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Archiv des Autors: Bernd Berke
Die Winnetou-Klischees muß man ganz rasch vergessen – Ausstellung über indianische Kulturen in Münster
Von Bernd Berke
Münster. Vorurteile beiseite: Wenn wir ganz allgemein von „den Indianern“ reden, dann ist es ungefähr so. als wenn sich ein Nordamerikaner sämtliche Deutschen in kurzen Lederhosen und mit Maßkrügen vorstellt. Das und noch viel mehr lernt man jetzt in einer Ausstellung des Münsteraner Naturkundemuseums.
„Prärie- und Plains-Indianer“ heißt die mit 700 Exponaten ausgesprochen umfangreiche, jedoch sinnfällig gegliederte Schau. Mit den Plains sind die großen Grasebenen gemeint. Der Überblick richtet sich auf einen riesigen Landstreifen zwischen Mississippi (Osten) und Rocky Mountains (Westen), der sich nordwärts von Texas bis ins kanadische Saskatchewan erstreckt. In diesem Gebiet konnte man einmal rund 50 Grundtypen indianischer Kulturen deutlich unterscheiden, mit Verzweigungen waren es rund 1000 Untergruppen. Um nochmals den Vergleich mit Europa heranzuziehen: Manche dieser Stämme, wie zum Beispiel Sioux, Navajo, Arapaho, Shoshoni oder Cree, hatten weit weniger miteinander gemein als etwa Deutsche, Engländer und Franzosen.… Weiterlesen
Veröffentlicht unter Geschichte, Gesellschaft & Soziales, Kinderzeiten, Kultur an sich, Weite Welt
Verschlagwortet mit Indianer, indianische Kulturen, Klischees, Kolonialismus, Münster, Prärie- und Plainsindianer, Westfälisches Naturkundemuseum, Winnetou
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Selbst in der Liebeslust lauert Verzweiflung – Retrospektive zum Werk von Tomi Ungerer in Oberhausen
Von Bernd Berke
Oberhausen. Wenn der Zeichner und Cartoonist Tomi Ungerer von Liebesdingen erzählt, steht immer der Tod in der Nähe. Bizarre Körpermaschinen verbohren und verschrauben sich ineinander, daß es nicht nach Lust, sondern nach Verzweiflung aussieht. Vielleicht will er uns bedeuten, daß wir in diesen Zeiten zur Liebe gar nicht fähig sind?
Überhaupt ist der gebürtige Straßburger ein Pessimist von hohen Graden. Doch er kennt, wie jetzt eine umfangreiche Retrospektive mit 360 Exponaten im Schloß Oberhausen zeigt, auch idyllische kleine Fluchten vor dem Elend der Welt.
Nach Erfolgsjahren in New York hat sich Ungerer (inzwischen 64 Jahre alt) seit einiger Zeit auf die grüne Insel Irland zurückgezogen, wo er nebenher eine kleine Schafzucht betreibt. Auf manchen Bildern träumt er nun die Utopie von Frieden und Harmonie.… Weiterlesen
Veröffentlicht unter Comics & Cartoons, Kunst & Museen, Technik, Wahnwitz
Verschlagwortet mit Das Spiel ist aus, Oberhausen, Tomi Ungerer, Werkschau
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Kunst aus dem Verborgenen – Erstaunliche Kostproben aus Dortmunder Privatsammlungen
Von Bernd Berke
Dortmund. Zugegeben: Einen Mäzen wie Peter Ludwig, der komplette Museen aus seinen Kunstkollektionen bestücken kann, gibt es in Dortmund nicht. Doch auch hier wachsen hochkarätige Sammlungen.
Sie werden freilich – typisch westfälisch? – nicht mit Pomp und Getöse, sondern in aller Stille zusammengetragen. Jetzt bekommt man erstmals Kostproben zu sehen. Und man reibt sich erstaunt die Augen: Solche museumsreifen Exponate stammen also aus Dortmunder Privathäusern!
Bestand reicht für eine Fortsetzung
Mit der Ausstellung „Dortmund sammelt“ gastiert die bundesweit renommierte, vor allem mit Expressionisten hervorgetretene Galerie Utermann im Harenberg City-Center. Wilfried Utermann verfügt natürlich über vielfältige Kontakte zu Kunstsammlern. Er hat Einblick in die Schätze, die – zumal durch seine eigene Präsenz am Kunstmarkt – in Dortmund vorhanden sind.… Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Beckmann, Bodo Harenberg, Dortmund sammelt, Emil Schumacher, Feininger, Harenberg City Center, Kirchner, Pechstein, Privatsammlungen, Wilfried Utermann
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Die schnelle Gegenwart ist wie ein Spuk – Milan Kunderas Roman „Die Langsamkeit“
Von Bernd Berke
„Weshalb ist das Vergnügen an der Langsamkeit verschwunden? Ach, wo sind sie, die Flaneure von einst?“ So klagt Milan Kundera in seinem neuen Roman. Weiß er auch Rat und Hilfe?
Wer aus einem schlichten Überhol-Vorgang mit dem Auto einen literarischen und philosophischen Exkurs über „Die Langsamkeit“ (Buchtitel) entwickelt, muß seiner Mittel sehr sicher sein. Bei dem berühmten Tschechen („Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“), der seit vielen Jahren in Frankreich lebt, muß man nicht bangen. Neben dem Schweden Lars Gustafsson ist Kundera derjenige Gegenwartsautor, der hohe Reflexion und pralle Handlung am souveränsten verknüpft. Kein Vergleich mit dem schönen, aber konventionellen Themen-Vorläufer des Deutschen Sten Nadolny, der vor Jahren „Die Entdeckung der Langsamkeit“ betrieb.
Kundera hält die Romanform ungleich durchlässiger, offener.… Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Die Langsamkeit, Milan Kundera
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Hansgünther Heyme wird 60: Lektionen von der Bühne herab
Von Bernd Berke
Ein Theater, das sich bloß kulinarisch gibt oder psychologische Feinheiten ausspinnt, ist seine Sache nicht. Er will das Publikum belehren. Dabei hat der Regisseur Hansgünther Heyme, der heute 60 Jahre alt wird, den Zuschauern manchmal staubtrockene Lektionen unterbreitet.
In Zeiten der Beliebigkeit ist Heymes Festhalten am Theater als einer „moralischen Anstalt“ sympathisch zu nennen. Irgendwie muß man ihn mögen, diesen „Dickkopf“, der nicht davon abläßt, etwa antike Dramen und deutsche Klassiker auf ideologischen Gehalt zu überprüfen. Ästhetisch war es aber doch gelegentlich zum Verzweifeln, wenn er etwa Goethes/Fausts „Gretchen“ kurzerhand eine Rockgitarre umhängte oder Schillers „Räuber“ ohne große Umschweife mit Neonazis kurzschloß.
In der jüngsten Theatergeschichte des Reviers spielt Heyme eine bedeutende Rolle: Sein vehementes Eintreten für den Bestand hiesiger Bühnen mag dem einen oder anderen Politiker ein wenig die Augen geöffnet haben.… Weiterlesen
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Verschlagwortet mit 60. Geburtstag, Hansgünther Heyme
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Neuer Grass-Roman erhitzt die Gemüter – Heftiger Streit nach Reich-Ranickis Verriß im „Spiegel“
Von Bernd Berke
Schon lange hat es keine solch heftige Debatte mehr über Literatur gegeben wie jetzt, anläßlich des neuen Grass-Romans „Ein weites Feld“. Anlaß zur Freude? Nicht bei näherer Betrachtung. Denn es geht ja kaum noch um Literatur.
Für Aufruhr sorgt der gestrige „Spiegel“. Marcel Reich-Ranickis mehr als barsche Kritik an dem Buch („ganz und gar mißraten“) lieferte die Titelgeschichte, und eine Fotomontage auf dem Cover zeigt den gefürchteten Rezensenten-Papst, wie er Günter Grass‘ 784-Seiten-Opus buchstäblich in der Luft zerreißt – ritsch, ratsch! Reichlich geschmacklos, fürwahr.
Offenbar geht das Kalkül auf: Das Hamburger Magazin provozierte genau die Reaktionen, die es wohl beabsichtigt hatte. Grass selbst hat dem „Spiegel“ gestern den Abdruck eines fertigen Interviews untersagt. Der Göttinger Grass-Verleger Gerhard Steidl ließ es sich nicht nehmen, Reich-Ranicki einen „Harald Juhnke der Literaturkritik“ zu nennen.… Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Der Spiegel, Ein weites Feld, Gerhard Steidl, Günter Grass, Hellmuth Karasek, Marcel Reich-Ranicki, Verriß
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Todgeweihter Mann mit Checkliste – Françoise Sagans Roman „Und mitten ins Herz“
Von Bernd Berke
Gleich auf der ersten Seite von Françoise Sagans neuem Roman „Und mitten ins Herz“ erfährt der Pariser Architekt Matthieu, daß er wegen Lungenkrebs höchstens noch sechs Monate zu leben habe. Schrecklich. Was wird er tun?
Er gerät nicht ins Stammeln, sondern hat sich sprachlich unter Kontrolle: „Von allem, was noch zu entdecken gewesen wäre, hieß es Abschied nehmen“, sinniert er in der Übersetzung gedrechselt. Nur selten denkt er wirr: „Die kommenden sechs Monate würden also nicht nur grausam, sondern auch noch unerquicklich werden“, findet er. Ist unerquicklich denn schlimmer als grausam?
Matthieu spürt seinen Empfindungen so systematisch nach, als habe er eine Checkliste: Noch einmal den vollen Rausch des Daseins genießen, endlich mit sich ins Reine kommen und „wesentlich werden“, Selbstmord begehen, bevor ihn die Schmerzen übermannen.… Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Françoise Sagan, Und mitten ins Herz
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Die Geschichte des Reviers mit den Ohren erleben – Tondokumente der Nachkriegszeit im Essener Ruhrlandmuseum
Von Bernd Berke
Essen. Mit mehreren Sinnen kann man jetzt in Essen die Vergangenheit des Reviers erleben. Als Ergänzung zur Fotoausstellung „Bildberichte – Aus dem Ruhrgebiet der Nachkriegszeit“ gibt es seit gestern ein akustisches Archiv zum selben Thema. Es macht im Essener Ruhrlandmuseum Originaltöne aus der Zeit hörbar. als die Region in Schutt und Trümmern lag.
Die auf historische Rückblicke spezialisierte Redaktion „Zeitzeichen“ des Westdeutschen Rundfunks hat tief in den Radio-Fundus gegriffen. Dabei kamen uralte Hörbilder und Reportagen zum Vorschein. So etwa die Straßenumfrage eines Hasso Wolf bei Schwarzmarkthändlern, die bereits im Kindesalter Zigaretten, Schnaps oder Nähgarn feilboten. Übrigens gingen damals stets die kompletten Namen der Beteiligten über den Sender. „Datenschutz“ war noch ein Fremdwort.
Museumsbesucher können sich nun anhand einer Liste eine Art „Wunschprogramm“ zusammenstellen lassen.… Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Bildberichte – Aus dem Ruhrgebiet der Nachkriegszeit, Essen, Hasso Wolf, Kleinschnittger, Kriegsheimkehrer, Ruhrlandmuseum, Schwarzmarkt, WDR, Westdeutscher Rundfunk, Zeitzeichen
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Acht Bilder und ein Name – „Weight and Measure Drawings“ von Richard Serra in Dortmund
Von Bernd Berke
Dortmund. Eine Ausstellung mit acht Zeichnungen? Ja, lohnt sich denn da überhaupt der Weg zum Dortmunder Ostwall-Museum? Nun ja. Es sind Riesenformate, und sie stammen von einem Heros der neueren Kunst: dem Amerikaner Richard Serra.
Dortmunds Kunstverein, der mit dieser Schau am Ostwall gastiert, kann sich auch mit dem bloßen geographischen Verlauf der Wanderausstellung brüsten. Die bisherigen Stationen hießen New York, Baltimore und Lissabon. Nun ist Dortmund als einzige deutsche Stadt an der Reihe, es folgen Miami und eventuell Tokio. Da werden weltstädtische Träume wach.
Im Februar war Richard Serra kurz hier und hat den Ort des Geschehens inspiziert, die Hängung übernahm nun – nach exakten Vorgaben des Meisters – einer seiner Assistenten. Serras große Stahlskulpturen (für die er hierzulande weitaus bekannter ist) beziehen sich ebenso machtvoll wie subtil auf Außenräume.… Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Dortmund, Dortmunder Kunstverein, Museum am Ostwall, Richard Serra, Weight and Measure Drawings, Zeichnungen
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„Wo sind Sie, meine Null?“ – Schöne Stunden mit dem Übersetzungs-Computer
Kennen Sie sie auch – jene Zeitgenossen, die alles gar zu wörtlich nehmen und daher ziemlich unangenehm werden können? So einer sitzt jetzt bei uns auf dem Schreibtisch.
Er ist handtellergroß, besteht aus grauem Plastik, nennt sich „Hexaglot Square one“ und kostet stolze 699 DM. Seine Hersteller behaupten, es sei ein Übersetzungcomputer, der zwischen Englisch und Deutsch – in beiden Richtungen – ganze Sätze bewältige. Mal schauen.
Um die „Rohübersetzungen von hervorragender Qualität“ (Eigenwerbung) auf die Probe zu stellen, wollen wir dem Bürschchen mal ein paar einfache Fragen stellen. Was heißt „The United States of America“ auf Deutsch? Einschalten, Übersetzungsrichtung wählen, die Buchstaben auf winzigen Tasten eingehen. Das dauert ein bißchen. Dann drücken wir erwartungsvoll den Übersetzungsknopf „Translate“. Nach etwa zehn Sekunden verrät der Apparat: „Die vereinigten Zustände von america.“… Weiterlesen
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Verschlagwortet mit 1995, Englisch - Deutsch, Hexaglot Square one, Übersetzungs-Computer
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Passagen durch die Paarwelt – „Rendezvous in Paris“ von Eric Rohmer
Von Bernd Berke
Sie können nicht einfach lieben oder es lassen, sondern müssen alles ergründen. Nirgendwo sprechen die Menschen ausgiebiger über Feinheiten ihrer Gefühle, als in den Filmen von Eric Rohmer. Nun bittet der Altmeister zum „Rendezvous in Paris“.
Die Figuren der drei Episoden erleben Passagen durch die Paarwelt, sie sind am Ende jeweils allein. Der Titel könnte auch „Trennungen in Paris“ lauten. Zumal die Frauen fließen im Redestrom ungeklärter Gefühle. Im Zweifelsfalle sind sie es jedoch, die bewußter damit umgehen und sich einem Zustand kristalliner Klarheit nähern.
Wir sehen sie und ihre zeitweiligen Partner in einer Art Sonderwelt, ohne Ablenkung von amourösen Fragen. Allenfalls die Stadtlandschaft von Paris spielt vage hinein. Episode eins: „Rendezvous um 7″. Esther trägt den Keim der Eifersucht in sich.… Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Eric Rohmer, Rendezvous in Parus
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Wie sehr uns Heinrich Böll fehlt – Zum zehnten Todestag des Literaturnobelpreisträgers
Von Bernd Berke
So lang ist es schon her: Am 16. Juli 1985 (Sonntag vor zehn Jahren) ist der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll gestoben. Wirkt der „gute Mensch von Köln“ noch nach?
Seine Erben lassen gelegentlich bisher unbekannte Schriften ans Licht kommen, demnächst soll etwa ein 1936 verfaßter Text erscheinen. Man ediert immer schön stückchenweise, damit das Geschäft nicht abreißt. Ebenso regelmäßig geraten die Bölls in Hader mit der Böll-Forschungsstelle an der Uni Wuppertal. Aber kann man das Nachwirkung nennen?
Es gibt heute keinen Autor von Rang, der an den Nahtstellen zwischen Literatur und Politik auch nur annähernd so viel Aufsehen erregt oder gar zum Repräsentanten taugt wie einst Böll. Günter Grass hat sich durch seine vorschnelle und gar zu harsche Ablehnung der deutschen Vereinigung ein wenig ins Abseits manövriert.… Weiterlesen
Veröffentlicht unter Gesellschaft & Soziales, Krieg & Frieden, Literatur, Politik und so
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Bob Dylan und die Phantasie vom Jungsein – Auftritt in Dortmund vor kleinerem Publikum
Von Bernd Berke
Dortmund. Bob Dylan war hier, doch die ganz große Zugnummer ist er nicht mehr. Bei den vorigen Dortmunder Gastspielen, 1978 und 1987, konnte Dylan noch das weite Rund der Westfalenhalle 1 buchen. Diesmal mußte er sich mit der Halle 2 begnügen. Die Folk- und Rocklegende auf dem Abstellgleis?
Der mittlerweile 55jährige gilt als launisch. An einem Abend spielt er genial, am nächsten vielleicht lustlos und miserabel. Man wußte also nicht so recht, was man in Dortmund zu erwarten hatte. Doch dann durften die Auguren aufatmen. Erste Anzeichen der günstigen Stimmung: Dylan und seine Band begannen mit einer vergleichsweise moderaten halbstündigen Verspätung, und der Meister, der vorab jegliches Fotografieren untersagt hatte, war optimistisch hell gekleidet.
Ohne Ansage zur musikalischen Sache
Dylan mag keine Ansagen, keine verbale Zwiesprache mit den Zuschauern.… Weiterlesen
Veröffentlicht unter Rock & Pop
Verschlagwortet mit 1995, Bob Dylan, Dortmund, Westfalenhalle 2
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Verwehtes Menschenbild – Köln: Umfassender Querschnitt durch die Sammlungen des Peter Ludwig
Von Bernd Berke
Köln. Es läßt sich kaum ein Ausstellungs-Titel denken, der mehr ins Allgemeine spielt: „Unser Jahrhundert: Menschenbilder – Bilderwelten“. Unmöglich ist’s eben, die freischwebende Moderne mit allseits treffenden Schlagworten zu fassen. Auch um diese irritierende Vielfalt geht es jetzt in Köln, wo ein Querschnitt durch die famosen Sammlungen des Mäzens Peter Ludwig zu sehen ist.
Der gerade 70 Jahre alt gewordene Aachener Schoko-Magnat und promovierte Kunsthistoriker hat bekanntlich Bilder derart angehäuft, daß er sie auf ein ganze Kette von Museen verteilen konnte. Eine Essenz der Sektionen Gegenwart und jüngere Vergangenheit ist nun also vorübergehend an einem Ort beisammen. Die Leihgaben kommen aus den Ludwig-Museen in Oberhausen, Aachen, Koblenz, Wien, Budapest und St. Petersburg. Kölns Museum Ludwig steuert den Kernbestand bei und gibt die wohl unwiederbringliche Gelegenheit zur bündigen Gesamtschau.… Weiterlesen
Veröffentlicht unter Kunst & Museen
Verschlagwortet mit Köln, Menschenbilder - Bilderwelten, Museum Ludwig, Peter Ludwig, Sammlungen, Unser Jahrhundert
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Musik mit tiefen Wurzeln – Michelle Shocked in der Essener „Zeche Carl“
Von Bernd Berke
Essen. Manchmal singt sie glockenrein und mädchenhaft wie einst Joan Baez, dann wieder schwillt ihre Stimme an wie die einer Janis Joplin. Die Texanerin Michelle Shocked, jeder musikalischen Festlegung abhold, ist nach wie vor ein Geheimtipp. Sie hat aber eine treue Gemeinde um sich geschart. So auch jetzt in der Essener „Zeche Carl“.
Ihre Songs sind keine künstlichen Produkte. Wenn sie einen Refrain wie „I’ve come a long way“ singt, glaubt man ihr den langen Weg, den Staub auf den Stiefeln. Und wenn sie jenen „Cotton-eyed Joe“ hochleben läßt, fühlt man sich auf ein ländliches Fest in den südlichen US-Staaten versetzt.
Sie hat viel zu erzählen. Oft spricht sie sich in die Anfänge der Lieder hinein, oder sie unterbricht mittendrin den Fluß einer Melodie, berichtet von persönlichen Dingen, breitet ihr Leben vor dem Publikum aus.… Weiterlesen
Veröffentlicht unter Rock & Pop
Verschlagwortet mit 1995, Essen, Michelle Shocked, Zeche Carl
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Hintergründiges Funkeln – Arbeiten des Farbtheoretikers Edgar Knoop in Hamm
Von Bernd Berke
Hamm. Wenn man vor den Bildem von Edgar Knoop steht, bleiben auch sie still, ja fast starr. Doch sobald man sich bewegt, nimmt man ein Flirren und Flimmern wahr. Was steckt dahinter?
Der gebürtige Dortmunder Knoop (Jahrgang 1936) lebt seit 1957 in München und ist dort seit 1972 Hochschullehrer für Farbtheorie. Hier ist also ein Fachmann und fundierter Theoretiker am Werke. Auch in der Praxis zeigt es sich: Gerade durch äußerst sparsam kalkulierten Einsatz bringt er die Farbe zur Wirksamkeit.
Knoops Ausstellung „Objekte – Projekte“ im Hammer Gustav-Lübcke-Museum (bis 16. Juli) enthält Collagen, Stelen (edel-schlanke Säulen), Reliefs, dickwollige Farb-Teppiche sowie Dokumente zu seinen Werken und Visionen für öffentliche Plätze.
Auf den ersten Blick wirkt die Zusammenstellung wie von aller Leidenschaft gereinigt, wie eine frostige Abfolge mathematisch vorberechneter Experimente mit Grundlagen der Kunst.… Weiterlesen
Veröffentlicht unter Kunst & Museen
Verschlagwortet mit Edgar Knoop, Gustav-Lübcke-Museum, Hamm
Kommentare deaktiviert für Hintergründiges Funkeln – Arbeiten des Farbtheoretikers Edgar Knoop in Hamm
Oase in Hamm: Der Maxi-Park lockt mit Kultur und Natur
Von Bernd Berke
Hamm. Vom Kabarett bis zur Katzenschau, von der gewichtigen Dampflok bis zu federleicht flatternden Schmetterlingen aus aller Welt – der Hammer Maximilianpark lockt mit Kultur und Natur. Und das zu vergleichsweise zivilen Eintrittspreisen.
Am Haupteingang erhebt sich der 34 Meter hohe gläserne Elefant, längst ein Wahrzeichen der Stadt. Im Inneren ist das imponierende Tier über und über begrünt, und einige Kinetik-Kunstwerke des Elefanten-Erfinders Horst Rellecke verrichten hier ihre spielerische Tätigkeit, darunter ein „automatischer Fensterputzer“. Ein paar kleine Jungen stehen davor und finden es einfach „cool“. So kann man es sagen.
Hoch hinauf in den Kopf des Elefanten
Mit dem Fahrstuhl geht’s hinauf in den „Kopf“ des durchsichtigen Dickhäuters. Von hier aus kann man sich einen Überblick aufs Parkgelände verschaffen, das zur Landesgartenschau 1984 entstanden ist.… Weiterlesen
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Reichstag inklusive: Mit dem Sonderzug zu Christo / Per Bahn vom Revier nach Berlin und zurück – eine Expedition in 19 Stunden
Von Bernd Berke
Dortmund/Berlin. „Tschuldigen Sie, ist das der Sonderzug zu Christo?“ Frei nach Udo Lindenberg hätte man’s trällern können. Denn die Bahn schuf am Wochenende zusätzliche Kapazitäten zwischen Ruhrgebiet und Reichstag. Auf zur Verhüllung also, ab Dortmund in aller Frühe – am Samstag um 5.58 Uhr.
Zu Beginn der Fahrt sehen die meisten Leute noch ein bißchen unausgeschlafen aus. Aber zur Frühstückszeit – etwa kurz hinter Bielefeld – gibt sich das, und es macht sich eine leicht aufgekratzte, aber doch wohlgesittete Stimmung breit. Schließlich ist man unter Kunstfreunden.
Das schließt kleine Boshaftigkeiten nicht aus: Ein launig-ironisch aufgelegtes Trüppchen im Großraumabteil zerpflückt genüßlich einen pompösen Feuilleton-Artikel. Sie zeigen weltläufige Kennermiene, reden von gehabten Kunsterlebnissen in New York oder anderswo und haben sich schon am Bahnsteig dementsprechend begrüßt.… Weiterlesen
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Ein leuchtendes Beispiel – Wie eine Gruppe von Neheimer Künstlern zum Domizil in Museumsgröße kam
Von Bernd Berke
Arnsberg-Neheim. Bisher drängelten sich die sieben Mitglieder der Neheimer Künstlerguppe „Der Bogen“ auf 160 Quadratmetern Atelierfläche – Küche inbegriffen. Unter solcher Sardinen-Enge litt die Kreativität. Jetzt verfügen sie auf einen Schlag über 800 Quadratmeter. Mehr hat manches Museum nicht. Und die Leute vom „Bogen“ müssen nicht einmal Miete für ihr neues Domizil zahlen. Wie haben sie das bloß geschafft?
Ohne machtvolle Hilfe geht so etwas nicht. Auch die Stadt hat ein wenig mitgesponsert. Doch es ist der Leuchtenhersteiler Thorn-Licht, der als Mäzen buchstäblich mit leuchtendem Beispiel vorangeht und sich die Künstler mietfrei ins Haus holt. Diese hatten „einfach mal angefragt“. Dann ging alles ganz rasch über die Bühne: Auch aus der britischen Konzernzentrale gab es alsbald grünes Licht.… Weiterlesen
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Ein Volksfest für den Dichter aus Bochum – Zum 250. Geburtstag des „Jobsiade“-Verfassers Carl Arnold Kortum
Von Bernd Berke
Bochum. Wann ist ein westfälischer Dichter schon mal so gefeiert worden, wie es Carl Arnold Kortum (1745-1824) jetzt bevorsteht? Rund 150.000 Besucher erwartet Bochum ab Freitag zum großen Kortum-Volksfest in der Innenstadt. Dazu gibt es fünf Ausstellungen, Rundgänge auf Kortums Spuren sowie zahllose Aufführungen und Vorträge – bis in den Herbst hinein. Ist Kortum denn ein zweiter Goethe gewesen?
Das nun nicht gerade. Doch der Mann hat immerhin ein dauerhaftes Buch verfaßt, nämlich „Die Jobsiade“. In volkstümlichen Knittelversen und mit funkelnder Ironie erzählte Kortum die Geschichte des Jobs, Sohn eines Ratsherrn und Bummelstudent der Theologie, der sich lieber geistigen Getränken als geistlichen Exerzitien widmet. Als Jobs zum Examen antritt, heißt es, bewußt holprig und lakonisch: „Über diese Antwort des Kandidaten Jobses / Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes.“… Weiterlesen
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Harte Zeiten für Kämpfer – Jürgen Bosse inszeniert Brechts „Im Dickicht der Städte“
Von Bernd Berke
Essen. Schaut nach Mafia-Überfall aus, was sich da in Chicago abspielt: Mit Wortsalven wie aus Maschinengewehren dringen der malaiische Holz-Magnat Shlink und seine Leute in die schäbige kleine Leihbibliothek ein und kujonieren den Angestellten Garga. Ein paar Bücher werden auch zertrampelt. Es ist Kampfeszeit, und Bert Brechts frühes Stück „Im Dickicht der Städte“ ergeht sich in Kampfeslust.
Gestritten werden soll ohne Grund und Motiv, es dreht sich alles um taktische Finessen. Brecht war damals ein Anhänger des Boxsports. Doch Jürgen Bosses Inszenierung in Essen kommt uns nicht mit läppischen Anspielungen auf Henry Maske & Co. Sie ähnelt eher einer fernöstlichen Zen-Meditation über Sinn und Sinnlosigkeit des Kämpfens in kapitalistischen Zeiten. Zumal „Shlink“-Darsteller Matthias Kniesbeck, beleibt und kahlköpfig, hier beinahe wie eine Buddha-Figur wirkt.… Weiterlesen
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Im Gasometer Oberhausen die Geschichte des Reviers erleben – Ausstellung „Feuer und Flamme“ mit rund 1000 Exponaten
Von Bernd Berke
Möchten Sie’s erleben, daß Ihnen einmal das halbe Ruhrgebiet zu Füßen liegt? Da gibt es mindestens zwei Möglichkeiten: Hinauf auf den Dortmunder Florianturm – oder mit dem gläsernen Fahrstuhl (nur für Schwindelfreie) zum zehnten Stock des Gasometers in Oberhausen.
Welch ein Fernblick bei klarem Wetter! Noch schöner: Im Bauch dieses stählernen Riesen gibt es – unter dem Titel „Feuer und Flamme“ – die große Ausstellung zur Geschichte der Region.
Die Schau „Feuer und Flamme“ war in fast identischer Zusammenstellung 1994 zu sehen und hat 200 000 Besuche? angelockt. Dann war aus konservatorischen Gründen Winterpause. Und nun ist alles, alles wieder da. Die Ausstellung ist mit rund 1000 Exponaten so umfassend und interessant, daß man sie ausgiebig besuchen sollte.… Weiterlesen
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Unglück lauert überall – Ibsens Seelendrama „Gespenster“ in Dortmund
Von Bernd Berke
Dortmund. Es beginnt wie ein Salonstück: So geläufig und scheinbar freimütig parliert Pastor Manders mit Helene Alving über Gottesfurcht und weltliche Geschäfte. Doch es ist nicht die wahre Leichtigkeit des Seins: Insgeheim lauern schon Ibsens „Gespenster“.
Sewan Latchinian hat das Seelendrama im Dortmunder Schauspielhaus inszeniert. Er ist mit dem Stück im großen und ganzen deutlich behutsamer umgegangen als kürzlich mit Shakespeares „Sommernachtstraum“.
Bühnenbildner Tobias Wartenberg hat den hinteren Teil der Szene mit lauter überdimensionalen Kartons vollgestellt. Damit sind sinnfällig Auswege verbaut. In den Kisten steckt wohl fast der gesamte Hausrat der Witwe Alving. Es springt schon mal ein Deckel auf, und dann kollern – wie peinlich! – geleerte Alkoholflaschen zu Boden. Doch ansonsten: alles weggepackt und dem Blick entzogen; eine Entsprechung zur jahrelangen psychischen Verdrängung, deren schmerzhafte Auflösung das Stück in Gang hält.… Weiterlesen
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Nach der tierischen Orgie kommt Katzenjammer – Jelineks „Raststätte oder sie machens alle“ und Christoph Heins „Randow“ bei den Stücketagen
Von Bernd Berke
Mülheim. Welch ein Wechselbad beim 20. Mülheimer Dramatikerwettbewerb: Nach einer wüsten Bühnenorgie mit Elfriede Jelineks „Raststätte oder sie machens alle“ war – wie zur Herabstimmung der Gemüter – Christoph Heins „Randow“ in einer kreuzbraven Inszenierung zu sehen.
Zwischen hochfliegenden Freiheits-Träumen und den Niederungen der Freizeit-Gesellschaft ist der Mensch längst vor die Hunde gegangen, zumal als sexuelles Wesen. Das jedenfalls will uns Elfriede Jelinek mit dem „Raststätten“-Stück eintrichtern.
In Mülheim gastierte ein Regie-Attentat aus den Reihen der deutschen Theater-„Spaßguerilla“: Frank Castorfs Inszenierung vom Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Castorf stampft den feministisch grundierten und rhetorisch streckenweise unangenehm pompösen Text in Grund und Boden. Am Schluß muß sogar eine an intimen Stellen aufgeregt blinkende und wienerisch schwadronierende Kunst-Figur herhalten, die der Jelinek nachgebildet ist: die Autorin als Sexpuppe.… Weiterlesen
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Der Kleinbürger möchte ein Monster sein – Franz Xaver Kroetz‘ Sexualkomödie „Der Drang“ bei den Stücketagen
Von Bernd Berke
Mülheim. Otto möchte mit seinem Weibe auch mal tun, was „alle anderen Männer“ mit ihren Frauen dürfen. Doch Ottos Hilde scheut Eskapaden zwischen den Daunen. Kommt vor. Ist normal. Dann taucht Hildes Bruder Fritz auf. Der hat wegen Exhibitionismus im Knast gesessen. Kommt auch vor. Ist aber nicht normal. Oder verhält es sich anders?
In Franz Xaver Kroetz‘ Szenenfolge „Der Drang“, mit der jetzt der 20. Mülheimer Dramatikerwettbewerb eröffnet wurde, ist Normalität nur ein Vexierbild entfesselter Träume. Besagter „Herzeiger“ Fritz ist auf Bewährung frei, er findet Unterschlupf samt Fronarbeit bei Schwester und Schwager in der Friedhofsgärtnerei. Auf den Pflanzenbeeten schießt nicht nur Blattwerk wollüstig ins Kraut…
Um seinen Trieb zu dämpfen, schluckt Fritz Medikamente. Das mindert seinen Drang, doch nicht die Phantasien der anderen.… Weiterlesen
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Sehnsucht nach dem Echten – „Lisbon Story“ von Wim Wenders
Von Bernd Berke
Die Fahrt führt von Frankfurt nach Lissabon. Wim Wenders setzt die Zuschauer seiner „Lisbon Story“ gleich mit in den Wagen. Durch die Frontscheibe blicken wir immerzu auf Asphaltbänder. Bald wechseln die Länder, doch die Straßen bleiben sich so ähnlich. Schlimm genug.
Schlimmer noch: Aus dem Autoradio quellen Musik- und Sprachfetzen. Die Stationen nudeln Pop, und die Moderatoren schwadronieren zwar in verschiedenen Sprachen, aber im gleichen Gutelaune-Ton. Und was denkt sich der lakonische Mann am Lenkrad bei all dem? „Europa wächst zusammen“.
Ein Seufzer schwingt mit: Der alte heimatliche Kontinent wird nivelliert, die Suche nach dem Unverwechselbaren immer schwieriger. Wo also kann man noch Bilder fürs Kino finden? Vielleicht am Rande des Erdteils, in Lissabon? Im Innersten der eigenen Seele?… Weiterlesen
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Gretchen, mir graut vor dir! – „Faust Wurzel aus 1 + 2″ von Christoph Marthaler bei den Ruhrfestspielen
Von Bernd Berke
Recklinghausen. Ein ranghoher Hamburger Politiker hat mal den Satz geprägt, er wolle „seine“ Klassiker auf der Bühne gefälligst wiedererkennen. Ha! Da wäre er bei Christoph Marthaler an den Falschen geraten. Der nämlich hat Goethes „Faust“ gründlich durch den Wolf gedreht. Die tollkühne Tat des Schauspielhauses Hamburg war bei den Ruhrfestspielen zu sehen.
Von Goethes Text kommen in „Faust Wurzel aus 1 + 2″, der verwegenen Variante des Schweizer Theatermachers, bestenfalls noch drei Prozent vor. Dafür sehen wir gleich scharenweise „Mephistos“ (für gewisse Kernbereiche der Figur sollen Siggi Schwientek und Ulrich Tukur stehen) sowie ein ganzes „Gretchen“-Quartett durch die fabrikhafte Szenerie stolpern. Rücklings auf dem Klappbett, haucht Fausts vierfaches Liebchen immer wieder im Chor seinen Vornamen: „Heinrich“. Gretchen, mir graut vor dir!… Weiterlesen
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Beklemmung und Freiheit – Kunst bei den Ruhrfestspielen: Kawamatas Holzbauten mit dem Titel „Bunker“
Von Bernd Berke
Recklinghausen. Reges Treiben in der Recklinghäuser Kunsthalle. Offenbar wird der ehemalige Luftschutzbunker erneut umgebaut, denn aus den Fenstern im zweiten Stock schauen ja schon Gerüstbretter. Doch selbst oberflächliche Kenner der strikten deutschen Bauvorschriften schütteln gleich den Kopf. Diese fragile Holz-Anordnung mißachtet alle technische Vernunft. Es muß etwas anderes im Spiel sein.
Das im Wortsinne „Heraus-Ragende“ ist ein Freiluft-Ausläufer der dreiteiligen Großinstallation, die der japanische Künstler Tadashi Kawamata (42) in die Kunsthalle eingebracht hat. Der zweifache documenta-Teilnehmer, der 1992 ein ganzes Holzhüttendorf in die idyllische Kasseler Karlsaue stellte, hat sich in Recklinghausen mehrfach inspirieren lassen: von Herkunft und üblicher Bestimmung des verwendeten Grubenholzes, aber auch von der Bunker-Vergangenheit der Kunsthalle. Und damit spielt schließlich das Friedensmotto des Auftraggebers, der Ruhrfestspiele, indirekt mit hinein.… Weiterlesen
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Christos frohe Botschaft von der Verhüllung des Reichstags – Aachener Skizzen-Ausstellung im Vorfeld der Berliner Aktion
Von Bernd Berke
Aachen. Wenn der Künstler Christo ab 17. Juni den Berliner Reichstag verhüllt, werden restlos alle Deutschen glücklich sein. Warum? Christos Gefährtin Jeanne-Claude verriet es gestern in Aachen: 80 Prozent freuen sich, wenn die Hülle aufs Gebäude gelegt wird – und 20 Prozent frohlocken. wenn man sie wieder abzieht.
Christo Javacheff erschien im üblichen Räuberzivil und mit genialisch-wirrem Haarschopf. Der Bulgare, der seit Langem in New York lebt, erinnert ein wenig an „Stadtneurotiker“ Woody Allen.
Gefährtin ist um kein Wort verlegen
Er und seine um kein Wort verlegene Ehefrau (Christo: „Nun laß mich doch auch mal antworten“) kamen jedenfalls ins Aachener Suermondt-Ludwig-Museum, um eine Ausstellung mit Skizzen sowie Fotografien zu dieser und zu früheren Verhüllungen (Pariser Brücke Pont Neuf, 3100 gelbe bzw.… Weiterlesen
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Käthe Kollwitz – fern und doch so nah
Von Bernd Berke
Was dringt noch zu uns, wenn wir heute die Bilder der Käthe Kollwitz sehen? Treffen sie uns noch, diese Darstellungen der bitteren Armut und der Leiden am Kriege? Oder sind die Werke der Frau, die heute vor 50 Jahren gestorben ist, „ganz weit weg“?
Man darf sich vom heutigen Wohlstand nicht täuschen und einlullen lassen, auch nicht von der (doch sehr relativen) Distanz kriegerischer Greuel. Vieles von dem, was die gebürtige Königsbergerin in Graphik und Zeichnung ausgedrückt hat, ist wohl brisanter, als man hoffen mag. Manches rumort – wenn auch in anderen Gestalten – unter der Oberfläche. Und die Kollwitz hat die künstlerischen Mittel besessen, mit denen sie uns auch Jahrzehnte danach „anspricht“.
Oppositions-Bewegungen haben die eingängigen Bildformeln der Kollwitz immer wieder aufgegriffen – besonders wenn es galt, gegen Militarismus anzutreten.… Weiterlesen
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Enzensbergers neue Verse: Der Mensch im Gestrüpp der Gegenwart
Von Bernd Berke
Lyrik in Moll: Hans Magnus Enzensberger stimmt im neuen Gedichtband „Kiosk“ melancholische Töne an. Milde Alterweisheit oder Resignation?
Zunächst glaubt man einen Stümper am Werke zu sehen, der z. B. in dem Gedicht „Audiosignal“ lustlos Worte aneinanderreiht: „Lispeln Nuscheln Schwafeln Munkeln / Näseln Flöten Säuseln Mümmeln…“ So geht das auch weiter. Doch Enzensberger hat nicht etwa die Schreibkunst verlernt. Bei genauerem Lesen merkt man, wie sich aufschlußreiche Strukturen bilden und verzweigen, als seien es Gewächse. Das gilt für den ganzen, sinnreich komponierten Band: Jedes Gedicht vertieft die Perspektive der vorigen. Sie alle klingen schließlich zusammen wie eine Sinfonie.
Der Titel „Kiosk“ steht für ein Leitmotiv: die im vielfältigen Medien-Angebot abgebildete, ungeheure Unübersichtlichkeit der Welt, die jede Wissenschaft übersteigt und jede Planung über den Haufen wirft: „An der nächsten Ecke / die drei ältlichen Schwestern / in ihrer Bretterbude.… Weiterlesen
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Allein mit der Ewigkeit – zum 100. von Ernst Jünger
Von Bernd Berke
Als der Zweite Weltkrieg 1945 endete, war dieser Mann bereits 50. Und 1914, als der Erste Weltkrieg begann, war er auch kein Kind mehr, sondern 19 Jahre alt. Heute wird der Schriftsteller Ernst Jünger 100. Eine ungeheuere Lebensspanne. Aber muß man ihn deswegen in mythische Höhen entrücken?
Nein, das muß man nicht. Auch wenn Autoren wie z. B. Botho Strauß oder Rolf Hochhuth in letzter Zeit geradezu vor ihm niederknien: Der am 29. März 1895 in Heidelberg geborene Ernst Jünger hat den Zerfall der Weimarer Demokratie und das Heraufdämmern der NS-Diktatur mit bebendem Pathos gefeiert. Derlei Denk-Schuld wird durch kein biblisches Alter getilgt.
Den Jugendlichen zog’s fort zur Fremdenlegion. In den Ersten Weltkrieg stürzte er sich dann – wie so viele – mit wilder Begeisterung.… Weiterlesen
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Flimmern der Freiheit – Wuppertaler Retrospektive zur Bewegungs-Kunst des Gerhard von Graevenitz
Von Bernd Berke
Wuppertal. Mit seinem Publikum hat es Gerhard von Graevenitz (1934-1983) nicht leicht gehabt. Er fand es fade, daß sich viele Leute für die elektrische Apparatur hinter seiner Bewegungskunst interessierten. Auch die psychedelische Wahrnehmung seiner Bilder war ihm ein Greuel: LSD-Schlucker, die sich um 1 968 im Rausch vor seine Werke legten und die optischen Effekte als Zutat genießen wollten, konnten ihm gestohlen bleiben.
In der Retrospektive des Wuppertaler Von der Heydt-Museums sind jetzt 72 Bilder und Objekte des oft verkannten Mannes zu sehen, der 1983 bei einem Flugzeugabsturz in der Schweiz ums Leben kam. Schwerpunkte: Op-art-Muster, die durch scharfe Kontraste zwischen schwarzen und weißen Feldern in scheinbare Bewegung geraten, sowie motorisch oder magnetisch betriebene Werke, die sich tatsächlich rühren.… Weiterlesen
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Versteckt im Irrgarten der Bilder – Druckgraphik von Bernard Schultze in Hamm
Von Bernd Berke
Hamm. In solchen Bildern kann man sich verirren: Bernard Schultze (geb. 1915) verstrickt die Blicke des Betrachters in üppige Liniengewächse. Es scheint, als wolle er sich selber drin verstecken. Und so heißt die Hammer Ausstellung seiner Druckgraphik denn auch, einem Schultze-Zitat gemäß: „Das Labyrinth ist mein Schutz“.
Die rund 120 Lithographien und Radierungen gehören fast ausschließlich privaten Sammlern. Die Auswahl beginnt mit dem Blatt „In den Kulissen“ (1950/51). Es zeigt eine noch figurative, womöglich von Theaterszenen inspirierte Gruppierung. Abstrahierte Schatten-Wesen überlagern einander so vielfach im Raum, daß dieser dem Orientierungssinn spottet. Die frühe Lithographie markiert also bereits den Weg in den Irrgarten.
Schultze, der um 1952 (Gruppe „Quadriga“) zu den Mitbegründern des deutschen Informel zählte, ließ das Gestrüpp der Linien fortan zusehends wuchern.… Weiterlesen
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Kunst aus klirrender Kälte – Archäologische Ausstellung über sibirische Waljäger vor 3000 Jahren
Von Bernd Berke
Hamm. Reichlich nachgedunkelt und arg ledrig sieht das Boot aus. Doch es macht einen intakten Eindruck. Denkbar gar, daß es noch für eine Paddelfahrt taugt. Der älteste komplette Kajak der Welt ist Prunkstück einer archäologischen Schau in Hamm und gehörte zur Ausrüstung arktischer Waljäger, die vor 2500 bis 3000 Jahren an der Nordostküste des heutigen Sibirien den Naturgewalten getrotzt haben.
Jagd auf die Großsäuger wurde freilich nicht in solchen Solo-Kajaks gemacht, sondern mit vereinten Kräften in „Siebenern mit Steuermann“. Während einer die Kommandos gab, stießen die anderen Männer mit Speeren und Harpunen aus Walroß-Elfenbein zu. Da werden viele Stiche nötig gewesen sein, bis der Wal erlegt war.
Die tollkühnen Herren hatten denn auch, so vermutet man, riesigen Respekt vor dem Tier und seiner Seele, mit der sie sich nach vollbrachter Tat rituell „versöhnt“ sehen wollten.… Weiterlesen
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Verschlagwortet mit 1000 v. Chr., Arktis, Eskimos, Gustav-Lübcke-Museum, Hamm, Magie, Patriarchat, Sibirien, Waljäger
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Holzfäller im Zauberwald – Sewan Latchinian inszeniert Shakespeares „Sommernachtstraum“ in Dortmund
Von Bernd Berke
Dortmund. Beim Griechen um die Ecke wird Ouzo gesoffen und dann Sirtaki auf dem Tisch getanzt, weil Clan-Chef Theseus es so haben will. Was’n das wieder für’n Stück? Na, Shakespeare natürlich, sein „Sommernachtstraum“. Der spielt ja in und um Athen – und da denken wir gleich an Gyros, Tsatsiki & Co. Hier knüpft das Dortmunder Theater an.
Wie gut, daß diese Zauberkomödie vom erotischen Begehren und seinen dunklen Urgründen so unverwüstlich ist. Da schadet es nicht viel, daß Regisseur Sewan Latchinian sie durchstöbert hat. Doch braucht man wirklich Alltagsklamotten, Funktelefon und Rave-Rhythmen, um dieses Stück auf „modern“ zu trimmen? Steckt nicht schon (und immer noch) im Text die ganze Klimakatastrophe der Beziehungen, wie sie heute kaum anders durchlitten wird?… Weiterlesen
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Kunst-Stoff für Christo – Fabrik in Emsdetten fertigt das Gewebe für die Reichstags-Verhüllung
Von Bernd Berke
Emsdetten. Es rattern und rattern die Webmaschinen. Sie machen Lärm für die Kunst, Tag und Nacht. In einer Emsdettener Fabrik entstehen jene 110.000 Quadratmeter Textil mit denen der Verhüllungskünstler Christo im Juni den Berliner Reichstag in ein magisches Zeichen der Geschichte verwandeln will.
Hart war die Konkurrenz. Gleich 19 Betriebe wollten den Stoff anfertigen, aus dem der l gigantische Kunst-Traum besteht. Den Zuschlag erhielt die Firma im Münsterland: Die J. Schilgen GmbH hat ihre Arbeit fast erledigt. Vier Monate lang sind zwei elektrische Webstühle rund um die Uhr nur für Christo gelaufen. Außerdem ging natürlich die übliche Produktion weiter.
Insgesamt 75 Tonnen wiegt die Fracht. Der Zeitplan ist strikt: Sobald wieder ein paar Rollen fertig sind, gehen sie gleich auf die Reise.… Weiterlesen
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