Alles so schön chill hier: Die Ruhrtriennale zeigt „Balkan Erotic Epic“ von Marina Abramović in Duisburg

Ein Ritual, um den Regen zu stoppen: Ting Lee in Marina Abramovićs „Balkan Erotic Epic“ (Foto: Marco Anelli/Ruhrtriennale)

Grelle Stichworte kursierten im Vorfeld dieser Performance: von „mannshohen Penissen“ war die Rede und von Frauen, die ihre Vulven gen Himmel recken. Die Aufmerksamkeitsökonomie unserer Zeit — vor allem ihre Algorithmen — belohnt solche Zuspitzungen; sie jagt schnelle, klick- und gesprächsfähige Nachrichten durch alle Datenkanäle. Hinzu kommt der Name einer Künstlerin, die den eigenen Körper seit Jahrzehnten radikal zum Material ihrer Kunst macht.

Wer jedoch die deutsche Erstaufführung von Marina Abramovićs „Balkan Erotic Epic“ bei der Ruhrtriennale besucht, erlebt eine vierstündige, faszinierende Erfahrung von Ritual, Sterblichkeit, Fürsorge und Körperlichkeit. Was als Performance angekündigt ist, fühlt sich in der Kraftzentrale des Landschaftsparks Duisburg-Nord zunächst eher wie eine Ausstellung an. Tatsächlich spricht die Künstlerin selbst von „Bildern“, die sie mit Menschen erschafft. Im Riesenraum der dunklen Halle bewegt sich das Publikum frei zwischen 13 Stationen; Legenden und Glaubensvorstellungen aus verschiedenen Regionen des Balkans nehmen dort lebendige Gestalt an.

Eine ganze Bar hat die Ruhrtriennale bei „Balkan Erotic Epic“ in die Kraftzentrale des Duisburger Landschaftsparks gebaut (Foto: Marco Anelli/Ruhrtriennale)

Zum Teil sind es riesige Aufbauten: eine einsehbare Café-Bar im Balkan-Stil, in der Titos Witwe Jovanka Broz, gleichsam ein vervielfachtes Denkmal ihrer selbst, an den Tischen sitzt — und in der zugleich ausgelassen musiziert und gefeiert wird. Laut und rhythmisch hallt das Stampfen der Männer und Frauen durch die Halle, die auf dem Dach des Cafés einen Kreistanz aufführen. Das erzeugt eine beinahe trancehafte Stimmung, verstärkt durch die Klänge, die Marko Nikodijević (Komponist) und Luka Kozlovački (Komponist und Sounddesigner) durch den Raum schicken.

Trauer über Titos Tod: Svetlana Spajic in Marina Abramovićs “Balkan Erotic Epic” (Foto: Marco Anelli/Ruhrtriennale)

Unwillkürlich hebt sich der Blick: Auf dem Dach einer halb aufgeschnittenen Kirche thronen eine Frau in rotem Kleid und ein Mann im Sarg. Sie stehen für die „Schwarze Hochzeit“, die in Teilen Ostserbiens symbolisch vollzogen wird, wenn ein junger Mann stirbt. Indem der Tote nachträglich verheiratet wird, bekräftigt das Ritual die Vorstellung, dass der Tod eine Fortsetzung des Lebens in anderer Form sein kann.

Mit jedem Schritt sinken die Füße in den dicken schwarzen Kunstrasen ein, mit dem die Halle ausgelegt ist. Er birgt ungeahnte Dellen; gelegentlich gerät der Schritt ins Stocken, ohne dass das Gleichgewicht ernstlich gefährdet wäre. Schon recht: Wir befinden uns auf fremdem, schwankendem Terrain. Spätestens beim Anblick nackter Männer wird das deutlich: Bäuchlings liegen sie auf einer Insel aus grünem Kunstrasen und vollführen kopulierende Bewegungen. Die Szene trägt im Programmheft den denkbar unmissverständlichen Titel „Den Boden ficken“. Gemeint ist ein Fruchtbarkeitsritus aus dem 4. Jahrhundert, der bei Missernten vollzogen worden sein soll: Warum, so die pragmatische Logik, nicht den natürlichsten verfügbaren Dünger einsetzen? Daneben ragt ein Wald aus Riesenpenissen auf – ein nicht weniger deutliches Zeichen dafür, dass es hier um Wachstum, Zeugung und die Abhängigkeit des Menschen von Boden und Wetter geht.

Auch die Darstellerinnen der Feldfrauen, die ihren Unterleib auf drastische Weise entblößen, vollziehen ein Ritual, das im Programmheft dem 11. Jahrhundert zugeordnet wird. Das Heben der Röcke sollte bei anhaltendem Starkregen den Himmel so erschrecken, dass der Regen aufhört. Befremdlich bleibt es natürlich, dies als Teil einer öffentlichen Performance zu sehen. Doch der Parcours erschöpft sich keineswegs in solchen ausdrücklich sexuellen Gesten.

Das traditionelle balkanische Hochzeits-Make-up wird aufgetragen (Foto: Marco Anelli/Ruhrtriennale)

Man kann zuschauen, mit welchem Aufwand und welcher Kunstfertigkeit eine Frau für eine Hochzeit geschminkt wird. An anderer Stelle wird eine Schwangere vier Stunden lang mit Milch übergossen; es ist ein symbolischer Reinigungsritus. Sehr eindrucksvoll sind auch die Darstellerinnen und Darsteller in glitzernden Kostümen, die einen traditionellen balkanischen Messertanz aufführen. Die Tänzerinnen verkörpern „eingeschworene Jungfrauen“: Frauen, die ein Leben in Keuschheit geloben und dafür innerhalb ihrer Familie die soziale Rolle des Mannes übernehmen.

Vor einem Feld aus Grabsteinen und Kreuzen bildet sich besonders dichtes Gedränge. Künstliche Skelette liegen dort verstreut. Nackte Performerinnen und Performer nehmen die Skelette in den Arm, streichen über ihre Knochen, küssen sie, laden sie auf den eigenen Rücken und schleppen sie fort. Alles geschieht in einer so gedehnten Zeitlupe, dass die Szene nicht ins Groteske kippt. Sie wirkt nicht wie eine Vorführung des Makabren, sondern wie eine Arbeit der Fürsorge: Die Lebenden behandeln die Toten — oder ihre Attrappen — als Gegenüber, die noch Berührung empfangen können.

Maisha Kungu und Lizzy Owen in Marina Abramovićs “Balkan Erotic Epic” (Foto: Marco Anelli/Ruhrtriennale)

Dahinter, auf der Videowand, liegen nackte Männer und Frauen eng aneinandergeschmiegt, Körperhaufen zwischen Geborgenheit und Massengrab, vielleicht auch zwischen Schlaf und Auferstehung. Angesichts dieser Bilder stellt sich eine private kunstgeschichtliche Erinnerung ein: nicht an Aktmalerei, sondern an die gedrängten Menschenmassen eines Jüngsten Gerichts, vielleicht eines Rubens. Als wären sie nicht aus dem Himmel gefallen, sondern in eine elementare, allen gemeinsame Daseinsform zurückgekehrt. In einer Gegenwart, die das Äußere fortwährend optimiert und bewertet, wird fraglich, was von uns bleibt, wenn wir nicht mehr Objekte des Begehrens und noch nicht bloße Zeichen des Verfalls sind.

Das Publikum verhält sich auffallend sanft. Viele setzen sich vor den Stationen spontan auf den Boden, stehen geduldig Schlange, wo sich ein Engpass bildet. Dass alle Handys vor dem Eintritt eingeschlossen wurden, war mehr als eine organisatorische Vorschrift. Die Regel entzog die Körper der sofortigen fotografischen Verwertung. Niemand sollte mit einem Bild der entblößten anderen hinausgehen können. Vielleicht begann die Rücksichtnahme, die diese Aufführung erstaunlicherweise erzeugte, genau mit diesem Verzicht auf Aneignung.

„Balkan Erotic Epic“ war bei der Ruhrtriennale vom 3. bis 11. September 2026 zu erleben. Das Festival endet am 20. September. Informationen: https://www.ruhrtriennale.de

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