Archiv des Autors: Bernd Berke

Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Prosaband „Seitenblicke" (edition offenes feld, 2021), vereinzelt weitere Buchbeiträge, Arbeit für Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.

Fröhlicher Ritt durch Ibsens traurigen Text – Carsten Bodinus inszeniert „Die Wildente“ in Oberhausen

Von Bernd Berke

Oberhausen. Die kleine Hedvig hakt sich mit den Beinen an die Treppe und schaukelt kopfüber. Ein Bild der kindlichen Unschuld, bedroht von Sturzgefahr. Von Zeit zu Zeit dringen Stimmen wie aus der Tiefe herein und rufen ihren Namen. Sind’s böse Geister?

Ja, etwas gespenstisch ist es schon, wenn man, wie Regisseur Carsten Bodinus am Theater Oberhausen, Henrik Ibsens „Wildente“ völlig vom ersten Akt befreit. Schnapp! Damit ist die gesellschaftliche Sphäre getilgt, verschwunden also die Einbettung des Geschehens. Bodinus hat das Stück auf familiäre Vorgänge verengt, hat ein Psychodrama der Lebenslügen daraus gemacht – und dessen Parodie geliefert.

Fotograf Ekdal (beleibter Gemütsmensch: Gerhard Fehn) lebt in den Tag hinein. Der Faulpelz faselt von einer lukrativen Erfindung, die er … Weiterlesen

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Ein Maler sucht die himmlischen Sphären – Werkschau über Maurice Denis in Köln

Von Bernd Berke

Köln. Hochmodern sein und zugleich lammfromm – ob sich das wohl vereinbaren läßt? Der französische Künstler Maurice Denis (1870-1943) hat es zumindest nach Kräften versucht. Mit avantgardistischen Mitteln hat er religiöse Visionen auf Leinwand und Zeichenpapier gebracht – fast wie ein mittelalterlicher Meister. Das Kölner Wallraf-Richartz-Museum zeigt nun die größte deutsche Retrospektive seit Jahrzehnten.

„Mädchen, die Engeln gleichen“ heißt ein Bild von 1892. Es ist ein programmatischer Titel. Denn Denis bezieht Motive aus seiner unmittelbaren Umgebung, lädt sie aber mit christlicher Inbrunst dermaßen auf, daß sie sich (auch farblich) ins Ätherische und Durchsichtige verflüchtigen. So werden aus Mädchen gläserne, hauchzarte Wesen mit Hang zum Höheren, nicht mehr so recht von dieser Welt.

Sind’s zur Heiligkeit aufgestiegene Menschen … Weiterlesen

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Geduldig wie ein Gärtner die Kunst wachsen lassen – Walter Witteks Stahlskulpturen und Bilder im Ostwall-Museum

Von Bernd Berke

Dortmund. Zwei Tonnen wiegt der verwitterte Stahlwürfel, aber er schwebt in der Luft. Aus dem Boden ragt eine beängstigend geschärfte und polierte Spitze. Sie scheint nur darauf zu warten, daß der Kubus herunterfällt. Wäre das ein brutales Aufspießen! Doch es wird nicht geschehen. Vor der Hängung des Würfels hat man im Dortmunder Ostwall-Museum die Statik eingehend überprüft.

Es bleibt aber ein diffuses Gefühl der Bedrohung, wenn man sich unter diese Installation des Künstlers Walter Wittek (51) begibt. Steckt diese Furcht in einem selbst, oder verbirgt sie sich im Kunstwerk? Jedenfalls springt sie vom Objekt auf den Betrachter über – wie eine Elektrizität, die einem die Nackenhärchen aufrichtet.

Eine Fülle von Hintergedanken

Doch Wittek will uns eigentlich keine … Weiterlesen

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Als die große Wut verraucht war – Bilder des Expressionisten Ludwig Meidner

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Caféhauser waren für den Künstler Ludwig Meidner nicht nur gemütliche Orte. Manche Leute, die er dort beobachtet hat, wandeln sich im karikaturistischen Zerrspiegel zu bedrohlichen Wesen, zeigen gar tierhafte Fratzen. War Meidner ein Menschenhasser?

Meidner, 1884 in der schlesischen Provinz geboren, zog 1905 ins brodelnde Berlin. Er entwickelte sich zur „Nachteule“. Allzu gesellig verhielt sich der als Kauz geltende Mann zwar auch hier nicht, doch fand er in jenen Kneipen und Cafés eine allabendliche Heimstatt. Die Tasse Kaffee kostete nur 5 Pfennige, nachbestellen mußte man nicht. Da saß der zeitlebens mittellose Meidner also gut und billig im Warmen. Es blieben noch ein paar Groschen übrig fürs eine oder andere Glas Rotwein.

In der Kunsthalle Recklinghausen sieht … Weiterlesen

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Auf Bildern die Welt erahnen – Emil Schumacher in der Galerie Utermann

Von Bernd Berke

Dortmund. Wundersamer Schmelzprozeß: Moderne Form und Urbildnis, Figur und Abstraktion werden nahezu eins. Derlei in ein Bildgeviert zu zwingen, ohne daß es von Widersprochen zerrissen wird, dazu gehört ein großer Künstler. Ein solcher ist Emil Schumacher.

Auch wenn man schon einige Ausstellungen des 82jährigen Hageners gesehen hat, gerät man doch stets aufs neue ins Staunen, so auch jetzt in der Dortmunder Galerie Utermann. Wie dieses Alterswerk nichts an ästhetischer Spannkraft verliert, sondern gar zu neuen Ufern strebt – es ist phänomenal und zeugt von ungebrochenem Lebensdrang.

20 Gouachen (Arbeiten mit deckenden Wasserfarben) aus den letzten drei Jahren und 30 Graphiken seit 1972 sind zu sehen. Das Spektrum der Kaufpreise reicht von 1700 DM bis 46000 DM. Erschwinglich? … Weiterlesen

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„Westzeit“ bei WDR 2: Das eine oder andere Risiko auf dem Boulevard

Von Bernd Berke

Boulevard ist nicht gleich Boulevard. Es gibt Prachtstraßen, aber auch heruntergekommene Zeilen. Achtung, kurvige Überleitung: Auch im Radio ist nicht jedes Boulevard-Programrn gleich.

Die seit 2. Januar täglich aus Dortmund landesweit gesendete „Westzeit“ (WDR 2, Hörfunk) hatte einen ziemlich schlechten Start erwischt, wie man jetzt – nach zweieinhalb Wochen – deutlicher erkennt: Das bunte Magazin ist teilweise besser, als es anfangs zu werden drohte.

Sicher: Vieles gerät nach wie vor herzlich belanglos und ist kaum geeignet, daß man länger konzentriert hinhört (was auch nicht das Ziel dieser Sendeform ist). Besonders gewisse Rubriken könnten kritische Revision vertragen. Ärgerlich ist etwa das Gebaren der Psychologin, die immer erst verständnisvoll „Mhh, mh!“ murmelt, den Ratsuchenden dann doch recht barsch das … Weiterlesen

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Kleine Wunder – im Dortmunder „Luna“-Varieté

Charlie Chaplin in Dortmund? Quatsch! Stimmt natürlich nicht. Aber es gibt doch eine täuschend ähnliche „Wiedergeburt“.

„Chaplin“ ist ein Highlight im neuen Programm des Dortmunder „Luna“-Varietés. Knapp ein Jahr gibt es diese Stätte der schönen, so schwer erarbeiteten Leichtigkeit. Man mag sie nicht mehr missen.

Zurück zu Charlie: Hinter dem steckt der Schweizer Angel Emah. Der hat nicht nur das Aussehen, sondern auch die Bewegungsabläufe des weltberühmten Vorbilds bis ins Allerkleinste studiert. Was er im neuen Programm „Comedy? Varieté!“ zeigt, erscheint zunächst banal, ist aber subtil. Er holt sich Freiwillige aus dem Publikum und verwandelt sie mit sanfter Gewalt auf offener Bühne. Dem einen wird eine liebevolle Rasur verpaßt, dem anderen ein Toupet auf den Kopf gedrückt, dann werden die … Weiterlesen

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Stundenlang Geplänkel – die neue „Westzeit“ im WDR 2-Hörfunk

Das soll sie also sein – die vielbeschrieene „Hörfunk-Reform“ des WDR. Seit gestern wirken die Radiowellen 2 und 5 wie umgekrempelt.

Immerhin: Das „Morgenmagazin“ (WDR 2, Hörfunk) beginnt jetzt hundefrüh (kurz nach 5), ist aber noch halbwegs vertraut. Nur daß man jetzt den Trend zum Single mitmacht: Ein(e) Moderator(in) ist allein. Das verhindert manch pfiffigen Studio-Dialog, wie er früher üblich war.

Wenn man aber zwischen 9 und 12 Uhr die neue Sendung „Westzeit“ (WDR 2, Hörfunk) einschaltet, traut man den eigenen Ohren kaum. Man erkennt „seinen“ WDR gar nicht mehr wieder.

Zunächst hieß es Kurbeln und Suchen. Am Anfang bekam ich Regional-Kurznachrichten vom Niederrhein. Der Anruf bei der gepriesenen WDR-Infonummer (0130/2722) brachte erst die maschinelle Ansage „Kein ISDN möglich“, danach“ … Weiterlesen

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Blutrünstiges aus dem Soziallabor – Jürgen Bosse inszeniert Edward Bonds „Ollys Gefängnis“ in Essen

Von Bernd Berke

Essen. Klingt wie eine jener mysteriösen, weil arg verkürzten Mord-Meldungen auf bunten Seiten: „Weil sie eine Tasse Tee nicht trinken wollte, hat Mike X. seine Tochter Sheila erdrosselt.“ In Edward Bonds neuem Stück „Ollys Gefängnis“ erfährt man, wie es dazu kommen konnte. Aber ist man danach schlauer?

In Jürgen Bosses Essener Inszenierung sitzt jene Sheila (Jennifer Caron) bereits bei laufendem Fernsehgerät im Spießbürger-Zimmer auf der Bühne, wenn sich der Zuschauerraum allmählich füllt. Doch sie schaut gar nicht hin; weder aufs TV-Programm (Comedy-Shows) noch auf ihren Vater Mike (Matthias Kniesbeck).

Der Witwer hat sich rührend bemüht, hat für die Tochter gekocht und gebügelt, will nun auch mal ein paar Takte mit ihr reden. Doch so sehr er auch … Weiterlesen

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Geschichte ist wie ein flüchtiger Duft – John Updikes „Erinnerungen an die Zeit unter Ford“

Von Bernd Berke

Wie riecht Geschichte, wie schmeckt sie, wie fühlt sie sich an? Wie nähert man sich ihr mit allen Sinnen, ohne den großmächtigen Abstraktionen der Haupt- und Staatsakte aufzusitzen?

Solche Fragen bewegen den Geschichtsprofessor Alfred C. Clayton, den Ich-Erzähler im neuen Roman von John Updike. Auf Anfrage einer historischen Kommission soll sich Clayton an die Präsidentschaft von Gerald Ford (Amtszeit 1974-77) erinnern. Doch seine Antwort fällt anders aus, als es die stockseriösen Herren wohl erwartet haben. Für Clayton besteht die Ära Ford nämlich weniger aus großer Politik, als aus seinen eigenen Privatgeschichten. Gerade dort, so findet er, weht mehr vom Geist der Epoche als im öffentlichen Leben.

Die Essenz der Ford-Ära liegt für Clayton z. B. im unverwechselbaren … Weiterlesen

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Die Welt muß noch entdeckt werden: Peter Handkes „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ – eine Expedition auf 1066 Seiten

Von Bernd Berke

Peter Handke ist ein hochtrabender Autor, und dicke Bücher sind stets langweilig. So weit die Vorurteile. Kann denn ein Handke-Buch mit 1066 Seiten spannend sein?

Daß sich in Handkes Riesenroman „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ nicht viel begibt, kann nur behaupten, wer Action-Maßstäbe anlegt. Man fühlt sich alsbald aufgehoben in der strömenden Ruhe des langen Erzähl-Flusses. Passendes und weitgehend eingelöstes Handke-Zitate: .„Obwohl sich nichts tat, ging es hoch her.“ Oder auch: „Was für ein Erlebnis, und wie es einen aufweckt, eine Spannung aus nichts und wieder nichts.“

Ein Vorort als Mittelpunkt

Handkes Ich-Erzähler, der Schriftsteller Gregor Keuschnig, wohnt – nach Trennung von seiner Frau – draußen in einer buchtförmigen Pariser Vorstadt. Straßen und Wälder, Häuser und Menschen, … Weiterlesen

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Der herbe Charme verfallener Fabriken – Industrie-Fotos von Bernd und Hilla Becher in Münster

Von Bernd Berke

Münster. Ist es Sturheit oder Konsequenz? Seit über 30 Jahren fotografieren Bernd und Hilla Becher immer und immer wieder Industriebauten. Sie werden nicht müde, die Relikte einer versinkenden Arbeitsweit im Bilde festzuhalten.

Ein immenses Werk hat sich angehäuft, aus dem das Westfälische Landesmuseum in Münster – trotz beachtlicher Stellfläche – nur kleine Ausschnitte vorzeigen kann.

Bernd Becher (Jahrgang 1931) ist in Siegen aufgewachsen, ganz nah bei einem Hochofen. Der häßlich-erhabene Anblick hat ihn wohl fürs Leben geprägt. 1957 gab er die Malerei auf, weil er industrielle Motive möglichst emotionslos wiedergeben wollte. Vor-Bilder waren unterkühlt sachliche Fotos, die er in Betriebsbüros gesehen hatte. Seine Frau Hilla (geboren 1935), gelernte Lichtbildnerin, besaß Ausrüstung und technisches Wissen.

Am Aufnahmeverfahren hat … Weiterlesen

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Gags direkt aus der Tüte – Comödie Bochum mit dem Lustspiel „Endlich allein“

Von Bernd Berke

Bochum. Furchtbar, diese Nesthocker! Da wähnen die Eltern, sie hätten ihre Sprößlinge zu selbständigen Menschen erzogen und atmen bei deren Auszug schon dankbar auf: „Endlich allein!“ Doch kaum hat der mittlerweile 20- bis 30jährige Nachwuchs die ersten Problemchen mit Ehe oder Job, da kehrt er mit allen Ansprüchen ins traute Heim zurück. „Sie sind wie die Yo-Yos“, stöhnt die Mutter.

Kleine, im Grunde schrecklich harmlose Sticheleien zwischen den Generationen ergeben ein rechtes Familienprogramm fürs Boulevardtheater. Kein Wunder also, daß die erst seit ein paar Wochen auf dem Theatermarkt agierende „Comödie Bochum“ nun Lawrence Romans Lustspiel „Endlich allein“ (Regie: Gerhard Mohr) als bereits dritte Premiere auf den Plan setzt.

Sieben Türen sieht man auf der Bühne. In einer … Weiterlesen

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Rote Herzchen und Blue Jeans – eine prächtige Musical-Revue im Berliner Theater des Westens

Von Bernd Berke

Berlin. Oh, Italiens Himmel über deutschen Camping-Zelten! Knallrote Herzchen leuchten am Firmament, bunte Sternchen blinken dazu und dann erklingt mit vollem Schmelz das Lied von den „Capri-Fischern“.

Das ist Kitsch von der grandios-inbrünstigen Sorte, stilsicher überzeichnet. So gefällt er auch Leuten, die ihn sonst verteufeln. Szenen dieser Güte erlebt man in der am Samstag uraufgeführten Berliner Musical-Revue „Blue Jeans“ zuhauf.

Die schwungvolle, musikalisch und tänzerisch nahezu perfekt dargebotene Tour durch deutschen Zeitgeist der 50er Jahre (Buch und Regie: Jürg Burth, Ko-Autor Ulf Dietrich) ist, wie bei derlei Stücken handelsüblich, einfach gestrickt. Lisa Neumann und Frank Karsuntke verloben sich mit heftiger Billigung ihrer Eltern. Denn Usas Vater besitzt das einzige Kaufhaus der Kleinstadt, Franks Erzeuger ist Baustadtrat, der … Weiterlesen

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An der Krippe hat Kritik kaum Platz – Schau in Telgte erstreckt sich nun über zwei Museen

Von Bernd Berke

Telgte. Was haben Krippen mit Krimis gemeinsam? Mindestens dies: Ein relativ enges Schema von Figuren und Handlungen reizt zur Variation. Begrenzung regt die Phantasie an. Beweise in Hülle und Fülle bietet die nun auf mehr als verdoppelter Fläche ausgebreitete Sammlung des Heimathauses/Krippenmuseums im Wallfahrtsort Telgte bei Münster.

Das zweifache, weit und breit einzigartige Museum erweist sich als Publikumsmagnet: Schon fast 30000 Besucher waren seit der Eröffnung des Neubaus da – und die liegt erst zwei Wochen zurück.

Als sie gegen Ende des 16. Jahrhunderts in Deutschland gebräuchlich wurden, waren Weihnachtskrippen eine kirchliche Werbeaktion. Schlaue Jesuiten entdeckten im Zuge der Gegenreformation (als der Katholizismus wieder die Oberhand gewinnen wollte) die Wirksamkeit emotionaler Bibel-Inszenierung. Hatte es zuvor praktisch nur … Weiterlesen

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Emigrant zwischen Entsetzen und Idylle – Bilder von Oskar Kokoschka in Bielefeld

Von Bernd Berke

Bielefeld. Auch wenn man gern lebt, wo man lebt, wird einem manchmal die eigene Welt zu eng. Dann muß man hinaus ins Weite. Man kann den Reisedrang des Künstlers Oskar Kokoschka (1886-1980) also verstehen, der schon in jungen Jahren aus der vermeintlichen Starre Wiens ins damals so bewegte Berlin flüchtete und den es dann auch in Dresden nicht hielt.

Seine späteren Fluchten (nach Prag und London) wurden ihm allerdings von den Nazis aufgezwungen. Doch Kokoschka wurde mit der Situation seelisch besser fertig als andere Emigranten. Vor allem um diese Zeit geht es jetzt in einer Ausstellung der Bielefelder Kunsthalle.

In den frühen 30er Jahren ergeht sich Kokoschka noch in schieren Idyllen: „Mädchen mit Blumen“, „Mädchen mit Gans … Weiterlesen

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Der letzte Rest von Zuversicht – Wilhelm Genazinos „Die Obdachlosigkeit der Fische“

Von Bernd Berke

„Lange konnte ich es nicht aushalten, dann drückte sich ein furchtbares Gemisch meine Kehle hoch, ein Gemisch aus bitterer Kraftlosigkeit und absoluter Glücksverfehlung“. Ein typischer Satz aus Wilhelm Genazinos Prosaband „Die Obdachlosigkeit der Fische“.

In einer Art Tagebuch häuft eine Lehrerin ihre Depressionen an. Ihre Ängste scheinen längst keine realen Anlässe mehr zu haben, sie heften sich an alles und jedes. Diese vor der Zeit gealterte Frau in den Vierzigern durchstreift, wenn sie sich denn hinaus traut, ihre Umgebung geradezu in dem innigen Wunsch nach Leid. Sie grast Stadt und Land nach beunruhigenden Seltsamkeiten ab. Alsbald fragt man sich: Ist diese Bemitleidenswerte noch in der Lage zu unterrichten?

Nur Resignation und ein flaumweiches Nachgebenwollen liest man heraus, … Weiterlesen

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Die Kunst des Kaufens – „Art Cologne“ mit 323 Galerien aus 22 Ländern

Von Bernd Berke

Köln. Bündigen Bescheid gab die Dortmunder Galerie Utermann den Veranstaltern der Kölner Kunstmesse „Art Cologne“. Die hatten wissen wollen. was die Teilnehmer der Messe erwarten. Utermanns Antwort: „Neue Kontakte. Gute Geschäfte.“ Das dürfte im Kern für alle 323 Galerien aus 22 Ländern gelten, die diesmal dabei sind.

Utermann kann tatsächlich auf ein besonders gutes Geschäft hoffen, hat man doch eines der spektakulärsten Angebote parat, nämlich vier Jahresmappen der expressionistischen Künstlergruppe „Brücke“ (Heckel, Kirchner u. a.) aus den Jahren 1909-1912 – eine Rarität sondergleichen. So haben sich, dem Vernehmen nach, auch schon ein US-Museum und ein solventer Privatsammler dafür interessiert. Nach Möglichkeit sollen die Mappen nur komplett veräußert werden. Der Preis soll sich nahe der Ein-Millionen-Grenze bewegen. Die … Weiterlesen

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Komik zwischen Heulen und Zähneklappern – Frank-Patrick Steckels großartige Inszenierung von „Warten auf Godot“

Von Bernd Berke

Bochum. Auf der schmutzigbraunen Halde stehen die zwei berühmtesten Landstreicher der Theatergeschichte. Der eine nestelt an seinem Schuh, er stöhnt und ächzt dabei. Der andere pult geistesabwesend in seiner Nase. Es könnte immer so bleiben. Denn Wladimir und Estragon haben nichts zu tun, nur dies eine: „Warten auf Godot“.

Der Kerl, von dem in Samuel Becketts Stück die Rede 1st, kommt bekanntlich nie. Doch die Theaterzuschauer tun es seit Jahrzehnten den beiden Hauptgestalten gleich. Sie warten immer wieder mit. Vielleicht entschlüsselt sich ja doch eines Tages auf irgend einer Bühne dieser Welt, wer dieser „Godot“ ist?

Diese Hoffnung kann man fahren lassen. Becketts längst sprichwörtlich gewordener Klassiker stellt unablässig Paradoxe auf, revidiert sich ständig selbst, spiegelt sich … Weiterlesen

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Geisterbahn der traurigen Puppen – Bonner Bundeskunsthalle zeigt die Todesahnungen der Schweizerin Eva Aeppli

Von Bernd Berke

Bonn. Zuerst kommt man an Schädelstätten vorbei. Mal vereinigen sich die Totenköpfe zum reißenden Fluß. dann grinsen sie frech oder tanzen einen makabren Tango. Ein Alptraum? Eine Ausstellung!

Gegen Ende der 60er Jahre hat die Schweizerin Eva Aeppli (geboren 1925) begonnen, solche Totentanz-Visionen mit handgenähten Puppen auszudrücken. Die haben zwar – im Vergleich zu den gemalten Gebeinen – ein wenig „Fleisch“ (sprich: Stoff) angesetzt, wirken aber ebenfalls so ausgemergelt, als wollten sie gleich ins Grab sinken. Solche todessüchtigen Puppen hat man noch nirgendwo gesehen. Kein Spielzeug.

Die Bundeskunsthalle in Bonn widmet Eva Aeppli eine bemerkenswerte Werkübersicht. Über jeder einzelnen Arbeit könnte die christliche „Vanitas“-Formel stehen – die Erinnerung daran, daß wir alle jederzeit aus dem Leben gerissen … Weiterlesen

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„Die Welt ist doch eine Scheibe“ – Oder werden die Bücher bald aus der Steckdose kommen?

Von Bernd Berke

Frankfurt. „Die Welt ist doch eine Scheibe“. Dieser Spruch führt nicht zurück ins Mittelalter, als die Kugelgestalt der Erde noch unbekannt war. Er soll in eine goldene Medienzukunft weisen. Denn mit dem Reklame-Satz ist die Datenscheibe CD-Rom gemeint, die mehr denn je die Diskussion auf der Buchmesse beherrscht.

Es scheint, als sei die Messe-Premiere der elektronischen Lesemedien im letzten Jahr nur Vorgeplänkel gewesen, als dämmere den Verlagen erst jetzt die Tragweite der neuen Technik. Und schon preschen Leute vor, die behaupten, die CD-Rom sei nur ein Behelf. In einigen Jahren werde das „Buch“ direkt aus der Steckdose kommen – aus prall gefüllten Wissens-Banken via „Daten-Highway“.

Was ist auf den Silberlingen wirklich drauf?

Zukunftsmusik. Wer jetzt schon ein … Weiterlesen

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Im Schattenreich der Lüste – Ausstellungen über Toulouse-Lautrec und Hopper in Bremen

Von Bernd Berke

Bremen. Die Dame hat ihre Lippen ganz leicht gekräuselt und gestülpt. Zeichen einer bloßen Augenblickslaune? Nicht, wenn einer wie Henri de Toulouse-Lautrec hingeschaut hat. Sein Blatt „In den Vierzigern“ fängt den Zustand einer ranzig gewordenen Ehe in der unscheinbaren und doch vielsagenden Mimik eines Moments ein.

234 Lithographien umfaßt die großartige Ausstellung der Kunsthalle Bremen: Da sind sie alle beisammen – die verderbten Königinnen der Nacht, die etwas schäbigen Priesterinnen der Gier, dazu ihre Kunden und Kavaliere, zumeist fettwanstige Wüstlinge. Manche der Frauen wirken, als seien sie – nach vielerlei Ausschweifung – tief in ihrer Seele über alles Weltliche und Männliche erhaben.

Fasziniert und und angewidert

Das Panoptikum der „Pariser Nächte“ zwischen 1890 und 1901 zeigt keineswegs … Weiterlesen

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Dortmunds etwas andere Buchmesse – Schau mit 3000 Bänden im Harenberg City-Center

Von Bernd Berke

Dortmund. Wir alle kennen den Reklamespruch aus dem Fernsehen. Hier die von Schleichwerbung bereinigte Fassung: „Für die einen ist es ,Mh-mh‘, für die anderen ist es die längste Praline der Welt“. Die Formel ist auf ein neues Kulturereignis anwendbar: Für die einen ist es eine Bücherschau, für die anderen ist es die „1. Dortmunder Buchmesse“… Mal ehrlich, verdient sie diesen Namen?

Lokalstolz beiseite. Wenn man nüchtern Zahlen vergleicht, wird schon einiges klar: Die Veranstaltung im City-Center des Dortmunder Harenberg-Verlages präsentiert jetzt rund 3000 Bücher, in der nächsten Woche werden auf der Frankfurter Buchmesse (an der Harenberg seit Jahren nicht mehr teilnimmt) etwa 320.000 Bände gezeigt. In Dortmund sind etwas über 200 deutschsprachige Verlage vertreten, hinzu kommen Anbieter … Weiterlesen

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Dieser „Woyzeck“ sollte sich mal um die Papiertiger kümmern – Jürgen Bosse inszeniert Büchners Stück in Essen

Von Bernd Berke

Essen. Die Bühne ist grau, und das Spiel dauert 90 Minuten. Am Ende steht es bei Büchners „Woyzeck“ im Essener Grillo-Theater gewissermaßen immer noch unentschieden. War’s denn spannend?

Woyzeck wird bekanntlich von Militär und Medizin mißbraucht, seiner Menschenwürde schändlich beraubt. Am Ende treibt ihn seine Geliebte Marie in mörderische Eifersucht hinein. Kein Hund möchte so leben. Das immer noch verstörende Stück von 1836/37 deutet auf Greuel des 20. Jahrhunderts weit voraus.

Doch in Essen, wo sich zum Saisonauftakt Schauspielchef Jürgen Bosse des fragmentarischen Dramas annimmt, ist es offenbar halb so schlimm. Der klobige Woyzeck (Matthias Kniesbeck) muß, so scheint es, weniger leiden. Denn rings um diesen Riesenkerl gibt es hier nur Popanze und Papiertiger. Der Doktor (Klaus-Peter … Weiterlesen

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Auf übermalten Bildern sieht man mehr – Arnulf Rainer, sein „Markenzeichen“ und die brachialen Witzbolde von Wien

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Solche Kapriolen schlägt der Kunstbetrieb: Da hat Arnulf Rainer sich zum Markenzeichen erkoren, fremde Bilder zu übertünchen – und dann kommen just in seiner Heimatstadt Wien schurkische Scherzkekse daher, die seine längst teuer gehandelten Übermalungen ihrerseits übermalen. Jetzt sind 64 Arbeiten Rainers in Recklinghausen zu sehen – willkommene Lehrstücke zu einer Geschichte, die sich wie ein Witz anhört.

Arnulf Rainer (Jahrgang 1929) ist nicht irgendein vom Markt gehätschelter Schmierfink, der sich über die Sachen anderer Leute hermacht und sie wahllos zukleistert. Die Übermalung ist zunächst sein probates Mittel, die in der Malerei seit jeher grassierende Angst vor der leeren Leinwand zu überspringen. Außerdem verwendet Rainer als Bildgrund fast immer Reproduktionen, z. B. von Fotos oder alten … Weiterlesen

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Konkursrichter über das eigene Leben – „Die Sache mit dem Hund“ von Lars Gustafsson

Von Bernd Berke

Konkursrichter lenken für gewöhnlich die (Lebens)-Pleiten anderer Leute in juristische Bahnen. In Lars Gustafssons neuem Buch „Die Sache mit dem Hund“ muß ein solcher Richter über die eigene Biographie befinden.

Der Ich-Erzähler lebt, wie übrigens der schwedische Autor seit Jahren auch, bei Austin (Texas/USA). Er steht kurz vor seiner Pensionierung und hat somit Anlaß zur Zwischenbilanz. Von seiner Frau, die dem Alkoholismus zuneigt, lebt er in gemessener Alltagsdistanz. In ihrer beider Haus am Strom, der manchmal bedrohlich über die Ufer tritt, erlebt er buchstäblich den Fluß der Zeit. Während dies allmähliche Verrinnen die Stimmung des Buches elegisch grundiert, kommt es zu deutlicheren Konflikten.

Der rätselhafte Tod des vor langer Zeit aus Holland zugewanderten Nachbarn und Philosophie-Professors Van … Weiterlesen

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Die weichen Früchte des Zorns – Karikaturen von Marie Marcks in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Ihre erste Karikatur hat sie in einer Schulstunde angefertigt – ein Zerrbild des Lehrers, der stets in SA-Uniform zum Unterricht erschien. Die Sache flog auf. Marie Marcks mußte bekennen. Doch der Pauker reagierte andere als befürchtet: „Darf ich die Zeichnung behalten?“ fragte er fast kleinlaut. Für einen Moment vergaß er, daß er Nazi war.

Marie Marçks (72) ist heute längst eine der bekanntesten Karikaturistinnen der Republik. Die zitierte Geschichte hat sie gestern im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte erzählt. Dort ist nun ihre bislang größte Einzelausstellung mit rund 300 Bildern zu sehen.

Kurz nachdem Krieg hat sie sich noch am damals übermächtigen Vorbild Saul Steinberg orientiert. Damals waren ihre Arbeiten noch etwas starr. Später kam … Weiterlesen

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Jedes Fundstück kann zur Kunst beitragen – Arbeiten von Helga Hanisch in Siegen

Von Bernd Berke

Siegen. „Die Süße“ blickt ganz treuherzig. Zwar hat sie eiserne Augen, doch dies hätte man ihr denn doch nicht zugetraut: Ihr Rumpf besteht aus dem hölzernen Griff eines Gewehrs. Ist sie gar nicht so friedfertig?

Das widersprüchliche Mädchen steht in der neuen Ausstellung des Siegener Kunstvereins. Helga Hanisch (40) gibt ihren Bildern, Objekten und Installationen eben gern Titel, die im Kontrast zum Augenschein stehen.

Sie gehört zur Menschengattung der Sammler: „Ich hebe buchstäblich alles auf.“ Einen wahren Schrottplatz habe sie bei sich daheim im Kunst-Bahnhof Dingden (nahe Bocholt) angehäuft. Manche Dinge blieben jahrelang unbenutzt liegen – bis plötzlich ein Ideenfunke auf sie übersprang.

Das Kind muß natürlich auch einen Namen haben: „Packing Art“ nennt Frau Hanisch ihr … Weiterlesen

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Kritiker-Clan ist sich einig: Manche Theater im Revier gibt’s gar nicht

„Ruhrgebiet – Randgebiet“. So könnte der Negativ-Slogan zur neuen Kritikerumfrage der Fachzeitschrift „Theater heute“ lauten. Denn bei der Frage nach den besten Leistungen der letzten Saison existiert das Revier praktisch nicht.

Nur Karsten Schiffers Bochumer Produktion „Brennende Finsternis“ wird im Jahresheft mehrfach lobend erwähnt – und das wohl auch nur, weil sie beim Berliner Theatertreffen zu begutachten war. Eine Produktion mit Schauspielschülern als einzige Zierde einer ganzen Region. Das ist eine schallende Ohrfeige für alle hiesigen Theatermacher.

Schlimmer noch: In einem Extra-Beitrag über die NRW-Theater werden Dortmund, Essen und das Westfälische Landestheater gleich völlig übergangen. Sind es Phantom-Bühnen? Da kann Roberto Ciulli (Mülheim) beinahe noch von Glück sagen, denn seine Arbeit wird immerhin als Ärgernis zur Kenntnis genommen. Und über … Weiterlesen

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In der Studierstube steckt die ganze Welt – Duisburger Ausstellung über den Kartographen Mercator

Von Bernd Berke

Duisburg. Es gab einen Mann in Duisburg, der setzte kaum einmal den Fuß vor die Tore der Stadt – und kannte die Gestalt der Erde doch genauer als jeder Zeitgenosse. Seine Reisen machte er im Kopf.

Mercator war’s, der große Kartograph, der in seiner Werkstatt das Gesicht der Welt so exakt zeichnete wie keiner zuvor. Am 2. Dezember 1594 – vor rund 400 Jahren – ist er in Duisburg gestorben. Jetzt erinnert die Stadt mit einer Ausstellung an den berühmten Bürger.

Eigentlich hieß der 1512 in Rupelmonde (Ostflandern) geborene Mann Gerard Cremer, doch damals war es unter Wissenschaftlern Brauch, sich altsprachliche Namen zu geben. Folglich nannte er sich Mercator (lateinisch für Krämer/ Händler), was ja auch viel … Weiterlesen

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Bitteres Märchen zwischen Kloake und Herrgottswinkel – Werner Schwabs „Die Präsidentinnen“ in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. „Bis zu den Achselhaaren“ langt das Mariedl in die Kloschüsseln hinein. Verstopfungen zu beseitigen, das ist ihr dreckiger Job. Sie ist mächtig stolz, daß sie alles ohne Gummihandschuhe erledigt.

Menschen mit niedriger Ekelschwelle werden in Werner Schwabs Stück „Die Präsidentinnen“ öfter ein würgendes Gefühl in der Kehle spüren. Der Text suhlt sich in Fäkalien. Und er schraubt seine absonderlichen Ferkeleien, wie beim früh verstorbenen Fließbandschreiber Schwab (1958-1994) üblich, mit gedrechselten Formulierungen ins Existentielle hoch. Aber es sind doch nur Worte, Worte, Worte. Völlig synthetisch und daher im Grunde klinisch sauber.

In Dortmund, wo Johannes Zametzer inszeniert, spielt das Ganze dennoch im dunklen Keller der Armut – vor einer Kohlenhalde und Haufen schmutziger Wäsche (Ausstattung: Tobias Wartenberg).… Weiterlesen

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Kunstverein Dortmund will in die erste Reihe – mit Serra-Ausstellung und weiteren Vorhaben

Von Bernd Berke

Dortmund. Mit einer Ausstellung des berühmten Richard Serra will der Dortmunder Kunstverein im Sommer ’95 Furore machen. Die Schau kommt aus New York, die Stationen heißen Lissabon, Dortmund und Rom. Weltstädte unter sich?

Bisher wurde das Projekt verschwiegen behandelt, nun ist es heraus: Zumindest großformatige Zeichnungen aus neuster Produktion des Amerikaners, dessen Stahlplastik „Terminal“ ein Wahrzeichen der Bochumer City ist, werden in Dortmund zu sehen sein. Und die Chancen auf ein größeres Ereignis stehen offenbar bestens.

Der Kunstverein verhandelt derzeit mit zwei bekannten Dortmunder Institutionen, die sich beteiligen könnten. Für eine Nennung ist es noch zu früh, aber man kann schon verraten: Ein Kooperations-Partner gehört zum öffentlichen Sektor, der andere zum privaten. Falls der Dreierbund zustande kommt, … Weiterlesen

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Durch die verstreuten Spuren einer Gedankenwelt gehen – Ulrich Langenbach und Ernst Martin Kolbe stellen in Ahlen aus

Von Bernd Berke

Ahlen. Ganz tapfer sein müssen die Besucher in der neuen Ausstellung des Ahlener Kunstmuseums. Es wird ihnen nämlich keinerlei Erklärung zuteil – nicht einmal durch Bildertitel, bei denen man sich etwas denken könnte. Und das ist pure Absicht.

„Elf versteckte Einzelheiten“ heißt die Schau von Ulrich Langenbach und Ernst Martin Kolbe. Mit dem Titel beginnt der Trugschluß, denn er soll lediglich zum konzentrierten Hinsehen ermuntern. Wie gemein!

Der Siegener Ulrich Langenbach (Jahrgang 1950) ist Autodidakt der freien Kunst, aber längst arriviert. Er verfügt über einen großen Fundus an Objekten und bringt auch viele zum Ort des Geschehens. Doch den Löwenanteil nimmt er wieder mit nach Hause. Wieso? Weil er die Sachen immer wieder anders kombiniert, je nach … Weiterlesen

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Gemeinsam stärker: Vier NRW-Landestheater bündeln ihre Kräfte

Von Bernd Berke

Im Westen. Weiterhin getrennt spielen, aber ab sofort mit einer Stimme für sich werben wollen die vier Landestheater in NRW. Sie leisten sich ein gemeinsames PR-Büro in Düsseldorf. Entsteht da ein Theater-Kartell?

Das Bühnen-Quartett (Castrop-Rauxel, Neuss, Detmold und Dinslaken) ist vor allem zuständig für Gastspiele auf dem „flachen Land“, also für die kulturelle Versorgung von insgesamt rund 150 kleineren Orten ohne eigene Ensembles. So manche Gemeinde in Südwestfalen etwa greift gern auf Angebote des Westfälischen Landestheaters (WLT, Castrop-Rauxel) zurück.

Doch neuerdings „wird der Markt enger“, wie WLT-Intendant Herbert Hauck und Vertreter der anderen Landesbühnen gestern in Dortmund zugaben. Burkhard Mauer vom Landestheater Neuss deutete an, daß einige Kommunen im Zuge von Sparzwängen mit dem Kommerz flirten. Sie … Weiterlesen

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„Es muß über uns kommen“: Botho Strauß‘ Miniaturen und Etüden „Wohnen Dämmern Lügen“

Von Bernd Berke

Die Mythen stecken mitten im banalen Alltag. Sogar eine „Frau in vierfarbigem Jogginganzug“ birgt ihr Geheimnis. Denn sie stößt unvermittelt Möwenschreie aus. Ihre schockierenden Liebeslaute mit Tierstimme rufen uralte, vorhistorische Zeit wach. Derlei Magie ins heutige Leben zu verpflanzen, war seit jeher ein Bedürfnis von Botho Strauß. Auch in seinem neuen Buch mit dem Trance-Titel „Wohnen Dämmern Lügen“ betreibt er die Mischung der Zeiten und versetzt uns in eine Doppelwelt.

Ob an der Supermarktkasse oder bei der schnöden Arbeit im Büro – überall kann sich hier unversehens jener Riß in der schmucklosen Hülle bloßer Gegenwart auftun und den Blick freigeben „bis in die Urnebel“. Um solch mystische Tiefenschau faßbar zu machen, spannt Strauß keinen großen Handlungsbogen, er … Weiterlesen

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Ein Lebenslauf als explosive Kettenreaktion – Paul Austers Roman „Leviathan“

Von Bernd Berke

„Vor sechs Tagen hat sich im nördlichen Wisconsin ein Mann am Rande einer Straße in die Luft gesprengt.“ So explosiv läßt der Amerikaner Paul Auster seinen Roman „Leviathan“ beginnen.

Was war das für ein Mann, der der Sprengladung zum Opfer fiel? Diese Frage umkreist das Buch. Denn der Ich-Erzähler und Schriftsteller Peter Aaron hat ihn gekannt, jenen Benjamin Sachs. Doch hat er ihn wirklich gekannt? Zitat: „Wenn es jedoch stimmen sollte, würde dies bedeuten, daß menschliches Verhalten undurchschaubar ist. Es würde bedeuten, daß niemals irgend etwas verständlich ist.“

Alles geschieht, und sei es noch so unwahrscheinlich. Immer wieder muß Peter Aaron seine Vermutungen widerrufen, wenn er – im Wettlauf mit staatlichen Stellen – das Leben von Sachs … Weiterlesen

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Plötzlich beginnt die Kunst sich zu regen – Werkschau des Kinetikers Pol Bury in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. So viel sichtbare Bewegung hat es im Dortmunder Ostwall-Museum wohl noch nie gegeben. Nun schnurrt es und regt sich an allen Ecken und Enden: Der Kinetik-Künstler Pol Bury und über 100 seiner Werke sind da.

Der Belgier Bury (72) gehört zu den internationalen Größen der kinetischen Richtung, die den Kunstobjekten vorzugsweise Elektromotoren einpflanzte und ihnen so die starre Ruhe austrieb. Bereits 1955 nahm er an der berühmten Pariser Schau „Le mouvement“ (Die Bewegung) teil. In Dortmund sieht man nun erstmals in gebührender Breite, was er davor geschaffen hat: surrealistische Denk-Bilder in der direkten Nachfolge eines René Magritte. Kaum war Bury vom Gedanken der Bewegung ergriffen, hörte er mit dem Malen auf, ja, er vernichtete einen großen … Weiterlesen

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Malen als verzweifelte Suche nach einem Ausweg – Arbeiten der früh verstorbenen Eva Hesse im Landesmuseum Münster

Von Bernd Berke

Münster. Die Künstlerin Eva Hesse schrieb 1964 in ihr Tagebuch: „Kein Wunder, daß ich mir Sorgen mache. Ab da zieht es mich immer wieder hinunter: Ich habe etwas an meinem Aussehen, an meiner geistigen Einstellung, an meinen Fähigkeiten auszusetzen, und am Ende bleibt gar nichts mehr von mir übrig.“

Inhalt und Tonfall erinnern ganz stark an depressive Passagen der amerikanischen Dichterin Sylvia Plath, die sich in jungen Jahren das Leben nahm. Eva Hesse war, als sie die zitierten Zeilen schrieb, eine gut aussehende 28 jährige Frau mit künstlerischer Zukunft. Doch offenbar war sie dem Unglück zugetan. Eine Ausstellung im Landesmuseum zu Münster beweist jetzt die außerordentliche bildnerische Kraft, die sich Eva Hesse selbst nicht zubilligen mochte.

Die … Weiterlesen

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Segen von oben – „Pink Floyd“ im Müngersdorfer Stadion

Von Bernd Berke

Köln. Sind dies Töne vom Anbeginn der Schöpfung oder aus der Zukunft? Es puckert, wummert, wabert und vibriert – und ist doch pralle Gegenwart in einer lauen Sommernacht am Rhein: „Pink Floyd“ spielt im ausverkauften Müngersdorfer Stadion.

Die leicht ergrauten Herren David Gilmour (Gitarre), Nick Mason (Drums) und Richard Wright (Keyboard), verstärkt um einige exzellente Begleitmusiker und drei gesangsstarke Tanzgirls, sind natürlich nicht einfach eine Rock-Band. „Pink Floyd“ läßt sich mal wieder – von ganzen Heerscharen hinter den Kulissen – überaus machtvoll in Szene setzen. Ihr Auftritt gleicht einer gigantischen Liturgie, dementsprechend ergriffen nehmen die 65.000 Leute ihn entgegen. So gesehen, könnten die vielen Wunderkerzen und Feuerzeuge eigentlich die ganze Zeit über leuchten. Die Musik richtet sich … Weiterlesen

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Verzerrte Wesen aus einer Welt der Ängste – Museum Bochum würdigt den Holländer Lucebert

Von Bernd Berke

Bochum. Die „Trolle“ mit den zerfließenden Gesichtern blecken gräßlich ihre Zähne. „Der letzte Romantiker“ hockt wie ein armseliges Insekt da – vielleicht ein schmutziger kleiner Bruder von Gregor Samsa, der in Franz Kafkas berühmter Erzählung „Die Verwandlung“ zum Käfer mutierte. Es sind Zerrspiegelwesen aus einer Welt der Ängste.

Aus seinen Alpträumen hervorgeholt hat sie der Holländer mit dem Künstlerpseudonym Lucebert. Bürgerlich hieß er Lucebertus Jacobus Swaanswijk. In diesem Frühjahr ist er mit 70 Jahren gestorben. Das Museum Bochum, mit dem Lucebert oft zusammengearbeitet hat, widmet seinem Gedenken nun eine Sonderausstellung. Doch die ist ein wenig betrüblich geraten. Das Bochumer Haus hat kein Geld für umfassende Retrospektiven, bedeutende Leihgaben sind unerreichbar. Die schmale Schau wird also aus Eigenbesitz … Weiterlesen

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