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Archiv der Kategorie: Literatur
Der letzte Rest von Zuversicht – Wilhelm Genazinos „Die Obdachlosigkeit der Fische“
Von Bernd Berke
„Lange konnte ich es nicht aushalten, dann drückte sich ein furchtbares Gemisch meine Kehle hoch, ein Gemisch aus bitterer Kraftlosigkeit und absoluter Glücksverfehlung“. Ein typischer Satz aus Wilhelm Genazinos Prosaband „Die Obdachlosigkeit der Fische“.
In einer Art Tagebuch häuft eine Lehrerin ihre Depressionen an. Ihre Ängste scheinen längst keine realen Anlässe mehr zu haben, sie heften sich an alles und jedes. Diese vor der Zeit gealterte Frau in den Vierzigern durchstreift, wenn sie sich denn hinaus traut, ihre Umgebung geradezu in dem innigen Wunsch nach Leid. Sie grast Stadt und Land nach beunruhigenden Seltsamkeiten ab. Alsbald fragt man sich: Ist diese Bemitleidenswerte noch in der Lage zu unterrichten?
Nur Resignation und ein flaumweiches Nachgebenwollen liest man heraus, … Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Die Obdachlosigkeit der Fische, Wilhelm Genazino
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„Die Welt ist doch eine Scheibe“ – Oder werden die Bücher bald aus der Steckdose kommen?
Von Bernd Berke
Frankfurt. „Die Welt ist doch eine Scheibe“. Dieser Spruch führt nicht zurück ins Mittelalter, als die Kugelgestalt der Erde noch unbekannt war. Er soll in eine goldene Medienzukunft weisen. Denn mit dem Reklame-Satz ist die Datenscheibe CD-Rom gemeint, die mehr denn je die Diskussion auf der Buchmesse beherrscht.
Es scheint, als sei die Messe-Premiere der elektronischen Lesemedien im letzten Jahr nur Vorgeplänkel gewesen, als dämmere den Verlagen erst jetzt die Tragweite der neuen Technik. Und schon preschen Leute vor, die behaupten, die CD-Rom sei nur ein Behelf. In einigen Jahren werde das „Buch“ direkt aus der Steckdose kommen – aus prall gefüllten Wissens-Banken via „Daten-Highway“.
Was ist auf den Silberlingen wirklich drauf?
Zukunftsmusik. Wer jetzt schon ein … Weiterlesen
Veröffentlicht unter Buchmarkt & Lesen, Gesellschaft, Literatur, Medien, Netzwelten & KI, Technik, Warenwelt & Werbung
Verschlagwortet mit Buchmarkt, Buchmesse, CD-Rom, Daten-Highway, Lesen, Lexika
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Dortmunds etwas andere Buchmesse – Schau mit 3000 Bänden im Harenberg City-Center
Von Bernd Berke
Dortmund. Wir alle kennen den Reklamespruch aus dem Fernsehen. Hier die von Schleichwerbung bereinigte Fassung: „Für die einen ist es ,Mh-mh‘, für die anderen ist es die längste Praline der Welt“. Die Formel ist auf ein neues Kulturereignis anwendbar: Für die einen ist es eine Bücherschau, für die anderen ist es die „1. Dortmunder Buchmesse“… Mal ehrlich, verdient sie diesen Namen?
Lokalstolz beiseite. Wenn man nüchtern Zahlen vergleicht, wird schon einiges klar: Die Veranstaltung im City-Center des Dortmunder Harenberg-Verlages präsentiert jetzt rund 3000 Bücher, in der nächsten Woche werden auf der Frankfurter Buchmesse (an der Harenberg seit Jahren nicht mehr teilnimmt) etwa 320.000 Bände gezeigt. In Dortmund sind etwas über 200 deutschsprachige Verlage vertreten, hinzu kommen Anbieter … Weiterlesen
Veröffentlicht unter Buchmarkt & Lesen, Literatur
Verschlagwortet mit Andrzej Szczypiorski, Bodo Harenberg, Dortmund, Dortmunder Initial, Harenberg City Center, „1. Dortmunder Buchmesse"
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Konkursrichter über das eigene Leben – „Die Sache mit dem Hund“ von Lars Gustafsson
Von Bernd Berke
Konkursrichter lenken für gewöhnlich die (Lebens)-Pleiten anderer Leute in juristische Bahnen. In Lars Gustafssons neuem Buch „Die Sache mit dem Hund“ muß ein solcher Richter über die eigene Biographie befinden.
Der Ich-Erzähler lebt, wie übrigens der schwedische Autor seit Jahren auch, bei Austin (Texas/USA). Er steht kurz vor seiner Pensionierung und hat somit Anlaß zur Zwischenbilanz. Von seiner Frau, die dem Alkoholismus zuneigt, lebt er in gemessener Alltagsdistanz. In ihrer beider Haus am Strom, der manchmal bedrohlich über die Ufer tritt, erlebt er buchstäblich den Fluß der Zeit. Während dies allmähliche Verrinnen die Stimmung des Buches elegisch grundiert, kommt es zu deutlicheren Konflikten.
Der rätselhafte Tod des vor langer Zeit aus Holland zugewanderten Nachbarn und Philosophie-Professors Van … Weiterlesen
Veröffentlicht unter Literatur
Verschlagwortet mit Die Sache mit dem Hund, Lars Gustafsson
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„Es muß über uns kommen“: Botho Strauß‘ Miniaturen und Etüden „Wohnen Dämmern Lügen“
Von Bernd Berke
Die Mythen stecken mitten im banalen Alltag. Sogar eine „Frau in vierfarbigem Jogginganzug“ birgt ihr Geheimnis. Denn sie stößt unvermittelt Möwenschreie aus. Ihre schockierenden Liebeslaute mit Tierstimme rufen uralte, vorhistorische Zeit wach. Derlei Magie ins heutige Leben zu verpflanzen, war seit jeher ein Bedürfnis von Botho Strauß. Auch in seinem neuen Buch mit dem Trance-Titel „Wohnen Dämmern Lügen“ betreibt er die Mischung der Zeiten und versetzt uns in eine Doppelwelt.
Ob an der Supermarktkasse oder bei der schnöden Arbeit im Büro – überall kann sich hier unversehens jener Riß in der schmucklosen Hülle bloßer Gegenwart auftun und den Blick freigeben „bis in die Urnebel“. Um solch mystische Tiefenschau faßbar zu machen, spannt Strauß keinen großen Handlungsbogen, er … Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Botho Strauß, Wohnen Dämmern Lügen
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Ein Lebenslauf als explosive Kettenreaktion – Paul Austers Roman „Leviathan“
Von Bernd Berke
„Vor sechs Tagen hat sich im nördlichen Wisconsin ein Mann am Rande einer Straße in die Luft gesprengt.“ So explosiv läßt der Amerikaner Paul Auster seinen Roman „Leviathan“ beginnen.
Was war das für ein Mann, der der Sprengladung zum Opfer fiel? Diese Frage umkreist das Buch. Denn der Ich-Erzähler und Schriftsteller Peter Aaron hat ihn gekannt, jenen Benjamin Sachs. Doch hat er ihn wirklich gekannt? Zitat: „Wenn es jedoch stimmen sollte, würde dies bedeuten, daß menschliches Verhalten undurchschaubar ist. Es würde bedeuten, daß niemals irgend etwas verständlich ist.“
Alles geschieht, und sei es noch so unwahrscheinlich. Immer wieder muß Peter Aaron seine Vermutungen widerrufen, wenn er – im Wettlauf mit staatlichen Stellen – das Leben von Sachs … Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Leviathan, Paul Auster
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Die Phantome der Liebe – Richard Fords tragikomische Erzählung „Der Frauenheld“
Von Bernd Berke
Hier geht es offenbar ums Ganze. Zitat: „…er fragte sich, was möglich war zwischen den Menschen? Was war möglich, das wirklichen Wert hatte? Wie konnte man das Leben in den Griff bekommen, anderen geringen Schaden zufügen und doch mit ihnen verbunden sein?“ Zitat Ende.
Solche Worte kreisen wirklich um Grundfragen des Lebens. Doch keine Angst. Bei dem Amerikaner Richard Ford kommen die tiefsinnigen (und doch so einfach klingenden) Sätze erst ganz zum Schluß. Sie ergeben sich völlig ungezwungen aus einer Erzählung, die etliche Bedeutsamkeit mit wenig Erdenschwere verbindet.
Immerhin: Die Komplikation zwischen den Geschlechtern, die „Der Frauenheld“ Martin Austin erleidet, bilden sich zuweilen auch im verschachtelten Satzbau ab. Das liegt wohl nicht nur an der stellenweise etwas … Weiterlesen
Veröffentlicht unter Liebesleben, Literatur
Verschlagwortet mit Der Frauenheld, Richard Ford
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Für den Olymp kommt keiner in Frage – Marcel Reich-Ranicki über berühmte deutschsprachige Kritiker
Von Bernd Berke
Unser Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki hat ein Buch über seine berühmten Vorläufer seit Lessing geschrieben. Ja, gab es denn vor ihm überhaupt nennenswerte Kritiker?
Offenbar ja, denn der Band „Die Anwälte der Literatur“ (nein, nicht „Staatsanwälte“) umfaßt immerhin 23 Porträt-Essays. Und doch auch wieder nicht, denn die allermeisten finden vor Reich-Ranicki wenig Gnade.
Nehmen wir Gotthold Ephraim Lessing selbst, den vermeintlichen „Vater“ der deutschen Kritik. Der hatte zwar laut Reich-Ranicki einen aufrechten Charakter, verkannte oder unterschätzte aber viele literarische Talente seiner Zeit, schrieb etliche Rezensionen nur aus Gefälligkeit und hatte weder eine Antenne für Wieland noch für Goethe. Apropos: Goethe selbst sei der absolute Anti-Kritiker gewesen, denn er habe nur gefügige Leser gewollt.
Alfred Kerr war töricht, Walter … Weiterlesen
Veröffentlicht unter Buchmarkt & Lesen, Literatur, Medien, Stilfragen, Theater
Verschlagwortet mit Die Anwälte der Literatur, Kritiker, Marcel Reich-Ranicki, Reinhard Baumgart, Rezensenten, Rezensionen
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Lachend die Zeichen der Zeit erkennen – Dicker Sammelband des vielseitigen Robert Gernhardt
Von Bernd Berke
Welcher deutsche Gegenwartsautor ist vielseitiger als Robert Gernhardt? Der 57jährige hat etliches auf Lager – von der Satire und dem niveauvollen Nonsens bis zum beachtlichen Roman; von der trefflichen Zeitkritik bis zum raffiniert gereimten Gedicht.
Mehr noch: Ohne Gernhardts Texte wäre Otto Waalkes nicht halb so gut gewesen. Und er ist einer der besten Cartoon-Zeichner. Wen wundert’s, daß der Vielfältige jetzt mit einem üppigen Sammelband zum Klassiker erhoben wird. Der Titel („Über alles“) weist schon auf Gernhardts kreative Bandbreite hin.
Seit seinen Anfängen beim Satire-Blatt „Pardon“ (frühe 60er Jahre), wo er mit F. K. Waechter und F. W. Bernstein „Welt im Spiegel“ schuf, jene legendäre Beilage für den höheren Blödsinn, zählt Gernhardt zu den produktivsten Grenzgängern zwischen … Weiterlesen
Veröffentlicht unter Buchmarkt & Lesen, Comics & Cartoons, Literatur, Scherz, Satire, Ironie, Sprache, Wahnwitz, Zweizeiler, Vierzeiler usw.
Verschlagwortet mit Robert Gernhardt, Sammelband, Über alles
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Schlimme Nachrichten dringen bis in den Elfenbeinturm – Zwischen Prosa und Lyrik: Sarah Kirschs Tagebuch „Das simple Leben“
Von Bernd Berke
„Das simple Leben“ nennt Sarah Kirsch ihr neues Buch. Doch dieses Dasein ist ganz und gar nicht einfach.
Das Leben der Dichterin spielt sich, unterbrochen von gelegentlichen Lesereisen, ganz bewußt in Klausur ab. Aus ihrem Prosa-Tagebuch mit lyrischem Grundton erfährt man, wie sie sich in ihr Werk versponnen hat, sich am stürmischen Nordseestrand, wo er noch nicht von Touristen erobert ist, verschließen will vor der Welt. Dort geht sie – ein nur scheinbares Idyll – mit ein paar getreuen Menschen, mit Schafen und Bobtail, Katz‘ und Esel um, läßt sie sich beim Anblick der Wolkenspiele in lyrische Stimmungen treiben.
Ganz ohne Ironie spricht sie von „meinem Elfenbeinturm“ und mokiert sich über die Alltags-Spießer ringsum. Doch derlei Anflüge … Weiterlesen
Veröffentlicht unter Literatur
Verschlagwortet mit Das simple Leben, Sarah Kirsch, Tagebuch
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Ist Sprache nur mit Schuld beladen? – Kontroverse Debatte über Schreiben in gewaltsamer Zeit
Von Bernd Berke
Düsseldorf. Kann man der rechten Gewalt mit Worten Einhalt gebieten? Darf man dabei hoffnungsvolle Gegen-Begriffe wie „Solidarität“ und „Utopie“ noch ganz unschuldig verwenden, als seien sie nicht vom zerfallenen Kommunismus in Mißkredit gebracht worden? Um solche gewichtigen Fragen drehte sich jetzt eine prominent besetzte Autorendiskussion beim Jahrestreffen des bundesdeutschen P.E.N.-Zentrums in Düsseldorf.
Motto des Abends und der gesamten Tagung der Autorenvereinigung: ein vieldeutiger Satz von Roland Barthes, der da lautet „Sprache ist niemals unschuldig“. Moderator Klaus Bednarz (ARD-„Monitor“) wählte als Einstieg in die Debatte über „Schreiben in gewalttätiger Welt“ eine Brecht-Geschichte vom „Herrn Keuner“. Der begegnet der Gewalt, indem er sie zwar nicht bejaht, aber zuwartet, bis sie endlich entkräftet von selbst verschwindet – und erst dann … Weiterlesen
Veröffentlicht unter Literatur, Politik und so
Verschlagwortet mit 1994, Dieter Wellershoff, Durs Grünbein, Düsseldorf, Günter Grass, Herta Müller, P.E.N.-Zentrum, PEN-Zentrum
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Fußball weckt den Traum von Freiheit – F. C. Delius‘ Erzählung vom WM-Finale 1954
Von Bernd Berke
Denken Sie mal an 54, 58, 66, 70 oder 74. Das ist kein Zahlenspielchen. Die Ziffern stehen für Jahre mit legendären Fußball-Weltmeisterschaften. Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius weiß, wie sich solche Ereignisse mit Zeitgeist und persönlicher Biographie verknüpfen. Sein Buch „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ spielt im WM-Jahr 1954 und erscheint passend zur WM ’94.
Der Erzähler, unverhüllt Delius selbst, war (wie der Autor) 1954 elf Jahre alt. Als Sohn eines evangelischen Pastors ist er, wie er weitschweifig darstellt, in schier unentrinnbarer religiöser Umklammerung aufgewachsen; im Schatten eines wortmächtigen Vaters und Kanzelpredigers, in dessen Angesicht der Sohn nur stammeln oder verstummen konnte: „Mein verschupptes, verstottertes Leben“.
Allseitige „Gottesvergiftung“ im hessischen Dorf
Delius wird gar nicht … Weiterlesen
Veröffentlicht unter Leibesübungen, Literatur
Verschlagwortet mit an dem ich Weltmeister wurde, Der Sonntag, F. C. Delius, Friedrich Christian Delius, WM-Finale 1954
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„Starkes Stück Mord“: Revier ist Krimiland – Autoren aus ganz Deutschland kommen zur „Criminale“
Von Bernd Berke
Im Westen. Früher war das Ruhrgebiet vor allem Schauplatz sozialkritischer Literatur, heute ist es Krimiland. Nur folgerichtig. daß sich rund 80 literarische Mord-Spezialisten aus ganz Deutschland diesmal im Revier treffen.
Erstmals hat die Autorenvereinigung „Das Syndikat“ nicht öde Büchereien als Tagungs- und Lesungsorte ausgesucht. Auf Einladung des Sponsors IBA (Internationale Bauausstellung Emscherpark) kommt man vom 25. bis 28. Mai zur „Criminale ’94“ in Zechen und Industriehallen zusammen.
Autor und Mitorganisator Walter Wehner: „Es herrscht dort eine Atmosphäre, bei der man literarisch kaum noch etwas bieten müßte. Dreht man nur das Licht aus, ist es schon wie im Krimi.“ Sein Kollege Reinhard Junge befindet gar, das Ruhrgebiet entfalte womöglich die größten kriminellen Aktivitäten in ganz Europa. Woran er … Weiterlesen
Veröffentlicht unter Krimi & Kriminalität, Literatur, Region Ruhr
Verschlagwortet mit Criminale, Das Syndikat, Krimis, Reihard Junge, Ruhrgebiet, Sabine Deitmer, Walter Wehner
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Nur Sprache war ihre Heimat – Vor 125 Jahren wurde die Dichterin Else Lasker-Schüler in Elberfeld geboren
Von Bernd Berke
Die Dichterin Else Lasker-Schüler. heute vor 125 Jahren im späteren Wuppertaler Ortsteil Elberfeld geboren, gehört zu den großen Gestalten in der neueren deutschen Literatur. Sie schuf sich Heimat in der Sprache. Im Leben fand sie keine dauerhafte Bleibe.
Sie war eine leidenschaftliche Namens-Geberin. Ihren zweiten Ehemann Georg Lewin (vorher führte sie eine unglückliche Ehe mit dem Arzt Berthold Lasker) versah sie mit dem Künstlerpseudonym Herwarth Walden. Das behielt er bei, als er die berühmte Expressionisten-Zeitschrift „Der Sturm“ herausgab. Auch dieser Titel stammte von ihr. Ihren späteren Schwarm, den Lyriker Gottfried Benn, nannte sie in glühenden Gedichten „Giselher, den Tiger“ oder den Barbaren, sich selbst „Prinz von Theben“. Und so fort.
Wirkliche Heimat hatte sie nur in den … Weiterlesen
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Verschlagwortet mit 125. Geburtstag, Else Lasker-Schüler
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Für „Jason Dark“ ist morgens Geisterstunde – Besuch bei Deutschlands meistgelesenem Autor: Helmut Rellergerd
Von Bernd Berke
Raten Sie mal: Wer ist der meistgelesene deutsche Autor? Siegfried Lenz? Kalt. Johannes Mario Simmel? Schon näher dran. Heinz G. Konsalik? Naja. lauwarm. Also gut: Es ist Helmut Rellergerd. Nie gehört. stimmt’s?
Kein Wunder. Der Mann schreibt unter dem Pseudonym Jason Dark. Seit nunmehr 20 Jahren bringt er allwöchentlich seinen „Geister jäger John Sinclair“ in Heftromanen und Taschenbüchern unters Volk. Staunenswerte Statistik: Heftnummer 800 der Gruselreihe wurde kürzlich überschritten. Die Wochenauflage beträgt derzeit rund 800000, die Gesamtauflage 165 Millionen. Und Rellergerds Jahresbilanz ’93 sieht so aus: 57 Heftchen à 64 Seiten hat er verfaßt, dazu zehn Taschenbücher. Damit hat er ein halbes Jahr Vorsprung vor der aktuellen Titelproduktion. Er könnte unbesorgt in Urlaub gehen. Doch „Sinclair“ läßt … Weiterlesen
Veröffentlicht unter Buchmarkt & Lesen, Literatur
Verschlagwortet mit Bastei/Lübbe, Geisterjäger, Gruselhefte, Helmut Rellergerd, Jason Dark, Trivialliteratur
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Ein Bär mit Verstand: „Pooh’s Corner“, Harry Rowohlts gesammelte Kolumnen
Von Bernd Berke
Es gibt sie – jene höhere Weisheit. die sich hinter trudelndem Unsinn verbirgt. Zu ihren Großmeistern zählt Harry Rowohlt. Das ist einer, der spürbar immer viel, viel mehr weiß, als er hinschreibt. Und eben das verleiht seinen Sätzen einen ganz besonderen Drall.
In seiner Kolumne „Pooh’s Corner – Meinungen eines Bären von geringem Verstand“, hat Rowohlt einen scheinbar nonchalanten, ja gelegentlich regelrecht „besoffenen“ Stil in der Wochenzeitung „Die Zeit“ zur Reife gebracht. Diese sprachlichen Aus- und Abschweifungen liegen jetzt, ergänzt um einige Essays und Filmkritiken, gesammelt vor. Das wurde aber auch mächtig Zeit!
Harry Rowohlt, namentlich erkennbar ein Sproß der berühmten Verleger-Familie, ist ein Querschädel und Originalkopf, der seine kleinen und großen Besessenheiten pflegt: vor allem die … Weiterlesen
Veröffentlicht unter Literatur, Scherz, Satire, Ironie
Verschlagwortet mit Harry Rowohlt, Pooh's Corner
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Auf der Suche nach dem Gleichgewicht – Cees Nootebooms „Der Buddha hinter dem Bretterzaun“
Von Bernd Berke
Cees Nooteboom muß man, spätestens seit der letzten Buchmesse, als er mitsamt der niederiändisch-flämischen Literatur im Mittelpunkt stand, kaum noch vorstellen. Er gilt als Kandidat für den Literaturnobelpreis, sein Buch „Rituale“ steht seit Monaten auf der Bestsellerliste. Jetzt liegt eine neue Erzählung von ihm vor.
In „Der Buddha hinter dem Bretterzaun“ beweist er seine Meisterschaft an einem Thema, das man nicht mehr für prosatauglich gehalten hätte. Denn über Thailands Hauptstadt Bangkok, so meinte man, ist doch in mehr oder minder seriösen Reportagen schon alles gesagt worden.
Nooteboom läßt einen Reisenden durch die Metropole streifen und gleich der im Titel erwähnten Figur begegnen. Hinter jenem Bretterzaun belebt sich „ein dicker Woolworth-Buddha, zwanzigstes Jahrhundert…“ Der öffnet dem Reisenden die … Weiterlesen
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Weltgeist in der Erbsensuppe – Ernst Jüngers privatisierende Tagebücher „Siebzig verweht III“
Von Bernd Berke
Ernst Jünger ist der wohl umstrittenste deutsche Autor des Jahrhunderts. Sein Frühwerk („In Stahlgewittern“) half heftig mit bei der geistigen Aushöhlung der Weimarer Republik. Zwar hat er sich dann nicht direkt mit den Nationalsozialisten eingelassen, sich aber stets in deutschnationalen Kreisen bewegt. Jetzt liegt der dritte Band seiner Tagebücher „Siebzig verweht“ vor. Erbauungs-Lektüre für «Rechtsausleger“?
Jünger geriet in der NS-Diktatur (wegen „Auf den Marmorklippen“, 1939) gar in Gefahr. doch hat er allzeit mächtige Beschützer gehabt. Niemand anderer als Hitler hat Jünger vor Verfolgung durch den Blutrichter Roland Freisler bewahrt. Diesen durch Dokumente gestützten Sachverhalt teilt Jünger in seinem Tagebuch spürbar bewegt mit.
Der Garten und die Insekten
Trotz aller Bedenken dürfte Jünger, der bald 99 wird und … Weiterlesen
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Wenn Leselust sich mit der Lust am Bild vereint – Niederländische Malerei des Goldenen Zeitalters in der Frankfurter Schirn
Von Bernd Berke
Frankfurt. Die vier biblischen Evangelisten als „Literarisches Quartett“: Auf Jan van Bijlerts Gemälde beugen sie sich gemeinsam über ein Buch. Der Text bringt sie buchstäblich in Bewegung. Ihre Mienen sind gespannt. Das Geschriebene scheint eine lebhafte Debatte auszulösen. Ist das die vielbeschworene Leselust?
Ganz anders „Der Einsiedler“ des Adriaen van Ostade. Still in sich versunken sitzt der Greis da mit seinem Buch. Ein schwacher Schein aus dem Nirgendwo schimmert um sein Haupt – ein Geisteslicht in der Einsamkeit.
Bilder von Lesenden, entstanden im Goldenen Zeitalter der niederländischen Malkunst, versammelt jetzt eine herausragende Frankfurter Ausstellung mit dem nicht ganz zutreffenden Titel „Leselust“. Der Titel führt schon deshalb ein wenig in die Irre, weil eine ganze Abteilung den Vanitas-Darstellungen … Weiterlesen
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Der Autor als Fabelwesen oder: Roman aus der Datenbank – Ulrich Holbeins Suada „Warum zeugst du mich nicht?“
Von Bernd Berke
Ist Ulrich Holbein ein Mensch oder eine Datenbank? Zu jedwedem Thema hat dieser Autor eine Flut von passenden Zitaten aus der gesamten Weltliteratur parat. So einen Kerl hat die deutsche Literatur lange nicht mehr gesehen.
Ist dieses Fabelwesen, 1954 in Erfurt geboren, jetzt in Nordhessen lebend, Deutschlands (post)modernster oder nur sein modischster Schriftsteiler, ein Gegenwarts-Kasper ohne weiteren Tiefgang?
Holbein nimmt praktisch sämtliche Einwürfe, die seinen Roman „Warum zeugst du mich nicht?“ betreffen könnten, in diesem selbst vorweg. Er hat seine eigene Kritik mitgeschrieben, aber auch die Lobhudelei auf sich selbst. Ein äußerst schwieriger Patron also. Stets mit dem Hirn schon eine Windung weiter, eine Ebene höher, so scheint es. Wie der Igel, der den Hasen immer schon … Weiterlesen
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Am Fenster sehen Krieg und Frieden völlig anders aus – Uwe Timms Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“
Von Bernd Berke
Uwe Timm ist ein Wanderer zwischen den Themen. In „Heißer Sommer“ gab der Autor eine Innenansicht der Studentenbewegung zur APO-Zeit, in „Der Mann auf dem Hochrad“ erzählte er eine circensisch angehauchte Geschichte aus Großvaters Epoche, in „Morenga“ schilderte er Deutschlands Kolonial-Historie. Jetzt bemäntelt er mit einem scheinbar komischen Titel ein ernstes Thema: „Die Entdeckung der Currywurst“ handelt vom Kriege und vom kleinen Widerstand.
Timms namenloser Ich-Erzähler besucht die erblindete Frau Lena Brücker, die er seit seiner Kindheit kennt, in einem Hamburger Altenheim. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg soll sie die Currywurst erfanden haben. Doch Timm spart des Rätsels Lösung auf. Am Ende erweist sich die Sache mit der Wurst als eher beiläufige Münchhausiade.
Tatsächlich hat Lena Brücker … Weiterlesen
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Am Lebensabend ist die Illusion zerstoben – B. S. Johnsons erstaunliche Altenheim-Geschichten aus neun verschiedenen Perspektiven
Von Bernd Berke
Ein Autor, der in Deutschland immer noch „entdeckt“ werden kann (und sollte), ist der Engländer B. S. Johnson (1933-1973). Verdienstvoll, daß der Schneekluth-Verlag eine Werkausgabe in sieben Bänden ediert. In diesem Zusammenhang ist nun auch der Prosaband „Lebensabend. Eine geriatrisehe Komödie“ erschienen. Und das ist ein phänomenales Buch.
Johnson läßt uns die inneren Monologe einiger Altenheim-Insassen miterleben. Die acht Greise und Greisinnen sinnen alle über den selben Zeitabschnitt des selben Tages nach, von dem man also nacheinander aus acht verschiedenen Perspektiven erfährt.
Es beginnt mit einem Essen und offenbar nervtötender Heimarbeit, die die Alten für die Hausmutter ausführen müssen (sie kleben Knallbonbons zusammen), findet einen vorläufigen Höhepunkt in einer lächerlich optimistischen Senioren-Hymne, die die Greise zu singen … Weiterlesen
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Zwischen Duschvorhängen und Ententüchern – Max Goldts Glossen aus dem schrägen bundesdeutschen Alltag
Von Bernd Berke
„Seltsam, daß er nie mit diesen knochigen, verbiesterten Squash-Spieler-Typen mit ihrem Ringelpiez-Humor und ihren Kater-Garfield-Duschvorhängen konfrontiert wurde, die (…) ihre solariumsverkokelten Hände falteten und altjüngferlich flöteten: Also, ich kann auch ohne Alkohol fröhlich sein …“ – Jawohl. Man sieht sie leibhaftig vor sich, diese Leutchen!
Derlei Beobachtungen gelingen Max Goldt in seinen Glossen häufig. Der Mann ist Kolumnist des Satireblattes „Titanic“ und hat sich mit „Onkel Max‘ Kulturtagebuch“ seine Fangemeinde erschrieben. Kennzeichen an der Oberfläche: fröhlich-kreatives Chaos. Doch Goldt kann erzkomisch und ernsthaft sein, manchmal im raschen Wechsel, manchmal gar beides zugleich. Hinter jeder Satzbiegung kann es wieder um was ganz anderes gehen. Das macht die Sprache geschmeidig. Dabei denkt und schreibt er wohltuend unaufgeregt, jedem Getue … Weiterlesen
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Doppelte Urangst des Schriftstellers – Schrecken der Leere und der Überfülle in Paul Austers „Die Erfindung der Einsamkeit“
Von Bernd Berke
Es ist ein Standardthema der Literatur: Wenn die Eltern sterben, treibt es Schriftsteller in die Krise, drängt es sie zur Selbstschau: Wie bin ich geworden, was ich bin? Der Weg führt dann durch (Un-)Tiefen der Kindheit.
Der US-Autor Paul Auster findet in seiner Erinnerung einen Vater, der sich allen entzogen hat, der gar kein Innenleben zu haben schien, bei dem man ihn hätte „packen“ können. Einen Menschen, der immer fühllos abwesend zu sein schien: „Die Welt ist für ihn wohl ein ferner Ort gewesen, ein Ort, den er nie richtig hat betreten können…“
Das Unterfangen, sich auf die Spuren eines solch undeutlichen Menschen zu setzen, scheint von vornherein zum Scheitern verdammt. Gewiß, Auster (bzw. der Ich-Erzähler) kann … Weiterlesen
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Leergepumptes Herzensbett – Jeanette Wintersons schwülstiger Liebesroman „Auf den Körper geschrieben“
Von Bernd Berke
Lassen wir Jeanette Winterson und ihre Übersetzerin für sich selbst sprechen.
Seite 89: „Sie wölbt ihren Körper wie eine Katze, die sich streckt. Sie drückt mir ihre Muschel ins Gesicht wie ein Füllen am Gatter.“ Hei!
Seite 100: „Sie küßte mich, und in ihrem Kuß lag die Komplexität der Leidenschaft… Ich war schüchtern wie ein ungezähmtes Fohlen.“ Mh!
Seite 124: „Ein Schatz war uns in die Hände gefallen, und der Schatz waren wir selbst füreinander.“ Aha!
Seite 138: „Ich will kein Kissen, ich will dein lebendiges, atmendes Fleisch.“ Ja, wer würde da schon ein Kissen vorziehen?
Seite 160: „Die körperliche Erinnerung tappt durch die Tür herein, die der Geist zu versiegeln trachtete.“ Wie bitte?
Seite 227: „In … Weiterlesen
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Literatur im Zeichen der Zahlenmystik – ein großer Roman dieser Zeit
Dieser Roman kommt mit enzyklopädischem Anspruch daher: Von Aach (Allgäu) bis Zyfflich (Niederrhein) will er Sein und Wesen der deutschen Nation faßbar machen. Das Titelbild – ein fast fertiges Puzzle dieses Landes – signalisiert ein spielerisches Element, doch enthält es auch einen subtilen Verweis auf Grübelzwang.
Das Leitmotiv einer anderen deutschen (Un-)Tugend wird hier auch schon früh angeschlagen: „alphabetisch geordnet“, heißt es da. Nur: Im Laufe der Lektüre wird klar, daß auch labyrinthisches Chaos in diesem Kosmos Platz hat. Der Autor, von dem wir hier den ersehnten Roman unserer Generation haben, bleibt ungenannt. Wie viele der ganz Großen {Shakespeare, Thomas Pynchon) tritt er hinter sein Oeuvre zurück und bleibt selbst eine Rätselfigur. Er geht mitunter sehr behutsam vor. Zitat Seite … Weiterlesen
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„New York – ein einziger großer Fluß voll Fusel“ – Henry Millers „Verrückte Lust“ nach über sechs Jahrzehnten erschienen
Von Bernd Berke
„Sein Blick verharrte auf Vanyas langem Gänsehals, der wie eine Leier bebte. So weich und glatt, ihr Hals. Weich wie Lamahaar.“ — Gänse, Leier, Lama? Da reitet einer geradezu auf den Sprachbildern, hierhin und dorthin.
Angenommen, es handelte sich um einen großen, der Sprache mächtigen Autor, läßt das Zitat auf zitternde Erregung schließen. Dieser Jemand heißt Henry Miller. Was nicht alle Tage vorkommt: Von dem 1980 gestorbenen Autor ist jetzt ein bislang nur dem Hörensagen nach bekannter Roman erstmals auf Deutsch erschienen. Ein frühes Werk, geschrieben im Jahre 1927, als der literarische „Spätstarter“ Miller aber auch schon 36 Jahre alt war.
Das Manuskript von „Verrückte Lust“ (Originaltitel sogar: „Crazy Cock“, also ein direkter Bezug aufs männliche Geschlechtsorgan) … Weiterlesen
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Rituale wie in einer Familienserie – Seit fünf Jahren gibt es das „Literarische Quartett“
Vieles, vieles wandelt sich auf dieser Welt, doch es gibt sie noch: die letzten Rituale. Zum Exempel „Das literarische Quartett“ (ZDF. 22.15 Uhr).
Zugegeben: Als die Sendung vor fünf Jahren – am 25. März 1988 – erstmals ins Programm kam, konnte man sich schon über die Unverfrorenheit ärgern, mit der MarcelReich-Ranicki etwa gleich seine Lieblingsautorin Ulla Hahn auf den Schild hob. Doch im Lauf der Zeit zeigte sich, daß es gerade jene krähende Chuzpe und unverwüstliche Selbstgewißheit des Literatur-„Papstes“ ist, von der diese Sendereihe lebt.
Manchen Versatzstücken, die todsicher in jeder Folge auftauchen, fiebert man direkt entgegen: Wann wird Marcel heute wieder ausrufen, daß ihn das Leben ganzer Kontinente – egal, ob Amerika, Asien oder Afrika – „nicht interessiert“, sondern … Weiterlesen
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Rhetorik ist mehr als nur Wortgeklingel – Zum 70. Geburtstag von Walter Jens
Zur alten Feuilleton-Zeit galt die Theaterkritik alles, die Fernsehkritik fast nichts. Das hat sich geändert. Maßstäbe für die TV-Renzension als achtbares Genre hat als einer der ersten Professor Walter Jens gesetzt, der viele Jahre lang in der Wochenzeitung „Die Zeit“ (unter dem Pseudonym „Momos“) das Bildschirmgeschehen kritisch begleitete. Es ist nicht das geringste Verdienst des Mannes, der heute 70 Jahre alt wird.
In seiner Wahlheimatstadt Tübingen hatte der Sohn eines Hamburger Bankiers bis 1988 den Lehrstuhl für Rhetorik inne. Das Wort „Rhetorik“ hat hierzulande einen schlechten Klang. Man argwöhnt, es gehe nur um schönes Wortgeklingel. Jedoch: Die Kunst der wohlgesetzten Rede zu veredeln und zu verbreiten – welch‘ eine notwendige Anstrengung in einem Land wie Deutschland. Man muß nur eine … Weiterlesen
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Die vielen Meinungen und das Erlernen des Abschieds – Markus Werners Roman „Bis bald“
Von Bernd Berke
Allein in Tunesien, dem ganzen Elend des Pauschaltourismus auch noch als Single ausgeliefert, bekam Hatt seinen Herzanfall. Nun, schon daheim auf dem Krankenlager, erzählt er seine Leidensgeschichte.
Wie in so vielen Romanen, spielt auch hier die Trennung von einer Frau die zentrale Rolle, dazu der Tod des Sohnes, der an einem Hirntumor gestorben ist. „Ein Unstern“, so der Ich-Erzähler, sei über seinem Leben aufgegangen.
Doch vor allem steckt die Geschichte anfangs voller Meinungen und Ansichten über alles und jedes. Das schwankt ganz sonderbar zwischen heiligem Zorn, aphoristischer Dichte und haltloser Geschwätzigkeit. Da gibt es Haßtiraden gegen die Schweiz im allgemeinen und Geschäftsleute im besonderen. Da kritisiert dieser Hatt neumodische Sitzmöbel, äußert sich zur Gleichberechtigung, zieht gegen den … Weiterlesen
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Eduard und die Liebe zu Frauen und Mäusen – Peter Schneiders amüsanter Roman „Paarungen“
Von Bernd Berke
Eduard ist Naturwissenschaftler, also rechnet er nach: Im statistischen Schnitt ist eine Liebesbeziehung in seiner Generation „nach drei Jahren, einhundertsiebenundsechzig Tagen und zwei Stunden“ vorbei.
Eduard ist aber auch eine Spielernatur. Also wettet er mit seinen Kumpanen aus der Szenekneipe „tent“, Theo und André: Wer hält wohl am längsten mit seiner jetzigen Freundin durch? So kommt Peter Schneiders Roman „Paarungen“ in munteren Gang – und führt durch herrlich-schreckliche Liebes-Labyrinthe. Denn es bleibt nicht bei der strengen Monogamie.
Im ganzen Roman wirkt ein „Spaltpilz“. Diesen Namen bekommt eine mysteriöse Figur, die immer mal wieder durch die Handlung geistert und vom Nachtseiten-Romantiker E. T. A. Hoffmann stammen könnte. Zudem spielt das Buch im noch gespaltenen Berlin – und dort … Weiterlesen
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Jetzt werden auch Schriftsteller im Revier gesponsert – Initiativkreis Ruhrgebiet finanziert neue Lesereihe
Von Bernd Berke
Im Westen. Neues vom hochkarätigen Sponsorenzirkel der Revier-Wirtschaft: Der „Initiativkreis Ruhrgebiet“ steigt jetzt auch in die Literaturförderung ein. Vom 3. bis zum 27. November gibt es erstmals die Lesereihe „Poesie und Prosa – Junge Literatur im Ruhrgebiet“, die in neun Städten (darunter Dortmund und Unna) Station macht. Falls sie jetzt Erfolg hat, soll die Veranstaltung künftig alle zwei Jahre über die Bühne gehen.
„Ein Beweis dafür, daß der Initiativkreis nicht nur Glanz- und Glamour-Veranstaltungen wie Operngalas finanziert.“ So wertete Dr. Konrad Schilling das Engagement. Schilling, vormals Kulturdezernent von Duisburg, ist jetzt Kulturbeauftragter des Vereins „pro Ruhrgebiet“, der den Initiativkreis unterstützt.
16 Autoren aus dem Revier werden mit „Poesie und Prosa“ aller Genres (von der Jugendliteratur bis zum … Weiterlesen
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Vom heiligen Recht auf Asyl bis zur großen Fremdenangst – Hans Magnus Enzensbergers Buch „Die große Wanderung“
Von Bernd Berke
Hat man von Hans Magnus Enzensberger schon einmal eine langweilige Seite gelesen? Wohl kaum. Er läßt von jeher seine Gedanken auch stilistisch funkeln. Doch paßt diese Leichtfüßigkeit auch zu jedem Thema? Paßt sie beispielsweise zur Asylpolitik?
Enzensbergers neuer Text „Die große Wanderung“ durchmißt auf bloß 76 Seiten eine imposante Gedankenstrecke. Geschrieben nach Hoyerswerda, aber vor Rostock und den Folgen, handelt das Buch in 33 kurzen Kapiteln von der weltweiten, nach des Autors Ansicht bei uns erst in Rinnsalen spürbaren großen Völkerwanderung, die den anonymen, aber unentrinnbar mächtigen Kapitalströmen rund um den Erdball folge.
Die Deutschen dürften sich, so stellt Enzensberger gleich klar, keinen Illusionen hingeben: Sie seien, bedingt durch geographische Mittellage und geschichtliche Verwerfungen, eh schon immer … Weiterlesen
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Grass: Das Geschenk der Einheit vergeudet – Kritische Töne auf der Frankfurter Buchmesse
Von Bernd Berke
Frankfurt. Ein Hauptgeschäft bei der Buchmesse ist der Verkauf internationaler Nachdruck-Lizenzen. Wenn dieser Handel getan ist, beginnt ein womöglich noch schwierigeres „Geschäft“, das der Übersetzung.
Nicht jeder Autor kann sich gleich mit einem ganzen Kranz renommierter Dolmetscher umgeben wie Günter Grass, der sich gestern in Frankfurt mit einem Dutzend beinahe anonymer Sprachkünstler aufs Podium begab, die just seinen umstrittenen Bestseller „Unkenrufe“ in alle möglichen Idiome übertragen haben — von Katalanisch bis Türkisch, von Dänisch bis Polnisch. Welche Untiefen sich dabei auftun können, machte der polnische Übersetzer deutlich, der die Aufgabe hatte, gebrochenes Deutsch redende Polen sprachlich ins Polnische „hinüberzuretten“.
„Auschwitz immer mitdenken“
Einmütig stellten die Übersetzer fest, daß Grass‘ Roman mit seiner Kritik an deutschen Zuständen allerorts … Weiterlesen
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Es kommen weder bessere noch schlechtere Zeiten – Botho Strauß und seine „Beginnlosigkeit“
Von Bernd Berke
Es dürfte das Buch mit den erlesensten Fußnoten der Saison sein – derart entlegene Werke zitiert Botho Strauß. Und bei manchen seiner Fremdworte helfen nur Spezialhandbücher. Aber sind das schon Qualitäten, Zeichen eines „Sehertums“ gar?
Strauß hat neueste naturwissenschaftliche und kosmologische Forschungen zur Kenntnis genommen – und will, daß daraus Konsequenzen für Literatur und Leben gezogen werden. Sein Befund: Die Zeit der Dialektik (jenes diskussionsfördernden Dreischritts aus These, Gegenthese und vorläufiger „Versöhnung“) sei vorbei. Vorbei auch die Ära des Fortschritts, der Logik, der Ideologien und des „Prinzips Hoffnung“ eines Ernst Bloch (den Strauß ohne Namensnennung als „Roßtäuscher“ bezeichnet).
Immer schon da und ewig verweilend
Was haben wir statt dessen? Den „Steady state“ (letztlich gleichbleibender Zustand), den Strauß … Weiterlesen
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Ernst Jandl: Auch das Obszöne ist bodenlos traurig
Von Bernd Berke
Wenn Ernst Jandl zu öffentlichen Lesungen erscheint, kommen Zuhörerscharen wie sonst nur bei Popgruppen oder Opernstars. Es wird „Kult“ mit ihm getrieben.
Dem scheint er sich mit seinem neuen Gedichtband „Stanzen“ (Bezeichnung einer Strophenform) zu entziehen. Der Umschlag ist sinnigerweise in der Mitte gelocht, also ausgestanzt. Die Texte muß man sich, einem Wörterverzeichnis zum Trotz, erst einmal erarbeiten. Jandl hat seine Vierzeiler in einer – dem Niederösterreichischen entlehnten – Kunst-Sprache verfaßt, die abermals eher vorgesprochen als still gelesen sein will. Kostprobe samt Übertragungs-Versuch:
de schritt im fuazima / woan ned fun dia / glei bina aussä / s woitat kaana zu mia
(die schritte im Vorzimmer / waren nicht die deinen / gleich bin ich hinaus / … Weiterlesen
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Heiner Müller: Am Bösen kann der Autor wachsen
Von Bernd Berke
Listig-verschlagen blickt der Dramatiker Heiner Müller den Leser vom Umschlag seines neuen Buches „Krieg ohne Schlacht“ an. Dreht man den Band herum, bläst Müller einem von der Rückseite her einen Schwall Zigarrenrauch ins Gesicht. Sieht so aus, als wolle er uns sagen: „Rutscht mir doch den Buckel herunter!“
Vielleicht hat er Anlaß zum Zorn. Gar manche haben den wohl wirksamsten Theaterautor der verflossenen DDR seit der Wende ins Zwielicht gestellt. Ähnlich wie Christa Wolf, so hat man auch ihm im nachhinein zu große Nähe zur SED unterstellt. Jetzt erzählt der Mann, der nach eigenem Bekunden ursprünglich aus Neid Sozialist geworden ist, sein „Leben in zwei Diktaturen“ (Untertitel).
Der erste Teil erstreckt sich über 360 Seiten, im Anhang … Weiterlesen
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Literaturhaus ist im Ruhrgebiet noch ein Luftschloß
Von Bernd Berke
Gladbeck/Unna. Berlin hat eins. Hamburg hat eins. Frankfurt hat eins. Und dann ist da noch jene Metropole namens Ruhrgebiet mit ihren rund fünf Millionen Einwohnern: Sie hat keins. Nämlich kein Literaturhaus als Zentrum für Autoren und Leser.
Das Thema, schon seit vielen Jahren hin und her gewälzt, gerät derzeit mal wieder verstärkt in die Diskussion. Bei der Jahresversammlung des in Gladbeck ansässigen „Literaturbüros Ruhrgebiet“ stand es jetzt ganz oben auf der Tagesordnung. Dort war man sich schnell einig: Das Revier braucht unbedingt ein Literaturhaus. Doch einstweilen, so hieß es, sei es noch ein „Luftschloß“.
Weit weniger zögerlich gab sich ein Mann, den man als Mutmacher nach Gladbeck gebeten hatte. Uwe Lucks, Geschäftsführer des als vorbildlich geltenden Hamburger … Weiterlesen
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Anekdoten aus dem Leben eines eitlen Bordellfürsten – Wolf Wondratscheks eindimensionaler Roman „Einer von der Straße“
Von Bernd Berke
Sehen wir einmal davon ab, ob Wolf Wondratschek wirklich (wie es kolportiert wurde) gegen Bargeld die Lebensgeschichte eines eitlen Bordellfürsten aufgezeichnet hat, der auch noch in die Literaturgeschichte eingehen wollte.
Schauen wir lieber auf das schriftstellerische Resultat, auf die Romanstory über jenen Gustav Berger, genannt „Johnny“, der zwischen den Ruinen der Nachkriegszeit „wild“ aufwächst, alsbald Kinderbanden leitet, sich später (zur „Halbstarken“- und Rock’n’Roll-Zeit) im Knast gegen übelste Typen sozialdarwinistisch „durchbeißt“ und schließlich eine tolldrastische Zuhälter-Karriere in München und Hamburg macht.
Das alles hätte vielleicht den Stoff für einen Roman über die ‚, Kehrseiten der „Wirtschaftswunder“-Jahre abgeben können. Doch was haben wir da? Eine erzkonventionelle Erzählweise mit einem sogenannten „allwissenden Erzähler“, der aber dann doch manchmal reichlich beschränkt … Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Einer von der Straße, Wolf Wondratschek
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