobelpreisträger vor, ihn mit verdrehten Tatsachen als Schriftsteller und öffentliche Person demontieren zu wollen. Überhaupt sei ihm in den letzten Wochen aus manchen Medien „Hass und Vernichtungswillen“ entgegengeschlagen. Grass fügte hinzu, er habe sich gefühlt, als wäre er nun „frei zum Abschuss.“
Doch er .werde als Künstler alle Angriffe überleben und er werde nicht weichen, sondern sich weiterhin in gesellschaftliche Diskussionen einmischen. Grass: „Daran ist ja die Weimarer Republik zerbrochen – dass zu wenige … Weiterlesen
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Der Autor als inszeniertes Phänomen – Gespräch mit Klaus Modick über seinen Roman „Bestseller“
Es ist die Satire zum Literaturbetrieb schlechthin. In seinem Roman „Bestseller“ entwirft der Autor Klaus Modick eine aberwitzige Strategie: Man nehme den Tagebuch-Fund einer Erbtante, randvoll mit unausgegorenen NS-Erinnerungen. Dann schreibe man den Stoff zur Kolportage mit Liebesdramen um – und finde eine besonders hübsche Frau, die dafür als Autorin aus der Enkelgeneration die Bühne betritt. Fertig ist der Bestseller. Wäre es wirklich so einfach? Ein Gespräch mit Modick auf der Frankfurter Buchmesse.
Frage: Wie groß ist der Wirklichkeits-Anteil an Ihrem Roman?
Klaus Modick: Ziemlich groß. So geht’s tatsächlich ab im Literaturbetrieb. Das Buch speist sich aus meinen langjährigen Erfahrungen als Autor. Der Plot ist frei erfunden, aber es hätte so ähnlich passieren können. So furchtbar stark musste ich die … Weiterlesen
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Gespräch mit Feridun Zaimoglu: Ein böses Schillern mitten in unserer Gesellschaft
Der deutsch-türkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu war kürzlich Teilnehmer des „Islam-Gipfels“, zu dem Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble eingeladen hatte. Ein Gespräch mit Zaimoglu auf der Frankfurter Buchmesse.
Wie haben Sie die Vorgänge um die Absetzung der Mozart-Oper „Idomeoneo“ in Berlin erlebt?
Feridun Zaimoglu: Jedenfalls will ich nicht mit dem Chor der Wölfe heulen. Plötzlich wimmelte Deutschland von Aufklärungs-Hysterikern, die gesagt haben: Wir dürfen nicht vor dem Islam einknicken. Die Politiker haben doch erst die Droh- und Druckkulisse aufgebaut. Ein Schmierentheater. Diese Leute sollen sich mal entspannen. Ich bin für Bodenhaftung. Man muss nicht gleich alles symbolisch und ideologisch aufladen wie diese Aufklärungs-Spießer.
Erklären Sie uns diesen Begriff? Sonst ist „Aufklärung“ doch positiv besetzt, oder?
Zaimoglu: Ich sage als Deutscher, der dieses Land … Weiterlesen
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Ein Mörder schwärmt für altes Kino – Bodo Kirchhoff hat mit „Die kleine Garbo“ einen wüsten Kolportageroman verfasst
Von Bernd Berke
Ist Bodo Kirchhoff etwa zum Trivialautor geworden – oder kokettiert er nur mit trivialen Mustern? Sein neuer Roman „Die kleine Garbo“ ist über weite Strecken tollkühne Kolportage.
Kirchhoff, der bereits 2002 ein Buch mit dem kecken Titel „Schundroman“ vorgelegt hat, hat sich zwei Kontrastfiguren ausgedacht. Da hätten wir die 12-jährige Malu (Marie-Luise), einen frühreifen Fernseh-Kinderstar. Das selbstbewusste Mädchen schwelgt im Luxus und hat einen eigenen Chauffeur.
Auf der Schattenseite des Lebens kraucht hingegen Giacomo Hoederer. Der Kerl zieht Unglück magisch an. Durch eine schlimme Verkettung erschießt er ungewollt eine Kundin in der Bank. Auf der Flucht vor der Polizei stürzt er mit dem Motorrad in einen Straßengraben – bei eisiger Kälte in einer Einöde, wo man (gleichsam … Weiterlesen
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Auf dem Markt der Meinungen – die Debatte um Grass und die Waffen-SS
Von Bernd Berke
Bitte, bitte, lasst die Debatte um Günter Grass und seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS nun langsam ausklingen! Lesen und Nachdenken wären jetzt erst einmal eine prima Alternative.
Seit einer Woche wogen Rede und Widerrede hin und her, drunter und drüber. Jede halbwegs prominente Gestalt hat sich mittlerweile geäußert, nur der Philosoph Jürgen Habermas nicht. Oder haben wir da im Getümmel etwas überhört? Der Meinungsmarkt ist übersättigt. Derlei aufgeregte Diskussionen bekommen wir wohl nur am Standort Deutschland hin. Vor allem erzkonservative Gemüter haben die Gelegenheit, ihrem langjährigen Widersacher Grass etwas heimzuzahlen, weidlich genutzt.
Besonders markig war der Aufschrei des Flensburger CDU-Hinterbänklers Wolfgang Börnsen, der in der „Bild“-Zeitung forderte, Grass solle seinen Nobelpreis zurückgeben. Börnsen wurde daraufhin von einer … Weiterlesen
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Die ganze Vielfalt des Landes – Mediathek von WAZ-Mediengruppe und WDR startet im September / Bücher, CDs und Filme über NRW
Von Bernd Berke
Essen. „Wir in Nordrhein-Westfalen. Unsere gesammelten Werke“. So heißt eine neue Edition mit allmonatlich erscheinenden Büchern, DVDs und CDs, die Anfang September startet.
Starke Partner sind im Boot: Die WAZ-Mediengruppe, zu der auch die Westfälische Rundschau gehört, arbeitet bei diesem großen Projekt mit dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) zusammen. Dritter im Bunde ist der Essener Klartext-Verlag. Bodo Hombach, Geschäftsführer der WAZ-Gruppe, und WDR-Intendant Fritz Pleitgen stellten die gemeinsame Edition gestern im Design-Zentrum der Essener Zeche Zollverein vor.
Auf vorwiegend unterhaltsame Weise soll die Reihe das Landesbewusstsein in NRW stärken – passend zum bevorstehenden 60. „Geburtstag“ unseres Bindestrich-Bundeslandes. Dabei kommen alle Lebensbereiche in Betracht: Geschichte, Politik, Wirtschaft, Kultur, Natur und Sport, aber auch der ganz normale Alltag in der … Weiterlesen
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Ein flexibler Sozialist mit Lebensstil – Zum 50. Todestag: 25 Gründe, sich mit Bert Brecht zu beschäftigen
Von Bernd Berke
Am kommenden Montag jährt sich der Todestag des „Stückeschreibers“ Bert Brecht zum 50. Mal. Wir machen es halblang: Hier sind 25 und nicht 50 Gründe, sich mit Brecht zu beschäftigen. Nicht alle lassen ihn sympathisch erscheinen. Doch man sollte sich seinen Werken zuwenden, weil…
l) …er sich angeblich die proletarisch wirkenden Klamotten zuweilen vom Maßschneider anfertigen ließ. Der Mann hatte schon Stil, bevor der Begriff Lifestyle aufkam.
2) Weil er 1916 – im Schüleraufsatz – den Satz des Horaz in der Luft zerfetzte, es sei süß und ehrenvoll, für das Vaterland zu sterben. Es war mitten im Ersten Weltkrieg.
3) Weil der flexible Sozialist souverän genug war, auf die Frage nach seinem Lieblingsbuch zu antworten: „Sie werden … Weiterlesen
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Gemischte Gefühle beim Abschied von sämtlichen Dingen: „Später Spagat“ – die letzten Gedichte von Robert Gernhardt
Von Bernd Berke
Robert Gernhardt ist kein purer Spaßvogel gewesen. Der kürzlich an Krebs verstorbene Dichter hat zuletzt immer öfter auch tieftraurige Töne anstimmen müssen. Wenn einer reihenweise Chemotherapien erduldet, steht jeglicher Humor auf existenzieller Probe.
Mit den erschütternden „K-Gedichten“ hatte Gernhardt bereits 2003 einige Bezirke der drei großen „K“-Fragen durchschritten: Krankheit, Krieg und Komik. Jetzt liegt seine letzte Lyrik unter dem Titel „Später Spagat“ vor. Manche Zeile scheint schon von verzweifelter Entkräftung zu zeugen, doch viele Verse sind zum Heulen gut.
Gewiss: Der Hang zur Komik und die Freude an Wein und Weib regen sich noch, doch es wächst und wächst die unmittelbare Angst vor dem Sterben. Aus diesem Spagat zwischen „Standbein‘ und „Spielbein“ (so heißen die beiden Hauptteile … Weiterlesen
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Im Lachen liegt die tiefste Weisheit – Klassiker mit Breitenwirkung: Zum Tod des großen Humoristen und Dichters Robert Gernhardt
Von Bernd Berke
Mag sein, dass er dem Schnitter ganz zuletzt noch ins Gesicht gelächelt hat. Doch welche Tröstung man sich auch vorstellt: Die Nachricht vom Tode Robert Gernhardts macht wohl alle seine Leser zutiefst traurig. Mit ihm verlieren wir den vielleicht wirksamsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart Seine Anhängerschaft reicht weit über die üblichen literarischen Gemeinden und Zirkel hinaus.
Es ist überhaupt kein Frevel am klassischen Erbe, wenn man Gernhardt in einem Atemzuge etwa mit Lichtenberg, Jean Paul oder Kurt Tucholsky nennt. Auch er gehörte zu den ganz großen Humoristen und Wortmeistern.
Szene vor Jahren am Schaufenster einer Dortmunder Buchhandlung: Ein paar Leute besahen sich die Auslagen, sie entdeckten Gernhardts Buch „Über alles“ nebst seiner gesammelten Lyrik. Nun ging’s aber … Weiterlesen
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Goethe muss natürlich unbedingt ins Sturmzentrum – Eine Traumelf deutscher Dichter und Denker aufstellen
Von Bernd Berke
Heute geht’s endlich gegen Argentinien rund. Aber gestern und vorgestern waren bei der WM erstmals spielfreie Tage. Seufz! Da wusste man ja fast schon gar nicht mehr, was man mit der leeren Zeit anfangen sollte.
Was tut man also? Sich doch mal wieder spielerisch mit Kultur und Fußball befassen. Etwa mit der reizvollen Idee, eine Traumelf mit ruhmreichen deutschen Dichtern und Denkern aufzustellen. Richtig gelesen.
Wer steht im Tor? Immanuel Kant! Der Mann hat sich in der T-Frage gegen Leibniz und Heidegger durchgesetzt. So abgeklärt wie er ist sonst keiner. Er bleibt nicht auf der Linie kleben, sondern denkt weit voraus. Und er dient der ganzen Mannschaft als Ansprechpartner in moralischen Sinnfragen.
Viel wild er wohl nicht … Weiterlesen
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Die Clubbisierung der Welt – Frédéric Beigbeder legt einen Tagebuch-Roman vor
Von Bernd Berke
So kaltschnäuzig kann man Tagebuch führen: „11. September 2001. Die Twin Towers sind eingestürzt. Nachmittags Schwimmbad.“
Man muss eben Prioritäten setzen: Derselbe Autor (der mit „Windows on the World“ freilich ein ganzes Buch zum Tenor des 11. September lieferte) lässt sich hier lieber lang darüber aus, mit wie vielen schönen Frauen ein Mann schlafen kann – rein rechnerisch besehen.
Der Franzose Frédéric Beigbeder schätzt in seinem frivolen Journal „Der romantische Egoist“, dass weltweit auf 1000 Frauen eine „Granate“ kommt. Folglich gibt’s auf Erden mindestens 3,5 Millionen „hinreißende Frauen“. Frei nach Adam Riese: „Um mit allen zu schlafen, müsste man… 1000 Jahre lang zehnmal täglich poppen.“ Spätpubertärer Wahn also.
Als die Groupies Schlange standen
Der 1965 geborene Beigbeder … Weiterlesen
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Baltische Szene: „Beneidenswert jung, vital, aufregend“ – Internationale Kulturtage mit Estland, Lettland, Litauen / Dortmund als Zentrum des Festivals
Dortmund. (bke) Den gesellschaftlichen Wandel haben sie im Zeitraffer vollzogen. Nun stellen die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen ihre Kultur in NRW vor. Zentrum dieses „Scene“-Festivals ist Dortmund.
Dortmunds Kulturdezernent Jörg Stüdemann warb gestern für die vielfältigen Gastspiele des Baltikums – beinahe zum eigenen Leidwesen: Derart „jung, vital und aufregend“ sei die Kulturszene der drei Ostsee-Länder, dass man im Revier und in Westfalen geradezu neidisch werden könne.
Tatsächlich haben die Stadt und das Land NRW mit 123 Kooperations-Partnern vieles gestemmt. Erste Einzelveranstaltungen beginnen Ende April, Ausläufer des Festivals reichen bis zum September. Kernzeiten: Mai und Juni.
Besonders das musikalische Programm der Balten reizt sämtliche Geschmacksnerven. Es reicht von Klassik über Neue Musik und Jazz (Festival „europhonics“ im Dortmunder „domicil“ … Weiterlesen
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O abgetropfter Ball, o rundes Leder! – Ludwig Harigs Fußballsonette im Vorfeld der WM
Von Bernd Berke
Die bevorstehende FußballWM beflügelt nicht nur Sport-Kommentatoren und zig Millionen Bundestrainer, sondern auch viele Schriftsteiler. In diesem Frühjahr sind zahllose Bücher mit literarischem Kick auf dem Markt. Sehr edel gibt sichLudwig Harigs schmale Gedichtsammlung „Die Wahrheit ist auf dem Platz“.
Der Umschlag ist nicht nur satt grün wie gut gepflegter Rasen, sondern trägt auch die weißen Linien-Markierungen eines Spielfeldes. Noch dazu fühlt sich der aufwändig hergestellte Band wie Samt und Seide an. Da macht schon das Anfassen Freude.
Und der Inhalt? Mythen und Schicksale zuhauf. Harig lässt große Turniere und Spiele der letzten Jahrzehnte in einer wahrhaft erhabenen lyrischen Form aufleben: Er bedient sich des Sonetts – wie beispielsweise einst Shakespeare oder Rilke. Die klassische Strophen-Aufstellung folgt … Weiterlesen
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Die Vorfahren reden mit eindringlichen Stimmen – Arno Geiger stellte seinen Roman „Es geht uns gut“ in Dortmund vor
Von Bernd Berke
Dortmund. Eigentlich wollte Arno Geiger (37) einen Anti-FamiIienroman schreiben. Doch quasi hinterrücks ist ein Familienroman daraus geworden, allerdings ein ganz besonderer. Und der heißt auch noch verheißungsvoll „Es geht uns gut“.
Der gebürtige Bregenzer hat dafür 2005 den erstmals verliehenen Deutschen Buchpreis erhalten. Die Auflage steuert nun auf fabelhafte 250 000 zu, in Österreich verwies der Roman sogar „Harry Potter“ auf Platz zwei. Ein wahrhaftiger Bestseller-Autor also, der sein Erfolgsbuch jetzt im Dortmunder Harenberg City-Center vorstellte. Abermals war’s ein literarisches Ereignis der Reihe „Kultur im Tortenstück“, die von der WR mitgetragen wird.
Beim Lesen wiegt sich Geiger innig im Text, er schmiegt sich mit dem Oberkörper in die Satzmelodien hinein. Worum geht’s? Der junge Antiheld Philipp erbt … Weiterlesen
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Neues aus dem versoffenen Alltag: Kroetz legt mit „Blut & Bier“ nach langer Schaffenspause „15 ungewaschene Stories“ vor
Von Bernd Berke
Lange nichts mehr gehört von Franz Xaver Kroetz. Er schien von der literarischen Bildfläche fast verschwunden. Auch die Schauspielhäuser der Republik haben ihn links (oder sonstwo) liegen lassen. Doch jetzt, zu seinem 60. Geburtstag, ist der kernige Bayer plötzlich wieder da – mit dem schmalen, aber durchaus heftigen Erzählband „Blut & Bier“.
Der Untertitel „15 ungewaschene Stories“ trifft ohne Wenn und Aber zu. Kroetz hat sich den ganzen, in erfolglosen Zeiten angesammelten Frust von der Seele geschrieben. Aggressionsgeladen setzt sich sein durchgängiger Erzähler (der kaum vom richtigen Kroetz unterscheidbar ist) an die Schreibmaschine. Zitat: „Hingefetzt, 7 eng beschriebene Seiten, 66 Zeilen à 75 Anschläge, keinen weißen Fleck auf dem Papier übriglassen, von links nach rechts rotzen, kotzen, … Weiterlesen
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Mit Herzblut für die wahre Freiheit – Einer unserer allergrößten Dichter: Vor 150 Jahren ist Heinrich Heine in Paris gestorben
Von Bernd Berke
Vielleicht treffen sie sich jetzt dort droben: Wolfgang Amadeus Mozart und Heinrich Heine. Falls ja, dann können der Komponist und der Dichter einander Hochachtung, aber auch wechselseitiges Mitleid bekunden. Allenthalben werden sie rituell gefeiert, weil sich biographische Daten „runden“. Heute vor 150 Jahren starb Heine nach langjährigen Leiden in seiner Pariser „Matratzengruft“.
Wie überaus betrüblich: Einer, der dem göttlich guten Leben im Diesseits derart zugetan war, musste so elendiglich enden. Nur zu verständlich, dass Heine zuletzt allen atheistischen Anwandlungen abschwor und um Gottgläubigkeit rang. Nur ahnungslose Schandmäuler können ihm dies verübeln.
Seine Werke gehören unverbrüchlich zur Weltliteratur. In Frankreich zählen die Bücher von „Henri“ ebenso zum ehernen Bestand wie bei uns – und mancher Japaner oder Russe … Weiterlesen
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Sexuelle Lehrjahre in der Provinz – John Updikes erotischer Bildungsroman „Landleben“ bereitet würzige Essenzen auf
Von Bernd Berke
Ach, das wird wohl ein beschauliches Buch sein. wenn es schon „Landleben“ heißt. Sanftes Dasein im Einklang mit der Natur, milde Lüftchen des Lebens. Doch wenn John Updike der Autor ist, sieht die Sache etwas anders aus.
Mit „Landleben“ (Originaltitel „Villages“) legt Updike einen mächtigen Gegenentwurf zur Erotik der Metropolen vor. Statt „Sex and the City“ und dergleichen gibt’s hier würzige Essenzen des geschlechtlichen Treibens in der amerikanischen Provinz.
Der in Kindheit und Jugend (1930er/40er Jahre) arg verklemmte Owen Mackenzie wächst etwas ärmlich aber behütet in einem Nest bei Philadelphia auf. Die bösen Großstädte liegen weit hinterm Horizont, noch ferner dröhnt der Zweite Weltkrieg. Auch Owens weitere Biographie wird von kleinen Orten bestimmt, in denen die Zumutungen … Weiterlesen
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Die eigene Wahrnehmung in Ruhe reifen lassen – Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer zu Gast in Dortmund
Von Bernd Berke
Dortmund. Erst seit wenigen Tagen ist Brigitte Kronauer (64) Trägerin des Büchner-Preises. Mit derlei höchsten Weihen versehen, war sie jetzt zu einer Lesung der Dortmunder Reihe „Kultur im Tortenstück“ zu Gast.
Man darf die (von der WR und der Buchhandlung Krüger mitgetragene) Veranstaltung im Harenberg City-Center getrost als Rarität bezeichnen. Wie die Autorin im persönlichen Gespräch sagt, scheut sie vor längeren Lesereisen aus guten Gründen zurück. Sich dermaßen öffentlich preiszugeben, vertrüge sich nicht mit dem innigen Wunsch, die eigene Wahrnehmung der Welt in Ruhe reifen zu lassen.
Kronauer liest u. a. aus dem soeben bei Klett-Cotta erschienenen Sammelband „Feuer und Skepsis – Einlesebuch“. Auch hat sie ihr Reclam-Bändchen „Die Tricks der Diva“ bei sich. Dass sie in … Weiterlesen
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Das Ende der Vorurteile – Kinofilm „Unkenrufe“ nach der Erzählung von Günter Grass
Von Bernd Berke
Fürs „Buch zum Film“ hat Literaturnobelpreisträger Günter Grass ein Vorwort geschrieben. Er ist also wohl gnädig einverstanden mit der Adaption seiner 1992 erschienenen Erzählung „Unkenrufe“.
Leicht kann die Umsetzung nicht gewesen sein, denn Grass hat vielfach mit indirekter Rede und erzählerischen Mutmaßungen gearbeitet. Das alles musste fürs Kino konkretisiert, auf Figuren verteilt, zugespitzt oder ausgelassen werden. Daran gemessen, ist der Film des polnischen Regisseurs Robert Glinski passabel geraten. Und er bebildert getreulich manche sinnliche Grass-Spezialitat: von lukullischen Genüssen bis zum pittoresken Rikscha-Dienst mitten in Danzig, der auf die Kalkutta-Aufenthalte des Autors zurückgeht.
1989, kurz vor dem Fall der Berliner Mauer: Der Bochumer Kunsthistoriker Alexander Reschke forscht in seiner (und Grass‘) Geburtsstadt Danzig, die bekanntlich seit1945 Gdansk heißt … Weiterlesen
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Heimatlose Engel – Cees Nootebooms „Paradies verloren“
Höchst merkwürdige Wandlungen und Metamorphosen gehen im neuen Roman von Cees Nooteboom vor sich. Die junge Alma gerät in ein Elendsviertel von Sao Paulo und wird dort von einer ganzen Horde vergewaltigt. Kann sie nach diesem höllischen Erleiden jemals wieder ein halbwegs normales Leben führen?
Raumgreifender Szenenwechsel. Ein paar Kapitel später durchstreift sie mit ihrer Freundin Almut die Weiten und Wüsten von Australien. Sie sucht ein Ersatz-Paradies in den nomadischen Mythen der Aborigines, der Ureinwohner also; ganz im Geiste des früh verstorbenen ,,Traumpfade“-Autors Bruce Chatwyn, der freilich nicht ausdrücklich genannt wird. Doch auch diese urzeitliche Vorstellungswelt ist von den Marktkräften der Zivilisation vernichtet worden. Die rätselhaften Bilder der Aborigines machen nur noch weiße Galeristen reich.
Die Suche nach dem verlorenen … Weiterlesen
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