Mark Steinert führt im hippen Hamburger Schanzenviertel eine auf die Nöte und Sorgen von Künstlern spezialisierte Anwalts-Kanzlei: „Wir vertreten Schauspielerinnen, die ihre Regisseure wegen sexueller Belästigung anzeigen. Regisseure, die sich zum Gaza-Krieg äußern und danach keine Jobs mehr bekommen.“
Und weiter: „Wir helfen Autoren, die ihre Ideen angeblich von anderen Autoren gestohlen haben.“ – „Wir helfen Musikern, die Kritiker beleidigen, und Journalisten, die Mordandrohungen erhalten“, meint Mark, der Erzähler in Juli Zehs neuem Roman „Pony Show“, und ergänzt dann lapidar: „In den letzten Jahren wurden unsere Mandanten immer prominenter und die Honorare höher.“
Manchmal hat Mark zwar das dumpfe Gefühl, dass seine Karriere auf dünnem Eis verläuft, seine Auftritte vor Gericht mehr Schein als Sein sind. Doch insgesamt ist alles in bester Ordnung. Bis er eines Tages während eines Surf-Urlaubs auf Lanzarote die Nachricht erhält, June May habe sich gemeldet, auflagenstärkste Schriftstellerin des Landes und Stammkundin der Kanzlei. Es gehe aber nicht um sie persönlich, sondern um ihre beste Freundin Bethany „Betty“ Hell, Chefin des „Lysander-Verlags“, in dem June ihre Romane veröffentlicht.
Mark erfährt, dass Betty an der Grenze zwischen Österreich und Ungarn verhaftet wurde, weil sie ein Bündel Falschgeld und eine Waffe bei sich trug, an der Blut haftete, das die Ermittler Fero Lebed zuordnen konnten, einem spurlos verschwundenen Mitarbeiter des Verlags und angeblichem Liebhaber der verheirateten Betty. Die Anklage lautet auf Mord.
„Ein Prozess gegen das weibliche Geschlecht“
Weil es keine Leiche gibt, läuft es auf einen Indizienprozess hinaus. Mit Mord aber kennt sich Mark genauso wenig aus wie mit dem komplizierten Geflecht aus dunklen Geheimnissen und gesellschaftlichen Vorurteilen. Der vom Medien-Hype befeuerte und von Fake-News unterminierte Fall wird für Mark zum persönlichen Menetekel. In einem Interview äußert Betty, es gehe nicht um Wahrheitsfindung, sondern man wolle eine einflussreiche Frau von Mitte 50, die es gewagt habe, mit einem fast 30 Jahre jüngeren Mann eine leidenschaftliche und unkonventionelle Beziehung einzugehen, abstrafen: „Es ist kein Prozess gegen mich. Es ist ein Prozess gegen das weibliche Geschlecht.“
Juli Zeh, die sich oft zur politischen Lage äußert und Populismus und Pandemie, Krieg und Klimakatastrophe, Digital-Wahn und Gender-Fetischismus in literarische Formen gießt, konzertiert sich in ihrem neuen Roman auf den Kulturkampf zwischen den Geschlechtern. Als studierte Juristin und ehrenamtliche Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg kennt sie sich bestens aus mit Rechtsfragen und Fallstricken der Verteidigung und Verhandlungsführung. Aus der Kriminal-Story macht sie einen Sittengemälde unser von Hysterie und Verwirrung geprägten Gegenwart.
Ursache der gesamten politischen Großwetterlage
Mark, kein toxischer Macho, sondern ein verunsicherter Softie in der Midlife-Krise, verliert sich in einer gefährlichen Gemengelage aus juristischer Wahrheitsfindung und erotischem Begehren. Verwirrt ist er von ständig neuen Enthüllungen über die Affäre zwischen Betty und Fero und die möglichen Mord-Szenarien. Erst in seinem Schlussplädoyer kriegt er die Kurve, hebt die Mordanklage in eine politische Dimension und beschreibt eine Welt, „in der die beginnende Auflösung der männlichen Vorherrschaft zu einem geistigen Bürgerkrieg führt, in dem Alarmismus und Empörung die einzigen Mittel der Auseinandersetzung sind. Man kann die gesamte politische Großwetterlage damit erklären, vom Erfolg des Rechtspopulismus bis zum neuen Militarismus in ehemals progressiven Kreisen.“
Starker Tobak des Erzählers. Aber vielleicht ist Mark ja gar nicht der Erzähler, sondern nur das literarische Sprachrohr von June May, die im Hintergrund die Fäden zieht, sich ständig Notizen (für einen neuen Roman?) macht, Betty finanziell unterstützt und ihr Anweisungen für die Inszenierung der „Pony Show“ gibt, mit der sie vor Gericht punkten, Mitleid erheischen und Gerechtigkeit einfordern will.
Ein literarisch vertrackter und politisch vielschichtiger Roman. Er hat allerdings einen Schönheitsfehler: Erst sehr spät (auf Seite 334) erfährt Mark, dass der vermisste Fero Lebed ukrainischer Staatsbürger ist. Mit dieser Info, die er als Anwalt längst hätte haben müssen, bekommt die Geschichte eine ganz neue und vielleicht etwas über-konstruierte Wendung.
Juli Zeh: „Pony Show“. Roman. Luchterhand, München 2026, 512 Seiten, 25 Euro (ab 14. Oktober 2026 im Buchhandel).
