Archiv der Kategorie: Sprache

„Mächtiger Körper, Wahnsinn im Glas“: Das Vokabular der Weinverkostung

In vino veritas! Wer wollte bestreiten, dass im Wein der Widerschein von Weisheit und Wahrheit funkeln kann? Das edelste aller Getränke spornt den Menschen seit jeher auch zu sprachlichen Anstrengungen an, mit denen er den zahllosen Geschmacksnoten halbwegs gerecht werden will – ein ähnlich schwieriges Unterfangen wie die verbale Umschreibung musikalischer Nuancen.

Von einem Schloss zum anderen... (Foto: Bernd Berke)

Von einem Schloss zum anderen… (Foto: Bernd Berke)

Der mindestens ebenso starke Hang zur Bequemlichkeit hat allerdings eine standardisierte, vielfach zu Formeln geronnene Sprache mit sich gebracht, die sich derart in Schwärmerei und Huldigung ergeht, dass oft genug die Gefilde des Lächerlichen gestreift werden. Da wird geraunt, rhapsodiert, psalmodiert und in die Harfe gegriffen, dass es nur so rauscht.

Aus zwei umfangreichen Weinkatalogen renommierter Häuser (Hanseatisches Wein- und … Weiterlesen

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Denkwürdige Vokabeln (6): „Risikofreudig“

Es fiel mir sozusagen wie Schuppen aus den Haaren – oder hieß das Schuppen von den Augen? Na jedenfalls hörte ich aus dem Munde eines jungen Kollegen, dass ihn sein Bank-Berater ganz toll informiert habe. Der hätte ihm zunächst einmal eine sehr konservative Möglichkeit angeboten, sein Bares zu mehren, sozusagen in der Art eines Eichhörnchens, langsam, aber sicher. Und unter dem verschämten Geständnis, dass er als Banker derzeit eher mal bei diesen Dingen zurückhaltender sei, die sogenannte „risikofreudiger“ Version, sozusagen turboschnell, aber mit möglichem Totalverlust.

„Risiko-freudig“, eine Vokabel , die besonders gern in der Bankenwelt und ihrer näheren Umgebung, also auch bei denen, die über die Bankenwelt berichten, Wirtschaftsjournalisten, genutzt wird. „Risiko“ allein, das klingt schon eher so, als solle … Weiterlesen

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Paul Nizon und die Goldadern der Kunst

Paul Nizon lebt und schreibt aus voller Brust elitär, die allermeisten Verhältnisse lässt er weit hinter sich liegen. Er grenzt sich streng ab, hält sich heraus aus dem gängigen Streit der Zeit, besteht auf „Niemandszugehörigkeit“. Kritiker, die ihm weniger gewogen sind, halten ihn für einen prätentiösen „Dichterdarsteller“. Nach üblichen Maßstäben ist der 1929 in Bern geborene Nizon ein Bewohner des Elfenbeinturms.

Jetzt sind seine Journale der Jahre 2000 bis 2010 erschienen. Sie erheischen langsame, einlässliche Lektüre und häufiges Innehalten.

Es gibt nur wenige, die ihr ganzes Dasein so sehr mit Mühsal und Triumph der Schriftlichkeit gleichsetzen, die so unbedingt das Künstlertum im althergebrachten Sinne beschwören. Zitat: „Nur das Wort gewordene oder besser Poesie gewordene Leben ist lebenswertes Leben.“ Konsequenz: „Und … Weiterlesen

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„Stilvoll und lichtdurchflutet“ – Maklerdeutsch ist pure Poesie

Wer sich auf Wohnungssuche begibt, der lernt nach und nach die sprachlichen Bemäntelungen kennen, die in der Maklerzunft üblich sind. Sie lassen sich in manchen Punkten mit den notdürftig beschönigenden Formeln in Arbeitszeugnissen vergleichen.

Hier wie da werden Texte nach Baukastenprinzip aus Standardfloskeln gefügt. Hier wie da verständigt man sich gleichsam im ironisch gebrochenen Modus mit kaschierten Hintergedanken. Es gibt sozusagen eine imaginäre Interlinearversion, die den eigentlichen Sinn enthält.

Damit driftet das Genre der Immobilien-Annonce in literarische Gefilde. Nicht, dass jemand von Rosstäuscherei spreche! Nein, hier sickert Poesie in den tristen Alltag, die Makler schildern uns in herzerwärmenden Worten die herrlichsten Idyllen.

Der Befund ist gewiss nicht neu – und doch staunt man immer wieder über die Chuzpe, pardon, über … Weiterlesen

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Denkwürdige Vokabeln (5): Alternativlos

Sie hatte es zum Unwort des Jahres geschafft, das war 2010. Kanzlerins Lieblingsvokabel, unbedingt merkbar: „alternativlos“. Ganz geriet sie danach nie in Vergessenheit, weil Frau Merkel immer wieder mal etwas, was sie oder der unverzichtbare, aber ungeliebte Kollege Schäuble sich ausgedacht haben, oder eben mangels anderer, auf der Entscheiderhand liegender Möglichkeiten für unumgänglich (auch eine Möglichkeit, das zu beschreiben, was gemeint sein könnte) halten. Aber, dem Alltag sei Dank, seltener benutzt wurde das finale Abschusswort einer jeden kontroversen Diskussion indes schon.

Wir sehen einmal davon ab, dass eine Alternative ursprünglich und ausschließlich einmal gedacht war, um die Wahlmöglichkeit zwischen mindestens zwei Lösungen zu beschreiben – es ist der Lauf der Zeit, dass sprachliche Formen nun einmal lebendig sind und damit … Weiterlesen

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Moden und Marotten im Journalismus (2): Stocksteife Scheinobjektivität

Beim Deutschlandfunk halten sie traditionell große Stücke auf sich. Doch auch außerhalb der eigenen Reihen gilt der Sender viel. Gar mancher glaubt, er sei die Hörfunk-Entsprechung zur FAZ. Das lassen wir mal dahingestellt.

Höchst schätzenswert sind – nehmt alles nur in allem – die thematisch breit gefächerten Hintergrundberichte des DLF. Gerade in Zeiten des sonst weithin grassierenden Dudelfunks mit seinen lachhaften Kürzestbeiträgen, sind die ausführlichen Wortstrecken, die hier gepflegt werden, umso wohltuender. Noch auf jedem meiner Radios habe ich die Station gespeichert, um sie nach einfachem Knopfdruck hören zu können. So weit, so gut.

Nun aber, ach: die Nachrichten! Diese stets offiziös, ja vielfach halbamtlich und staatstragend klingenden Bulletins. Immer mal wieder wundert man sich, welche News hier in den … Weiterlesen

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Gespräche als Teil des literarischen Werks

 

 

 

 

 

 

Seit Eckermanns Gesprächen mit Goethe wissen wir, dass es Schriftstellergesprächsbücher geben kann, die man fast schon zu den Werken der betreffenden Schriftsteller zählen darf. Manchmal gelingt eine solche Werkausweitung auch heute. In den letzten Jahren bis hin in die allerletzte Zeit sind mir mindestens vier Gesprächsbücher untergekommen, bei denen dies der Fall ist.

Sie alle bieten Ergänzung wie Einstiegshilfe in das namhafte, manchmal etwas sperrige Werk der jeweiligen Schriftsteller… . Sie erleichtern gleichermaßen Zugänge für (unbedingt!) wünschenswerte Neuleser und vervollständigen, bestätigen oder korrigieren das vielleicht schon vorhandene Bild, das wir uns bereits konkret von Ilse Aichinger, W. G. Sebald, Julien Gracq und Ernesto Sábato durch eigene Lektüre gemacht haben.

In all diesen Büchern wird … Weiterlesen

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Moden und Marotten im Journalismus (1): Kunterbunte Spielzeugwelt

An dieser Stelle sollen ab jetzt in loser Folge Moden und Marotten des journalistischen Handwerks aufgegriffen werden; vorwiegend aus dem Print-Bereich, aber auch schon mal aus anderen Medien. Frisch ans Werk:

Aus dem Arsenal der journalistischen Illustration (Foto: Bernd Berke)

Aus dem Arsenal der journalistischen Illustration (Foto: Bernd Berke)

Schon seit Jahren fällt die Neigung auch intelligenter Blätter auf, mehr oder weniger komplizierte Themen mit Spielzeug zu bebildern, vorzugsweise mit Playmobil-Figuren (oder artverwandten Produkten anderer Marken). So wird etwa ein Krankenhaus-Set herangezogen, um medizinische oder gesundheitspolitische Beiträge zu bebildern. Modellautos und Modellbahnen mitsamt den zugehörigen Spielzeuglandschaften liefern ebenfalls reichlich Anschauungsobjekte.

Die unterschwellige Botschaft lässt sich einigermaßen klar herauspräparieren: Hier, lieber Leser mit dem Laienverstand, wirst du (welch’ schreckliche Chefredakteurs-Formel) „da abgeholt, wo Du bist“. Hier wird dir ein schwieriges … Weiterlesen

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„Haus der Löcher“: Ödnis im Porno-Paradies

Keine Frage: Es wäre eine hehre Aufgabe der Literatur, der überall waltenden Pornographie etwas entgegenzusetzen oder beizugesellen, durchaus des Schweißes der Edlen wert. Es warten wohl insgeheim viele auf den großen Anti-Porno, der geil und reflektiert zugleich sein müsste. Und er müsste weit über bloße Akte hinausweisen.

Doch wie soll man’s anfangen? Soll man die gängigen „Schweinereien“ zu übertrumpfen oder gezielt zu konterkarieren suchen? Soll man sich der Flut entgegenstemmen oder auf ihrem Kamm mitschwimmen? Soll man tiefer in die Materie eindringen oder leichthändig die Oberflächenphänomene parodieren? Oder, oder, oder. Eins darf man ohne weiteres argwöhnen: Wer auf diesem Gebiet noch Gehör finden will, muss sich zumindest schon mal ein paar aberwitzige Stellungen ausdenken.

Ein schwieriges Feld, fürwahr. Und so … Weiterlesen

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Unwort des Jahres: Warum nicht der „Rettungsschirm“?

Insgeheim hatte ich ja eine ganze Palette von Un-Wörtern auf dem Schirm. Nun ist es eine Vokabel geworden, deren zynischen Inhalt ich an dieser Stelle unlängst als unwürdig, wenn auch des Denkens, des Überdenkens, des Bedenkens wert erachtete. Die unfehlbare Jury hielt am Morgen des 17. Januar 2012 „Dönermorde“ für das Un-Wort des Jahres 2011. Zu viel der Ehre, meine ich, für ein menschenverachtendes Sprachgebilde, das sich gedankenlose Schlagzeiler einfallen ließen. Zuwenig auch den Kriterien unterworfen, die normalerweise dazu führen, in die zweifelhafte Hall of Fame der verschleiernden Ungebilde deutscher Alltagssprache aufgenommen zu werden. „Dönermode“, das ist ganz einfach eine schlimme Entgleisung, derer sich zuvorderst Journalisten, also Kollegen (oder etwa nicht?), schuldig machten, und die man eilends wieder aus dem … Weiterlesen

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Christian Wulff und das „Stahlgewitter“

Wenn man der Süddeutschen Zeitung glauben darf (und das darf man meistens), so hat Bundespräsident Christian Wulff beim Neujahrsempfang für seine Mitarbeiter gesagt, er sei zuversichtlich, „dass dieses Stahlgewitter bald vorbei ist“. Damit meint er nicht etwa, er habe im Schützengraben um sein Leben gezittert, sondern er spielt auf die gelegentlich scharfe, wenn auch keineswegs lebensgefährliche Debatte um seine Amtsführung an.

Nur zur Erinnerung. Der Ausdruck „Stahlgewitter“ ist vor allem durch Ernst Jüngers Buch „In Stahlgewittern“ bekannt und berüchtigt geworden. Geschildert werden (teils rauschhaft empfundene) Fronterlebnisse aus dem Ersten Weltkrieg, an einer Stelle ist etwa von „Blutdurst, Wut und Trunkenheit“ die Rede.

Nach all den Diskussionen um günstige Kredite und Urlaube sowie über Wulffs Verständnis von Pressefreiheit, scheint der Noch-Bundespräsident … Weiterlesen

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Denkwürdige Vokabeln (3): „Dönermorde“

Ein Kollege, häufig einer, der glaubt, sich besonders BILD-hafter Formulierungen bedienen zu müssen, tut es. Und dann tun es ihm viele andere nach. Ein Etikett ist erfunden, jedermensch bedient sich seiner in der unerschütterlichen Annahme, ungemein auf der aktuellen Höhe zu sein, und schon gibt es neue Bewerbungen um das Un-Wort eines Jahres.

Besonders dämlich, und daher halte ich es für nach wie vor brandaktuell darüber zu schreiben, kamen dieser Tage die „Dönermorde“ daher, die mutmaßlicherweise von frisch „ausgehobenen“ neonazistischen Terrorgruppenmitgliedern verübt worden sein sollen. Dabei sind nicht etwa erfolgreich verlaufende Anschläge auf Drehspieße gemeint, nein, Journalistenkollegen, ermittelnde Beamtinnen und Beamte, Politiker, Juristen – sie sind es, die sich neben allerlei anderen dieser drollig erscheinenden Vokabel bedienen – und sie … Weiterlesen

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Endlich im Museum: Blaubär, Arschloch und der Föhrer

Käpt’n Blaubär, dieser behäbig-gutmütige Lügenbär aus der „Sendung mit der Maus“?

Ist von ihm, Walter Moers.

Dann das Kleine Arschloch, diese respektlose Comic-Figur, ein Elfjähriger mit großer Nase und baumelndem Schniedelwutz?

Von ihm, Moers.

„Adolf, die kleine Nazi-Sau“, die scheiternde Witzfigur aus dem Clip „Der Bonker“?

Moers’ Idee.

Der Kontinent Zamonien, ein düster-sagenhafter Schauplatz einer ganzen Roman-Reihe – von Käpt’n Blaubärs Abenteuern für Erwachsene über Rumo bis zu einäugigen Buchlingen, die tief unter der Erde leben?

Eine grafische und wortgewaltige Schöpfung von: Moers.

Endlich darf Moers ins Museum

„7 ½ Leben“ hat Walter Moers schon hinter sich gebraucht – zumindest legt die gleichnamige Ausstellung in der Ludwig Galerie Schloss Oberhausen das nahe.

Zum ersten Mal darf … Weiterlesen

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Ernst Meister: An den Grenzen des Daseins

Aus der Münsteraner Ausstellung (siehe Hinweis am Ende des Beitrags): Ernst Meister, Selbstporträt o. J., Pastell ung Kohle auf Papier (Foto: LWL)

Aus der Münsteraner Ausstellung (siehe Hinweis am Ende des Beitrags): Ernst Meister, Selbstporträt o. J., Pastell ung Kohle auf Papier (Foto: LWL)

„Abend erscheint. Rauchig ist die Stadt meiner Mutter, rauchig die Stadt meines Vaters von den Eisenöfen.“

Was haben wir da? Ruhrgebietsliteratur der bodenständigen, realistischen Art? Eigentlich ganz und gar nicht, obwohl sich die Verse auf Hagen beziehen. Es handelt sich um den Anfang eines Gedichts von Ernst Meister (1911-1979), der dieser Stadt sein Lebtag treu geblieben ist – wie der Maler Emil Schumacher. Da könnte man fragen: Was hatte Hagen, was andere Ruhrgebiets-Kommunen nicht hatten? Aus all den weiteren Revierstädten haben sich die Größen doch zeitig verabschiedet.

So fassbar konkret wie im anfänglichen Zitat klingt es im gesamten … Weiterlesen

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Ist die Finanzwelt etwa kulturlos?

Sie wird gern beschworen, die Gesprächskultur. Sie wird gern zitiert, die Unternehmenskultur. In vieler Munde ist sie, die Esskultur, oder auch die Tischkultur, beim Kochen spricht man häufig sogar von Kochkunst. Wir hätten auch noch die Diskussionskultur, Streitkultur oder sogar dann und wann Aussagen über Formen der politischen Kultur. Auffällig indes ist, das mit keinem zusammengesetzten Wort eine Bankenkultur oder Finanzweltkultur erwähnt wird, und zwar nirgendwo. Offenbar handeln dort kulturlose Wesen.

Gänzlich abwegig finde ich meine Vermutung nicht. Ein Merkmal von Kulturen ist es doch, dass sie Werte erschaffen. Aus einem Grundstoff (Stein, Lehm, Farbe, oder, oder …) etwas Neues bilden, ja selbst der gute alte Kapitalismus, er sollte, und tat das, wenn auch unter gewissem Druck, er schuf Neues … Weiterlesen

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Alles muss wohl immer lustig sein

Kürzlich wurde das Modell für das zukünftige Fußballmuseum am Dortmunder Hauptbahnhof veröffentlicht. Mir hat das gläserne Stück gut gefallen – immerhin konnte man sich in der Regionalpresse ein Bild machen oder besser ansehen.

Eine typische Titelseite der FAZ

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung fand sich dazu ebenfalls etwas: Eine Acht-Zeilen-Meldung im Feuilleton mit der Überschrift „Ein Klotz am Bahnhof“.

Da sollte wohl eine lustige Assoziation an den Volksmund geschaffen werden, von wegen „Klotz am Bein“, aber im Text findet sich keinerlei Bezug in diese Richtung. Das Museum wird ja auch kein Klotz, wie man sah. Auch ist nicht abzusehen, dass das Museum eine Belastung für den Bahnhof darstellen könnte, wie eine Analogie zu dem Idiom nahe legen könnte.

Vielmehr folgt … Weiterlesen

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Geschichten vom Herrn Kaum (4)

IM SAAL DER VENUS MIT DEM HÜNDCHEN

Eine grazile Italienerin, die wie eine Russin sprach, vielleicht eine Russin war, jedenfalls eine russische Gruppe durch die Uffizien führte, inszenierte vor den Bildern, zumal der Venus von Urbino, sehr gesten-, pausen- und wortreich und doch dosiert, ein höchst wirkungsvolles Frage- und Antwortspiel … mit sich selber. –

Mit geschmeidiger, mit insinuierend schmeichelnd schöner Stimme.

Höchst attraktiv und anziehend. –

Wer hörte da nicht – wiewohl dieser fremden Sprache kaum mächtig … und doch sie jäh zutiefst verstehend – mit einem Male die Sprache Puschkins in Vollendung? –

Sie hörend und sehend

wen denn? die Sprache? die Stimme? die Frau?

Sie hörend und sehend

ward Herr Kaum

– verliebt –

für einen noch … Weiterlesen

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Geschichten vom Herrn Kaum (1)

HERR KAUM UND BRIGITTE KRONAUER

Einmal kam der junge Herr Kaum im Zug von Köln Hauptbahnhof nach Essen, über 40 Jahre ist das schon her, mit einer hübschen jungen Frau ins Gespräch, die sich als Autorin zu erkennen gab. Etwa 20 Minuten lang unterhielt sie sich mit Herrn Kaum über literarische Dinge, bis sie am Ende plötzlich sagte: „Wissen Sie eigentlich, daß Sie fortwährend nur Klischees bedienen? Ich bin das jetzt leid, mir das weiter anzuhören. Dafür ist mir meine Zeit zu schade.“ Herr Kaum fand sich im Mark getroffen. Er hatte sich doch so sehr ins Zeug gelegt und ganz ehrlich sein Bestes gegeben. Er verstummte verstört, ja geschockt, und redete fortan kein Wort mehr. Die Angst vor den … Weiterlesen

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Vor 60 Jahren hieß „Steamboat Willie“ schon Mickey Mouse

Vor 60 Jahren erschien zum ersten Mal eines dieser bunten Heftchen, das viele in Europa – besonders aber viele in Bundesdeutschland fesselte, das die Erwachsenenwelt erschauern ließ, weil der kleine Held erstens wie sein Schöpfer aus den Vereinigten Staaten stammte (gegen die hatten wir doch den Krieg verloren) und zweitens die deutsche Sprache der alsbaldigen Ausrottung preisgab: war das, was das Heftchen verbreitete, doch ein comic strip. Mickey Mouse war allerdings nicht aufzuhalten, nicht einmal durch die ausdauernden Bajuwaren, die noch 1961 vor den schulischen Pforten Tornister-Visitationen anordneten, dass dergleichen Schund nicht in die heeren Hallen höherer Lehranstalten mitgeführt werde.

Nun fällt es sicher auch nach Ablauf von sechs Jahrzehnten manchen nicht leicht, dem Mickey-Mouse-Heft einen eigenen Kulturstatus zu verleihen, … Weiterlesen

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Denkwürdige Vokabeln (2): „Märkte“

„Märkte“, sie herrschen, sie beherrschen Schlagzeilen, sie haben die Macht, politisches Handeln zu steuern – nur, wer oder was sind diese „Märkte“, namentlich die Finanzmärkte?

Nun, erst einmal sind sie in der Mehrzahl, was einerseits den Vorteil hat, dass sie Überzahl signalisieren, weiterhin den Vorzug mit sich bringt, Anonymität zu heucheln.

Dann scheinen sie ebenso menschenleer zu sein wie seelenfrei. Sie haben nur ein wirklich signifikantes Merkmal: Sie sind ungemein empfindsam und reagieren postwendend auf ein wie auch immer geartetes menschliches Fingerschnippen.

Weiterhin scheinen diese „Märkte“ ein stillschweigendes gemeinsames Einverständnis zu haben, jeden gegen sie gerichteten Angriff, wo er auch auf der Welt von wem geführt wird, mit einem Tsunamigleichen inneren Beben zu beantworten, und zwar weltweit im Gleichschritt. Wohlgemerkt, … Weiterlesen

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Denkwürdige Vokabeln (1): „Rechtspopulist“

Wieder einmal sorge ich mich – vermutlich ohne jeden Grund – um die Deutlichkeit der deutschen Sprache, sorge mich darum, dass sie da und dort einem Interessenmissbrauch unterliegt – vermutlich ebenfalls grundlos – sorge mich zudem, dass hinter dergleichen Missbrauch System stecken könnte – selbstverständlich auch ohne jeden Grund.

„Rechtspopulismus“ oder „Rechtspopulist“ – häufig gehört oder gelesen, nie ordentlich wahrgenommen oder selbst durchdacht. Was will diese sprachhistorisch noch frisch geborene Vokabel uns nur sagen? Also mir sagt der Begriff „Rechtspopulist“, dass es sich bei dergestalt bezeichneten Menschen um recht Rechte handelt, die indes im öffentlichen Meinungsbild nicht rechts genug sind, dass man sie mit dem „altertümlichen“ Faschist, Neonazi oder Nazi titulieren könnte. Jörg Haider im benachbarten Österreich wurde einst dieses … Weiterlesen

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„Anrührend, mitreißend, feinfühlig“ – die Prospekt-Prosa der Buchverlage

Klappentexte tendieren bekanntlich dazu, noch das vertrackteste Werk in rasch konsumierbare Formeln zu pressen. Da sind nicht selten Meister der gerade gängigen Floskeln am Werk. Ein lesenswerter „Zeit“-Artikel hat das Genre jüngst wieder aufgegriffen.

Ganz ähnlich, ja zuweilen wortgleich ergießt sich der Schwall aus der Prospekt-Prosa der Buchverlage. Ob nun Testimonials oder lobhudelnde Pressezitate ausposaunt werden, oder ob der Marktjubel direkt aus den PR-Abteilungen tönt – vieles scheint abrufbereit auf den Sicher-Hole-Tasten zu liegen. Manchmal hört sich das an wie auf dem Hamburger Fischmarkt, dann wieder raunt und säuselt es so filigran feingeistig, dass einem Rilke die Tränen kämen.

Die folgende kleine Kollektion aus Originalzitaten wird ganz bewusst ohne Ansehen der Einzelbücher präsentiert, es geht ja allgemein um den Sound … Weiterlesen

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Dem Ruhrpott seine Sprache

Mit de Sprache in unserm feinen Pott der Ruhr iss datt ja sonne Sache! Viele tun datt Ruhrie-Dialekt ja sowatt von schmähen und finden et einfach nur schäbich! Ich sach Euch hier und heute: Tutto kompletto zu Unrecht! Wochenlang ham wa hier geforscht und phänomenale sprachwissenschaftliche Erkenntnisse zutage gefördert. Iss ja klaar.: Hochmoderne Fördertechnik war schliesslich schon imma die Domäne in unserm Revier! Ergebnis: Wer nämlich die hochkomplexen Strukturen des Ruhrpott-Deutsch nicht verstehen tut, der offenbart unflexible Bildungsgeschmeidigkeit und mangelnde Lateinkenntnisse! Jaha. So sieht datt nämlichst aus.

Tun wa ma ganz banal mit de Aussprache anfangen: Gelsenkirchen-Buer oder Oer-Erkenschwick spricht der Nichtwissende gerne mal als Bür oder Ör aus. Der Lateiner hingegen weiss sofort Bescheid. Datt ist wie von janz

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Georg Stefan Troller: „Tagebuch mit Menschen“

„Tagebuch mit Menschen“ –

unvergessen ein Artikel in einem der deutschen Eliteblätter – sei es nun FAZ oder SZ oder, oder … zum „Buch der Tagebücher“, also zum Tagebuch überhaupt.

Wofür braucht der Leser ein Tagebuch, wofür möchte er darin lesen?

Private Schnulzenschau, oder darf es doch etwas mehr sein?

Dann irgendwie glitt der Autor ab in einen Rundumschlag, warum auch immer. Ach, diese Tagebücher, diese Rotzerei, dieses ewige Zurschaustellen.

An der Stelle mochte ich dem Journalisten nicht mehr folgen, war er wohl Opfer seiner angedachten, phantasierten, verinnerlichten Vorstellung von Objektivität geworden.

Vielleicht hatte er auch für jenen Artikel, dem das „Buch der Tagebücher“ zugrunde lag, sich mit einer Auswahl beschäftigen müssen, die ihn einfach nicht begeisterte.

Vielleicht war er … Weiterlesen

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Kulturhauptstadt Tallinn – nachhaltig eindrucksvoll und übersichtlich

Reisen ist kein Spaß. Man muss warten, man bekommt schreckliches Essen und wechselt die Verkehrsmittel, bevor man den Koffer in sein Hotelzimmer schiebt und erst mal schaut, welche sprachlich und inhaltlich nutzbaren Sender das Fernsehgerät bietet. Aber am Ende lohnt sich meist der Weg. Man ist halt woanders, wo es Gott sei Dank auch anders ist, mehr oder weniger. Zumindest die Sprache ist in diesem Fall eine Höraufgabe besonderer Qualität. Ziel ist eine der Kulturhauptstädte 2011, die Hauptstadt der Esten, Tallinn, je nach Route ca. 1800 Kilometer vom Ruhrgebiet entfernt. Gegenüber liegt Helsinki und die finnischen Nachbarn stehen am Strand und winken ihren estnischen Sprachverwandten zu. Nördlich von Helsinki liegt die andere nordische Kulturhauptstadt Turku. Finnland ist zu teuer – … Weiterlesen

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Verbrieft – Bekenntnisse eines Briefschreibers

Die Sondermarke prangt glänzend auf dem Umschlag. Man denkt kurz an Ringelnatz und verabschiedet sich. Ein Kulturwelt-Erbe befindet sich auf dem Rückzug.

Letzte Gefechte?

Noch ein Brief, nochmal an den Schreibtisch, der diesen Namen auch verdient. Freies Sichtfeld. Ein weißes Blatt Papier, jungfräulich schön. Das Schreibgerät liegt gut in der Hand. Das sollte so sein. Man hat ein paar Stunden zu tun. Das ist nicht immer so, aber es ist eine Option, mit der man rechnen muss.

Man kann von einer langen Tradition sprechen. Unzählige Kulturschaffende standen in Briefkontakt und pflegten ihn. Schriftsteller schrieben Briefe, die den Vergleich mit Büchern nicht scheuen mussten. Es ist hier nicht die Rede von Geschäftsbriefen, sondern von persönlichen Kunstwerken,

intimen Mitteilungen und „archäologischen“ Unternehmungen.… Weiterlesen

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Gereimtes oder Ungereimtes

Ich möchte hier einen Versuch wiederholen. Beim für immer entschlafenen Kulturblog Westropolis (2007-2010) hat es der entsprechende Thread über die Jahre hinweg auf rund 1500 Wortmeldungen gebracht. Man verzeihe mir den preiswerten kleinen Stolz, damit einen Rekord angestoßen zu haben, der dort nicht mehr gebrochen werden kann, weil jene Plattform der WAZ-Mediengruppe Anfang 2011 unwiederbringlich gelöscht worden ist.

Die Idee, wenn man sie überhaupt so nennen soll, ist denkbar simpel und keineswegs originell:

Statt eines Kommentars hinterlässt man/frau hier just einen selbst verfassten Zweizeiler, Vierzeiler, ein Sonett oder sonst etwas Gereimtes / Ungereimtes mit lyrischer Anmutung bis Zumutung.

Einstiegsschwelle niedrig, Skala der Ansprüche nach oben offen.

Als die A40/Bundesstraße 1 im Sommer 2010 fürs kulturhauptstädtische „Stilleben“ gesperrt wurde, gab es … Weiterlesen

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Der Name des Werkzeugs

(Möchtegern)-Intellektuelle halten sich etwas zugute – auf einen gewissen Wortschatz, auf ein hie und da, ja möglichst universell geschmeidig anwendbares, halbwegs hochgeschraubtes Reflexionsniveau nebst anhängendem Zynismus, der schon mal gar nichts gelten lässt. Und dann heißt es noch, die daraus resultierende Eitelkeit zu kaschieren. Eine Heidenarbeit, nicht immer von Nutzen gekrönt.

Solchen Leuten fehlt doch was?

Nein, nein, diesmal gibt’s keine Glaubenspredigt. Auch Hoffnung und Liebe wollen wir hier nicht aufrufen.

Aber denen, die mit Sprache zu schaffen haben, mangelt es beispielsweise oft am mathematischen, technischen und naturwissenschaftlichen Rüstzeug. Ein alter Hut, doch immer noch der Rede wert. Man schlage bei Hans Magnus Enzensberger nach, der immer wieder auf dieses Thema zurückgekommen ist und die Ignoranz der Geisteswissenschaftler gescholten hat.… Weiterlesen

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Keine Angst vorm Sagen! Synonymitis bei Pixi

Da wird gezwitschert, geklappert und gelacht.

Pixi und seine Freunde wollen ein Frühlingsfest feiern und müssen dazu nur noch den winterschlafenden Bären wecken, was mit Hilfe eines duftenden Blumenstraußes auch gelingt. Soweit der Plot von „Pixi und der Frühling“, erschienen im Carlsen-Verlag. Auf dem Umschlag des kleinen quadratischen Büchleins aus der Pixi-Serie glitzert der Frühlingshimmel glitzerfolienblau, so wie es Kleinkinder lieben. Und innen glitzern die Verben, so wie es Grundschul- und Deutschlehrerinnen lieben. Bloß nicht zu häufig „sagen“ schreiben! Am besten ganz vermeiden! Auf den 23 Seiten ist die Sagen-Synonymitis ausgebrochen: Es wird nicht gesprochen und nichts gesagt, sondern gerufen, gelacht, gekichert, gestaunt und gestrahlt. Mitunter auch gemurmelt, gezwitschert und geniest.

Hier die komplette Aufstellung:

… rief Hase Langbein … … Weiterlesen

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Sprache lieben, Sprache hassen

Gerade wenn man Sprache lieben gelernt hat, so kann man sie auch hassen; jedenfalls einige ihrer Ausprägungen. Wenn einem Schriftsteller erst einmal das süße Gift trefflicher Worte eingeträufelt haben, so erschrickt man umso mehr bei falschen Klängen. Haben einen Hölderlin, Rilke, Robert Walser, Kafka, Gernhardt oder Genazino (etliche andere Namen bitte freihändig einsetzen) mit ihren Tonfällen betört, so behagt manches aus den täglichen Niederungen nicht mehr. Dann muss man sich zuweilen klarmachen, dass doch längst nicht immer im hohen Ton gesprochen werden kann. Was wäre das für eine Welt? Man möchte doch bitte auch recht oft lax und nachlässig sein dürfen. Das ist Menschenrecht.

Doch es kann geradezu körperlich quälend sein, bewusstloses Gestammel zu vernehmen. Jetzt bloß kein wohlfeiles Wort … Weiterlesen

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Ürzung für Ürzung

Mit Abkürzungen hat man oft seine liebe Not. Erläuterungen füllen dickleibige Speziallexika. Einiges hat sich ja eingebürgert, doch vor allem Fachleute aller Art verstehen einander mit Kürzeln. Wenn umständliche Wörter häufig vorkommen, so empfiehlt sich halt eine knappe, möglichst prägnante Buchstabenfolge. Zum Exempel sagen sie beim Westdeutschen Rundfunk intern „Nami“ statt „Nachrichtenminute“. Warum auch nicht? Klingt doch putzig.

Eine spezielle Sorte von Abkürzungen zielt allerdings gerade nicht auf Experten, sondern eher auf unbedarfte Endverbraucher: Es sind jene furchtbar bemühten, sprachlich arg überstrapazierten Fügungen, deren ausgewählte Initial-Buchstaben mit Ach und Krach ein ganzes Wort ergeben, das man sich im Idealfalle leichter merken kann. Um einigermaßen Deckungsgleiche zu erzielen, denkt man sich irrwitzige Wortketten mit „passenden“ Anfangslettern aus. Für trockene bürokratische Akte … Weiterlesen

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Stilp!

Es ist von einem seltsamen Phänomen zu berichten. Entfernt ähnelt es dem von Axel Hacke vielfach dargestellten „Wumbaba“-Effekt: Bei Liedtexten kann man sich gehörig verhören, so dass etwa in Matthias Claudius‘ „Abendlied“ („Der Mond ist aufgegangen“) die Zeilen „Und aus den Wiesen steiget / Der weiße Nebel wunderbar“ zum politisch nicht ganz korrekten „Und aus der Isar steiget / Der weiße Neger Wumbaba“ geraten.

Nun zur artverwandten Erscheinung, die einer Kippfigur gleicht, welche (je nach Betrachtungsweise) vexierbildhaft umschlägt: Seit Jahren widerfährt mir dies an der A 40 in Essen, wo ein abgestellter Anhänger für ein örtliches Möbelhaus wirbt, das „Stilphase“ heißt. In Worten: „Stil-Phase“. Doch diesen Aspekt muss ich mir eigens aufsagen. Denn unwillkürlich lese ich im Vorüberfahren stets nur … Weiterlesen

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„Tatort“-Buch: Mord an der Sprache

„Tatort“-Städte sehen im Fernsehen ganz anders aus als in der Wirklichkeit. Nun ja, man hat es sich wohl gedacht, dass uns bei der Gelegenheit keine 1:1-Realität dargeboten wird.

Doch mehr noch: Komplette Szenenfolgen werden gleich ganz woanders gedreht. So entstehen etwa Münsteraner „Tatorte“ der Logistik wegen (WDR-Zentrale mit allen Schikanen am Ort) weitgehend in Köln. Auch befinden sich alle (!) Tatort-Kommissariate des SWR in einem einzigen Gebäude zu Baden-Baden. Okay, das sind auch keine Sensationen, aber es klingt schon interessanter, weil konkreter. Doch die Verfasser eines neuen Sachbuchs mögen’s auf weite Strecken lieber wolkig.

In insgesamt 17 Beiträgen erscheint die populärste deutsche Krimireihe zumeist als schieres Konstrukt regionaler Zuschreibungen, die oft genug in Klischees abgleiten. Der Untertitel des Bandes lautet … Weiterlesen

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Wohltuend wortkarg

Nur selten ist Pathos mit allerlei verbalen Girlanden und Tremolo angebracht. Häufiger Gebrauch bedeutet allemal Entwertung, wenn nicht gar hohl tönendes Geschwätz.

Wenn etwas in wenigen, knapp gesetzten Worten aufblitzt, so ist das meist wirksamer. Dies macht auch den Reiz gelungener Werbeslogans aus.

Ein schönes Beispiel für lakonischen Witz ist die Äußerung des legendären Langstreckenläufers Emil Zatopek, der sein Metier so trennscharf umrissen hat:

„Fisch schwimmt, Vogel fliegt, Mensch läuft.“

Mehr muss man nicht sagen.

Noch ein Ausspruch dieser erhellend knappen Sorte, der aus einem Interview mit Marlene Dietrich stammt. Ihre drei Worte taugen als Lebensmotto:

„Hingehen, machen, weggehen.“

Mehr muss man nicht sagen. Mehr muss man nicht tun.… Weiterlesen

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Guido und das Grubenpferd quälen das Ruhrgebiet

Es wird mal wieder höchste Zeit für eine kleine kulturhauptstädtische Nestbeschmutzung. Diesmal geht’s um die manchmal unscheinbaren, beim ersten Hinhören halbwegs harmlos klingenden, doch im Grunde reichlich bescheuerten Ausgeburten der Sprach- und Lifestyle-Designer.

Gut möglich, dass häufig auswärtige Agenturen oder sonstige „Kreative“ zum Zuge kommen, die unser Leben im Revier noch cooler ausschildern sollen – sicherlich stets im Vollgefühl vermeintlich avancierter Zeitgeistigkeit. Oder wissen sie etwa zynisch genau, dass sie uns nur die Brosamen ihrer Brainstormings hinstreuen?

Nicht nur in dieser Hinsicht ist der idr-Pressedienst des RVR (Regionalverband Ruhr) eine verlässliche Fundgrube. Die getreulichen Essener Chronisten verzeichnen allwochentäglich aktuelle „facts und events“ aus der Möchtegern-Ruhrstadt. Zuweilen sind es bloße Peinlichkeiten, die allerdings nie als solche erscheinen dürfen. Da sei der … Weiterlesen

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Wie geil is d a s denn, Alder?

Wie muss man es sich wohl erklären, dass auf einmal neue Redewendungen auftauchen, zeitweise grassieren und dann mehr oder weniger rasch vergehen, um auf ewig im Orkus der Wörter zu modern – oder um vielleicht eines Tages neu belebt zu werden?

Beileibe nicht alles, was im sprachlichen Organismus entsteht, ist schätzenswert. Manche Formulierung geht einem sehr schnell gründlich auf die Nerven und müsste Zahlungen in die Floskelkasse zur Folge haben. Das Gegenmittel „Ohren auf Durchzug“ hilft nicht immer.

Woher kommt es beispielsweise, dass man irgendwann nicht mehr „Alter“, sondern „Alder“ gesagt und geschrieben hat? Hat ein Film oder ein Musiktitel diese Ausdrucksweise geprägt? Oder irgendein flachsinniger Brachialkomiker im Fernsehen? Wer weiß Näheres?

Inzwischen meiern sich schon Siebenjährige so an: „Ey, … Weiterlesen

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Deutsche Sprache – unverwüstlich: Bonner Haus der Geschichte illustriert den vielfältigen Wandel

Bonn. Absichtslos ins Blaue gezielt und trotzdem ein aktueller Treffer! Vor eineinhalb Jahren hatte das Bonner Haus der Geschichte begonnen, seine Ausstellung „Man spricht Deutsch” vorzubereiten. Da konnte noch niemand wissen, dass Ende 2008 eine fast hitzige Debatte darüber aufkommen würde, ob unsere vorwiegende Landessprache als Leitideal im Grundgesetz verankert werden soll.

Mal abgesehen von solchen Bestrebungen, hört sich auch folgender Befund zweischneidig an: Als „Geltungszwerg und Bedeutungsriese” könne das Deutsche (je nach Perspektive) gelten. Prof. Hans Ottomeyer fand die paradox klingende Formulierung, die ungefähr dies besagt: Weltweit spielt unsere Sprache nur eine Nebenrolle, doch hat sie sich so reich entfaltet wie kaum eine andere. Wenn das kein Grund genug zur Freude am geschliffenen Wort ist!

Der Geltungszwerg gilt zugleich … Weiterlesen

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Rechtschreibreform: Blick zurück im Zorn

Hohenlimburg. Die Rechtschreibreform? Ist doch wohl eine weitgehend erledigte Sache. Man ereifert sich nicht mehr so sehr. Doch es herrscht keineswegs Zufriedenheit. Den in Hohenlimburg lebenden Professor Hermann Zabel lässt das Thema erst recht nicht los. Er hat sich über Jahrzehnte eingehend damit befasst. Die Reform ist ein Teil seines Lebenswerks.

Ab 1980 gehörte Zabel (Jahrgang 1935) der hochoffiziellen Kommission für Rechtschreibfragen an, die das umstrittene Reformpaket schnürte. Auch saß er im Internationalen Arbeitskreis für Orthographie. Seit fast einem Jahr gelten die Beschlüsse, verbindlich zumal in Schulen und Behörden. Ist also alles schön und gut? Lehnen sich wenigstens die Verfechter der Reform beruhigt zurück?

Gelehrtenstreit ging oft unter die Gürtellinie Weit gefehlt. Es ist eher ein Blick zurück im Zorn: … Weiterlesen

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„Die deutsche Sprache verkommt“ – finden 65 Prozent bei einer Allensbach-Umfrage

Spitzen wir es mal probehalber zu: „Hilfe, die deutsche Sprache verkommt!” Mit einem solchen Notruf kann man die Resultate der neuen Allensbach-Umfrage auf den Gipfelpunkt treiben. Doch es steht noch ein bisschen mehr drin. Mancher Befund ist zudem auslegungsbedürftig. Um die leidige Rechtschreibreform geht es ebenso wie um die Vielzahl englischer Ausdrücke im Deutschen. Ferner wurde die bundesweite Beliebtheit bestimmter Dialekte ausgelotet (Bayerisch und Hamburgisch vorn, Sächsisch ganz hinten). Schließlich befasst sich die Studie mit der Ekelschwelle angesichts derber Kraftworte (siehe Anhang). Wahrlich Stoff genug.

Schlagzeilenträchtige 65 Prozent aller Befragten meinen, dass unsere Sprache im Niedergang begriffen ist, die über 60-jährigen Menschen denken dies sogar zu 73 Prozent. Die „Schuldigen” an der vermeintlichen Misere sind ausgemacht: Es werde weniger gelesen, … Weiterlesen

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Zum Tod von Peter Rühmkorf: Hochseilartist der Sprache

Welch eine betrübliche Nachricht! Peter Rühmkorf ist tot, der wohl vielseitigste und wortmächtigste Gegenwarts-Lyriker deutscher Sprache. Man hat bang damit rechnen müssen, denn der 78-Jährige war seit längerer Zeit schwer krebskrank. In seinem letzten Lyrikband „Paradiesvogelschiß” hat er davon bewegendes Zeugnis abgelegt.

Zuletzt schrieb er von Angst getrieben, dass er dieses und weitere Werke nicht mehr werde vollenden können. Aus seinem geliebten Hamburg hatte sich der gebürtige Dortmunder bereits ins Lauenburgische Land zurückgezogen – fernab vom Lärm und Streit der Welt, dem der couragierte Mann nie ausgewichen war.

Just gestern hatte ihm die Stadt Kassel noch den „Literaturpreis für grotesken Humor” zugesprochen, der ihm nun posthum verliehen wird. Einer der früheren Preisträger war Robert Gernhardt gewesen, mit dem Rühmkorf eine … Weiterlesen

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